Lesermeinung - Spektrum der Wissenschaft

Ihre Beiträge sind uns willkommen! Schreiben Sie uns Ihre Fragen und Anregungen, Ihre Kritik oder Zustimmung. Wir veröffentlichen hier laufend Ihre aktuellen Zuschriften.
  • Plagiat?

    01.06.2016, FK
    Wow, das ist ja einfach eine direkte Überstzung des Original-Artikels in Nature vor ein paar Monaten...
    http://www.nature.com/news/should-you-edit-your-children-s-genes-1.19432
    Antwort der Redaktion:
    Ja, das wird gleich zu Anfang auch mit einem Logo gekennzeichnet. Spektrum der Wissenschaft ist Teil von Nature, und deshalb haben wir das Recht, diese Artikel zu übersetzen.

    Mit freundlichen Grüßen
    Daniel Lingenhöhl
    Redaktionsleiter Spektrum.de
  • Wer braucht Ethiker ?

    01.06.2016, Ralph Fischer
    In Ethikräten raten selbsternannte Experten, was das Beste für die Gesellschaft sein könnte. Viele davon sind Priester, weil die ja so eine tolle Moral haben.

    Gewöhnlich ruft man Ethikräte dann an, wenn man weiss das man die schlechteren Argumente hat.

    Es gibt nunmal niemanden, der das Recht hat oder haben sollte, den einzigen Menschen ihr Tun vorzuschreiben, die es etwas angeht: Das betroffene Elternpaar.
  • Geht es nicht etwas kleiner?

    01.06.2016, Frank Wohlgemuth
    "Es gibt sicherlich auch andere Gründe für die Knochenfunde in der Höhle, Gründe, die auch Anspruch auf Plausibilität haben." (Jay Martin)
    Jay Martin weist zu Recht darauf hin, dass wir hier eine sehr dünne Beweislage haben, aber auch er geht mir zu weit, wenn er der Bestattungstheorie Plausibilität zuordnet.

    Wenn ich hier lese, dass da aufgrund einer einzelnen Fundstelle mit mehreren Skeletten über einen unbekannten Zeitraum spekuliert wird, dass der Homo naledi vor ca 2,5 Millionen Jahren "mit nur einem Drittel unserer Gehirngröße bereits verstand, was Sterblichkeit bedeutete – und auch eine kulturelle Tradition besaß, die auf diesem Konzept aufbaute", dann weiß ich, dass die, die da spekulieren, sich nie Gedanken über die kulturellen Voraussetzungen des Verstehens der Sterblichkeit gemacht haben - abstrakte Konzepte wie Zukunft verlangen eine bereits sehr weit entwickelte Sprache. Und vom Homo naledi wissen wir nicht einmal, ob er überhaupt in Form von Steinwerkzeugen über eine nennenswerte Kultur verfügte, von einer abstrakten Sprache ganz schweigen. Nach solchen Meldungen erwarte ich demnächst eine Arbeit über die unterschiedlichen religiösen Traditionen der Gorillas.
  • Vermeiden statt herausfischen

    01.06.2016, Herbert A. Eberth
    Dieser Müll wie auch die im Beitrag beschriebene Reaktion darauf sind nichts anderes als das Ergebnis kapitalistischer Wirtschaftsweise: Aus allem und jedem solange Profit herausschlagen wie es geht. Und noch geht offenbar viel - selbst wenn es auch nur der Vorstellung bestimmter Technokraten entstammt, die nach der Devise handeln "Alles, was möglich ist, wird auch gemacht". Wirklicher Fortschritt wäre, wenn aus solchen Verhältnissen und Erfahrungen endlich der Schluss gezogen würde: "Vermeiden statt herauszufischen".
  • Endliche Fläche

    01.06.2016, Stefan Riegel, Bad Vilbel
    Die Aussage, dass der Koch-Stern unendlich in seiner Struktur sei, da sich Umfang oder Fläche nicht angeben lassen, ist bezüglich der Fläche nicht korrekt.
    Der Umfang des Koch-Sterns wächst mit jedem Iterationsschritt um den Faktor 4/3. Der Umfang nach dem n-ten Schritt beträgt daher Un = U0*(4/3)n. Für unendlich viele Iterationsschritte wird der Umfang also tatsächlich unendlich groß.
    Anders verhält es sich jedoch mit seinem Flächeninhalt. Wir beginnen mit einem gleichseitigen Dreieck der Fläche A0. Im ersten Iterationschritt kommen drei neue Dreiecke mit dem Flächeninhalt von je 1/9 A0 hinzu. Bei jedem weiteren Iterationsschritt werden jedem zuvor hinzugekommenen Dreieck vier neue Dreiecke mit je 1/9 seiner Fläche hinzugefügt. Die Gesamtfläche nach dem n-ten Schritt ist damit An = A0 * (1 + 3*1/9 + 3*4*(1/9)2 + ... +3*4n–1*(1/9)n). Im Grenzfall n gegen unendlich geht diese Summe gegen A0* 8/5. Der Flächeninhalt des Koch-Sterns hat also einen endlichen und angebbaren Wert.
  • Ümpf

    31.05.2016, lotatar
    Mit Google-Anfragen kann man analog auch nachweisen, daß der Mond nicht nur aus Käse ist, sondern auch hochtemperierte Schmalzbläschen aufweist und nach Lust und Laune mal hier, mal da am Firnament herumeiert.

    Beim großen Googlimoog - seid fest im Glauben.

    Das Mittelalter ist noch lange nicht vorbei...!
    Antwort der Redaktion:
    Diesen Nachweis würde ich wirklich gerne mal sehen, schon wegen des Unterhaltungswertes. Wie sieht's aus, bekommen wir eine Vorführung?
  • Nur, um mal genau zu sein :

    31.05.2016, Angela Franke
    Kühe liefern gar nichts, weder Milch, noch Fleisch, noch Haut für Leder.
    Es wird ihnen geraubt (ebenso wie ihnen für die "unsere" Milch die Kälber geraubt werden) und sie werden dafür zu Milliarden gequält und im Kindes- oder Jugendalter getötet. Und ebenso ist nicht die Kuh ein Klimakiller, sondern der Mensch.
    Es wird Zeit, dass diese verschleiernde Sprache ein Ende hat.
  • Fantasie und Fakten

    31.05.2016, Walter Weiss, Kassel
    Da gibt es mehr Fantasie als Fakten: Angeblich hätten die Out-of-Africa-Menschen die Neandertaler ausgerottet - wo aber hat man denn solche Massengräber gefunden? Angeblich soll gerade eine Sozialisierung einander fremder Menschen bei diesen Out-of-Africa-Menschen stattgefunden und die großen Eroberungserfolge bewirkt haben - warum sind aber nachgewiesenermaßen gerade mal zwölf OMütter¹ (also zwölf eng miteinander verwandter Menschengruppen) ausgewandert, die sich mit Sicherheit gut untereinander kannten und ja auch keinerlei Grund hatten, sich zu misstrauen? Warum erwähnt der Verfasser nicht, dass genau zur Zeit der Out-of-Africa-Auswanderung die südliche Meerenge des Roten Meers wegen der kleinen Zwischeneiszeit trocken fiel, den Wanderern also ein bequemes Auswandern und auch, weil die Küsten immer weiter auch trocken fielen, Weiterwandern erlaubten? Warum erwähnt er nicht, dass sich diese Wanderer auch ganz beträchtlich vermehrt haben, denn sie wanderten nicht nur immer weiter, sondern hinterließen an Flüssen und Bächen Menschen, die seitwärts wanderten oder auch, wenn die Gegend genügend Nahrung bot, blieben?

    Ich halte eine gemeinsame Sprache und ein sehr gutes Vertrautsein mit Wasser, Meer und Flüssen für die entscheidenden Umstände, vielleicht auch eine gehörige Neigung zu Rhythmus, Musik und Tanz. Man sollte sie sich etwa wie die heutigen Äthiopier vorstellen.
  • Forschungsobjekte sind wohl wie Kinder: Meine sind nicht dumm!

    31.05.2016, Frank Wohlgemuth, Tornesch
    Es wird gern und überall Kultur gesehen, wenn es um menschliche Hinterlassenschaften geht. Abstrakte Ritzmuster als Zeugnisse symbolischen Denkens lasse ich mir auch gefallen, wenn wir einen relativ hohe Kultur vor uns haben, und diese Muster, die keinen praktischen Zweck haben, oft genug finden. Aber wissen wir vom Neandertaler wirklich von mehr Kultur als von der Weitergabe der Werkzeugherstellung? Wir können die Entwicklung unserer eigenen Sprache extrapolieren und von daher sagen, dass H. sapiens vor zirka 100 000 Jahren angefangen haben muss zu sprechen. Mit der Entwicklung der Sprache kommt es zwangsläufig zu einer Beschleunigung kultureller Akkumulation - als H. sapiens sich vor 70 000 Jahren nach Europa aufmachte, tat er das mit einer Bewaffnung der nächsten Generation und traf da auf den Neandertaler, der waffentechnisch seit 100 000 Jahren praktisch stehen geblieben war. Was sagt das über die Sprache des Neandertalers? Auf keinen Fall etwas Gutes. Vor diesem Hintergrund, ein singuläres Linienmuster an der Wand ästhetisch zu verstehen, scheint mir doch etwas gewagt. Die Frage ist, warum es hergestellt wurde, denn es bedeutete Arbeit. Meine erste Vermutung wäre, dass da einer etwas Nützliches gemacht hat. Vielleicht hat er einfach nur Gegenstände an der Wand geschliffen und dabei regelmäßig die Stellung und die Bewegungsrichtung gewechselt? Wenn so etwas ausgeschlossen werden kann, dann können wir anfangen, an Ästhetik zu denken. Auch bei der Farbbenutzung sind wir da viel zu schnell bei der Hand. Haben Bartgeier auch einen Sinn für Schönheit? Die schmücken sich auch mit Eisenoxid.
  • H. sapiens, ein Kulturtier aus Afrika

    31.05.2016, Frank Wohlgemuth, Tornesch
    Der Mensch ist schon dem Menschen ein Wolf, er wird es auch dem Neandertaler gewesen sein. Die Frage ist nur, warum. Die Entwicklung der Menschheit in dem hier betrachteten Zeitraum noch als eine rein genetische zu betrachten, bedeutet eine Vernachlässigung eines wesentlichen Organs des Menschen: seiner Kultur. Die besondere Fähigkeit zur Kultur ist die biologische Besonderheit der Art Mensch. Es ist inzwischen üblich, überall, wo das Objekt auch nur entfernt menschlich ist, in jedes Artefakt, dessen Sinn nicht geklärt ist, Kultur hineinzuinterpretieren. Kultur ausgerechnet da außer Acht zu lassen, wo sie mit Sicherheit schon vorhanden ist, ist für mich so, als versuchte man, die ökologische Rolle des sibirischen Tigers zu beschreiben, ohne Bezug auf seine Größe und sein Gewicht zu nehmen.

    Der leider einzige Satz der Arbeit von Curtis W. Marean, der außerhalb der Bewaffnung allgemein auf die Kultur Bezug nimmt, ist der vorletzte: "Trotzdem sind wir nicht Sklaven unserer Biologie; Kultur kann selbst die stärksten Instinkte übertrumpfen."

    Dabei ist der Einfluss der Kultur das eigentlich Neue an unserer Art, das auch über den Zustand der Vermutung längst hinaus ist - jede historische Erfahrung zeigt diese Eigenschaft in den unterschiedlichsten Ausprägungen. Die Territorialität in Verbindung mit Aggressivität ist eigentlich auch ohne eine neue genetische Komponente eine relativ erwartbare Eigenschaft des Homo sapiens, seit Jane Goodall von den Kriegszügen junger Schimpansenmänner berichtet hat. Und wenn ich mir den historischen Menschen ansehe, so ist der auch als soziales Wesen zu beidem fähig: Maximaler Aggressivität und Grausamkeit genauso wie zu Friedfertigkeit - es hängt von der Kultur ab, in der er lebt.

    Was wir außerdem nicht zu vermuten brauchen, weil wir es wissen, ist, dass die Kultur des H. sapiens schneller akkumulierte als die des H. neanderthalensis: Er verfügte schon lange über Projektilwaffen, als der Neandertaler noch nur warf. Dazu passt auch, dass er in der fraglichen Zeit bereits über ein Sprache verfügte. Das wissen wir als seine Nachfahren, wenn wir Dunbars Extrapolation zum Beginn unserer Sprache mit zirka 100 000 vor unserer Zeitrechnung ernst nehmen. Diese Sprache war mit Sicherheit noch nicht von einer Art, dass der damalige H. sapiens sich auch nur mit den alten Griechen hätte unterhalten können, aber sie reichte bestimmt zu einer Synchronisation des Verhaltens in seiner damaligen Bandbreite, und ihre direkten Vorteile etwa bei der Weitergabe handwerklichen Könnens, der Urform aller menschlichen Kultur, reichten auch, eine Koevolution des Gehirns zur Sprache in Gang zu setzen, und mit der Zunahme kulturell definierten Handelns genetische Handlungsmuster in ihrer Bindung zurückzunehmen - dafür, dass das in dieser Art beim Neandertaler genauso funktioniert hätte, haben wir ebenso wenig sichere Belege wie für eine Sprache, die mit der des H. sapiens vergleichbar gewesen wäre. Im Gegenteil: Die nur langsame technologische Weiterentwicklung des Neandertalers seit dem H. heidelbergensis über den Zeitraum bis zum Eintreffen des H. sapiens ist eher ein Hinweis auf geringere sprachliche und damit verbunden auch intellektuelle Fähigkeiten als bei diesem Konkurrenten, sonst wäre H. neanderthalensis über den mehrere tausend Jahre anhaltenden Kontakt zwischen beiden Arten mindestens fähig gewesen, die neue Bewaffnung zu kopieren.

    Wenn ich nach diesen Vorüberlegungen Herrn Ockham seine Arbeit tun lasse, dann brauche ich das zusätzlich Aggressions-Gen nicht: Es reicht eigentlich, Dunbars Gossip-These zu verwerfen, die sowieso auf schwachen Füßen steht: Die heutige Hauptnutzung eines Organs ist nicht zwangsläufig die evolutionär ursprüngliche. Wenn wir die Sprache in ihren Anfängen mit Aufgaben versehen, die einen direkten Einfluss auf die Fitness haben, bedeutet das auch einen hohen Selektionswert: eine schnelle Entwicklung sowohl der Sprache selbst als auch der Sprachfähigkeit verbunden mit einer verstärkten Kulturfähigkeit wird dann wahrscheinlich. Soziale Aggression als kulturelle Tradition und innerhalb dieser ein sprachliches Aufheizen und Verbinden der Krieger durch eine Art Kriegsgesang als relativ frühe sprachliche Äußerung könnte das hier postulierte Aggressions-Gen vollständig ersetzen, ohne etwas grundsätzlich Neues einzuführen, das wir vorher nicht schon kannten. Dann wäre es halt weniger Gen als Kultur, was für den Neandertaler das Aus bedeutete.

    btw: Wir sind, wie wir sind, und wir sind so, wie wir Geschichte und die Geschichte uns gemacht haben bzw. hat. Dass für uns beschämend sein könnte, was vor 50 000 Jahren zwischen H. sapiens und H. neanderthalensis geschah, halte ich für ausgemachten Unsinn und bei wem solche Gefühle hineinspielen, der sollte vielleicht das Forschungsobjekt wechseln. Oder diesen Satz versuchen zu verinnerlichen: "Trotzdem sind wir nicht Sklaven unserer Biologie; Kultur kann selbst die stärksten Instinkte übertrumpfen." Wir sind weder Sklaven der Biologie noch unserer Vergangenheit. Wir sind in einer Zeit angelangt, in der wir weit gehend selbst bestimmen, nach welchen Regeln wir leben. Wir sind zwar gerade durch unserer Kulturfähigkeit zu großen Verbrechern geworden, aber sie wird trotzdem immer die einzige Chance bleiben, die wir haben.
  • Widerstandsfähige Seifenblasen

    31.05.2016, Hans G. Diederich, Darmstadt
    Meine Schwester machte mich vor Jahren auf die extreme Stabilität von Seifenblasen bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt aufmerksam. Versuchen ergaben, dass die Seifenblasen beim Auftreffen auf Hindernisse nicht wie üblich zerplatzen, sondern über eine Minute lang liegen bleiben, zwischen Halmen einer gemähten Wiese oder in der Astgabel eines Baumes etwa. Sie sind dabei kugelrund und widersprechen so dem gewohnten Verhalten bei höheren Temperaturen.
  • Leser und Leserin

    30.05.2016, Renate Bischoff, Le Mont-Pèlerin (Schweiz)
    Die Umfrage zum Thema Abonnenten/Abonnentinnen ist uns entgangen, daher weiß ich nicht, auf welchen Fragen Ihre Ergebnisse basieren. Zehn Prozent Abonnentinnen heißt ja nicht unbedingt nur zehn Prozent Leserinnen. Ich habe vor Jahren meinem Mann das Spektrum-Abonnement geschenkt. Er wird als Abonnent geführt; gelesen wird Spektrum von uns beiden. Vielleicht ist das ja auch in anderen Familien so, und damit wäre die Welt wieder etwas im Gleichgewicht.
  • Erfindergeist und Kooperation

    30.05.2016, Adalbert Rabich, Dülmen
    Wie bei allen Ausbreitungstheorien geht auch die vorgestellte von Annahmen aus, darunter bestimmter Veranlagungs-Gene, die aber – so die gängige Vermutung – nicht die einzige Voraussetzung für eine „Überlegenheit“ zu sein scheinen; daneben tritt wenigstens noch die Kunst, Erfahrungswissen und Umsetzungserfolge in der jeweiligen Gruppe zu speichern; maßgebend sind wohl das dortige erfinderische Individuum und das Aufeinander-Angewiesen-Sein. Die Erklärung von Hass auf ein Anderssein ist wenig überzeugend, schon gar nicht erschöpfend, denn letztlich geht alles nach dem Prinzip „Versuch und Irrtum“ und beruht mindestens zum Teil auf einem berechtigten Misstrauen, je höher die Kultur, desto eher verständlich, wenn das Anderssein bewusst oder starr religiös eine Integration behindert. Das Durchspielen mit mathematischen Modellen kann dem Grunde nach nur eine Möglichkeit offenbaren, man weiß ohnehin nicht, ob die Kooperationsfähigkeit und –bereitschaft nicht mehr der jeweiligen Erwartung in eine Erfolgswahrscheinlichkeit (im Überlebenskampf) zu verdanken ist.
  • Lernen im Schlaf

    30.05.2016, Gerhard Schäfer, Adelsdorf
    Ganz einfach: Weil wir ein Gehirn haben! Unser Gehirn bildet die Außenwelt in eine Innenwelt ab, damit wir uns in dieser Welt zurechtfinden können. (Prof. Dr. Wolfgang Engelhardt, DNR). Alle Dinge und Erlebnisse welche wir erfahren, erhalten Sinn und Bedeutung nur durch ihre Beziehungen untereinander. In Datenbanken sind diese Beziehungen "fest verdrahtet", in unserem Gehirn nicht! Indem wir träumen, gleicht unser Gehirn das vorher Erlebte mit unserem bisherigen Erfahrungsschatz ab und prägt die neuronalen Verbindungen jede Nacht neu. Wir lernen, indem wir träumen! Träume sind eine Voraussetzung für Intelligenz.
  • Viel versprechend, aber korrekturbedürftig

    30.05.2016, Eduard Kirschmann, Hannover
    Im Ausbreitungserfolg unserer Vorfahren die Ursache für das Aussterben der Neandertaler und Denisovaner zu sehen, ist naheliegend und gut begründet. Als Ursache für diesen Ausbreitungserfolg drei Neuerungen ins Feld zu führen, ist jedoch zu viel des Guten und widerspricht dem Sparsamkeitsprinzip bei der Theorieentwicklung.
    Menschliches Territorialverhalten zeigt deutliche Parallelen zu demjenigen gewöhnlicher Schimpansen. Es ist daher gewagt anzunehmen, dass Territorialität erst beim Homo sapiens entwickelt wurde. In reichhaltigen Nahrungsressourcen eine Ursache für Territorialität zu vermuten, mag den Theorien mancher Soziobiologen entsprechen, widerspricht aber den Beobachtungen bei Schimpansen. Schimpansen Gruppen nutzen wie andere Primaten auch das Fusion-Fission-Prinzip bei der Nahrungssuche. Ist die Nahrung weit verstreut, dann zerstreuen sich auch die Tiere bei der Suche. Bietet ein Ort dagegen reichlich Nahrung, dann versammelt sich die Gruppe. Solche Versammlungen spielen eine große Rolle für den Zusammenhalt der Gruppen, weil sie der Entfremdung der Tiere untereinander entgegenwirken. Bei den klassischen Studien an frei lebenden Schimpansen am Gombe nutzte Jane Goodall Fütterungen, um die Tiere an die Nähe von Menschen zu gewöhnen. Einige Zeit nach der Beendigung der Fütterungen zerbrach die beobachtete Gruppe in zwei Untergruppen, deren Mitglieder sich aus dem Weg gingen. Mit zunehmender Entfremdung kam es zu Kämpften zwischen den beiden Untergruppen, die so lange andauerten, bis die kleinere ausgelöscht war. Das war die erste Beobachtung derartiger Kämpfe unter frei lebenden Schimpansen. Jane Goodall nahm an, dass der Zerfall der ursprünglichen Gruppe durch die regelmäßigen Fütterungen unterbrochen wurde und nach Beendigung der Fütterungen seinen Lauf nahm. Auch in menschlichen Sozialverbänden spielt das gemeinsame Essen eine wichtige, Gruppenidentität stiftende Rolle und wird daher kulturell gepflegt.
    Das bedeutet nicht, dass Territorialität keine Rolle bei der menschlichen Evolution gespielt hat. Meiner Ansicht nach verweist die ausgesprochene Robustizität, die beim Übergang zum Homo erectus parallel zu der körperlichen Spezialisierung auf das Werfen entwickelt wurde darauf, dass Revierkonflikte bereits bei der Entstehung und dem Ausbreitungserfolg des Homo erectus eine zentrale Rolle spielten. Mit zunehmender Wehrhaftigkeit reduzierten sich die Verluste durch Raubfeinde, dies erhöhte den Reproduktionsüberschuss und heizte die Revierkonflikte an. Vermutlich führte beim Homo erectus eine Schimpansen ähnliche, multimaskuline Gruppenstruktur dazu, dass die Revierkämpfe zwischen Gruppen untereinander eng verwandter, kooperierender Männer stattfanden. Auch ich gehe davon aus, dass uns eine „starke Neigung zum koordinierten, gemeinsamen Handeln angeboren ist“ auch eine genetische Prädisposition zur Fremdenfeindlichkeit ist nahe liegend. Ich bezweifle jedoch, dass sich Homo sapiens in dieser Hinsicht von Neandertalern und Denisovanern oder dem späten Homo erectus unterschied. Außerdem genügt diese angeborene Neigung allein bei Weitem nicht, um die „Hyperprosozialität“ des modernen Menschen zu erklären. Ich glaube nicht, dass wir eine angeborene Neigung dazu besitzen „fremden Menschen in Not selbst unter eigener Gefährdung tatkräftig beizustehen“.
    Vergleichende Studien an Naturvölkern erlauben Rückschlüsse auf die soziale Organisation der kleinen Gruppe moderner Menschen, von der wir alle abstammen. Wahrscheinlich waren sie – möglicherweise als Erste - in Stammesverbänden organisiert. Das Zusammenleben und die Kooperation in Stammesverbänden werden offensichtlich durch kulturell überlieferte Werte und Normen, Sitten und Gebräuche sichergestellt. Bei der Erklärung, warum es zu derartigen Überlieferungen kam, helfen uns soziobiologische Überlegungen nicht weiter. Die Soziobiologie ist eine reduktionistische Disziplin, die auf der einschränkenden Grundannahme beruht, dass die untersuchten Merkmale genetisch evolviert sind. Kulturelle Merkmale liegen nicht im Zuständigkeitsbereich der Soziobiologen – worauf Richard Dawkins bereits vor 40 Jahren im letzten Kapitel vom „Egoistischen Gen“ hingewiesen hat. Darüber hinausgehende Ansprüche mancher Soziobiologen entbehren nach wie vor einer plausiblen theoretischen Begründung. Menschliches Sozialverhalten funktioniert infolge der zentralen Bedeutung kultureller Überlieferungen seit mindestens 70 000 Jahren nach eigenen Spielregeln und rechtfertigt damit - auch aus evolutionstheoretischer Sicht - eine eigenständige Disziplin: die Soziologie.
    Curtis W. Marean hätte daher besser daran getan, bei den Soziologen und nicht bei den Soziobiologen nach Erklärungen für seine „Hyperprosozialität“ zu suchen. Die Soziologie stellt da eine ganze Reihe viel versprechender Theorien bereit, deren Kreis allerdings um den memetischen Nepotismus erweitert werden sollte.
    Bei der Entwicklung neuer, kulturell geprägter Gruppenstrukturen könnte die Nutzung von Meeresressourcen in der Tat eine zentrale Rolle gespielt haben – aber anders als vom Autor angenommen. Das reichliche Nahrungsangebot auf engem Raum erlaubte die Entwicklung größerer Verbände, in denen die kulturelle Evolution erst richtig in Fahrt kam. Auf die zentrale Bedeutung der Gruppengröße für die kulturelle Evolution habe ich schon 1999 im „Das Zeitalter der Werfer“ hingewiesen. Die Sprachfähigkeit als Voraussetzung dieser Entwicklung war bereits gegeben. Sie evolvierte wahrscheinlich in den vorangegangenen zwei Millionen Jahren als Reaktion auf die Anpassungen an das Werfen und stellte ein gemeinsames Erbe aller vor 70 000 Jahren lebenden Menschen dar (vielleicht mit Ausnahme des nicht fürs Werfen optimierten Homo floresiensis).
    Speerschleudern können für die Überlegenheit der expandierenden Homo sapiens Population im Vergleich zu Neandertalern und Denisovanern eine Rolle gespielt haben, falls es tatsächlich zu Kämpfen gekommen ist. Wenn Homo sapiens jedoch in größeren Gruppen auftrat – wofür einiges spricht, dann haben die Eingeborenen Kämpfe mit diesem zahlenmäßig überlegenen Gegner vermieden (kann man ebenfalls bei Schimpansen beobachten). Die Standardreaktion der Neandertaler auf das Vordringen des Homo sapiens wird das Zurückweichen gewesen sein. Gefolgt von intensivierten Revierkonflikten untereinander. Unsere Vorfahren waren zwar die Ursache für ihr Aussterben – tatsächlich umgebracht haben sie sich aber gegenseitig. Überlegene Waffentechnik spielte dabei keine Rolle.

    Zusammenfassend lässt sich Folgendes sagen: „Hyperprosozialität“ ist eine nahe liegende und hinreichende Erklärung für den Expansionserfolg einer kleinen Gruppe des Homo sapiens. Die kulturelle Entwicklung der Hyperprosozialität könnte durch die Nutzung von Meeresressourcen eingeleitet worden sein. Der theoretische Vorstoß von Curtis W. Marean ist viel versprechend, leidet jedoch darunter, dass zu wenige Disziplinen berücksichtigt werden. Insbesondere Primatologie und Soziologie fehlen im Instrumentarium des Autors.