Lesermeinung - Spektrum der Wissenschaft

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  • Annahmen und Lobbyrechnung

    20.02.2012, Richard Fischer, Dipl. Ing., Neuhausen a. Rhf. (Schweiz)
    Für mich ist die Antwort des Autors Gerhard Samulat eine typische Lobbyrechnung und daher falsch (Annahmen)! Sehr wünschenswert wäre es, wenn man endlich immer auch zusätzliche Schätzungen der Energieernte z. B. in kWh (oder GWh bzw. TWh) pro Jahr zu den MW angeben würde! Nach meiner praktischen Erfahrung gilt: Energieangabe NUR in MW bzw. Anzahl Haushalte oder Kernkraftwerke (nicht transparente Rechnerei) ist mehr oder weniger ein Lobbyist!

    Meine Annahmen: Die Ausnützungziffer der 7,5 MW Anlage sei 0,17 (ungefährer Durchschnitt für Windanlagen in Deutschland) und für die verschiedenen Übertragungsverluste den Faktor 0,9. In Wirklichkeit ist dieser Wert wohl noch kleiner, da auf Grund der extrem unregelmässigen Windleistungen (Spannungsschwankungen), diese ausgeglichen werden müssen.
    Das ergibt ohne Grosszügigkeit im Sinn von Hr. Samulat:
    (7500 kW x 0,17 x 0,9 x 8760 h) / 3500 kWh = 2872 Haushalte

    Pro MW sind dies 383 Haushalte, und man kommt im Vergleich den 200 "Einfamilienhäuser", die im Durchschnitt sicher mehr Energie verbrauchen, als z. B. Wohnblockhaushalte (oft nur eine Person) schon sehr viel näher!

    Man beachte, bei Windflaute erzeugen auch Windanlagen von 7,5 MW installierter Leistung keine Energie und damit Strom für null Haushalte!

    Zusätzliches:
    Ich bin seit 1982 Leser von "Spektrum der Wissenschaft" und würde es sehr schade finden, wenn Lobbyisten dieser seriösen Zeitschrift in der Glaubwürdigkeit massiv Schaden könnten. Ich habe nichts gegen eine echte Diskussion um so genannte Alternativenergien, aber durchsetzen können sie sich nach meiner Überzeugung in den Schwellenländern bzw. Entwicklungsländern erst, wenn sie auch preislich konkurrenzfähig sind und nicht den Druck auf die Urwaldabholzung erhöhen oder die Lebensmittelproduktion konkurrenzieren! Es ist also anzustreben, im Winter endlich z. B. die Kohlekraftwerke preislich zu konkurrenzieren oder den Klimawandel zu akzeptieren, wie seinerzeit das Waldsterben.

    Auch wenn die so genannten Potenziale sehr eindrückliche Zahlen liefern, aber wie können wir z. B. die Windenergie in grösseren Höhen (km) ernten? Stehen uns die Rohstoffe für die entsprechende Menge an Kraftwerke zur Verfügung? In der Erdölindustrie zählt bei den Reserven auch nur die förderbare Menge und nicht das Potenzial an vorhandenem Öl.

    Überall setzt uns die Natur irgendwelche Grenzen, auch längerfristig beim Dünger für Nahrungsmittel bzw. Biodiesel! Was sind erneuerbare Energien unter der Betrachtung begrenzter Rohstoffe, wie z. B. Phosphate (Dünger)? Es braucht daher auch Energie und Techniken für Recycling, Bergbau, usw.! Und natürlich auch Praktiker, die wissen, dass Energie die Einheiten wie kWh bzw. J hat. Auf MW ideologisierte Theoretiker (Wichtigtuer) sind doch in jeder Beziehung schädlich, weil sie Forschungsgelder in die falschen Kanäle leiten!
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  • Haarsträubende Rechnung

    20.02.2012, Hayo Sieckmann
    Die Antwort von Gerhard Samulat auf den sehr berechtigten Einwand von Herrn Fabian Cundano Maltez zeigt, wie schlecht die Artikel auf Plausibilität geprüft werden. Die Rechnung von Herrn Samulat ist haarsträubend. Eine E-126, wie sie im sehr windhöfigen Gerorgsheil steht, produziert etwa 3400 Stunden Strom im Jahr. Die 3500 kWh Stromverbrauch eines Haushaltes sind ein alter Wert, die 4500 kWh entsprechen mehr der Realität, sind also kein Wert mit Sicherheitsmarge. Es müssen die Energiemengen dividiert werden, und weil der Wind sich über die Jahre unterschiedlich zeigt, am besten auch noch über zehn Jahre gemittelt, bzw. über die Gesamtlaufzeit der Windkraftanlage. Hinzu kommt das Verbrauch und Produktion sehr stark auseinanderliegen. Die Windrotoren können durchaus für 10 Tage nacheinander stillstehen. Und eine kleine Recherche bei Enercon http://www.enercon.de/p/downloads/WB-0108-dt.pdf hätte zu Tage gefördert, dass selbst der Hersteller Enercon nur von 5000 Haushalten bei der 6 MW Anlage spricht. In der Spitze können 5000 Haushalte, wenn es ungünstig läuft, durchaus 50 MW Stromleistung fordern. Also Wind kann viel Strom übers Jahr liefern, aber um einen effektiven Speicher kommen wir nicht herum. Brennstoffzellen mit Wasserstoff aus dem Gasnetz könnten in jedem Haus den Strom in dem Augenblick liefern, in dem er auch gebraucht wird.
    Antwort der Redaktion:
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  • Windverhältnisse wesentlich weniger optimal

    20.02.2012, Christoph Staub, Zürich
    Die Antwort von Gerhard Samulat lässt erkennen, wo die Diskrepanz der Zahlen herkommt. Herr Samulat geht fälschlicherweise davon aus, dass die Auslastung der Windkraftanlage 100% beträgt, d. h. dass die Windkraftanlage in jeder Stunde ihre Maximalleistung produziert. In Wirklichkeit sind die Windverhältnisse aber wesentlich weniger optimal, in Deutschland z. B. war die durchschnittliche Auslastung in den letzten 10 Jahren zwischen 14% und 20.5% (http://de.wikipedia.org/wiki/Windenergie). Die 14% entsprechen etwa dem von Herrn Maltez festgestellten Faktor sieben.
    Antwort der Redaktion:
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  • Leistung rund um die Uhr?

    20.02.2012, Karl-Heinz Haid, Isny-Beuren
    Herr Samulat demonstriert in seiner Antwort wie in Veröffentlichungen zu erneuerbaren Energien immer wieder die tollsten Zahlen zu Stande kommen. Man rechnet mit Leistungen und spricht von Energieversorgung. Herr Samulat geht in seiner Rechnung davon aus, dass sein Enercon-Generator rund um die Uhr und das ganze Jahr hindurch 7,5 MW leistet, was in keiner Weise der Fall ist. Die Leistung der Maschine liegt zwischen 0 und 7,5 MW je nach Windstärke, und für die Versorgung der Haushalte kommt es auf die dabei umgesetzte Energie an.
    Die fiktive Zahl der von einem Windgenerator versorgten Haushalte erhält man, wenn man die im Jahr umgesetzte Arbeit durch die 3500 kWh teilt, die ein Haushalt in dieser Zeit verbraucht. Fiktiv ist das Ergebnis einerseits, weil Angebot und Nachfrage zeitlich nicht zusammenpassen und die Haushaltssteckdose die meiste Zeit Strom aus Laufwasser- und Heizkraftwerken (auch KKW) zur Verfügung stellt, und andererseits, weil die an den Arbeitsplätzen verbrauchte Energie, an denen das Geld verdient wird, mit dem sich der Haushalt seinen Energieverbrauch leisten kann, unberücksichtigt bleibt – ebenso wie die zur Produktion der im Haushalt konsumierten Güter benötigte Energie.
    Antwort der Redaktion:
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  • Reichlich spekulativ

    20.02.2012, Paul Kalbhen, Gummersbach
    Klingt es nicht mehr nach persönlicher Glaubensüberzeugung als nach wissenschaftlicher Beweiskraft, wenn Michael Springer sich "sicher" ist, dass es auf fernen Exoplaneten intelligentes Leben gibt. Reichlich spekulatives Denken gab es schon immer bei der Frage nach der so genannten Exobiologie auf anderen Planetensystemen. Die Meinungsführer unter den Astrophysikern bezüglich außerirdischen - extraterrestrischen - intelligenten Lebens spalten sich in zwei kontroverse Lager: Je nach ihnen genehmer Wahrscheinlichkeitsrechnung kommen sie entweder auf den Grenzwert "null" oder aber auf den Grenzwert "eins" für die Wahrscheinlichkeit intelligenten Lebens im Weltall, also sehen sie die Existenz extraterrestrischer Lebewesen als höchst unwahrscheinlich oder als höchst wahrscheinlich an. Wenn man auch organische Moleküle und Verbindungen im Weltraum nachgewiesen hat, so ist damit noch lange nicht gesichert, dass eine Entwicklung von fremden Intelligenzen auf anderen Planeten stattgefunden hat. So weist das eine Lager des so genannten (schwachen) anthropischen Prinzips auf die hochsensiblen Feinabstimmungen von Gesetzen und Naturkonstanten in der kosmologischen und biologischen Evolution auf der Erde hin, die erst die Vielzahl zueinanderpassender Bedingungen für die "Einmaligkeit" menschlichen Lebens geschaffen haben - wie Stabilität der Erdachse, Einstrahlung der Sonne, Temperatur und Klima der Erde, Entstehung des Lebens auf Kohlenstoffbasis und so fort. Das andere Lager der "unbegrenzten Möglichkeiten" weist auf die Vielfalt der anderen Galaxien mit Abermilliarden von Fixsternen (und entsprechend zahlreich angenommenen Planeten) hin und nimmt die nahezu "unendlich" gegebenen Möglichkeiten zur Evolution intelligenten Lebens als Indiz für außerirdische Bewohner des Weltalls. Freilich ist hier schon einschränkend zu vermerken, dass trotz der Vielzahl neu entdeckter Exoplaneten deren chemische Zusammensetzung völlig anders als auf unserer Erde sein mag.
    Lassen wir eine ähnliche Natur- und Evolutionsgesetzlichkeit in der komplexen Entwicklung der Lebewesen wie auf der Erde zu, so bleibt doch die mathematische Folgerung: Die Grenzzahl "null" als Maß der Wahrscheinlichkeit menschlicher Existenz - für das Kalkül des "anthropischen Prinzips" - multipliziert mit der Grenzzahl "unendlich" als Maß bewohnbarer Planeten im All - für den Markt der "unbegrenzten Möglichkeiten" - führt zu einem "unbestimmten" Ergebnis für Leben im All. Denn das Produkt aus "null mal unendlich" kann in der Mathematik jede beliebige endliche Zahl darstellen, bis zum Grenzwert "null" (nach Bernoulli-l'Hospital) - wogegen dann freilich für diese Unwahrscheinlichkeit intelligenten Lebens Michael Springers eigene Existenz sprechen würde.
  • Stellungnahme eines neutralen Wissenschaftlers wünschenswert

    20.02.2012, Werner Kohl
    Der Artikel von Dr. Rahmstorf (PIK) zielt m.E., ohne dies explizit zu erwähnen, unmittelbar auf das eben erschienene und sehr kontrovers diskutierte Buch "Die kalte Sonne" von Vahrenholt/Lüning ab.

    Nachdem in diesem Buch die Methoden/Ergebnisse von IPCC und auch PIK kritisiert werden, wäre es vielleicht wünschenswert gewesen, diesen Artikel von einem nicht dem PIK zugehörigen Wissenschaftler verfassen zu lassen - beispielsweise von Prof. Hans von Storch, der auch international sehr renommiert ist. Ich rege hiermit an, dies auf "spektrum.de" oder in "Spektrum der Wissenschaft" nachzuholen.

    Die IPCC-Prognose der Weltklimaentwicklung scheint den Kontroversen zufolge nicht gesichert zu sein. Deshalb kann ich mir gut vorstellen, dass Ihre Leserschaft dieses Thema von mehreren Seiten beleuchtet sehen will.
  • Herr im Himmel...

    20.02.2012, Dominique Boursillon
    So wie es aussieht, haben Sie eine Lawine losgetreten. Seit zwei Monaten erhalten Sie Kommentare zum Thema; die meisten sind wenig schmeichelhaft für den Glauben als solchen und für die Wissenschaftlichkeit der Theologie. Immerhin gibt es einige Antworten Herrn Tapps und auf eine davon würde ich gerne kurz eingehen.

    Auf den Einwand Herrn Schoders (Nr. 34) meinte Herr Tapp glauben und fragen seien kompatibel und sogar aufeinander angewiesen. Das Argument sei die Unsicherheit bezüglich der Existenz Gottes!

    Wer bis hier nicht verwirrt oder gar enttäuscht war über die Argumentationsarmut der Theologie, dem wird es jetzt nicht viel besser gehen … Zuerst stellt sich die Frage, warum die Möglichkeit der Existenz eines Gottes dem Ungläubigen ein Stachel sein sollte? Wenn es einen Gott gibt, dann ist doch alles in Ordnung. Nur mit dem Unterschied, dass er jetzt die Gewissheit hat nach dem Tod im Himmel zu landen. Mehr bedeutet das nicht … Andersrum aber: Wenn der Gläubige die Existenz Gottes hinterfragt und im dämmert, dass es keinen Gott gibt sind Jahre der Hingabe, des Glaubens und Strebens als sinnlos entlarvt – das ist die Hölle!

    Herr Tapp endet seinen Kommentar damit: „Das Pathos, die Wahrheit zu besitzen, steht keinem gut an.“ Was aber und vor allem warum soll ich glauben, wenn der Glaube falsch sein könnte? Der Glaube beinhaltet die Wahrheit als fundamentales Prinzip! Früher war die Welt einfach: Die Gläubigen und Gottesfürchtigen kamen in den Himmel, die anderen in die Hölle. Da hatte Glauben ein Sinn und vor allem ein Ziel … Heute ist das aber nicht mehr so; die Theologie hat Gott so gütig und gnädig gemacht, seine Gebote so stark verwässert, dass der Glaube für das Himmelreich nicht mehr notwendig ist. Man kann also die Zeit, die man sonst für religiöse Zwecke verbringt, gefahrlos anderem widmen, das Himmelreich und die Liebe Gottes ist einem immer sicher!

    Ich verstehe nicht, warum so ein Fass aufgemacht wird. Es soll und kann doch jeder glauben oder nicht glauben, was er will. Was die modernen Theologen bezwecken ist mir nach der Lektüre Ihres Beitrags schleierhafter denn je. Eines scheint aber sicher: Nachdem die Theologen nachweislich keinen wertvollen oder befriedigenden Beitrag zum Nutzen des Glaubens liefern können, ist doch das einzige wirklich sinnvolle, dass sie sich aus allen Glaubensfragen raushalten.
  • UV-Strahlung

    19.02.2012, Klaus Lorch
    Die Idee, dass Leben in der Umgebung heißer Quellen entstanden ist, gefällt mir persönlich sehr gut, insbesondere wegen des dort herrschenden, dicht beieinander liegenden pH-Gefälles und Konzentrationsgefälles an Elementen. Mich überzeugt auch der Teil der Erklärung, in dem es um Phosphor, Zink und Kalium geht. Aber warum nicht an Quellen, die unter Wasser lagen? Waren an Land die (UV)-Strahlenwerte ohne Ozonschicht (die es in der damals vermutlich sauerstofffreien bzw. sauerstoffarmen Atmosphäre nicht gab) nicht zunächst sehr lebensfeindlich? Oder anders formuliert: Konnte eine ausreichende Menge an Makromolekülen entstehen, die, einmal ins Urmeer gespült - dort die Grundlage für Leben bilden. Waren sie unter der vermuteten Strahlenbelastung langlebig genug?
    Antwort der Redaktion:
    UV-Strahlung spielt in Mulkidjanians Thesen zur Bedeutung des Zink eine entscheidende Rolle. Zinkmineralien katalysieren unter UV-Licht die Fixierung von Kohlendioxid und sind selbst gute UV-Absorber. So hätten sie nicht nur zur Bildung organischer Verbindungen beitragen können, sondern anschließend auch zu ihrem Schutz. Eine ausführliche Zusammenfassung dieser Ideen liefert dieser Beitrag.

    L.F.
  • *g*

    18.02.2012, lisa
    Was man nicht alles berechnen kann. Ob die Zeit sinnvoll investiert ist, ich glaub', da kann man sich streiten.
  • Die Grundlagen der empirischen Wissenschaften

    17.02.2012, Winfried Straub
    Unter Umständen muss man sich bei dieser Diskussion noch einmal die Grundlagen der empirischen Wissenschaften vergegenwärtigen. Sie liefern wesentliche Hinweise darauf, wie das Thema angegangen werden kann. Folgt man zum Beispiel den Überlegungen, die in ihren Grundpfeilern mit dem Nahmen des Philosophen Karl R. Popper in Verbindung zu bringen sind, stellt man fest, dass empirische Wissenschaften, wie sie zum Beispiel die physikalischen Naturwissenschaften sind, stark von dem Begriff der Falsifizierbarkeit geprägt sind. Vereinfacht dargestellt kann empirische Wissenschaft grundsätzlich nicht beweisen, sondern höchstens Gesetze durch häufige und erfolgreiche Anwendung als praktikabel und im Weiteren als allgemein gültig akzeptieren. Verallgemeinerungen über einen erprobten Anwendungsbereich hinaus können dagegen irreführend sein. Gesetzmäßigkeiten aus der empirischen Wissenschaft müssen sich hingegen immer falsifizieren lassen können. Entscheidend scheint dabei die reine Möglichkeit zu sein. Denn damit ist die Offenheit des wissenschaftlichen Systems garantiert, mit anderen Worten die Möglichkeit, dem bestehenden Gebäude Ergänzungen hinzuzufügen, wo die vorhandenen Mittel noch nicht hinreichen oder zu ungenau oder schlicht falsch sind.

    Das ermöglicht den empirischen Wissenschaften, in ihrer Entwicklung stets kreativ zu bleiben, sich aber nicht von der messbaren Wirklichkeit zu entfernen. Jeder Vorschlag einer Theorie muss letztendlich am Experiment nachvollzogen oder aber schließlich widerlegt werden können.

    Dadurch wird grundsätzlich verhindert, dass man jemals dogmatische Begriffe wie die Weltformel oder Gott wissenschaftlich untermauern könnte. Dies eröffnet aber zugleich den Raum, dort, wo Wissenschaft nicht hinreichen kann, mit anderen Methoden zu füllen und zeigt gleichzeitig nachdrücklich auf, dass Wissenschaft kein Mittel ist, um Glaubensfragen zu beantworten. Denn Glauben ist letztendlich ein axiomatisches System, in dem nicht falsifiziert werden kann, sondern stattdessen eben geglaubt wird. Glaube hat meines Erachtens dort seine Berechtigung und stellt, richtig angewandt, ein wesentliches Hilfsmittel zur Stabilisation von menschlichen Gemeinschaften dar, kann seine axiomatischen Thesen jedoch nicht im Sinn der empirischen Naturwissenschaften erhärten.

    Daher kann die Folge nur eine Koexistenz verschiedener Möglichkeiten sein, die jede mit ihren Methoden ein bestimmtes Terrain erschließt. Religion sollte dabei vermeiden, naturwissenschaftliche Antworten geben zu wollen. Sonst müsste sie sich spontan dem Kriterium der Falsifizierbarkeit unterwerfen, was nicht ihr Ansinnen ist.
  • Öffentlich-rechtliche Gier

    17.02.2012, Axel Siegler
    "Wenn W2-Professoren auf dem Niveau von Studienräten entlohnt werden, wird das dem hohen Qualifikationsprofil von Hochschullehrern nicht gerecht." - bezeichnenderweise wird die andere Alternative, nämlich die dann eventuell überbezahlten Studienräte entsprechend herabzustufen, von vornherein gar nicht in Erwägung gezogen. Das Ganze ist mal wieder nichts anderes, als eine sittenwidrige Auktion auf der natürlich nur nach oben offenen Gierskala zu Lasten des Steuerzahlers - oder bei der nächsten drohenden Staatspleite: auf Kosten der Gläubiger! Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass gerade auch das öffentlich-rechtliche, akademische Milieu mitunter nur so vor überbezahlter Faulheit strotzt!
  • Das stimmt

    17.02.2012, Wolfgang Zeitler
    Auch wenn die Ersparnis geringer ist - faule Professoren werden nur durch individuelle Qualitätsbeurteilungen enttarnt. Einmal gut - immer gut: So kann die Bezahlung nicht aussehen. Zum Grundgehalt der Professoren (mindestens wie ein Schuldirektor?) müssen nach einer Wartezeit von höchstens 2 Jahren Zulagen kommen, die sich an der Leistung orientieren (und im Krankheitsfall oder bei Faulheit entfallen - im Regelfall aber eine adäquate Honorierung ergeben, vielleicht sogar mehr als vor dem Wechsel auf das W-System).
  • Nicht nur die Professoren

    17.02.2012, W. Hering
    Die Besoldung von Professoren ist nur die Spitze des Eisbergs, auch der wissenschaftliche Mittelbau hat durch den Übergang von BAT auf TL bzw. TVÖD deutliche Einbußen hingenommen.
    Auch gibt es keine "sicheren Stellen" mehr, die Dauerstellen wurden gekürzt, die Finanzierung erfolgt größtenteils durch Drittmittelaufträge. Gleichzeitig ist der Andrang zum Hochschulsstudium deutlich gewachsen und Bachelor bzw. Master bedeuten erhöhte Belastung.

    Betrachtet man das zahlenmäßige Verhältnis von Studenten zu Professoren, so kann in Deutschland nicht mehr von einer adäquaten Hochschulausbildung gesprochen werden.
    Die Hauptlast der Lehre liegt schon lange nicht mehr bei den Professoren, die oft mit dem Einwerben von Drittmitteln zur Finanzierung ihres Instituts ausgelastet sind, sondern bei den Doktoranden und beim Mittelbau - die Vorlesungen halten, Seminare organisieren, Studenten beraten und sogar Prüfungen durchführen: alles Aktivitäten, die nicht Ihrem Tätigkeitsprofil (HRG bzw. LHG) aufgeführt sind, aber dennoch durchgeführt werden, damit an deutschen Unis die Lehre durchgeführt werden kann. Da weder Doktoranden noch der Mittelbau eine Lobby haben, fällt das nicht weiter auf.

    Die Lösung erster Ordnung wäre "mehr Professoren", was jedoch das Problem nur noch verschärft und die finanzielle Belastung vergrößert. Ein Lösung zweiter Ordnung, d.h. das System der Lehre und Forschung an den Hochschulen zu modernisieren, wurde bisher mit größten Elan verhindert - offensichtlich ist der Leidensdruck noch nicht groß genug.

    Wenn man akzeptiert, dass die Zukunft Deutschlands durch die Qualität und Innovationsfähigkeit der Ingenieure und Wissenschaftler bestimmt wird, dann kann man die Diskussion nicht nur auf die Professoren reduzieren, alle am Ausbildungsprozess beteiligen Mitarbeitergruppen sind adäquat zu berücksichtigen.




  • Vom Wesen der Vorurteile

    16.02.2012, Tagrid Yousef
    Ich denke, es kommt immer darauf an, aus welchem Blickwinkel die Rezi gelesen wird. Ich finde beide Geschlechter sind gut getroffen. Es zeigt sich einfach, dass man etwas mehr über den Tellerrand hinausschauen sollte. Hinter meiner Nasenspitze befindet sich kein weilblicher Chauvinismus!
  • Religion und Wissenschaft sind unvereinbare Gegensätze

    16.02.2012, Dietmar Bothe

    Die Frage, ob sich Wissenschaft und Religion vereinbaren lassen, mag einer philosophischen Erörterung wert sein. Dass sich aber eine Zeitschrift, sie sich seit Jahrzehnten der Wissenschaft verschreibt, damit befasst, finde ich doch recht befremdlich, und ich hoffe sehr, dass theologische Fragen, egal aus welcher Religion sie kommen, im Spektrum der Wissenschaft keinen weiteren Niederschlag finden. Folgende Gründe will ich hierfür aufführen:

    1. Wissenschaft schafft, wie es (zumindest der deutsche) Name sagt, Wissen. Auch der lateinische Begriff "scientia", von dem sich die Formen in vielen europäischen Sprachen ableiten, wird mit "Kenntnis, Wissen, Wissenschaft" übersetzt, nicht jedoch mit Glaube, Magie oder Mysterium. Nicht umsonst wird in der lateinischen Ausgabe von Wikipedia die Theologie zusammen mit der Astrologie unter der Disziplin "Scientiae mysteriorum" geführt. Mindestens seit den griechischen Philosophen vor zweieinhalbtausend Jahren versucht der Mensch, durch Überlegungen, Beobachtungen, Berechnungen und Experimente die Natur an sich zu ergründen und die Kenntnis hierüber stetig zu erweitern, und er hat es dabei weit gebracht. Ein wesentliches Prinzip dieses "Wissen schaffen" durch Forschung ist, dass all die Ergebnisse weitergegeben, immer wieder in Frage gestellt und durch neue Erkenntnisse und Erfahrungen verbessert, fortgeschrieben oder ganz über den Haufen geworfen werden. Dies gilt auch für Prämissen, die die Forschung oft benötigt, um bestimmte Beobachtungen zu erklären oder die sie durch Experimente belegen will. Dieser Wissenschaft geht es darum, vorhandene Gesetzmäßigkeiten zu erkennen, zu verstehen, ihre Richtigkeit zu belegen und anzuwenden. Was nicht bedeutet, dass alles, was durch Berechnungen, Experimente und Simulationen plausibel erklärbar wird, auch verstanden werden kann, der Mensch ist halt Gefangener seiner sechs Sinne und der damit erzielbaren Erfahrungen. Die Naturwissenschaften beschäftigen sich mit den Gesetzen des Universums, wie sie seit Anbeginn unverändert existieren, und jeden physikalischen, chemischen oder biologischen Vorgang bestimmen. Andere Zweige wie Ökonomie, Soziologie oder Geschichte sind abhängig von ihrem jeweiligen kulturellen und gesellschaftlichen Umfeld und leisten in diesem Rahmen vielfältige Beiträge zur Vermehrung des Wissens.

    Die Theologie kann all dies nicht. Sie beschäftigt sich mit der Lehre von Gott und dem Glauben an ihn und hat als einzige Quelle für Ihre Forschung einige uralte Bücher zur Verfügung, mehr nicht. Diese Bücher wurden über viele Jahrhunderte hinweg von unterschiedlichen Autoren geschrieben, dabei immer wieder überarbeitet, übersetzt und politischen und gesellschaftlichen Veränderungen angepasst. Manche gingen verloren, andere passten irgendwann nicht mehr ins Weltbild. So wurde nur eine Auswahl von Schriften im 4. Jahrhundert als "Neues Testament" als verbindliche Grundlage der christlich-katholischen Religion über das Leben Jesu festgelegt. Der orthodoxe Zweig war weniger wählerisch und verwendet weitere Texte. Die Wissenschaft der Theologie besteht darin, diese alten Bücher auszulegen und zu interpretieren. Über Jahrhunderte hinweg wurden die Bedeutung ganzer Passagen oder einzelner Wörter immer wieder neu beschrieben, je nach dem welche neuen, außerhalb der Theologie gewonnenen, Einsichten akzeptiert werden mussten, welche Machtposition die Kirche stützen musste oder selbst einnehmen wollte. Neues Wissen im Sinn neuer Erkenntnisse wurde dabei nicht geschaffen. Wissen über Vorgänge in der Natur lässt sich aus der Bibel heraus allenfalls auf einem 2.000 Jahre alten Stand gewinnen, Experimente oder eine Simulation Gottes ist der Theologie unbekannt.

    Dies ist auch nicht möglich. Denn das, was in den alten Büchern steht, ist einerseits so unveränderlich wie die Naturgesetze, andererseits aber nicht vor Milliarden von Jahren von Natur geschaffen worden, sondern wurde vor 2000 Jahren von Menschen aufgeschrieben. Den Naturgesetzen vergleichbare Gesetzmäßigkeiten enthält die Bibel (und auch der Koran oder heilige Bücher anderer Religionen) nicht. Allenfalls können gesellschaftlich relevante Regelungen abgeleitet werden, z.B. "Du sollst nicht töten" oder "Liebe Deinen Nächsten". Dass solche Inhalte je nach Interessenlage diametral entgegengesetzt ausgelegt werden können, ist eine jahrhundertealte Erfahrungstatsache und vielleicht die einzige naturwissenschaftlich belegbare Gesetzmäßigkeit, die sich aus der Bibel ableiten lässt. Nur gelegentlich kommt es vor, dass eine ältere Urfassung eines bestimmten Textes aufgefunden wird, der Fehler in der bekannten Version aufzeigt und zu Neuinterpretationen zwingt.

    Die Theologie ist oft auch nicht bereit, bestimmte Erkenntnisse der Naturwissenschaft oder allgemeinen Lebenserfahrung anzuerkennen und zu übernehmen. Immerhin, bei Galileis Erkenntnis, dass sich die Erde dreht und um die Sonne kreist, hat sie es nach 400 Jahren geschafft. Dass der Mensch ab einem bestimmten Alter körperliche Nähe zum anderen oder auch zum gleichen Geschlecht sucht und ein Trauschein oder ein bestimmtes Ritual hierfür völlig irrelevant sind oder dass Frauen dem Mann gleichberechtigt sind hat sich bislang weder bis zum Pabst noch zu den meisten Ajatollahs und Rabbinern herumgesprochen. Legenden, wie die Jungfrauengeburt, das Über-das-Wasser-Gehen, die Wiederauferstehung vom Tod oder vom brennenden Dornbusch kann die Theologie aus ihren Büchern heraus nicht nachprüfbar beweisen, weder allgemein gültig, noch bezogen auf einen von 2000 Jahren lebenden jüdischen Priester. Dabei gibt es für viele (vielleicht nicht alle) dieser "Wunder" seit Langen mehr oder weniger plausible naturwissenschaftliche Erklärungen oder historische Erkenntnisse. Würde die Theologie diese in ihren Erfahrungsschatz einbinden, ginge eine wesentliche Grundlage ihrer Existenz verloren und, würde sie zu dem, was sie im Grunde genommen seit Jahrhunderten bereits ist: überflüssig.

    2. Die Erkenntnisse der Naturwissenschaft sind allgemein gültig. Da jedes Staubkorn, jede Blume, jede Raumsonde, jede Galaxie und natürlich auch jeder Mensch den unabänderlichen Urgesetzen des Universums unterliegt, ist jedes Forschungsergebnis für jeden einzelnen Menschen bedeutend, unabhängig davon, ob er es akzeptiert oder nicht oder ob er überhaupt davon Kenntnis erhält oder es versteht. Es sind diese Gesetzmäßigkeiten, die seine Existenz überhaupt erst ermöglichen. Die Wissenschaft schafft diese Gesetze nicht, sie deckt sie nur auf und wendet sie an.

    Der Autor betrachtet eine einzige Theologie, die römisch-katholische. Sie betrifft nur ungefähr ein Sechstel der Menschheit, nämlich die Menschen, die dem römisch-katholischen Glauben anhängen. Nur für diese Menschen haben die Bibel mit ihren Legenden, die vielfältigen Interpretationen hierzu und auch die Wunder und seltsamen Mysterien, ohne die dieser Glaube nicht auskommt, eine mehr oder weniger große Bedeutung. Für alle anderen sind sie völlig belanglos.

    Dass die Lehre von Gott auch zu anderen, wesentlich lebensnäheren Interpretationen führen kann, fällt dabei unter den Tisch. Insbesondere aber übersieht der Autor, dass es noch ganz andere Theologien gibt, die jüdische zum Beispiel oder die islamische oder die der Bahai. Obwohl sie gleiche oder ähnliche Wurzeln und Textquellen haben und alle eine monotheistische Religion vertreten, haben sie ganz unterschiedliche Interpretationen von Gott und der Welt, dem Glauben und dem gesellschaftlichen Zusammenleben, und sie kennen andere oder auch gar keine Mysterien. Alle glauben beispielsweise an einen Messias, für die Christen aber war er schon da, für die Juden und Muslime wird er noch kommen. Was nebenbei zu der Frage führt, wer im Fall des Falles feststellt, ob er denn nun "da" ist und auch der "richtige" Messias ist und ob die Christen dabei überhaupt mitreden dürfen.

    Diesem sehr eigeengten Bild von der Theologie fällt auch zum Opfer, dass es viele weitere Religionen gibt, die die Welt und ihren Ursprung seit alters her anders inter-pretieren als katholische Christen. Viele Hindus z. B. verehren einen Dreiklang von Gottheiten, die sie sich als für unsere Anschauungen seltsame Fabelwesen vorstellen, andere vor allem eine weibliche Gottheit. Buddhisten kommen ganz ohne einen Gott aus. Im Daoismus wurden im Lauf der Zeit Generäle, Heldinnen oder Philosophen nach ihrem Tod zu Göttern erklärt, sie werden auch heute noch verehrt und in eigenen Tempeln um Hilfe angerufen. Eine Vielzahl von kleineren Religionsgemeinschaften kann mit all dem nichts anfangen und vertraut lieber auf Wassergeister oder verkehrt mit den Ahnen. Jüngere Religionsgemeinschaften verehren z. B. Satan, nicht als bösen Gegenspieler Gottes, sondern als Bringer von Sinnesfreude. Manche Philosophen vergleichen gar unsere differenzierte Mülltrennung mit einem religiösen Kultopfer an den Gott des Konsums. Was ist an diesen Vorstellungen, den zugehörigen Büchern und Theologien so viel schlechter oder gar falsch, dass sie überhaupt nicht erwähnt werden? Könnten nicht vielleicht andere Theologien die Welt besser oder näher an der Realität erklären als die Auslegung der Bibel? Und was ist mit der Theologie einer Kultur auf einem fernen Planeten, mit uns gänzlich fremden Lebensumständen, die von Gott oder Göttern noch nie etwas gehört hat und deren religiöse Weltinterpretation, so sie dieser überhaupt bedarf, vollständig anders ist als das, was auf unserer Erde bekannt ist?

    "Die Theologie" gibt es somit nicht. Es gibt eine Vielzahl von Theologien, die immer nur um den Gott oder die Götter kreisen, für die sie geschaffen wurden. Sie interpre-tieren jeweils die Schriften, aus denen heraus oder mit denen die zugehörige Religion entstanden ist und sie sind nur für den Kreis der Menschen relevant, die der jeweiligen Glaubensrichtung anhängen. Allein im Christentum gibt es wohl einige hundert oft sehr verschiedene Glaubensgemeinschaften, die Gott und die Heilige Schrift in vielfältigster Weise auslegen. Eine Theologie, egal, ob katholisch, sunnitisch, mormonisch, theravada-buddhistisch oder satanisch, die von sich behauptet, sie allein könne die Welt interpretieren und daher für alle Menschen verbindlich sein, wäre anmaßend oder schlimmeres. Auch die katholische Theologie ist nur eine von vielen und schon von daher keine Wissenschaft. Würde sie als Wissenschaft betrachtet wäre ihre Situation vergleichbar mit einer von Hunderten von verschiedenen Physiken, die jede für sich gänzlich andere Naturgesetze finden, welche obendrein nur für einen bestimmten Kreis von Anhängern Gültigkeit haben. Welche allgemein gültigen Gesetzmäßigkeiten ließen sich daraus ableiten?

    3. Die Naturwissenschaft lebt davon, dass sie die Gesetzmäßigkeiten, die sie findet, immer wieder durch Experimente und Beobachtungen überprüft und schließlich bei genügender Absicherung und Widerspruchsfreiheit bestätigt. Dabei kommt es vor, dass jahrelang als sicher betrachtete Grundsätze sich als unrichtig erweisen oder in einen größeren Zusammenhang gestellt werden müssen. Insgesamt schafft sie so eine stetig, und bei den heutigen Forschungsaktivitäten fast schon exponentiell, wachsende Menge an Wissen, das kein einzelner Mensch auch nur annähernd vollständig erfassen kann.

    Die Theologie kann zwar in der Bibel (oder im Koran, dem Abhidhamma oder Schriften andere Religionen) ebenfalls Aussagen finden, hierzu eine Interpretation liefern und diese durch weitere Quellen und andere Interpretationen bestätigen. Genauso gut können diese Aussagen aber durch gegenteilige Quellen und Deutungen widerlegt werden. Dies fällt meist nicht schwer, da die Bibel kein in sich geschlossenes und abgestimmtes Gesetzbuch ist, sondern eine Sammlung von vielen, über Jahrhunderte geschriebenen Aufzeichnungen einer großen Vielzahl von Autoren. Jeder hat zu seiner Zeit unter den gegebenen Umständen und Interessenslagen seinen Beitrag geliefert. Daher ist die Bibel, von den Zehn Geboten vielleicht abgesehen, kein Gesetzbuch und auch keine der Natur vergleichbare Quelle der Erkenntnis, aus der sich bestimmte Gesetzmäßigkeiten ableiten lassen, schon gar nicht naturwissenschaftliche. Selbst die Ableitung allgemein verbindlicher gesellschaftlicher Verhaltensregeln fällt schwer. So soll man dem 6. Gebot nach keinen Ehebruch begehen, Abraham zeugte aber mit seiner Sklavin Hagar und Gott mit Maria außereheliche Söhne.

    Solche Widersprüche kann die Theologie aus ihren Büchern heraus nicht auflösen. Allein für das "Abschwächen des Problems des Übels" hat die Theologie über 2000 Jahre gebraucht, eine wirkliche Lösung ist nicht absehbar. Dabei muss sie annehmen, "dass Gott im Entschluss der Schöpfung seine Allmacht selbst begrenzt hat" und erzeugt damit gleich einen neuen Widerspruch. Denn in der Bibel und in vielen Gebeten und Predigten wird weiterhin vom "allmächtigen Gott" gesprochen. Wäre er nicht allmächtig, müsste z. B. das apostolische Glaubensbekenntnis umformuliert werden: "Ich glaube an Gott, den Vater, den begrenzt Allmächtigen ..."

    Die Bibel ist in ihrem Inhalt auf die Kenntnisse, die die Menschen bis zum Ende ungefähr des ersten Jahrhunderts nach Beginn der Zeitrechnung in dem eng begrenzten Gebiet des vorderen Orients erworben haben, bezogen. Ganz andere Weltbilder, wie sie zur gleichen Zeit etwa in China, Peru, Indien oder Westafrika entwickelt wurden kommen nicht vor, nicht einmal eine Auseinandersetzung mit den römischen Glaubenslehren. Seiher wurden zwar Tausende von Büchern über die Bibel geschrieben und vielfältige Rituale erfunden und vervollkommnet, neues Wissen über die Zusammenhänge der Natur haben Theologen jedoch nicht geliefert. Dabei soll nicht unter den Tisch fallen, dass Theologen, soweit sie sich außerhalb ihrer Disziplin mit der wirklichen Wissenschaft beschäftigt haben, oftmals herausragende Beiträge zum Verständnis der Natur geliefert haben. Beobachtungen und Experimente sind der Bibel fremd, die Texte selbst können nicht verändert werden. Die gesamte Diskussion hierzu dreht sich in einem hermeneutischen Kreis, die Texte und selbst die einzelnen Begriffe müssen immer wieder "im Lichte neuer Situationen oder neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse gedeutet werden". Dabei wird nicht die Bibel an sich in Frage gestellt oder wenigstens einige Geschichten oder unglaubwürdige Mysterien, sondern allenfalls "Selbstverständlichkeiten der Bibelinterpretation". Solche Interpretationen sind seit mehr als zwei Jahrtausenden die eigentliche Beschäftigung der Theologen, mehr nicht.

    Dies mag durchaus mit wissenschaftlichen Methoden geschehen, und niemand wird den Theologen Vernunft abstreiten, von einigen Ausnahmen vielleicht abgesehen. Aber die vierhundertfünfundvierzigste Interpretation zum siebenundzwanzigsten Psalm zu liefern, nur weil ein Biologe herausgefunden hat, wie zwei bestimmte Moleküle miteinander zu einer neuen Lebensform reagieren, oder weil Astronomen schwarze Löcher nachweisen oder weil mafiöse Geschäfte die Banco Ambrosiano zum Zusammenbruch geführt haben, ist weder Wissenschaft noch führt dies zu irgendeiner neuen Erkenntnis. Theologen können froh sein, wenn hin und wieder ein Textfragment gefunden wird, das älter oder besser übersetzt ist als die bekannten Fassungen. Nur dann haben sie eine Chance ein wenig wirklich Neues, wenn auch bereits Uraltes, ihren Schriften hinzuzufügen.

    4. Weder naturwissenschaftlich noch theologisch lässt sich die Existenz Gottes beweisen, er ist und bleibt lediglich eine Prämisse theologischer Denkweisen. Alle Versuche hierzu sind lediglich Gedankenexperimente, zu denen sich immer auch Gegenbelege finden lassen. Ein Beweisversuch ist die Überlegung des Aristoteles zum "unbewegten Beweger", der am Anfang von allem gestanden haben müsse. Die Frage, warum hierfür ein Gott notwendig war, beantwortet die Überlegung nicht. Sie geht von dem menschlich sehr verständlichen Ansatz aus, "mein Haus wurde von den Bauleuten errichtet, das Pergament von den Gerbern zubereitet, und ich habe den Text darauf geschrieben. Also ist alles was da ist, Baum, Erde, Sonne, Himmel, irgendwie hergestellt, also muss es jemanden geben, der dies vollbracht hat". Dass etwas aus sich heraus, ohne äußeren Anlass oder Wirkung entstehen könnte, wird dabei nicht bedacht und fällt auch der modernen Naturwissenschaft schwer zu akzeptieren.

    Wohl jede Kultur hat im Lauf der Zeit eine Schöpfungsgeschichte entwickelt. Eine von unzähligen steht in der Bibel. Es heißt dort "Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde" und es wird dann eine sechstägiger Prozess beschrieben, in dem Gott Tag und Nacht, Pflanzen und Tiere und schließlich den Menschen geschaffen hat und diese Zeit mit einem Ruhetag abschloss. Woraus und mit welchen Kräften Gott Himmel und Erde geschaffen hat und was davor war erzählt die Bibel nicht, und nur wenige christliche Glaubensgemeinschaften halten diese Erzählung heute noch in unterschiedlichen Varianten für wahr.

    In der Naturwissenschaft findet sich mit dem Urknall, der am Anfang des uns bekannten Universums stand, eine Parallele zu dieser Geschichte. Die moderne Physik hat sich bis auf wenige millionstel Sekunden an diesen Schöpfungsakt herangetastet und herausgefunden, wie sich Materie von Strahlung schied, wie Galaxien, Sonne und Erde entstanden sind und wie sich darauf Leben entwickelt hat. Eine Antwort, was in den allerersten millionstel Sekunden geschehen ist, wie das, was den Urknall verursacht hat, ausgesehen hat oder gar was davor war, kann auch sie nicht liefern. Allenfalls an diesem Punkt kann man nach der Existenz eines Gottes fragen, der für diese Vorgänge verantwortlich war.

    Diese Frage führt jedoch zu folgender Überlegung: Die Menschheit könnte mit fortschreitender Wissenschaft und Technik eines Tages in der Lage sein, einen Urknall zu erzeugen, nicht als bloße Computersimulation, sondern als reales Experiment, und dabei ein (Mini-)Universum entstehen lassen. Gott kann aber auch damit nicht bewiesen werden, eher im Gegenteil. Einerseits kann gesagt werden, ha, wir schaffen sogar einen Urknall, allein mit unserer Technik und ganz ohne Gott. Dem kann entgegengehalten werden, wenn ihr schon ein eigenes Universum erschaffen könnt, dann seid ihr für dieses Universum Gott, der Erschaffer. Eure technologisch hoch entwickelte Zivilisation hat ein Universum erschaffen. Dann stellt sich aber die Frage, ob nicht unser eigenes Universum durch eine andere Zivilisation, die in höheren, für uns nicht erreichbaren Dimensionen existiert, unser Universum und vielleicht noch viele Millionen andere erschaffen hat. Und wer hat dann diese Zivilisation erschaffen? Dies führt zu einer unendlichen Fragenkette nach den Ursache von allem, aber nicht mehr zu einem "unbewegten Beweger". Was ein starkes Indiz gegen die Existenz Gottes ist.

    Und selbst wenn es durch irgend ein Experiment irgendwann gelingen sollte, einen "unbewegten Beweger" zweifelsfrei nachzuweisen, wäre dies noch lange kein Beleg dafür, dass dieser irgendein Interesse haben könnte an einer winzigen Minderheit von Spezies auf einem kleinen Planeten einer unbedeutenden Sonne in halber Entfernung zwischen Zentrum und Rand einer mittelgroßen Galaxis, die als eine von hundert Milliarden ihre Wege durch das Universum zieht. Und schon gar nicht wäre es ein Beleg dafür, dass dieser Beweger männlich ist und nicht weiblich oder anders geschlechtlich, dass er einem alten Mann auf einem Berg Gesetzestafeln überreicht hat, sich mit einem Weibchen dieser Spezies paaren würde oder, wie es viele Muslime glauben, Märtyrer zu sich holt und mit 72 Jungfrauen beglückt oder sonst irgendwelche "Wunder" vollbringt.

    Auch zum Ende der Welt hat die Wissenschaft heute profunde Modelle entwickelt, die auf konkreten Daten, Beobachtungen und Berechnungen beruhen. Wirklich beweisen lassen sich diese Überlegungen bislang nicht, da solche Beweise Kenntnisse über Naturphänomene und Gesetzmäßigkeiten voraussetzen, die bislang noch nicht gefunden wurden. Es wird aber nur eine Frage der (vielleicht sehr langen) Zeit sein, bis Menschen ausreichend Wissen geschaffen haben und diese Modelle auf Basis belegbarer Gesetzmäßigkeiten weiterentwickeln und zu einer allgemein akzeptierten Theorie formulieren. Einige dieser Modelle beschreiben ein Universum, welches irgendwann wieder in sich selbst zusammenfällt und einen neuen Urknall erzeugt, also ein zyklisches Nacheinander immer neuer Universen ohne jeden Anfang und Ende, also auch ohne die Notwendigkeit eines Schöpfungsaktes. Und alle diese Modelle haben eines gemeinsam: Für das Ende bedarf es weder eines Gottes noch eines Jüngsten Gerichts, sondern nur der Wirkung allgemeiner Naturgesetze.

    5. Der Versuch von Plantinga, "die Existenz Gottes durch den Hinweis auf die menschliche Freiheit zu verteidigen" ist fast so lächerlich wie der Kreationismus (der übrigens kein "Irrläufer einer amerikanischen Debatte" ist, wie Prof. Löffler meint, er ist auch in der islamischen Welt weit verbreitet). Gerade die Theologen müssten es besser wissen. Über viele Jahrhunderte hinweg hat die Kirche und ihre Hermeneutik der Bibeltexte entscheidend zur Unterdrückung und Unfreiheit der Menschen beigetragen, mal im eigenen Machtinteresse, mal zur Unterstützung von Kaisern und Königen. Sie hat Hexenverbrennungen durchgeführt und die Folterkeller der Inquisition geschaffen, und nebenbei wurden mit ihrer Hilfe in anderen Ländern ganze Kulturen ausgelöscht. Noch vor wenigen Jahren haben katholische, orthodoxe und muslimische Theologen in Bosnien Waffen gesegnet, mit denen die Freiheit der Menschen der jeweils anderen Religionsgemeinschaft blutig bekämpft wurde. Selbstverständlich immer mit der passenden Bibel- oder Koranauslegung in der Hand.

    Erst Reformation und Aufklärung und später Kapitalismuskritik, soziale Bewegungen und Demokratie brachten die Möglichkeit, sich aus Knechtschaft zu befreien und frei und selbstverantwortlich zu handeln. Diese Freiheit mussten sich die Menschen in oft blutigen und langwierigen Kämpfen und Revolutionen erstreiten. Frauen haben Ihre Freiheit in Deutschland gar erst vor wenigen Jahrzehnten errungen, und prompt wird sie von Theologen z. B. beim Schwangerschaftsabbruch oder der Ehe mit Priestern gleich wieder angefochten. Und heute sehen wir, dass diejenigen Länder, in denen Theologen noch immer das Sagen haben, Saudi-Arabien zum Beispiel und der Iran, zu denen gehören, in denen die Menschen am wenigsten Freiheit genießen oder wie in Utah/USA mit einem weit überdurchschnittlichen Grad an Depressionen zu kämpfen haben.

    Freiheit ist kein gottgegebenes Gut und schon gar nicht ein Gottesbeweis, Freiheit muss immer erkämpft werden, gerade auch gegen die Traditionen von Kirche und Religion. Freiheit wird nur dort wirklich erreicht, wo Glaube und Theologie (und auch die mit Theologie durchaus verwandte Ideologie) in den Hintergrund treten. Und nur dort ist auch die Freiheit des Glaubens, an Gott, Allah, Buddha oder an irgendetwas anderes oder auch an nichts, überhaupt erst möglich.

    6. Ein theologischer Disput kann sehr vernünftig geführt werden, die Argumente können klug und mit wissenschaftlicher Akribie abgeleitet sein. Und wohl kaum ein heutiger Theologe wird dabei auf die Erkenntnisse moderner Natur- oder Gesellschaftswissenschaften verzichten oder diese gar leugnen. Aber kein Theologe kann dabei bestimmte Grenzen überschreiten, Grenzen, die ihm seine Religion vorschreibt und die sich aus den alten Schriften ergeben. Denn wie würde es klingen, wenn der Bischof in seiner Osterpredigt der fassungslosen Gemeinde erklären würde, Jesus sei kein Kind Gottes, sondern ganz natürlich dem vorehelichen Liebesleben von Maria mit Josef oder einem anderen, unbekannten Mann entsprungen, Maria sei keine "Jungfrau" gewesen, sondern nur eine "junge Frau", was aber irgendwann falsch übersetzt wurde, die Hochzeit von Kanaan sei in Wirklichkeit die für einen damaligen Prediger selbstverständliche Hochzeit von Jesus mit Magdalena gewesen, Jesus sei nicht für unsere Sünden, sondern als Aufrührer und Gotteslästerer ans Kreuz gebunden worden und sein Grab sei nur deshalb leer gewesen, weil es eine vorübergehende Leihgabe war und nach drei Tagen geräumt wurde, und seine Auferstehung habe eigentlich auch niemand wirklich beobachtet.

    Dieser Bischof würde fundamentale Glaubenssätze der christlichen Religion nicht nur in Frage stellen, sondern vollständig widerlegen. Er würde damit im eigentlichen Sinn "Wissen schaffen" und althergebrachte Denkstrukturen durchbrechen. Mit seiner Vernunft würde er anerkennen, dass Bibeltexte keine Wissenschaft widerlegen können, die Wissenschaft aber sehr wohl Bibeltexte widerlegen kann. Täte der Bischof dies, wäre er seinen Job los und Glaube, Kirche und Theologie wären plötzlich völlig bedeutungslos. Aber gerade deshalb kann kein Theologe dieses Wissen in seinen Schriften und Predigten verbreiten oder gar verteidigen: Der Theologe hat zwar das Wissen, aber sein Glaube verbietet es ihm, sich dazu offen zu bekennen. Er wird gezwungen, unvernünftig zu argumentieren und zu handeln.

    Und genau da scheiden sich Wissenschaft und Theologie. Während die Wissenschaft durchaus in der Lage ist, sich weiterzuentwickeln, durch neue Erkenntnisse alte Denkmuster und Theorien aufzugeben oder in einen höheren Rahmen zu stellen, kann die Theologie dies nicht. Sie ist in ihren alten Büchern gefangen, neue Erkenntnisse erschöpfen sich in veränderten Interpretationen. Theorien, die sich experimentell überprüfen und ggf. verwerfen lassen, gibt es allenfalls auf Gedankenebene. Eine höhere Ebene als Gott, in die sich dieses oder jenes einfügen und vielleicht besser erklären lässt, ist nicht vorstellbar.

    Und vor allem: Ihr entscheidendes Fundament, nämlich Gott, kann keine Theologie der Welt zweifelsfrei beweisen. An ihn kann man nur glauben, und damit werden auch die vielen Mythen und Mysterien glaubhaft, oder man lässt es und betrachtet all die alten Geschichten der Bibel als das, was sie sind: alte Geschichten. Eine Disziplin aber, die ihre wesentliche Grundlage in dem den Glauben an etwas unbeweisbares hat, hat kein Wissen. Theologie (bzw. Religion, wie es der Titel vom Januarheft formuliert) und Wissenschaft, Glaube und Vernunft, sind daher unvereinbare Gegensätze.

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