Lesermeinung - Spektrum der Wissenschaft

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  • Religion und Wissenschaft sind unvereinbare Gegensätze

    16.02.2012, Dietmar Bothe

    Die Frage, ob sich Wissenschaft und Religion vereinbaren lassen, mag einer philosophischen Erörterung wert sein. Dass sich aber eine Zeitschrift, sie sich seit Jahrzehnten der Wissenschaft verschreibt, damit befasst, finde ich doch recht befremdlich, und ich hoffe sehr, dass theologische Fragen, egal aus welcher Religion sie kommen, im Spektrum der Wissenschaft keinen weiteren Niederschlag finden. Folgende Gründe will ich hierfür aufführen:

    1. Wissenschaft schafft, wie es (zumindest der deutsche) Name sagt, Wissen. Auch der lateinische Begriff "scientia", von dem sich die Formen in vielen europäischen Sprachen ableiten, wird mit "Kenntnis, Wissen, Wissenschaft" übersetzt, nicht jedoch mit Glaube, Magie oder Mysterium. Nicht umsonst wird in der lateinischen Ausgabe von Wikipedia die Theologie zusammen mit der Astrologie unter der Disziplin "Scientiae mysteriorum" geführt. Mindestens seit den griechischen Philosophen vor zweieinhalbtausend Jahren versucht der Mensch, durch Überlegungen, Beobachtungen, Berechnungen und Experimente die Natur an sich zu ergründen und die Kenntnis hierüber stetig zu erweitern, und er hat es dabei weit gebracht. Ein wesentliches Prinzip dieses "Wissen schaffen" durch Forschung ist, dass all die Ergebnisse weitergegeben, immer wieder in Frage gestellt und durch neue Erkenntnisse und Erfahrungen verbessert, fortgeschrieben oder ganz über den Haufen geworfen werden. Dies gilt auch für Prämissen, die die Forschung oft benötigt, um bestimmte Beobachtungen zu erklären oder die sie durch Experimente belegen will. Dieser Wissenschaft geht es darum, vorhandene Gesetzmäßigkeiten zu erkennen, zu verstehen, ihre Richtigkeit zu belegen und anzuwenden. Was nicht bedeutet, dass alles, was durch Berechnungen, Experimente und Simulationen plausibel erklärbar wird, auch verstanden werden kann, der Mensch ist halt Gefangener seiner sechs Sinne und der damit erzielbaren Erfahrungen. Die Naturwissenschaften beschäftigen sich mit den Gesetzen des Universums, wie sie seit Anbeginn unverändert existieren, und jeden physikalischen, chemischen oder biologischen Vorgang bestimmen. Andere Zweige wie Ökonomie, Soziologie oder Geschichte sind abhängig von ihrem jeweiligen kulturellen und gesellschaftlichen Umfeld und leisten in diesem Rahmen vielfältige Beiträge zur Vermehrung des Wissens.

    Die Theologie kann all dies nicht. Sie beschäftigt sich mit der Lehre von Gott und dem Glauben an ihn und hat als einzige Quelle für Ihre Forschung einige uralte Bücher zur Verfügung, mehr nicht. Diese Bücher wurden über viele Jahrhunderte hinweg von unterschiedlichen Autoren geschrieben, dabei immer wieder überarbeitet, übersetzt und politischen und gesellschaftlichen Veränderungen angepasst. Manche gingen verloren, andere passten irgendwann nicht mehr ins Weltbild. So wurde nur eine Auswahl von Schriften im 4. Jahrhundert als "Neues Testament" als verbindliche Grundlage der christlich-katholischen Religion über das Leben Jesu festgelegt. Der orthodoxe Zweig war weniger wählerisch und verwendet weitere Texte. Die Wissenschaft der Theologie besteht darin, diese alten Bücher auszulegen und zu interpretieren. Über Jahrhunderte hinweg wurden die Bedeutung ganzer Passagen oder einzelner Wörter immer wieder neu beschrieben, je nach dem welche neuen, außerhalb der Theologie gewonnenen, Einsichten akzeptiert werden mussten, welche Machtposition die Kirche stützen musste oder selbst einnehmen wollte. Neues Wissen im Sinn neuer Erkenntnisse wurde dabei nicht geschaffen. Wissen über Vorgänge in der Natur lässt sich aus der Bibel heraus allenfalls auf einem 2.000 Jahre alten Stand gewinnen, Experimente oder eine Simulation Gottes ist der Theologie unbekannt.

    Dies ist auch nicht möglich. Denn das, was in den alten Büchern steht, ist einerseits so unveränderlich wie die Naturgesetze, andererseits aber nicht vor Milliarden von Jahren von Natur geschaffen worden, sondern wurde vor 2000 Jahren von Menschen aufgeschrieben. Den Naturgesetzen vergleichbare Gesetzmäßigkeiten enthält die Bibel (und auch der Koran oder heilige Bücher anderer Religionen) nicht. Allenfalls können gesellschaftlich relevante Regelungen abgeleitet werden, z.B. "Du sollst nicht töten" oder "Liebe Deinen Nächsten". Dass solche Inhalte je nach Interessenlage diametral entgegengesetzt ausgelegt werden können, ist eine jahrhundertealte Erfahrungstatsache und vielleicht die einzige naturwissenschaftlich belegbare Gesetzmäßigkeit, die sich aus der Bibel ableiten lässt. Nur gelegentlich kommt es vor, dass eine ältere Urfassung eines bestimmten Textes aufgefunden wird, der Fehler in der bekannten Version aufzeigt und zu Neuinterpretationen zwingt.

    Die Theologie ist oft auch nicht bereit, bestimmte Erkenntnisse der Naturwissenschaft oder allgemeinen Lebenserfahrung anzuerkennen und zu übernehmen. Immerhin, bei Galileis Erkenntnis, dass sich die Erde dreht und um die Sonne kreist, hat sie es nach 400 Jahren geschafft. Dass der Mensch ab einem bestimmten Alter körperliche Nähe zum anderen oder auch zum gleichen Geschlecht sucht und ein Trauschein oder ein bestimmtes Ritual hierfür völlig irrelevant sind oder dass Frauen dem Mann gleichberechtigt sind hat sich bislang weder bis zum Pabst noch zu den meisten Ajatollahs und Rabbinern herumgesprochen. Legenden, wie die Jungfrauengeburt, das Über-das-Wasser-Gehen, die Wiederauferstehung vom Tod oder vom brennenden Dornbusch kann die Theologie aus ihren Büchern heraus nicht nachprüfbar beweisen, weder allgemein gültig, noch bezogen auf einen von 2000 Jahren lebenden jüdischen Priester. Dabei gibt es für viele (vielleicht nicht alle) dieser "Wunder" seit Langen mehr oder weniger plausible naturwissenschaftliche Erklärungen oder historische Erkenntnisse. Würde die Theologie diese in ihren Erfahrungsschatz einbinden, ginge eine wesentliche Grundlage ihrer Existenz verloren und, würde sie zu dem, was sie im Grunde genommen seit Jahrhunderten bereits ist: überflüssig.

    2. Die Erkenntnisse der Naturwissenschaft sind allgemein gültig. Da jedes Staubkorn, jede Blume, jede Raumsonde, jede Galaxie und natürlich auch jeder Mensch den unabänderlichen Urgesetzen des Universums unterliegt, ist jedes Forschungsergebnis für jeden einzelnen Menschen bedeutend, unabhängig davon, ob er es akzeptiert oder nicht oder ob er überhaupt davon Kenntnis erhält oder es versteht. Es sind diese Gesetzmäßigkeiten, die seine Existenz überhaupt erst ermöglichen. Die Wissenschaft schafft diese Gesetze nicht, sie deckt sie nur auf und wendet sie an.

    Der Autor betrachtet eine einzige Theologie, die römisch-katholische. Sie betrifft nur ungefähr ein Sechstel der Menschheit, nämlich die Menschen, die dem römisch-katholischen Glauben anhängen. Nur für diese Menschen haben die Bibel mit ihren Legenden, die vielfältigen Interpretationen hierzu und auch die Wunder und seltsamen Mysterien, ohne die dieser Glaube nicht auskommt, eine mehr oder weniger große Bedeutung. Für alle anderen sind sie völlig belanglos.

    Dass die Lehre von Gott auch zu anderen, wesentlich lebensnäheren Interpretationen führen kann, fällt dabei unter den Tisch. Insbesondere aber übersieht der Autor, dass es noch ganz andere Theologien gibt, die jüdische zum Beispiel oder die islamische oder die der Bahai. Obwohl sie gleiche oder ähnliche Wurzeln und Textquellen haben und alle eine monotheistische Religion vertreten, haben sie ganz unterschiedliche Interpretationen von Gott und der Welt, dem Glauben und dem gesellschaftlichen Zusammenleben, und sie kennen andere oder auch gar keine Mysterien. Alle glauben beispielsweise an einen Messias, für die Christen aber war er schon da, für die Juden und Muslime wird er noch kommen. Was nebenbei zu der Frage führt, wer im Fall des Falles feststellt, ob er denn nun "da" ist und auch der "richtige" Messias ist und ob die Christen dabei überhaupt mitreden dürfen.

    Diesem sehr eigeengten Bild von der Theologie fällt auch zum Opfer, dass es viele weitere Religionen gibt, die die Welt und ihren Ursprung seit alters her anders inter-pretieren als katholische Christen. Viele Hindus z. B. verehren einen Dreiklang von Gottheiten, die sie sich als für unsere Anschauungen seltsame Fabelwesen vorstellen, andere vor allem eine weibliche Gottheit. Buddhisten kommen ganz ohne einen Gott aus. Im Daoismus wurden im Lauf der Zeit Generäle, Heldinnen oder Philosophen nach ihrem Tod zu Göttern erklärt, sie werden auch heute noch verehrt und in eigenen Tempeln um Hilfe angerufen. Eine Vielzahl von kleineren Religionsgemeinschaften kann mit all dem nichts anfangen und vertraut lieber auf Wassergeister oder verkehrt mit den Ahnen. Jüngere Religionsgemeinschaften verehren z. B. Satan, nicht als bösen Gegenspieler Gottes, sondern als Bringer von Sinnesfreude. Manche Philosophen vergleichen gar unsere differenzierte Mülltrennung mit einem religiösen Kultopfer an den Gott des Konsums. Was ist an diesen Vorstellungen, den zugehörigen Büchern und Theologien so viel schlechter oder gar falsch, dass sie überhaupt nicht erwähnt werden? Könnten nicht vielleicht andere Theologien die Welt besser oder näher an der Realität erklären als die Auslegung der Bibel? Und was ist mit der Theologie einer Kultur auf einem fernen Planeten, mit uns gänzlich fremden Lebensumständen, die von Gott oder Göttern noch nie etwas gehört hat und deren religiöse Weltinterpretation, so sie dieser überhaupt bedarf, vollständig anders ist als das, was auf unserer Erde bekannt ist?

    "Die Theologie" gibt es somit nicht. Es gibt eine Vielzahl von Theologien, die immer nur um den Gott oder die Götter kreisen, für die sie geschaffen wurden. Sie interpre-tieren jeweils die Schriften, aus denen heraus oder mit denen die zugehörige Religion entstanden ist und sie sind nur für den Kreis der Menschen relevant, die der jeweiligen Glaubensrichtung anhängen. Allein im Christentum gibt es wohl einige hundert oft sehr verschiedene Glaubensgemeinschaften, die Gott und die Heilige Schrift in vielfältigster Weise auslegen. Eine Theologie, egal, ob katholisch, sunnitisch, mormonisch, theravada-buddhistisch oder satanisch, die von sich behauptet, sie allein könne die Welt interpretieren und daher für alle Menschen verbindlich sein, wäre anmaßend oder schlimmeres. Auch die katholische Theologie ist nur eine von vielen und schon von daher keine Wissenschaft. Würde sie als Wissenschaft betrachtet wäre ihre Situation vergleichbar mit einer von Hunderten von verschiedenen Physiken, die jede für sich gänzlich andere Naturgesetze finden, welche obendrein nur für einen bestimmten Kreis von Anhängern Gültigkeit haben. Welche allgemein gültigen Gesetzmäßigkeiten ließen sich daraus ableiten?

    3. Die Naturwissenschaft lebt davon, dass sie die Gesetzmäßigkeiten, die sie findet, immer wieder durch Experimente und Beobachtungen überprüft und schließlich bei genügender Absicherung und Widerspruchsfreiheit bestätigt. Dabei kommt es vor, dass jahrelang als sicher betrachtete Grundsätze sich als unrichtig erweisen oder in einen größeren Zusammenhang gestellt werden müssen. Insgesamt schafft sie so eine stetig, und bei den heutigen Forschungsaktivitäten fast schon exponentiell, wachsende Menge an Wissen, das kein einzelner Mensch auch nur annähernd vollständig erfassen kann.

    Die Theologie kann zwar in der Bibel (oder im Koran, dem Abhidhamma oder Schriften andere Religionen) ebenfalls Aussagen finden, hierzu eine Interpretation liefern und diese durch weitere Quellen und andere Interpretationen bestätigen. Genauso gut können diese Aussagen aber durch gegenteilige Quellen und Deutungen widerlegt werden. Dies fällt meist nicht schwer, da die Bibel kein in sich geschlossenes und abgestimmtes Gesetzbuch ist, sondern eine Sammlung von vielen, über Jahrhunderte geschriebenen Aufzeichnungen einer großen Vielzahl von Autoren. Jeder hat zu seiner Zeit unter den gegebenen Umständen und Interessenslagen seinen Beitrag geliefert. Daher ist die Bibel, von den Zehn Geboten vielleicht abgesehen, kein Gesetzbuch und auch keine der Natur vergleichbare Quelle der Erkenntnis, aus der sich bestimmte Gesetzmäßigkeiten ableiten lassen, schon gar nicht naturwissenschaftliche. Selbst die Ableitung allgemein verbindlicher gesellschaftlicher Verhaltensregeln fällt schwer. So soll man dem 6. Gebot nach keinen Ehebruch begehen, Abraham zeugte aber mit seiner Sklavin Hagar und Gott mit Maria außereheliche Söhne.

    Solche Widersprüche kann die Theologie aus ihren Büchern heraus nicht auflösen. Allein für das "Abschwächen des Problems des Übels" hat die Theologie über 2000 Jahre gebraucht, eine wirkliche Lösung ist nicht absehbar. Dabei muss sie annehmen, "dass Gott im Entschluss der Schöpfung seine Allmacht selbst begrenzt hat" und erzeugt damit gleich einen neuen Widerspruch. Denn in der Bibel und in vielen Gebeten und Predigten wird weiterhin vom "allmächtigen Gott" gesprochen. Wäre er nicht allmächtig, müsste z. B. das apostolische Glaubensbekenntnis umformuliert werden: "Ich glaube an Gott, den Vater, den begrenzt Allmächtigen ..."

    Die Bibel ist in ihrem Inhalt auf die Kenntnisse, die die Menschen bis zum Ende ungefähr des ersten Jahrhunderts nach Beginn der Zeitrechnung in dem eng begrenzten Gebiet des vorderen Orients erworben haben, bezogen. Ganz andere Weltbilder, wie sie zur gleichen Zeit etwa in China, Peru, Indien oder Westafrika entwickelt wurden kommen nicht vor, nicht einmal eine Auseinandersetzung mit den römischen Glaubenslehren. Seiher wurden zwar Tausende von Büchern über die Bibel geschrieben und vielfältige Rituale erfunden und vervollkommnet, neues Wissen über die Zusammenhänge der Natur haben Theologen jedoch nicht geliefert. Dabei soll nicht unter den Tisch fallen, dass Theologen, soweit sie sich außerhalb ihrer Disziplin mit der wirklichen Wissenschaft beschäftigt haben, oftmals herausragende Beiträge zum Verständnis der Natur geliefert haben. Beobachtungen und Experimente sind der Bibel fremd, die Texte selbst können nicht verändert werden. Die gesamte Diskussion hierzu dreht sich in einem hermeneutischen Kreis, die Texte und selbst die einzelnen Begriffe müssen immer wieder "im Lichte neuer Situationen oder neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse gedeutet werden". Dabei wird nicht die Bibel an sich in Frage gestellt oder wenigstens einige Geschichten oder unglaubwürdige Mysterien, sondern allenfalls "Selbstverständlichkeiten der Bibelinterpretation". Solche Interpretationen sind seit mehr als zwei Jahrtausenden die eigentliche Beschäftigung der Theologen, mehr nicht.

    Dies mag durchaus mit wissenschaftlichen Methoden geschehen, und niemand wird den Theologen Vernunft abstreiten, von einigen Ausnahmen vielleicht abgesehen. Aber die vierhundertfünfundvierzigste Interpretation zum siebenundzwanzigsten Psalm zu liefern, nur weil ein Biologe herausgefunden hat, wie zwei bestimmte Moleküle miteinander zu einer neuen Lebensform reagieren, oder weil Astronomen schwarze Löcher nachweisen oder weil mafiöse Geschäfte die Banco Ambrosiano zum Zusammenbruch geführt haben, ist weder Wissenschaft noch führt dies zu irgendeiner neuen Erkenntnis. Theologen können froh sein, wenn hin und wieder ein Textfragment gefunden wird, das älter oder besser übersetzt ist als die bekannten Fassungen. Nur dann haben sie eine Chance ein wenig wirklich Neues, wenn auch bereits Uraltes, ihren Schriften hinzuzufügen.

    4. Weder naturwissenschaftlich noch theologisch lässt sich die Existenz Gottes beweisen, er ist und bleibt lediglich eine Prämisse theologischer Denkweisen. Alle Versuche hierzu sind lediglich Gedankenexperimente, zu denen sich immer auch Gegenbelege finden lassen. Ein Beweisversuch ist die Überlegung des Aristoteles zum "unbewegten Beweger", der am Anfang von allem gestanden haben müsse. Die Frage, warum hierfür ein Gott notwendig war, beantwortet die Überlegung nicht. Sie geht von dem menschlich sehr verständlichen Ansatz aus, "mein Haus wurde von den Bauleuten errichtet, das Pergament von den Gerbern zubereitet, und ich habe den Text darauf geschrieben. Also ist alles was da ist, Baum, Erde, Sonne, Himmel, irgendwie hergestellt, also muss es jemanden geben, der dies vollbracht hat". Dass etwas aus sich heraus, ohne äußeren Anlass oder Wirkung entstehen könnte, wird dabei nicht bedacht und fällt auch der modernen Naturwissenschaft schwer zu akzeptieren.

    Wohl jede Kultur hat im Lauf der Zeit eine Schöpfungsgeschichte entwickelt. Eine von unzähligen steht in der Bibel. Es heißt dort "Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde" und es wird dann eine sechstägiger Prozess beschrieben, in dem Gott Tag und Nacht, Pflanzen und Tiere und schließlich den Menschen geschaffen hat und diese Zeit mit einem Ruhetag abschloss. Woraus und mit welchen Kräften Gott Himmel und Erde geschaffen hat und was davor war erzählt die Bibel nicht, und nur wenige christliche Glaubensgemeinschaften halten diese Erzählung heute noch in unterschiedlichen Varianten für wahr.

    In der Naturwissenschaft findet sich mit dem Urknall, der am Anfang des uns bekannten Universums stand, eine Parallele zu dieser Geschichte. Die moderne Physik hat sich bis auf wenige millionstel Sekunden an diesen Schöpfungsakt herangetastet und herausgefunden, wie sich Materie von Strahlung schied, wie Galaxien, Sonne und Erde entstanden sind und wie sich darauf Leben entwickelt hat. Eine Antwort, was in den allerersten millionstel Sekunden geschehen ist, wie das, was den Urknall verursacht hat, ausgesehen hat oder gar was davor war, kann auch sie nicht liefern. Allenfalls an diesem Punkt kann man nach der Existenz eines Gottes fragen, der für diese Vorgänge verantwortlich war.

    Diese Frage führt jedoch zu folgender Überlegung: Die Menschheit könnte mit fortschreitender Wissenschaft und Technik eines Tages in der Lage sein, einen Urknall zu erzeugen, nicht als bloße Computersimulation, sondern als reales Experiment, und dabei ein (Mini-)Universum entstehen lassen. Gott kann aber auch damit nicht bewiesen werden, eher im Gegenteil. Einerseits kann gesagt werden, ha, wir schaffen sogar einen Urknall, allein mit unserer Technik und ganz ohne Gott. Dem kann entgegengehalten werden, wenn ihr schon ein eigenes Universum erschaffen könnt, dann seid ihr für dieses Universum Gott, der Erschaffer. Eure technologisch hoch entwickelte Zivilisation hat ein Universum erschaffen. Dann stellt sich aber die Frage, ob nicht unser eigenes Universum durch eine andere Zivilisation, die in höheren, für uns nicht erreichbaren Dimensionen existiert, unser Universum und vielleicht noch viele Millionen andere erschaffen hat. Und wer hat dann diese Zivilisation erschaffen? Dies führt zu einer unendlichen Fragenkette nach den Ursache von allem, aber nicht mehr zu einem "unbewegten Beweger". Was ein starkes Indiz gegen die Existenz Gottes ist.

    Und selbst wenn es durch irgend ein Experiment irgendwann gelingen sollte, einen "unbewegten Beweger" zweifelsfrei nachzuweisen, wäre dies noch lange kein Beleg dafür, dass dieser irgendein Interesse haben könnte an einer winzigen Minderheit von Spezies auf einem kleinen Planeten einer unbedeutenden Sonne in halber Entfernung zwischen Zentrum und Rand einer mittelgroßen Galaxis, die als eine von hundert Milliarden ihre Wege durch das Universum zieht. Und schon gar nicht wäre es ein Beleg dafür, dass dieser Beweger männlich ist und nicht weiblich oder anders geschlechtlich, dass er einem alten Mann auf einem Berg Gesetzestafeln überreicht hat, sich mit einem Weibchen dieser Spezies paaren würde oder, wie es viele Muslime glauben, Märtyrer zu sich holt und mit 72 Jungfrauen beglückt oder sonst irgendwelche "Wunder" vollbringt.

    Auch zum Ende der Welt hat die Wissenschaft heute profunde Modelle entwickelt, die auf konkreten Daten, Beobachtungen und Berechnungen beruhen. Wirklich beweisen lassen sich diese Überlegungen bislang nicht, da solche Beweise Kenntnisse über Naturphänomene und Gesetzmäßigkeiten voraussetzen, die bislang noch nicht gefunden wurden. Es wird aber nur eine Frage der (vielleicht sehr langen) Zeit sein, bis Menschen ausreichend Wissen geschaffen haben und diese Modelle auf Basis belegbarer Gesetzmäßigkeiten weiterentwickeln und zu einer allgemein akzeptierten Theorie formulieren. Einige dieser Modelle beschreiben ein Universum, welches irgendwann wieder in sich selbst zusammenfällt und einen neuen Urknall erzeugt, also ein zyklisches Nacheinander immer neuer Universen ohne jeden Anfang und Ende, also auch ohne die Notwendigkeit eines Schöpfungsaktes. Und alle diese Modelle haben eines gemeinsam: Für das Ende bedarf es weder eines Gottes noch eines Jüngsten Gerichts, sondern nur der Wirkung allgemeiner Naturgesetze.

    5. Der Versuch von Plantinga, "die Existenz Gottes durch den Hinweis auf die menschliche Freiheit zu verteidigen" ist fast so lächerlich wie der Kreationismus (der übrigens kein "Irrläufer einer amerikanischen Debatte" ist, wie Prof. Löffler meint, er ist auch in der islamischen Welt weit verbreitet). Gerade die Theologen müssten es besser wissen. Über viele Jahrhunderte hinweg hat die Kirche und ihre Hermeneutik der Bibeltexte entscheidend zur Unterdrückung und Unfreiheit der Menschen beigetragen, mal im eigenen Machtinteresse, mal zur Unterstützung von Kaisern und Königen. Sie hat Hexenverbrennungen durchgeführt und die Folterkeller der Inquisition geschaffen, und nebenbei wurden mit ihrer Hilfe in anderen Ländern ganze Kulturen ausgelöscht. Noch vor wenigen Jahren haben katholische, orthodoxe und muslimische Theologen in Bosnien Waffen gesegnet, mit denen die Freiheit der Menschen der jeweils anderen Religionsgemeinschaft blutig bekämpft wurde. Selbstverständlich immer mit der passenden Bibel- oder Koranauslegung in der Hand.

    Erst Reformation und Aufklärung und später Kapitalismuskritik, soziale Bewegungen und Demokratie brachten die Möglichkeit, sich aus Knechtschaft zu befreien und frei und selbstverantwortlich zu handeln. Diese Freiheit mussten sich die Menschen in oft blutigen und langwierigen Kämpfen und Revolutionen erstreiten. Frauen haben Ihre Freiheit in Deutschland gar erst vor wenigen Jahrzehnten errungen, und prompt wird sie von Theologen z. B. beim Schwangerschaftsabbruch oder der Ehe mit Priestern gleich wieder angefochten. Und heute sehen wir, dass diejenigen Länder, in denen Theologen noch immer das Sagen haben, Saudi-Arabien zum Beispiel und der Iran, zu denen gehören, in denen die Menschen am wenigsten Freiheit genießen oder wie in Utah/USA mit einem weit überdurchschnittlichen Grad an Depressionen zu kämpfen haben.

    Freiheit ist kein gottgegebenes Gut und schon gar nicht ein Gottesbeweis, Freiheit muss immer erkämpft werden, gerade auch gegen die Traditionen von Kirche und Religion. Freiheit wird nur dort wirklich erreicht, wo Glaube und Theologie (und auch die mit Theologie durchaus verwandte Ideologie) in den Hintergrund treten. Und nur dort ist auch die Freiheit des Glaubens, an Gott, Allah, Buddha oder an irgendetwas anderes oder auch an nichts, überhaupt erst möglich.

    6. Ein theologischer Disput kann sehr vernünftig geführt werden, die Argumente können klug und mit wissenschaftlicher Akribie abgeleitet sein. Und wohl kaum ein heutiger Theologe wird dabei auf die Erkenntnisse moderner Natur- oder Gesellschaftswissenschaften verzichten oder diese gar leugnen. Aber kein Theologe kann dabei bestimmte Grenzen überschreiten, Grenzen, die ihm seine Religion vorschreibt und die sich aus den alten Schriften ergeben. Denn wie würde es klingen, wenn der Bischof in seiner Osterpredigt der fassungslosen Gemeinde erklären würde, Jesus sei kein Kind Gottes, sondern ganz natürlich dem vorehelichen Liebesleben von Maria mit Josef oder einem anderen, unbekannten Mann entsprungen, Maria sei keine "Jungfrau" gewesen, sondern nur eine "junge Frau", was aber irgendwann falsch übersetzt wurde, die Hochzeit von Kanaan sei in Wirklichkeit die für einen damaligen Prediger selbstverständliche Hochzeit von Jesus mit Magdalena gewesen, Jesus sei nicht für unsere Sünden, sondern als Aufrührer und Gotteslästerer ans Kreuz gebunden worden und sein Grab sei nur deshalb leer gewesen, weil es eine vorübergehende Leihgabe war und nach drei Tagen geräumt wurde, und seine Auferstehung habe eigentlich auch niemand wirklich beobachtet.

    Dieser Bischof würde fundamentale Glaubenssätze der christlichen Religion nicht nur in Frage stellen, sondern vollständig widerlegen. Er würde damit im eigentlichen Sinn "Wissen schaffen" und althergebrachte Denkstrukturen durchbrechen. Mit seiner Vernunft würde er anerkennen, dass Bibeltexte keine Wissenschaft widerlegen können, die Wissenschaft aber sehr wohl Bibeltexte widerlegen kann. Täte der Bischof dies, wäre er seinen Job los und Glaube, Kirche und Theologie wären plötzlich völlig bedeutungslos. Aber gerade deshalb kann kein Theologe dieses Wissen in seinen Schriften und Predigten verbreiten oder gar verteidigen: Der Theologe hat zwar das Wissen, aber sein Glaube verbietet es ihm, sich dazu offen zu bekennen. Er wird gezwungen, unvernünftig zu argumentieren und zu handeln.

    Und genau da scheiden sich Wissenschaft und Theologie. Während die Wissenschaft durchaus in der Lage ist, sich weiterzuentwickeln, durch neue Erkenntnisse alte Denkmuster und Theorien aufzugeben oder in einen höheren Rahmen zu stellen, kann die Theologie dies nicht. Sie ist in ihren alten Büchern gefangen, neue Erkenntnisse erschöpfen sich in veränderten Interpretationen. Theorien, die sich experimentell überprüfen und ggf. verwerfen lassen, gibt es allenfalls auf Gedankenebene. Eine höhere Ebene als Gott, in die sich dieses oder jenes einfügen und vielleicht besser erklären lässt, ist nicht vorstellbar.

    Und vor allem: Ihr entscheidendes Fundament, nämlich Gott, kann keine Theologie der Welt zweifelsfrei beweisen. An ihn kann man nur glauben, und damit werden auch die vielen Mythen und Mysterien glaubhaft, oder man lässt es und betrachtet all die alten Geschichten der Bibel als das, was sie sind: alte Geschichten. Eine Disziplin aber, die ihre wesentliche Grundlage in dem den Glauben an etwas unbeweisbares hat, hat kein Wissen. Theologie (bzw. Religion, wie es der Titel vom Januarheft formuliert) und Wissenschaft, Glaube und Vernunft, sind daher unvereinbare Gegensätze.

  • Unbeweisbares lässt sich nur glauben

    16.02.2012, Rainer Hamp, Neuburg

    Herr Tapp befasst sich nicht mit dem Titel „Vernunft und Glaube“, sondern beschreibt nur seine Auffassung vom Verhältnis des christlichen Glaubens zur Vernunft. Andere Glaubensrichtungen bzw. Weltanschauungen werden nicht erwähnt.

    Inhaltlicher Hauptmangel: Er vermischt zwei Dinge: 1. Den Glauben an unbeweisbare Wesen, die den Naturgesetzen nicht unterworfen sind, ja diese sogar geschaffen haben sollen (Gott, Engel etc.). Dieser Glaube entzieht sich jeder vernünftigen, wissenschaftlichen Untersuchung; und 2. diesem Glauben nachrangige Fakten, hier vor allem die Bibel. Diese lässt sich auslegen, Entstehungsgeschichte und Inhalt lassen sich wissenschaftlich untersuchen, was oft schon geschah. Dabei zeigte sich, dass das Alte Testament im 7. Jahrhundert vor unserer Zeit entstand, um den Zusammenhalt des damals entstehenden jüdischen Staates zu sichern – es ist also keine göttliche Offenbarung, sondern Menschenwerk. Das neue Testament wurde im 4. Jahrhundert nach unserer Zeit aus politischen Gründen im Wesentlichen auf die vier Evangelisten reduziert, was aber nicht alle Schriften umfasst, die um die Figur Jesus herum entstanden sind.

    Weil die Bibel Jahrtausende alt ist, ergeben sich Widersprüche für unsere Zeit; die von Herrn Tapp genannten und viele andere. Diese will er durch zeitgemäße Bibelauslegung lösen bzw. „abschwächen“. Ausgelegt wurde die Bibel schon oft, was zu mehr als 250 christlichen Religionsvarianten führte, deren Vertreter ihre Auffassung stets als die allein selig machende darstellen. Hier stehen einander Glaubens“wahrheiten“ unterschiedlicher Konfessionen und Religionen starr und hilflos gegenüber, was noch heute Gewaltkonflikte auslöst – eben weil sich „göttliche Wahrheiten bzw. Offenbarungen“, die Grundlagen des Glaubens, mit Vernunft und Wissenschaft nicht untersuchen lassen.

    Allerdings gibt es Bibelstellen, die durch keine Hermeneutik weginterpretiert werden können, so das 1. Gebot, in dem der Christengott seine Rache sogar an Enkeln und Urenkeln von Abtrünnigen auszulassen droht. Viele Stellen zementieren Sklaverei, Frauenfeindlichkeit und fordern sogar zum Töten auf.

    Besonders misslungen erscheint mir sein Versuch das „Theodizeeproblem“ zu relativieren, abzuschwächen. Es bezeichnet folgenden Widerspruch: Es gibt Leid und Elend auf der Erde, obwohl der christliche Gott doch allwissend, allmächtig und gütig sein soll, er also die Welt so hätte konstruieren können, dass es nichts Negatives gibt. Dazu meint Herr Tapp, Gott habe seine Allmacht „selbst beschränkt“! Das ist eine abenteuerliche Vorstellung. Gott schafft sich also – irgendwann? – eine Welt, gibt ein paar Naturgesetze hinein, von denen er genau weiß, dass sie Not und Elend beinhalten, und schaut zu, was passiert? Etwa so, wie bei Stier- oder Hahnenkämpfen, nur bombastischer mit Weltkriegen, Naturkatastrophen usw. Warum sollte er das tun? War ihm in der Ewigkeit langweilig, wie schon Georg Büchner („Dantons Tod“) mutmaßte? Aber eigentlich läuft ja nichts ab, was er nicht schon im Voraus weiß. Es bleibt für ihn also langweilig. „Das Übel“, so Herr Tapp, „könnte von Gott um eines höheren Guten willen in Kauf genommen worden sein.“ Worin besteht dieses „höhere Gute“? Was und wen fördert es? Und Gott muss etwas in Kauf nehmen? Er ist also einer anderen Macht unterlegen? Wann, warum und wie holt er sich seine Allmacht zurück? Was macht er dann? Fragen über Fragen. Der Widerspruch bleibt hart.

    In dieser Art und mit vielen Fremdwörtern und sprachlichen Nebelgranaten (siehe auch den Kasten mit den „Gottesbeweisen“) versucht Herr Tapp dem Glauben einen wissenschaftlichen Anstrich zu geben. Der Begriff Theologie ist in sich widersprüchlich. Theo meint Gott, aber der ist logisch, also mit dem Verstand nicht nachzuweisen. Inwiefern es für die Gesellschaft Vorteile hat, Theologie an staatlich finanzierten Universitäten zu lehren – ein teures Privileg für die beiden großen christlichen Konfessionen neben ihren vielen anderen Privilegien – bleibt unerfindlich. Die von Herrn Tapp genannten sind nicht stichhaltig.

    Der Artikel bietet weitere Angriffsflächen. Wichtig ist meines Erachtens, dass in einer zunehmend globalisierten Welt der säkulare Staat die einander widerstrebenden Religions- bzw. Weltanschauungsauffassungen unter gesetzlicher Kontrolle hält. Seine Gesetze müssen über den diversen „Wahrheiten“ und Dogmen der Religionsgemeinschaften stehen. Grundlagen dieses Staates müssen allerdings Menschenrechte und Demokratie sowie eine strikte Trennung von Kirche und Staat sein.

  • Gähnende Schwarze Löcher

    15.02.2012, Roman Gut
    Das Gute zuerst: Ich lese Spektrum sehr gerne. Jetzt das Unbefriedigende: Im Februarheft werden Schwarze Löcher erwähnt, und fürs Märzheft wird ein weiterer Artikel über Schwarze Löcher angekündigt. Ich habe den Eindruck, dass dem Thema Astronomie zu viel Gewicht beigemessen wird. Aber vielleicht empfinde ich das bloß so, weil mich das Thema "Sonnen und Planeten - sind sie warm, kalt, groß, klein, nah oder fern? (...)" langweilt.

    Themen, die mich interessieren, sind Tiere, Computer, Sprache, Umwelt. Zum Beispiel würde mich die Rechtschreibreform in China sehr interessieren und auch, ob eine solche für das unlogisch und kompliziert aufgebaute Englisch geplant und durchführbar ist.
  • Nicht das Erdbeben, sondern Sorglosigkeit

    15.02.2012, Michael Khan
    Sehr geehrter Herr Lingenhöhl,

    In Ihrem ansonsten sehr lesenswerten Artikel beginnen Sie mit dem Satz: "Das schwere Beben, das am 11. März 2011 die Region nördlich von Tokio getroffen hat und neben einem verheerenden Tsunami auch die Havarie der Kernreaktoren von Fukushima-Daiichi verursachte, könnte langfristig das seismische Risiko vor Ort beträchtlich erhöht haben."

    Es mag vielleicht kleinlich von mir erscheinen, wenn ich mich an dieser Formulierung störe, aber ich denke, dass die Benennung der tatsächlichen Ursachen unumgänglich ist. Ihre Formulierung legt nahe, dass das Erdbeben oder der nachfolgende Tsunami ursächlich an der Havarie der zu diesem Zeitpunkt drei aktiven Reaktoren beteiligt waren. Formal ist es natürlich richtig, dass ohne das Erdbeben und den Tsunami diese Havarie nicht stattgefunden hätte. Aber ein so einfacher Zusammenhang wie "Erdbeben macht Reaktor kaputt", der in der allgemeinen Presse ad nauseam wiederholt wurde und deswegen in der Öffentlichkeit als Tatsache aufgefasst wird, ist de facto nicht gegeben, wie nicht nur die von japanischen Stellen, sondern auch von der IAEO und der deutschen GRS publizierten Informationen zeigen.

    Ursächlich für die Havarie war - falls es gegenteilige Informationen gibt, würde mich das interessieren, denn ich habe bis jetzt von informierter Stelle nichts Gegenteiliges gelesen - war die Kernschmelze in den Blöcken 1-3. Diese wurde durch die Nachzerfallswärme ausgelöst, die aufgrund des Ausfalls der Notkühlung nicht aus den Reaktorkernen abgeführt werden. Die Notkühlung fiel etwa nicht wegen eines Defekts in den Kühlsystemen aufgrund des Erdbebens oder des Tsunami aus, sondern wegen des Ausfalls der Notstromversorgung und der Überschwemmung des meerseitigen Zulaufs. Die Notstromversorgung fiel auch nicht Beschädigung durch das Erdbeben aus, sondern deswegen, weil die Notstromdiesel in unterirdischen Räumen installiert waren und die Zugänge zu diesen Räumen nicht gegen das Eindringen von Wasser gesichert waren, als das Gelände vom Tsunami überschwemmt wurde.

    Die Blöcke 1-3 der Anlage Fukushima Dai-ichi liefen bis zum Eintritt des Erdbebens unter Last. Die Blöcke 4-6 waren abgeschaltet, bei Block 4 waren die Brennelemente entnommen und im Abklingbecken gelagert. Der Eintritt des Erdbebens löste die Reaktorschnellabschaltung aus. Knapp eine Stunde später erreichte die erste einer Serie von Tsunami-Wellen die Anlage und überschwemmte das Gelände meterhoch. Es ist nicht dokumentiert, dass Erdbeben oder Tsunami-Schäden an den Reaktorblöcken selbst verursachten, die als ursächlich für die schwere Havarie gesehen werden können. Hier klaffen die öffentliche Wahrnehmung und die Realität weit auseinander. Erdbeben und Tsunami haben die Reaktoren nicht kaputt gemacht.

    Ursache für die Reaktorhavarie waren einige nicht ausreichend hohe Schutzmauern um die Meerwassereinspeisung und nicht ausreichend starke Stahltüren an Gebäuden - also unglaubliche Sorglosigkeit seitens der Anlagenbetreiber.

    In der Anlege Fukushima Dai-ni, die in etwa eben so weit vom Epizentrum entfernt war und ebenso nahe an der Küste steht, nur auf einige Meter höherem Grund, und die weitgehend ähnlich der Anlage Dai-ichi ist, blieb die schwere Havarie aus: Einziger Unterschied dort: Aufgrund der etwas höher über dem Meeresspiegel gelegenen Anlage kam es nicht zur Überschwemmung der Dieselgeneratoren. Dort fiel die Notkühlung nicht aus, und die Katastrophe blieb aus.

    Hier habe ich Einiges zu diesem Thema geschrieben, ebenso zum ebenfalls einem hohen Überschwemmungsrisiko ausgesetzten Kraftwerk Hamaoka. Es werden explizit Quellen zitiert, die Belege für das oben Gesagte liefern.

    http://www.scilogs.de/kosmo/blog/go-for-launch/allgemein/2011-05-25/kernkraftwerk-hamaoka-in-japan-ma-nahmen-zum-weiterbetrieb

    Michael Khan
  • Guter Artikel

    14.02.2012, Clemens W.
    sehr gut und interessant geschrieben.
  • Antwort auf Herrn Eichhorn

    13.02.2012, Rudi Gems
    Nun ja, Herr Eichhorn, einer solchen Ansicht über Gott, und damit über Glauben, kann sich wohl kaum einer verschließen. Damit dürften Sie sich bei den Religionen, aber ziemlich unbeliebt machen. Die "Glauben" ganz andere Sachen. Dass ein intelligenter Mensch es kathegorisch ausschließt, dass es einen Schöpfer, Gott oder "Kraft" gibt, die bei der Evolution ihre "Hand" im Spiel hatten, habe ich noch nicht kennen gelernt. Meist nennen sie sich Agnostiker.

    Ja, das Beispiel mit dem Licht, nehme ich auch gerne. Aber, auch die heisenbergsche Unschärferelation oder die Materiewellen von de Broogli. Ja, auch in der Physik, gibt es Dinge, die nachdenklich machen und einen Zweifeln lassen, ob wir wirklich so viel wissen, wie wir uns immer einbilden.

    Ganz neben der Spur, finde ich es aber, wenn Religionen, solche Erkenntnisse nutzen wollen, um ihren Gott damit zu "beweisen". Insbesondere dieses Scheusal in der Bibel, das selbst in seinem Buch eine Unzulänglichkeit nach der anderen dokumentiert und zu dem Ergebnis kommen muss, dass alles, was es sich vorgenommen hat, in die Hose gegangen ist, dürfte kaum geeignet sein, dieses "Wesen" (Gott etc.) zu sein. Nichts hat letztlich dauerhaft funktioniert, so steht es jedenfalls in den Büchern.

    Ob so ein "Wesen" (Erscheinung, Kraft, Gott, etc.) allmächtig ist, halte ich für eine gewagte Theorie. Dann sähe es hier auf der Erde wohl ganz anders aus. Ich gehe jedenfalls davon aus, dass für so ein "Wesen" auch die physikalischen Gesetze gelten. Etwas anderes ist es mit der Weitsicht in die Zukunft. Hier scheint dieses Wesen, tatsächlich über Fähigkeiten zu verfügen, die wir nur bruchstückhaft wahrnehmen können, und wo er wohl über eine, dem Menschen nicht zugängliche "Dimension" verfügt. Aber auch hier ist es nicht allmächtig. Es passieren kleine Fehler, die es aber statistisch ausgleichen kann.

    Die Erde ist für dieses Wesen ein Ball mit vielen Risiken. Der Tod hat kaum Bedeutung für dieses Wesen. Wenn es sein muss, knallt es einen Kometen auf die Erde und vernichtet damit über 90% der Lebewesen. Es gehört eben nicht zu seiner Gerechtigkeit, dass alle Lebewesen ein maximales Alter erreichen.

    Für intelligente Menschen ist die Frage nach einem Gott nicht so wichtig. Wenn es ihn gibt, ist es gut, wenn es ihn nicht gibt, ist es auch gut. Intelligente Menschen, überlegen lieber, wie sich wohl dieses Wesen, ein Leben vorstellen könnte, das in seinem Sinn wäre, und danach leben sie. Für sie ist Gerechtigkeit, Gleichheit, Ethik, Humanismus, Vernunft und intelligenz im Zusammenleben wichtiger als die Suche nach einer Religion und nach einem religiösen Leben.

    Bleibt also zum Schluss, die Frage, wo Raum für Glauben bleibt? Ganz ehrlich, ich bin überfragt.
  • Zum Thema Realität

    13.02.2012, J. Sailer
    Ich finde es traurig, dass sich Gläubige darauf hinausreden, dass unsere Realtiät ggf. nicht (ganz) erfahrbar wäre. Ich denke dass die ganze Realität nie erfahrbar sein wird, aber dass der Wahn in dem ein streng Gläubiger lebt noch viel weiter entfernt von der Realität ist, die wir ohnehin bereits erfahren können, weil die Wahrnehmung eines Gläubigen durch Religiösität ohnehin bereits stark manipuliert bzw. eingeschränkt ist.

    Bezogen auf das Theodizeeproblem muss ich fragen, wieso uns Gott (falls er existiert) nur so viel Realität erleben lässt, dass wir als unvollkommene Schöpfung daraus schließen, dass Gott entweder nicht gut oder nicht allmächtig ist.

    Und generell kommt hinzu, dass Gott uns den Verstand gibt, aber es nicht von Verstand zeugt an Gott zu glauben.

    Wie um Himmels Willen soll man an ein allwissendes Wesen glauben, dass von vornherein wusste, dass es Fehler macht, die sich dann auch noch hochgradig negativ auf die Lebewesen auswirkt, die dieser Gott auch noch unendlich liebt? Ich gehe davon aus dass 99 % der Menschen auf unserem Planeten mit göttlichen Fähigkeiten besser handeln würden!

  • Vergleich mit "normalen" Wintern?

    13.02.2012, Jutta Paulus
    Es wäre ja interessant, nicht nur die letzten 10 Winter, die verglichen mit dem langjährigen Mittel deutlich zu warm waren, zum Vergleich heranzuziehen, sondern die in diesem Winter aufgetretenen Temperaturen mit dem Mittel der letzten 100 Jahre zu vergleichen! da würde sich die Kälte sicher relativieren.
  • deutsche Übersetzung nicht zu empfehlen!

    11.02.2012, Ivo Hedtke
    Laut Prof. Lewin ist die deutsche Übersetzung nicht zu empfehlen!
    -) Das Cover ist schlecht und enthält Fehler.
    -) Man hat ohne Rücksprache seinen Text gekürzt.
    -) Zitat: "The German version does not have the fabulous colored photos either; all photos were deleted. ... if your English is good enough buy the Recently released paperback."
  • Vahrenholt arbeitet nicht als Wissenschaftler - er ist Angestellter von Europas größtem CO2-Emittenten

    11.02.2012, Raimund Kamm
    Auch Außenseiterarbeiten können nutzen. Bei Herrn Vahrenholt muss man jedoch dreierlei feststellen:

    1. Er arbeitet nicht als Wissenschaftler, geschweige denn als Klimaforscher
    2. Er arbeitet als Angestellter von RWE. Und diese Firma ist mit ihren veralteten Kohlekraftwerken Europas größter CO2-Emittent.
    3. Er hat sich in den letzten Jahren mit vielen abstrusen Äußerungen selber disqualifiziert.



  • Bibel mit archäologischen Funden bestätigt

    11.02.2012, Timo
    Zunaechst einmal muss das Volk Israel zur Zeit Merenptah bereits bedeutend gewesen sein, sonst haette der Pharao dieses Volk nicht auf dieser Stele verewigt! Anzunehmen, dass Israel nur kurz vor Merenptah die historische Buehne betrat ist somit absurd! Nimmt man an, dass der Auszug Israels zwischen 1500 bis 1200 v. Chr. stattgefunden hat, laesst sich auf dem Gebiet des heutigen Israel sehr wohl ungewoehlicher Bevoelkerungszuwachs feststellen, der in drei Etappen ueber Israel kam. Nimmt man die Bibel als Geschichtsbuch und nimmt sie nicht woertlich, lassen sich fast alle Ortschaften finden, die die Bibel erwaehnt. Der Auszug Israels muss mit dem Hintergrund der Seevoelker und Hyksos gesehen werden und hat dementsprechend durchaus stattgefunden. Der Dokumentarfilm "Exodus" von Simcha Jacobovici zeigt z. B. Goldschmuck auf, der in einem griechischen Museum oeffentlich ausgestellt wird. Darauf sind unter anderem zu sehen, die Bundeslade und Darstellungen des Exodus. Bisher hielt es noch kein Archaeologe fuer noetig diesen Goldschatz wissenschaftlich zu untersuchen. Er koennte Beweise oder zumindest wichtige Hinweis auf den Exodus und der Entstehung Israels und deren Geschichte liefern. Das Jericho nicht wie in der Bibel ueber starke Mauern verfuegte wird zu lasten der Bibel ausgelegt. Dass aber Jericho durchaus durch schwere Kaempfe in der Zeit des moeglichen Auszugs Israels zerstoert wurde, laesst sich jedoch wissenschaftlich belegen! Also zeigt die Bibel durchaus auf, was damals geschah. Auch wenn nicht alle Koenige wie z. B. Salomo und David in Israel nachgewiesen werden koennen, so lassen sich dennoch saemtliche Bauwerke dieser Koenige anhand der Bibel identifizieren. Das Problem der Wissenschaft ist jedoch, dass die Datierungen nicht stimmen. Es ist aber in der Wissenschaft altbekannt, dass die Datierungen gerade im aegyptischen Raum warhscheinlich aus bekannten Gruenden voellig falsch sind! Warum ist man nicht mutig genug und geht den Berichten z. B. der Bibel von einem ganz anderen Ansatz an. Bisher konnten die Aussagen der Bibel in den meisten Faellen mit archaeologische Funde bestaetigt werden!
  • Wem nutzt der Klimastreit und können wir uns das noch lange erlauben?

    10.02.2012, Eberhard Bieski
    Ich kann und will auch nicht die Glaubwürdigkeit ernsthafter Wissenschaftler in Frage stellen, noch
    wissenschaftlich beurteilen, wie hoch der Wahrheitsgehalt in den unterschiedlichen Auffassungen zu einem eventuellen von Menschen verursachten Klimawandel sind. Auch wissenschaftliche Hypothesen und ihre Ergebnisse sind immer subjektiver Natur und stark von der grundsätzlichen Einstellung des Einzelnen abhängig.

    Gefährlich wird es aber, wenn andere Auffassungen und Argumente verteufelt werden. Wer annähernd Recht hatte, entscheidet sich leider immer erst in der Zukunft. Wenn tatsächlich eine von Menschen verursachte Erwärmung sich wissenschaftlich abzeichnet, werden weder die unterschiedlichen Auffassungen der Klimaforscher, noch die Menschen in Europa einen wesentlichen Beitrag zur Beeinflussung der Ursachen leisten können. Allein schon die weiter anstehende enorme Zunahme der Menschheit, gepaart mit einem immer weiter zunehmenden globalen Energiehunger stehen dem im Wege.

    Außerdem sind ja noch längst nicht alle das Klima verändernden Fakten eindeutig erforscht. Wenn es wissenschaftlich unstrittig ist, das die globalen Temperaturen steigen, sollte man sich auf ein Leben mit diesen einstellen. Statt wissenschaftlichen Streit über die derzeit nicht zu ändernden Ursachen und bei noch längst nicht ausreichenden Fakten unter das breite Volk zu bringen, wäre es dringend notwendig sich mit den Auswirkungen einer solchen Katastrophe zu befassen und sich auf geeignete Maßnahmen zu Minimierung der Folgen einzustellen. Wissenschaft sollte sich sehr davor hüten, auch nur den Anschein zu erwecken, ihre Erkenntnisse von wirtschaftlichen-, ökonomischen-, aber auch politischen Interessengruppen beeinflussen zu lassen.
  • Zeh und Bojowald

    09.02.2012, Norbert Hinterberger, Hamburg
    Zu 'Physik ohne Realität' (Springer-Verlag Berlin Heidelberg, 2012) von H. Dieter Zeh und 'Zurück vor den Urknall' (S. Fischer-Verlag, 2010)von Martin Bojowald:

    Die Schrödingergleichung ist die wohl bestgestützte Gleichung, über die die Physiker verfügen. Ihre geradezu notorische Bewährung in allen Experimenten legte offenbar schon sehr früh nahe, dass sie universell gültig sein könnte.

    Heinz Dieter Zeh kritisierte schon 2008 (im SPEKTRUM, 04, 08, S. 32) erneut die pragmatistische Kopenhagener Interpretation der Quantenmechanik, die permanent inkonsistent zwischen Quantenbegriffen und klassischen wechselt – im Stil des antirealistischen bzw. pragmatischen „doublethink“, dem sich immer noch viele Physiker anvertrauen. Er macht das wieder von seiner konsistenten Theorie der Quantendekohärenz (1970) aus. Konsequent quantenphysikalisch zu argumentieren, heißt für ihn, dass man, anders als bei den Kopenhagenern, „auch den Beobachter und den ‚Rest der Welt’ in die quantenmechanische Beschreibung einbezieht“. Wenn man das täte, lande man „bei der Everett-Interpretation, wonach die Quantensuperposition aller Messergebnisse weiterhin existieren muss“ – eine Konsequenz der Dekohärenz.

    Ferner beklagt er zu Recht, dass die Dekohärenz „zwar in aller Physiker Munde“ sei, häufig genug aber ganz und gar missverstanden, bis hin zu der Vorstellung, dass sie „Ensemble erzeuge oder den Kollaps der Wellenfunktion beschreibe und somit Everett-Welten zu vermeiden gestatte. Das ist jedoch reines Wunschdenken, denn genau das Gegenteil ist richtig!“ (H. D. Zeh, Wozu braucht man „Viele Welten“ in der Quantentheorie, 2007, Web-Essay - www.zeh-hd.de)

    In seinem Buch von 2012 findet sich nun eine Sammlung von neueren und älteren Aufsätzen und Essays, die sich trotz ihrer fachlichen Schwierigkeiten für einen kritischen Realisten wie eine Erlösung von der antirealistischen Kopenhagener ‚Nicht-Interpretation’ liest. Aber darauf hat ja schon Wolfgang Steinicke sehr schön und kompakt in seiner Rezension aufmerksam gemacht. Ich möchte deshalb unter Bezugnahme auf dasselbe Buch und auf Bojowalds wichtiges Buch Zurück vor den Urknall (S. Fischer Verlag, 2010) in aller gebotenen Kürze versuchen, die Kompatibilität dieser beiden Kosmologen bezüglich der Begriffe „Kollaps“ und „Dekohärenz“ zu überprüfen.
    Es scheint bei Bojowald eine nichteindeutige Verwendung der Begriffe Kollaps und Dekohärenz zu geben:

    „(…) so bringt eine Messung an einem quantenmechanischen System dieses in einen definitiven Zustand durch den Kollaps der Wellenfunktion.“ - Martin Bojowald, Zurück vor den Urknall (S. 62.)

    Diese Bemerkung ist, angesichts des immer noch sehr einflußreichen (‚Kopenhagener’) Verständnisses des Begriffs „Kollaps der Wellenfunktion“ mindestens ambivalent. Man könnte sie sogar als falsch bezeichnen, wenn man nicht aufgrund des Kontextes, den Bojowald insgesamt anbietet, annehmen müsste, dass er damit den Vorgang der Dekohärenz meint – und einen „scheinbaren“ Kollaps, wie auch Zeh. Der erklärt den beschriebenen Vorgang mit dem Dekohärenz-Begriff. In seinem neuesten Buch Physik ohne Realität: Tiefsinn oder Wahnsinn? (Springer, 2012, S. 25.) schreibt er:

    „Die empirisch begründete Dynamik der Wellenfunktionen führt (…) dazu, dass zwei wechselwirkende Systeme nicht einzeln, sondern nur gemeinsam eine solche ‚besitzen’ können.“

    Durch die Bezeichnung ‚Dekohärenz’ gerät im Übrigen wohl zumindest für den physikalischen Laien auch gerne mal in den Hintergrund, dass ja bei jeder Dekohärenz des jeweils gestörten Systems (also des vermeintlichen „Kollapses“), wenn man nur dessen Störung betrachtet, zwangsläufig eine neue und größere Superposition des nun übergeordneten Systems (‚gestörtes System’ mit ‚störendem System’, also eine Weiterverzweigung der Wellendynamik) entsteht.

    Zeh schreibt:

    „Genau diese Nichtlokalität hat zur Vorhersage der Ergebnisse der Bellschen Experimente geführt. Denn wenn die beiden Quantenobjekte, die ursprünglich in Wechselwirkung standen, nur einen gemeinsamen Zustand (eine gemeinsame Realität) besitzen, so ergibt sich daraus, dass die Messung an einem davon uns auch etwas über das andere sagt. Man muss also konstatieren, dass die Quantenmechanik bei dem Versuch, die Wirklichkeit zu beschreiben, den Begriff lokaler realer Zustände aufgeben muss – nicht aber den einer global definierten Realität.“ (S. 25)

    Die Behauptung des Kollapses der Wellenfunktion betrachtet Zeh übrigens an anderer Stelle als Äquivalent zur Behauptung, die Wellenfunktion würde im Falle der Messung ungültig. Das war (insbesondere, da Zeh die Wellenfunktionen nicht nur als formale Gleichungen, sondern auch als physikalisch existent betrachtet) eine scharfe Kritik an der Kopenhagener Interpretation, die sich ja auch für die subatomaren Beobachtungen bzw. Messungen resignativ auf die klassische Physik zurückgezogen hatte. Sie wollten also gar nichts mehr zu den quantenphysikalischen Verhältnissen sagen, außer, dass die Wellenfunktion eben während der Messung kollabiere. Das war natürlich als Erklärung für scheinbare Punktteilchen gedacht. Das hieße aber, dass auch alle anderen Wechselwirkungen in der Natur zu jeweiligen ‚Kollapsen’ führen müssten, denn sie sind physikalisch äquivalent zu Messungen.

    Was Bojowald als Kollaps bezeichnet, scheint dagegen der Vorgang der Dekohärenz zu sein, bei dem die physikalische Wellenfunktion in mehrere irreversibel verschiedene Teilwellenfunktionen auf gespalten wird (unsere klassische Welt ist dann nach Zeh nur eine Teil-Sicht dieser physikalischen Funktionen, nämlich die, die wir zufällig – im Sinne von prinzipiell unvorhersehbar - gemessen haben). Alle Eigenschaften, die das beobachtete System besitzt, können dabei aber jeweils eine eigene Teilwellenfunktion gestalten. Der Vorteil dieser physikalischen Interpretation der Wellenfunktion: Redet man über alle Teilwellenfunktionen als globale Einheit, kann man zwanglos alle scheinbaren Widersprüche der Wellenüberlagerungen (Katze tot und Katze lebendig) erklären – sie existieren eben unabhängig voneinander in jeweils eigenen Teilwellenfunktionen. Und wenn man die nicht gleich als verschiedene „Welten“ (im Sinne Everetts), sondern einfach erst mal neutraler als Teilwellenverzweigungen (ohne kausalen Einfluss aufeinander) bezeichnen will, insbesondere da sie ja auch nach Zeh selbst in ein und demselben Universum (nämlich in unserem) existieren (welches die gesamte Superposition aller Wellenfunktionen bildet), gelangen wir damit zu einem Realismus, der nicht nur dem resignativen Antirealismus der Kopenhagener klar überlegen ist, sondern vielleicht auch den Ableitungen proliferativer Universen der String-Theoretiker. Denn Bojowald und Zeh kommen beide mit einem Universum aus. Bojowald insistiert überdies ebenso stark wie Zeh darauf, dass wir uns von dem gängigen (bzw. unverstandenen) Teilchenbegriff verabschieden müssen und hält ebenso die Wellenfunktionen (über die ja ohnedies jedes ‚Teilchen’ verfügt – wie wir aus den Schirm-/Schlitz-Experimenten wissen) für primär.
    Ich halte den scheinbaren Gegensatz von Bojowald und Zeh also für eine reine Begriffsverwirrung bei prinzipiell gleicher Sichtweise, was die Konsequenzen des Messvorgangs angeht. Man sieht das auch ganz gut an Bojowalds Schilderungen (Zurück vor den Urknall, S. 82). Er schreibt dabei ganz ähnlich wie Zeh, dass die „Verschränkung von Wellenfunktionen sehr empfindlich auf winzige Störungen“ reagiert: „Schon einzelne Luftteilchen oder Licht oder, in einem dunklen Vacuum, Wärmestrahlung beeinflusst die Wellenfunktionen so sehr, dass sie in einem Dekohärenz genannten Prozess, gleichsam in Reizüberflutung ihre vorherige Verschränkung vergessen.“ Der Mechanismus, den er für die Dekohärenz angibt unterscheidet sich allerdings etwas von Zehs Interpretation: „ In diesem Meer von unregelmäßigen Störungen gehen die Details der verschränkten Interrelation unter. Ähnlich sieht auch die Welt auf großen Skalen klassisch aus, weil die Fluktuationen und Verschränkungen leicht zerstört werden. Im Kleinen allerdings, in der mikroskopischen Physik oder in sehr genau konstruierten Experimenten, können Störungen oft lange genug in Schach gehalten werden, so dass sich hier die ungewohnte Welt der Quantenphysik enthüllt.“ Und über Schrödingers Katze sagt er: „Die Atome der Substanz befinden sich streng genommen zwar in einer Überlagerung, aber der Beitrag des zerfallenen Zustandes ist sehr klein.“ (S. 82.)
    Zeh würde diese Beschreibung vermutlich als inkonsequent betrachten und behaupten, dass die beiden Zustände (zerfallen/nicht zerfallen) in diesem Moment in zwei verschiedenen sich aufspaltenden Wellenverzweigungen (allerdings nun ohne kausalen Einfluss aufeinander) weiterexistieren, denn das folgt aus der Schrödingergleichung. So jedenfalls kann kein Widerspruch und auch keine ‚plötzliche Ungültigkeit’ („Kollaps“) der Wellenfunktion auftreten. Die klassischen Messresultate (zerfallen oder eben unzerfallen) würden rein subjektiv für die jeweiligen Beobachter auftreten. Redet man von der klassischen Position aus von einer Tot-Lebendig-Überlagerung (wie kurz oder schwach auch immer), ergibt sich ein kontradiktorischer Widerspruch. Das findet laut Zeh dann nämlich in einer einzelnen Wellenverzweigung statt, die wir (subjektiv) für die komplette Welt halten. Subjektiv in dem Sinne, dass in jeder anderen Wellenverzweigung andere Kopien von uns existieren, die dann konsequenterweise ebenfalls nur subjektiv urteilen. Das war vermutlich auch der Grund für den resignativen Rückzug der Kopenhagener auf die klassische Messsituation, in der die Quantenverhältnisse einfach als irrelevant ignoriert wurden. Zeh und andere haben dagegen darauf aufmerksam gemacht, dass dieser Antirealismus nicht die Quantenwirklichkeit beschreiben kann. Quantenphysikalisch schlüssig müssen im Falle von Dekohärenz (die eben bei jeder beliebigen Wechselwirkung auftritt, nicht nur bei Messungen) alle Überlagerungs-Zustände in sich aufspaltenden Teilwellen unabhängig voneinander weiter existieren bzw. sich weiter entwickeln. Nur so kann man anscheinend den logischen Widerspruch A&~A (tot-und-lebendig) vermeiden. In der gesamten Wellenfunktion entwickeln sich beide Zustände zugleich objektiv (jeder in seiner unabhängigen Wellenverzweigung) weiter.

    Wie sich die Wellenvorstellung auch für „scheinbare“ Teilchen bei Zeh sozusagen ‚immer weiter ausbreitet’, kann man in seinem jüngsten Web-Essay („Die sonderbare Geschichte von Teilchen und Wellen“) verfolgen.



  • Theodizeeproblem

    09.02.2012, Patrick Sele
    Prof Tapp schreibt: "Trotzdem bleibt das Übel ein gewichtiges Argument gegen den Theismus (evidential problem of evil)."

    Dies ist vielleicht nicht mehr lange der Fall. Im Thread zum unten stehenden Blog sind Argumente für die Vereinbarkeit des Übels in der Welt (einschliesslich des tierischen Leids) mit dem christlichen Theismus formuliert, die möglicherweise nicht widerlegt werden können:

    http://www.greatplay.net/essays/is-god-good-part-ii
  • Ballett der Denkfiguren

    09.02.2012, Manfred Peters
    Glaube versus Vernunft gehört nicht in das Spektrum der Wissenschaft, sondern in das Ballett der Denkfiguren. Dass die Theologie zum Gründungskanon der Universitäten gehört, ist kein Gegenargument.
    Theologen beschäftigen sich ungern mit der Frage, wann Gott in seiner unendlichen Güte die Entscheidung gefällt hat, das Säugetier Mensch, von den anderen Spezies als eine besondere zu trennen. Alle evolutionären Merkmale der Herkunft sind erhalten geblieben, ganz wenige hinzugekommen. Verhalten, Gehirn, Stoffwechsel, DNA alles evolutiv herleitbar, mit offenem Lernpotenzial. Und dann noch die zahlreichen auserwählten Völker, aber andere nicht. Alles Verhalten herleitbar und plötzlich, irgendwann, wurde es zur Sünde. In der Geschichte der Religionen zeigen Gottes Befehle geradezu beispielhaft evolutiv Richtungslosigkeit. Und immer gab es Hermeneutiker und in deren Gefolge Dogmatiker bis hinunter zum Gemeindeaufpasser, die das alles zum Glauben verdichtet haben, der zahllosen Menschen Gottes Gnade nicht angedeihen ließ. Stattdessen in tiefstes Unglück stieß. Gelehrte Semantik macht das nicht leichter verdaubar.
    Mehr Text zur Windenergie wäre hilfreicher gewesen.