Lesermeinung - Spektrum der Wissenschaft

Ihre Beiträge sind uns willkommen! Schreiben Sie uns Ihre Fragen und Anregungen, Ihre Kritik oder Zustimmung. Wir veröffentlichen hier laufend Ihre aktuellen Zuschriften.
  • Gegenseitige Befruchtung statt Widerspruch

    23.03.2011, Dr. Dieter Spies, Egmating
    Bei den beiden Artikeln des ersten Teils des Philosophiethemas habe ich den Eindruck, dass beide ängstlich darauf bedacht sind, die Erkenntnisse der Neurowissenschaften einzubeziehen bzw. ihnen ja nicht zu widersprechen. Wenn aber Philospohie und Neurowissenschaften je ihrem Wesen treu bleiben, kann es gar keinen Widerspruch geben: Die Philosophie versucht die Bedingungen der Möglichkeit von Erkennen überhaupt und des naturwissenschaftlichen Denkens im Besonderen zu begreifen und zu beschreiben, die Naturwissenschaften gewinnen ihre Erkenntnisse innerhalb ihres Bedingungs- und Methodenrahmens.

    So kann z.B der Versuch, im zweiten Artikel Freiheit so zu definieren, dass der Neurowissenschaftler als solcher zustimmen muss, nur scheitern: Wenn der Autor des zweiten Artikels als Voraussetzung der Freiheit die Abwesenheit von inneren und äußeren Zwängen bezeichnet, so ist dies ein philosophisch durchaus diskussionswürdiger Ansatz, aber ein Neurowissenschaftler wird nur zwingend kausal-determinierte Abhängigkeiten, also Zwänge beim menschlichen Handeln finden, weil es eine Denkkategorie "Freiheit" in den Naturwissenschaften gar nicht gibt und was von vornherein im naturwissenschaftlichen Denkrahmen als Möglichkeit ausgeschlossen ist, kann auch nicht gefunden werden. Sollte nun ein Neurowissenschaftler folgern, dass es freie Akte nicht gebe, so hat er seine Wissenschaft verlassen und befindet sich auf spekulativem gegebenenfalls philosophischem Gebiet, denn, was es als Denkmöglichkeit naturwissenschaftlich nicht gibt, kann nanturwissenschaftlich auch nicht geleugnet werden. Die Philosophie muss also gegebenenfalls den Neurowissenschaftler auf seine naturwissenschaftlichen Denk- und Methodenkategorien hin- und zurückweisen. Sie selbst kann aber zusätzliche Denkkategorien postulieren, um das "ganze" Leben erklären zu können und um damit z.B. zur kantischen Aussage der "Kausalität durch Freiheit" zu kommen.

    Widerspruch kann es also eigentlich nicht geben, aber gegenseitige Befruchtung sehr wohl. Zwei Beispiele: Wenn die Physik sich in der Quantentheorie genötigt sieht, indeterministische Phänomene anzumehmen und somit ihren eigenen Denkrahmen zu sprengen, dann muss dies das Interesse der Philosophie wecken. Oder wenn Neurowissenschaftler von im Gehirn ankommenden elektrochemischen neuronalen Impulsen unvermittelt - und völlig unwissenschaftlich - aussagen über die Entstehung und das Wesen von Bewusstsein machen, dann muss das die Philosophie auf den Plan rufen.
  • Erdbeben als Auslöser

    23.03.2011, Ditmar Friedli, Witterswil, Schweiz
    Im Alpenraum, wo sich seit der letzten Vergletscherung ebenfalls dramatische Bergstürze ereignet haben, gilt der Rückzug der Gletscher als häufige Ursache: Hänge wurden nicht mehr vom Eis gestützt und glitten zu Tal. Diese Ursache könnte durchaus auch für das in der Kaltzeit von Gletschern durchflossene Industal zutreffen. Weiterhin ist dort vorstellbar, dass Talflanken durch die Tiefenerosion der Gebirgsflüsse zu steil werden und nach einem Erdbeben oder Starkniederschlag abrutschen. Schließlich darf man auch nicht das Auftauen des Permafrosts infolge der Klimaerwärmung vergessen. Der im Artikel erwähnte Bergsturz von Randa ist möglicherweise darauf zurückzuführen, dass das Eis in den Klüften des Talhangs das Felsgestein nicht mehr zusammenhielt.

    Für mich kommen Beben eher als Auslöser und nicht so sehr als primäre Ursache für die Bergstürze in Betracht.
    Antwort der Redaktion:
    Sie haben Recht, dass auch die von Ihnen aufgelisteten Phänomene das Grundgestein Hunderte von Metern tief destabilisieren und somit Bergstürze und Muren auslösen können – doch manche erst im Lauf von Jahrhunderten oder gar Jahrtausenden. Beispielsweise ging jener Felslawine im Gebiet des Bualtar-Gletschers im August 1986, die mein Interesse an dem Thema weckte, kein Erdbeben voraus. Wahrscheinlich war das Gestein durch den schwindenden Gletscher, vielleicht auch durch auftauenden Permafrost allmählich brüchig geworden. Als unmittelbarer Auslöser kommen extreme Schmelzwasser nach einem außergewöhnlich schneereichen Winter und Frühling sowie heftige Niederschläge im Sommer mit in Frage. Damals rutschten gut 20 Millionen Kubikmeter zu Tal.

    Megabergstürze, deren Volumen um mindestens einen Faktor 100 größer ist, erfordern aber tiefer gehende Störungen des Grundgesteins und vor allen Dingen weit mächtigere »Trigger«. Erdbeben sind ein guter Kandidat dafür, insbesondere Megaerdbeben der Stärke 8 und mehr auf der Richterskala. In diesen könnten sich tektonische Spannungen auf einmal entladen, die sich über Jahrhunderte oder gar Jahrtausende aufgebaut haben. Das könnte auch nicht erklären, warum Megabergstürze in der Vergangenheit des Karakorum Cluster bildeten, also zur gleichen Zeit und im ganzen Gebiet räumlich verteilt auftraten. Wohl gemerkt ist das derzeit ein Modell, doch es passt gut zu den bisherigen Daten und Beobachtungen.



    Kenneth Hewitt, Wilfried Laurier University, Waterloo, Kanada

  • Die Unentscheidbarkeit der Willensfrage

    22.03.2011, Fabian Hauser, Gauting-Stockdorf
    Die Frage der Willensfreiheit ist meiner Meinung prinzipiell unentscheidbar. Mir scheint, dass diese Vermutung bei Diskussionen über das Für und Wider der Freiheit des Willens nicht ausreichend berücksichtigt wird. Folgende Argumente sprechen meiner Ansicht nach für die Unentscheidbarkeit der Willensfrage:

    1. Unser Wissen ist immer nur Vermutungswissen. Wir können zwar Experimente oder Theorien pro oder kontra auf die Willensfreiheit hin interpretieren, aber wir dürfen sie nie als endgültige Wahrheiten auffassen, da wir die Zukunft nicht kennen und damit immer nur vorläufiges, vermutetes Wissen besitzen. Damit können wir aber auch zu keinem abschließenden Urteil in der Willensfrage kommen. Zukünftige Erkenntnisse könnten frühere falsifizieren.
    2. Wir können nicht unendlich genau messen. Selbst wenn Experimente überwältigend für oder gegen die Willensfreiheit sprächen, blieben auf Grund der eingeschränkten Messgenauigkeit Restzweifel.
    3. Der wichtigste Aspekt, warum die Willensfrage unentscheidbar ist, ist aber ein logischer: Unsere Diskussionen und Handlungen würden in einer Welt mit freiem Willen genau so ausfallen und aussehen, wie in einer Welt ohne freien Willen, da in einer solchen Welt, konsequent gedacht, nichts einen freien Willen hätte. Es gäbe daher keinerlei Möglichkeit zu entscheiden, ob unser Wille frei ist oder nicht, da auch sämtliche Diskussion darüber und Schlussfolgerungen für einen freien Willen unfrei sein könnten, ohne dass wir dies je merken würden. Wir könnten die unfreie Illusion eines freien Willens haben.

    Auf der Enge des Raums kann ich meine Vermutungen, dass die Willensfrage prinzipiell unentscheidbar ist, natürlich nur grob skizzieren. Man könnte sie in einer ausführlicheren Arbeit sicherlich überzeugender darstellen.

    Abschließend sei bemerkt, dass ich solche „grundsätzlichen“, „ernsten“ Diskussionen über die Willensfrage aus den oben genannten Gründen für das reale Leben als sinnlos empfinde, da man nicht zu einem abschließenden Ergebnis kommen kann und daher auch keine Probleme lösen oder erklären kann (z. B. ethische). Im Gegenteil, sie können sogar unnötig verwirrend und verkomplizierend sein (siehe z. B. die Diskussion in SdW 6/2010). In punkto Ethik ist die „Strategie der Vernunft“, die Hans-Joachim Niemann, an Karl Popper und Hans Albert anknüpfend, im Rahmen des Kritischen Rationalismus entwickelt hat, in meinen Augen immer noch das überzeugendste Programm. Es kommt ohne überflüssige, tief gehende Diskussionen über die Willensfrage aus und besticht durch seine realitätsnahe Anwendbarkeit.
  • Größenvergleich

    22.03.2011, Oliver Meckes Reutlingen
    Guten Tag.

    Die Fotomontage scheint mir etwas übertrieben. Wenn das Riesenkaninchen 12 Kilogramm wog und damit sechs Mal so groß war wie ein "Stallhase" der mit 2 Kilo wohl eher schmächtig ausfällt, passen die Proportionen auf dem Bild nicht so recht.
    Hier wurde mit 6-facher Länge gerechnet- was sich in punkto Gewicht vermutlich auf das Hundertfache niederschlägt (l x b x h =V). Der Vergleich der Fußknochen zeigt auch dass der Längenunterschied wohl eher bei Faktor 2 lag.
  • Determinismus ja oder nein?

    21.03.2011, Christoph Roth
    Ich würde es eher "Unfreiheit" nennen. Determinismus oder nicht ist bis heute im exakten Sinne nicht geklärt. Mögliche Folgen sind demnach, dass es keinen vollständigen Determinismus gibt oder er trotz quantenmechanischer Effekte vorhanden sein wird, weil verdeckte Variable uns die Sicht nehmen. Es ist jedoch uninteressant ob determiniert oder nicht, es werden auf Grund des System-Gesetzes immer Kausalzusammenhänge existieren. Ich glaube Herr Berauer hat etwas an diesem begrenzten Determinismus falsch verstanden. Ich will das mal so formulieren: "Wir leben jeden Tag live ein Videoband." Weshalb nette Illusionen wie das Bewusstsein auftauchen, ist auch mir nicht klar, jedoch bezeichne ich das als Nebeneffekt.

    Ich nehme mir mal das Zitat vor, um es zu kommentieren: "Wie will man etwas in einer Welt beeinflussen, in der alles von Anfang an unbeeinflussbar abläuft?" Nun ja, dieses Problem wird über Rückkoppelung gelöst. Man darf bei dieser Betrachtungsweise etwas Wichtiges nämlich nicht außer Acht lassen: Die ganze Illusion vom freien Handeln und vom selbstinszenierten Handeln ist bereits in diesem "Determinismus" mit inbegriffen. Es widerspricht auch der Systemlogik davon Gebrauch zu machen, weil man dann sich selbst mitbeschreiben müsste, aber danach nicht mehr eindeutig determiniert wäre. In diesem Fall käme ein Paradoxon zum Tragen, welches plötzlich einen freien Willen ermöglichen, jedoch die Kausalität verletzen würde. Es ist unlogisch von freiem Willen zu sprechen, denn jeder Mensch würde zwar behaupten, er habe in allen Situationen selbst entschieden, aber er vergisst, dass er dafür Gründe hatte. Diese Gründe kommen von außen, und das Gehirn ist nur ein Teil des Gesamtprozesses und führt letztendlich mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit zu einem festgelegten Ergebnis. Determinismus existiert also, aber die Möglichkeit besteht, dass er nicht vollständig ist. Dies jedoch bringt noch immer keinen freien Willen mit sich. Die Definition schon wortgemäß ist das Dilemma, welches überhaupt erst zu dieser Fehlannahme führt. Es ist schlicht und einfach die Fehlinterpretation dieses "Vorgangs". Wozu müsste ich noch auf äußere Einflüsse achtgeben, wenn ich alles selbst bestimmen kann? Welchen Sinn hätte Selbstbestimmung wenn sie nicht exakt auf die Umwelt reagieren würde? Wir alle sind "rückgekoppelt" wie eine riesige unvorstellbar große Schar von sich selbstregelnden PID-Systemen. Die Energiezustände seit dem Urknall ändern sich laufend bis zum nächsten Mal. Den Prozess dazwischen, welcher weitestgehend unbedeutend für das Universum ist, bezeichnen wir als das menschliche Leben.
  • Nida-Rümelins antirealistischer Realismus

    21.03.2011, Norbert Hinterberger, Hamburg
    Gewissermaßen als ‚Norm des Monats’ würde ich Herrn Nida-Rümelin ganz gerne mit dem Motto ‚Du sollst als Antirealist den Begriff des Realismus nicht unnötig im Munde führen’ bekannt machen wollen, insbesondere, weil sich im Lauf des Interviews herausgestellt hat, dass damit ohnedies wieder nur Pragmatismus gemeint war – und zwar sowohl der ethische als auch der erkenntnistheoretische Pragmatismus, den Nida-Rümelin von seinem Lehrer Wolfgang Stegmüller sozusagen mit der Muttermilch aufgesogen hat.


    Man muss allerdings wohl anmerken, dass Nida-Rümelin Normen und Erkenntnisse wesentlich nachlässiger vermischt als sein gelehrter Lehrer. Nachdem Stegmüller erkannt hatte, dass der ‚Logische Empirismus’, also der Positivismus des ‚Wiener Kreises’ um Carnap, der Kritik Karl R. Poppers (Kritischer Rationalismus/Realismus) nicht standgehalten hatte, ging er, wie auch die meisten anderen Antirealisten, zum erkenntnistheoretischen Pragmatismus über. Das war die Reaktion auf Poppers schlagende Kritik am Induktivismus, der mit dem Logischen Empirismus untrennbar verknüpft war. Karl Popper hatte schon in den 1930er Jahren ganz klargemacht, dass es so etwas wie strenge Verifikationen schon aus logischen Gründen nicht geben kann – übrigens weder auf induktivem noch auf deduktivem Wege. Er schlug stattdessen vor, die Tätigkeit der Forschung als fallibilistisch und falsifikationistisch zu charakterisieren bzw. als hypothesenbasiert deduktivistisch. Einzel-Beobachtungs- bzw. Basisaussagen wurden deshalb nur als Falsifikatoren, nicht als Verifikatoren vorgeschlagen. Allgemeine Hypothesen können sich nun aber immer als falsch herausstellen. Das war indessen etwas, was der Wiener Kreis und auch seine pragmatistischen Nachfolger (allen voran Stegmüller) auf keinen Fall wollten. Wahrheit sollte sicher sein, offenbar sogar um den Preis eines radikalen Empirismus, der jegliche Bildung allgemeiner Hypothesen als unwissenschaftlich hinstellen sollte. Kam man als Antirealist durch Popper zur Überzeugung, dass gehaltvolle, also nicht-tautologische Wahrheit nie streng verifizierbar sein kann, ging man mit fliegenden Fahnen zum Pragmatismus über, denn der winkte mit subjektiver Wahrheit: ‚Du hast Deine Wahrheit, ich habe meine, also ist Wahrheit relativ.’ Hier benötigte man die antirealistische Position nun sogar noch stärker als im Logischen Empirismus. Denn mit einem subjektivistischen Wahrheitsbegriff wird jede Wirklichkeitsbeschreibung, die über Formalismen hinausgeht, inkonsistent. So ergab auch die bloß verzierende Übernahme der Begriffe „falsifizierbar“ oder „fallibel“ (durch verschiedene Antirealisten) keinen Sinn, denn die Wirklichkeit durfte ja nur als Begründung nicht zur bedingten Widerlegung (wie beim Kritischen Rationalismus) herhalten. Bei den Logischen Empiristen sollten die Basisaussagen also von vornherein verifikativen Charakter besitzen. Überdies sollten sie wegen ihrer angeblichen Unmittelbarkeit sicher sein, so dass man nur (induktiv – also vom Besonderen zum Allgemeinen fortschreitend) mehr und mehr Beobachtungen scheinbar gleicher Art anhäufen musste, um irgendwann (niemand konnte allerdings sagen wann), zur Verallgemeinerung zu berechtigen und so ein Naturgesetz zu erhalten. Der fehlende Hinweis darauf, welche Anzahl von Beobachtungen zur Verallgemeinerung ausreichen sollte, war aber nicht mal das größte Problem. Das größte Problem war, dass die Induktion keine logische Schlussweise ist wie die Deduktion – was im Übrigen aber auch schon David Hume geklärt hatte.

    Ursprünglich nannte sich der Wiener Kreis schlicht ‚Mach-Verein’. Daraus sollte ganz deutlich werden, dass hier eine antirealistische Position (eine impressionistische Position, die Machs eben) bezogen wird - trotz der Orientierung des Wiener Kreises an den Naturwissenschaften, denn es wurde den Naturwissenschaftlern gleichzeitig gewissermaßen verboten, sich mit der Realität an sich zu beschäftigen. Nach Meinung von Mach verfügen wir in erkenntnistheoretischer Hinsicht nur über einen Sinnesempirismus, der uns lediglich Auskunft über unsere Eindrücke gestatte – nicht über die Dinge. Wir könnten also nicht einfach sagen, (1) ‚Da steht ein Baum’, sondern müssten uns mit (2) ‚Ich habe jetzt (an Raumzeitpunkt k) den Eindruck, dass da ein Baum steht’ zufrieden geben. Dadurch kann sich (2) nun zwar nicht mehr als falsch herausstellen wie (1), kann sich andererseits aber auch auf nichts in der Wirklichkeit beziehen, abgesehen von den intersubjektiven Eindrücken, die so genannte „Kompetente Beobachter“ haben durften.
    Auch Einstein war kurzfristig von Machs Impressionismus (also von der Annahme, dass wir, erkenntnistheoretisch verwendbar, über nicht viel mehr als unsere Netzhaut-Erlebnisse verfügen) beeindruckt, allerdings nur sehr kurz. Er ist dann sehr bald zu einem kritischen Realismus übergewechselt und bis an sein Lebensende dabei geblieben. Das war auch die Position, die er gegenüber dem offenen Antirealismus der so genannten „Kopenhagener Interpretation“ (Bohr & Co) vertrat.

    Obwohl Reinhard Breuer aus meiner Sicht hier genau die richtigen, halb fragenden, halb feststellenden Kommentare zu Nida-Rümelins Ausführungen investiert, hat Letzterer es ganz in schwächster philosophischer Tradition verstanden, sie nicht verstanden zu haben oder nicht verstehen zu wollen.

    Obwohl man spätestens seit Karl Popper und Hans Albert die Philosophie als eine Art Brückenwissenschaft zwischen den anderen Wissenschaften betrachtet und die Philosophen eben als Brückenwissenschaftler, die aufgefordert sind, den jeweiligen Problemen selbst weit genug in die fachspezifisch geschulten Fragestellungen insbesondere der Naturwissenschaften zu folgen, antwortet Nida-Rümelin auf Breuers Frage, was die Philosophie denn für eine Wissenschaft sei: „Dreierlei: Residual-, Integrations- und Orientierungswissenschaft.“ Integration und Orientierung werden von Nida-Rümelin dann im Weiteren nur auf normativer Ebene betrachtet, also in seiner praktischen Philosophie behandelt.
    Seine Residual-Wissenschaft wird von ihm aber offenbar als theoretische Philosophie aufgefasst, und zwar als „das, was an Fragen übrig bleibt“, was „nicht in eigene Wissenschaften ausgewandert“ ist. Aus diesen Feststellungen schließt er (man weiß nicht wie): „Damit bleiben der Philosophie die unlösbaren Fragen.“ Diese Gussform wird auch gerne von Theologen verwendet. Dabei ist offenbar weder dem einen noch den anderen klar, dass sich heute unlösbar Erscheinendes morgen lösen lassen kann, denn das geschieht schon so, seit es Wissenschaften gibt. Mühselig und peinlich, sich dann jeweils wieder auf andere temporär noch ungelöste Probleme zurückziehen zu wollen. Das Prädikat der Unlösbarkeit ist also fließend. Nimmt man dagegen an, es wäre etwas Unverrückbares, wie Nida-Rümelin das offenbar tut, so beschäftigt sich seine Residual-Wissenschaft genau genommen mit gar nichts … Die Feststellung der Unlösbarkeit eines Problems macht ja weitere Arbeiten daran überflüssig.
    Selbst wenn man diesem Gedanken nicht folgen mag, kann man, wie etwa Breuer, auch unabhängig davon, annehmen, dass das ganze zumindest stark nach „intellektueller Resteverwertung“ klingt. Insbesondere widerspricht doch dieses Warten auf das, was übrig bleibt, dem ständig proklamierten Schulterschluss mit den Naturwissenschaften, der ja wohl eher mit einem Hineingehen in die letztere verknüpft sein sollte, so wie deren Vertreter ja auch in die Philosophie hineingehen, indem sie selbst welche produzieren. Ein Erkenntnisproblem macht nicht vor irgendwelchen Wissenschaftsgrenzen halt.


    Wie wir gesehen haben, hat die analytische Philosophie weder im Wiener Kreis, noch in ihren pragmatistischen Nachwehen wirklich verstanden, was Wissenschaftler tun und auch tun müssen. Solange ich etwas nicht sehen, hören, schmecken oder fühlen kann, bin ich gezwungen eine allgemeine Hypothese aufzustellen. Dazu gehörten prominent die Atomhypothese, die Molekülhypothese und viele andere, deren Bezugsobjekte seinerzeit – auf Grund fehlender Detektorentechnik – nicht direkt erfahrbar, also noch nicht experimentierbar waren. Genau das wurde den Naturwissenschaftlern von der analytischen Philosophie aber gewissermaßen untersagt. Den meisten Philosophieverbrauchern ist überdies nicht klar, was die betreffenden Philosophen selbst unter ‚Analytischer Philosophie’ verstanden haben. Ihre Analytik war eben genau das resignative (antirealistische) und wenn möglich rein formalistische Zwangsinstrument, das eine direkte Beschäftigung mit der Natur verhindern sollte. Streng verstanden ist eine analytische Aussage immer tautologisch, denn sie sagt nichts zur physikalischen Wirklichkeit. Bei den Logischen Empiristen sollten eben die berühmten ‚Unmittelbarkeiten’ in der Beobachtung, wie eben die Sinneseindrücke (oder Geräte, die diese verstärken) tatsächlich nur definitorisch behandelt werden. Jegliche Interpretation der Wirklichkeit war verboten. So beobachtete man am Ende auch nur mehr den Beobachter beim Beobachten. Es sollte nur noch eine „Begriffsklärung“ oder „Begriffsreinigung“ empirischer Begriffe stattfinden - weshalb die analytische Philosophie streckenweise auch Sprachphilosophie genannt wurde. Nun nehmen wir aber nachgerade nichts in unmittelbarer Form wahr, sondern immer „theoriegetränkt“ (also von erkenntnistheoretischen Vorurteilen mehr oder weniger allgemeiner Natur aus). Das war Poppers Auffassung. Von hier aus versteht man natürlich auch besser, dass diese rein analytisch-tautologische Haltung der Sprachphilosophie nicht mit den Naturwissenschaften kooperieren konnte. Definitionen sagen nichts über die Wirklichkeit, sondern nur darüber, welchen Begriff man gegen einen anderen eintauschen soll. Von hier aus versteht man auch, warum Popper seinen kritischen Rationalismus nicht zur analytischen Philosophie gezählt hat, ungeachtet der Tatsache, dass er von etwelchen Referenten immer wieder dazu gerechnet wurde. Popper ist aber, ganz im Gegenteil, für den Untergang des Logischen Empirismus verantwortlich gewesen. Die analytische Philosophie lebt indessen - mit Philosophen wie Nida-Rümelin - gewissermaßen als unbelehrbares Gespenst weiter.

    So sehr ich hier Kanitscheider (ebenfalls ein Stegmüllerschüler) in einem älteren Leserbrief kritisiert habe, Kanitscheider hat die Konversion vom Antirealisten zum Realisten vollzogen – allerdings für meinen Geschmack im Zusammenhang einer problematischen Über-Ontologisierung genuin metaphysischer Aussagen (ähnlich wie man es bei Mario Bunge sehen kann, der zusammen mit Martin Mahner einen nicht-kritischen Materialismus entwickelt hat). Man kann es also auch immer in die andere Richtung übertreiben.

    Philosophen wie Nida-Rümelin sind dagegen einfach Antirealisten geblieben, ohne das aber recht zugeben zu wollen oder überhaupt nur zu bemerken. Das, was er auf Seite 59 „ethischen Realismus“ nennt, ist ganz klar moralischer Positivismus, denn es beruht auf pragmatischen Normen. Aus dem eher sympathischen Versuch zu zeigen, dass Demokratien zumindest auch Werte wie Menschenrechte transportieren (was ja richtig ist) wird hier ganz schnell ein erkenntnistheoretisch-logischer GAU in der Bemerkung, dass fundamentale Werte und Normen (in einer Demokratie) „mit einem Wahrheitsanspruch vorgebracht werden.“ Hier verwechselt er, wie auch viele andere Philosophen, ‚Wahrhaftigkeit’ mit Wahrheit. Jedenfalls im besten Fall, sonst müsste man annehmen, dass er den ‚Naturalistischen Fehlschluss’ nicht kennt, der uns zu Recht verbietet, vom Sein aufs Sollen zu schließen, ebenso wie er verbietet, vom Sollen aufs Sein zu schließen – also etwa Wahrheit aus einer Norm beziehen zu wollen. Auf diese Art könnte man ja offenbar Wahrheit in Gesetzen herstellen … Fast scheint es so, dass er auf diffuse Weise irgendetwas in dieser Art meinen möchte, denn er redet sich regelrecht heiß: „Was im Grundgesetz zur Würde des Menschen gesagt wird oder zu den Freiheitsrechten – das beansprucht Ewigkeitsgeltung. Kein Parlament kann das je aufheben.“ (S. 59) Wir wissen aber natürlich (insbesondere aus eigener Geschichte), dass man das diktatorisch ganz leicht konnte und auch immer noch kann.

    Nida-Rümelins philosophische Hybris kann man gleich am Anfang der Befragung (S. 57) erleben. Er findet, dass es „Grundfragen“ gibt, „die sich nicht in das methodische Korsett einer Einzeldisziplin zwängen lassen.“ Dazu gehören für ihn Fragen wie: „Was ist ein gutes Argument für etwas?“ Das könne kein Thema sein für eine Einzelwissenschaft und „Dasselbe gilt für metaphysische und ontologische Fragen.“ Nun wird aber die Frage, was ein gutes Argument ist, von Logikern und Linguisten untersucht. Und es ist Einzelwissenschaftlern auch nicht untersagt, metaphysische oder ontologische Überlegungen anzustellen – insbesondere die theoretischen Physiker (unserer neuen Theorien: M-Theorie und Schleifenquantengravitation) machen regen Gebrauch davon.

    Auf Breuers Frage, ob es denn überhaupt „Fortschritte in der Philosophie“ gebe, antwortet Nida-Rümelin: „Dort wo die Philosophie sehr erfolgreich ist, löst sich meistens eine Einzeldisziplin ab.“ Nun könnte man auch die Meinung vertreten, dass es sich genau umgekehrt verhält und zwischen „Philosophie“ und „sehr“ das Wörtchen „nicht“ einfügen.
    Breuer empfindet das (mit etwas anderen Worten) ganz ähnlich: „Haben solche Bewegungen nicht umgekehrt die Philosophie aus großen Bereichen der Naturwissenschaften hinausgeworfen?“ Nida-Rümelin räumt daraufhin ein „Die meisten der bedeutenden Physiker … haben zur Philosophie wichtige Beiträge geleistet“, um gleich anschließend zu bemerken, dass damit aber nicht die philosophischen Probleme erledigt seien. Was meint er? Probleme die gelöst wurden, sind gelöst - ob nun philosophische oder sonst welche. Dass es additiv auch noch nicht gelöste Probleme gibt, dürfte trivial sein. Also was meint er?
    Auf S. 58 versucht er die Frage „Was ist eigentlich Rationalität?“ zu einer typisch philosophischen Frage zu promovieren. Diese „alte Frage“ sei im Zusammenhang der „gegenwärtigen Grundlagenkrise der Ökonomie“ aufgeworfen worden: Ökonomie ist eine Theorie, die auf einem bestimmten Rationalitätsmodell beruht, ganz zentral auf Basis der Spieltheorie …“
    Breuer: „Das ist Mathematik. Was hat das mit Philosophie zu tun?“
    Nida-Rümelin: „Die Mathematik ist da nur ein Hilfsmittel.“
    Und so geht das weiter. Alle Wissenschaftler benötigen philosophische Beratung, um verstehen zu können, was sie da eigentlich tun. Poppers Bemerkung, dass der Größenwahn die häufigste Berufkrankheit unter Philosophen sei, scheint kein bisschen veraltet.


    Auf Breuers Bemerkung, dass Normen doch letztlich willkürliche Setzungen sind, sagt er doch tatsächlich. „Da bin ich ganz anderer Meinung.“ Seine Vermischung von erkenntnistheoretischen mit normativen Fragen zieht sich wie ein roter Faden durch das ganze Interview – auch ein Symptom der antirealistischen Erziehung durch Stegmüller, der ja bekanntlich der Meinung war, dass derart realistische Fragen wie die nach der Wahrheit (eines Satzes in Korrespondenz zur Wirklichkeit) doch eher in die Kirche gehören. Mit einem solchen Wahrheitsrelativismus, wie er aus dem Pragmatismus im Übrigen notwendig folgt, kann man am Ende wohl auch Normen für ‚wahr’ halten oder Erkenntnis-Aussagen bzw. Behauptungen für ‚normativ sinnlos’ …, ganz wie man es braucht. Dabei ist es nicht schwer zwischen der Erkenntnis, dass ich den Mülleimer runterbringe (die wahr oder falsch sein kann – und sogar eines von beiden sein muss, denn sie ist nicht-antinomisch), und der Aufforderung (also der von irgendwem gewünschten Norm) „Norbert, bring bitte den Mülleimer runter“ zu unterscheiden.
    Man versteht natürlich ohne Weiteres, dass antirealistische Positionen sowohl in der Philosophie als auch in der Physik beliebter sind als realistische, denn sie machen (unter Verzicht auf Wirklichkeitsaussagen bzw. Interpretationen) erheblich weniger Arbeit. Aber darum kann es in der Erkenntnissuche nicht gehen – wie letztlich doch ziemlich leicht einzusehen ist.
  • Ist Geist ein Quantenphänomen?

    21.03.2011, Gerhard Fischer, Neubau
    Zu der Aussage „In der Neurowissenschaft spricht nichts für eine Aktivierung durch einen reinen Geist. Auch gäbe es prinzipiell kein wissenschaftliches Konzept für eine solche Spekulation“ möchte ich hinzufügen: Sie gilt nur innerhalb eines klassischen Weltbildes der Physik.

    Unbestritten gilt aber für Vorgänge im atomaren Maßstab die Quantenmechanik. Ein spezielles Phänomen der Quantenmechanik ist die gleichzeitige Überlagerung von eigentlich einander ausschließenden Zuständen von Teilchen oder Teilchensystemen. Ein zweites Phänomen ist der Kollaps (auch Dekohärenz genannt) von überlagerten und daher nicht eindeutig bestimmten Zuständen zu einem bestimmten Zustand. Der Kollaps erfolgt in dem Augenblick, in dem das Teilchen oder das Teilchensystem beispielsweise von einem Menschen beobachtet (bzw. gemessen) wird. Welcher der dabei möglichen bestimmten Zuständen dabei tatsächlich erreicht wird, ist absolut zufällig und mit Sicherheit nicht durch irgendwelche versteckte Parameter determiniert – dies ist experimentell oft und oft mittels der Bell‘schen Ungleichung nachgewiesen worden.

    In makroskopischen Vorgängen merkt man von den genannten Spezialitäten der Quantenmechanik normalerweise nichts, da sie durch die Statistik einer großen Zahl von gleichartigen Teilchen (Atome, Moleküle, Photonen etc.) durch Mittelwertbildung von Zuständen verdeckt werden.

    Im menschlichen Gehirn ist es jedoch denkbar, dass der Effekt der Mittelwertbildung nicht mehr zutrifft. Möglicherweise führt bereits der Austausch des Zustands eines einzigen Transmittermoleküls in einer Synapse zu einem völlig anderen Zustand des gesamten Nervennetzes des Gehirns, wodurch auch ein anderer Gedankeninhalt repräsentiert wäre. Wenn nun unterschiedliche Zustände der Transmittermoleküle einander überlagert sind, so sind theoretisch nun auch unterschiedliche Gedankeninhalte gleichzeitig repräsentiert. Wenn aber dennoch nur ein bestimmter Gedankeninhalt bewußt wird, so interpretiere ich das als das Wirken des quantenmechanischen Kollapses.

    Anders gesagt: Gedanken können entstehen ohne dass es dafür deterministische Ursachen gibt.

    Noch anders gesagt: Der quantenmechanische Kollaps ist ein denkbarer Aktivierungsmechanismus für einen reinen Geist.

    Ich höre schon das Gegenargument, dass überlagerte (kohärente) Zustände durch das Abstrahlen von Wärme- und Lichtphotonen so blitzartig in bestimmte (dekohärente) Zustände zerfallen, dass die Überlagerung keinerlei signifikante Bedeutung besitzen kann. Doch dieses Argument sehe ich bloß als Behauptung, es genügen ja schon kleinste Reste von Kohärenz damit bei geeigneter riesiger Verstärkung mittels chaotischer Rückkoppelungen doch ein signifikanter Effekt bezüglich des repräsentierten Gedankeninhalts entstehen kann. Es gibt auch experimentelle und theoretische Hinweise aus dem Gebiet der Biophotonik, dass das Gehirn tatsächlich wie ein Quantencomputer arbeiten könnte. Ich bin auch überzeugt, dass die biologische Evolution einen hohen Selektionsdruck auf die Entstehung von quantencomputerähnlichen Mechanismen des Gehirns ausgeübt hat, da ja dadurch dessen Leistungsfähigkeit enorm gesteigert werden kann.
  • Randbemerkung

    21.03.2011, Rüdiger Kuhnke, München
    Haben Sie Alan Stern – den Planetologen, der führend an der Debatte um den Status von Pluto beteiligt war – eigentlich davon in Kenntnis gesetzt? Ich finde, er sollte wissen, daß er es bis zur Cartoon-Berühmtheit gebracht hat ;-)
  • Glaubhafte Axiome sammeln

    21.03.2011, Ekkehard Domning, Hildesheim
    Um einen unangreifbaren Ausgangspunkt der Philosophie zu finden ist "Cogito, ergo sum" die richtige Wahl für den Einstieg in eine Serie über Philosophie. Descartes versucht Klarheit zu erlangen, in dem er alles, was Täuschungen verursachen könnte, aber auch alles, was interpretativ ist, aus seiner Argumentation entfernt. Sogar, dass die Gedanken selbst gefälscht sein könnten, zieht er in Betracht. Er schreibt: "Indem wir so Alles nur irgend Zweifelhafte zurückweisen und für falsch gelten lassen, können wir leicht annehmen, dass es keinen Gott, keinen Himmel, keinen Körper gibt; dass wir selbst weder Hände noch Füße, überhaupt keinen Körper haben; aber wir können nicht annehmen, dass wir, die wir solches denken, nichts sind; denn es ist ein Widerspruch, dass das, was denkt, in dem Zeitpunkt, wo es denkt, nicht bestehe. Deshalb ist die Erkenntnis: »Ich denke, also bin ich« von allen die erste und gewisseste, welche bei einem ordnungsmäßigen Philosophieren hervortritt". (Prinzipien der Philosophie, Kapitel 1, Über die Prinzipien der menschlichen Erkenntnis, René Descartes' philosophische Werke. Abteilung 3, Berlin 1870, S. 3., http://www.zeno.org/Philosophie/M/Descartes,+Ren%C3%A9/Prinzipien+der+ Philosophie/1.+Ueber+die+Prinzipien+der+menschlichen+Erkenntniss)

    Daher reduziert Descartes seine Beobachtung auf das Hervorbringen von Gedanken. Nicht der Inhalt der Gedanken selbst, sondern nur die Tätigkeit des Denkens wird beobachtet. Descartes stellt fest: Ich erzeuge einen Gedanken (Objekt), den ich beobachte (Subjekt), da ich das Objekt selbst erschaffen habe, existiere ich. Für den Existenzbeweis ist es unerheblich, welcher Natur die Gedanken sind oder welches Wesen der sie Beobachtende hat. Die Bedeutung dieses Existenzbeweises kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden, ermöglicht sie mir doch, abseits jeder weiteren Annahme, mich meiner Existenz zu vergewissern. Welch ein Sieg des Geistes über Gott oder Materie! Philosophisch kann nämlich dieser Standpunkt nur durch das Hinzufügen von mindestens einem Axiom verlassen werden. Beispielsweise durch "Ich existiere weil Gott mich schuf" oder "Die von mir wahrgenommenen Objekte existieren auf materieller Basis". Vor dem Zeitalter der Aufklärung war Ersteres Axiom das Bestimmende, heute ist es das Zweite. Der Autor behauptet, Descartes setze den Dualismus von Geist und Welt voraus und bleibe den Beweis dafür schuldig. Eigentlich ist das Gegenteil der Fall, der Autor verwendet ein Axiom und bleibt uns Lesern dessen Definition schuldig. Möglich, das dem Autor dies nicht einmal bewusst ist, und er sich deshalb in der fruchtlosen Diskussion über die Verhältnisse von Geist und Materie verheddert. Hätte er z.B. das Axiom "Die von mir wahrgenommenen Objekte existieren ausschließlich auf materieller und rationaler Basis" eingeführt, bräuchten wir uns über den "Geist" als immaterielle Realität nicht zu streiten. Eine wissenschaftliche Philosophie sollte bemüht sein (ähnlich der Geometrie) glaubhafte Axiome zu sammeln und deren Widerspruchsfreiheit aufzuzeigen. Schade, Teil 1 der Philosophiereihe hätte einen klareren Anfang verdient.
    Antwort der Redaktion:
    Antwort von Albert Newen:
    In der Stellungnahme von Herrn Domning fehlt leider eine wichtige Unterscheidung, die bei Descartes selbst zu finden ist und die auch in meinem Artikel gemacht wird, nämlich die Unterscheidung von einem ersten Argument dafür, dass es ein Ich gibt, und einem zweiten Argument zu der Frage, welche Art von Realität das Ich hat, ob es eine geistige oder eine physische Entität ist.


    Ich möchte kurz zu beiden Punkten Stellung nehmen: Das Cogito-Argument (welches man auch noch unabhängig kritisieren kann, was ich hier unterlasse) vermag nur zu zeigen, dass es ein Ich gibt, sobald und solange man Gedanken oder Empfindungen bemerkt. Aber es bleibt offen, welchen Status das Ich hat. Das hält Descartes klar fest, wenn er nach Abschluss der Cogito-Überlegung schreibt „Noch verstehe ich aber nicht zur Genüge, wer ich denn bin, der ich jetzt notwendig bin (…)“ (Zweite Meditation, Phil. Bibliothek, Meiner, Bd. 271, S. 22). Dann erst beginnt das zweite Argument, mit dem Descartes zeigen möchte, dass das Ich eine geistige (und nicht eine körperliche) Substanz ist. Und dieses zweite Argument ist schlicht fehlerhaft. Es besagt: Das Ich ist eine geistige Substanz, weil ich mir vorstellen kann, ohne jede körperliche Eigenschaften zu existieren. Der Fehler ist, dass aus einer Vorstellungsmöglichkeit nicht folgt, dass diese eine echte, ernst zu nehmende Möglichkeit ist (zur Untermauerung habe ich auf die Vorstellung des Perpetuum mobile verwiesen, die naturgesetzlich nicht möglich, d.h. prinzipiell nicht realisierbar ist, aber problemlos vorstellbar ist – zumindest solange man nicht versteht, dass die Vorstellung mit den Naturgesetzen nicht vereinbar ist). Descartes liefert also kein tragfähiges Argument dafür, dass das Ich eine geistige Substanz ist. Dagegen gibt es gute Argumente dafür, dass das Ich eine physische, vom Gehirn konstruierte Einheit ist, die im Normalfall mit der biologischen Einheit Mensch zusammenfällt. Manchmal gibt es Sonderbedingungen (wie im Fall der Gummihand-Illusion, siehe Artikel), die zudem unterstreichen, dass das Gehirn das Ich konstruiert.


    Ein weiterer Fall dieser Art ist das Alien-Hand-Syndrom: Dabei erlebt ein Teil der Patienten, die einen Schlaganfall mit einer Läsion in der rechten Hirnhälfte erleiden, die linke Hand des eigenen Körpers nicht mehr als zum Ich gehörig. Die Hand wird als Fremdkörper erlebt. Diese starke Störung des Ich-Gefühls in Bezug auf die linke Hand bleibt in vielen Fällen ein kurzzeitiges Phänomen, weil das Gehirn sich teilweise so weit reorganisieren kann, so dass noch gesunde Teile des Gehirn Aufgaben übernehmen, die bisher andere Teile übernommen haben. Beispiele dieser Art, die die unmittelbare und engste Verbindung von Körper und Geist demonstrieren, sind zahllos. Es fällt vielen schwer, sich als ein körperliches Wesen aufzufassen. Das ist jedoch nur dann problematisch, wenn man fälschlich glaubt, dass damit problematische Konsequenzen einhergehen, wie z.B. dass wir keinen freien Willen haben könnten (Pauen argumentiert dagegen in demselben Heft, dass Willensfreiheit und Determinismus miteinander verträglich sind) oder dass unsere bewussten Erlebnisse nicht damit verträglich seien (dagegen liefert im Heft 4/2011 Dr. Tobias Schlicht eine Argumentation, wie Bewusstsein als Naturphänomen verstanden werden kann). Das Ich als eine physische Entität aufzufassen, schließt keineswegs ein, die besonderen mentalen Fähigkeiten des Menschen (auf den Mond zu fliegen, eine Sinfonie zu komponieren, ein Staatswesen zu organisieren) zu leugnen. Vielmehr wird damit auch besser verständlich, dass wir uns als Naturwesen nicht prinzipiell, sondern nur graduell von den Tieren unterscheiden (dazu Heft 4/2011).
  • "Kleine" Ungenauigkeit

    21.03.2011, Dr. Ralph Rhenius, Hamburg
    Wenn der Barbier definiert wird als "der Mann, der alle rasiert, die sich nicht selbst rasieren", entsteht keineswegs ein Paradoxon. Schließlich folgt aus dieser Definition nicht, dass er nicht auch andere – zum Beispiel sich selbst – rasiert. Das Paradoxon ergibt sich ausschließlich dann, wenn der Barbier alle und nur die rasiert, die sich nicht selbst rasieren.
    Diese "kleine" Ungenauigkeit erinnert an das angebliche, aber fäschlicherweise als solches bezeichnete Lügner-Paradoxon des Epimenides. Hier sagt Epimenides, der Kreter: "Alle Kreter lügen immer." Nun ist offensichtlich, dass Epimenides nicht die Wahrheit sagen kann. Aber er kann schlicht lügen, was bedeutet, dass zwar er lügt, aber eben auch, dass nicht alle anderen Kreter immer lügen – kein Paradoxon entsteht!
    Ein echtes Paradoxon entsteht, wenn eine Person behauptet: "Ich lüge mit dem jetzt ausgesprochenen Satz". Sagt diese Person die Wahrheit, lügt sie. Lügt diese Person, sagt sie die Wahrheit. Das ist paradox.
    Im Übrigen hat Gödel nicht bloß gezeigt, "dass es immer unbeantwortbare Fragen in der Mathematik geben wird", sondern dass es in ihr immer wahre Aussagen geben wird, die nicht beweisbar sind.
  • Übers Fischwohl wird einfach nicht gesprochen

    19.03.2011, Billo Heinzpeter Studer, CH-8408 Winterthur
    Schön und gut, am Ende könnte eine wirklich ökologische Fischzucht gar ein Nettoproteinlieferant werden – dank Futterprodukten aus Pflanzen, aus welchen sich der Mensch die Proteine auch ohne Umweg über ein Schlachttier holen könnte.

    Was in dieser und vielen weiteren Lobpreisungen einer "vernünftigen" Aquakultur schlicht nie angesprochen wird, ist das Wohl der betroffenen Fische. Mit Bedacht nicht; denn es gibt bis heute kaum Praxisbeispiele von Fischzuchten, deren Anlage und Management auf hohes Fischwohl ausgerichtet wären. Fast alle Fischzuchten sind nichts anderes als Tierfabriken, kein Deut besser als die riesigen Puten- oder Schweinemastställe.

    Selbst die Labels für ökologische Aquakultur foutieren sich von A bis Z ums Fischwohl (Biolabels mal ausgenommen, da die immerhin das eine oder andere regeln).
  • Die Wirklichkeit hinter der Wirklichkeit

    16.03.2011, Christian Amling, Quedlinburg
    Ihre neue Reihe "Die größten Rätsel der Philosophie" könnte eine sehr interessante Bereicherung Ihres inhaltlichen Spektrums sein. Allerdings meine ich bereits jetzt bei der Betrachtung der Autoren und der noch anstehenden Titel, dass sich die Redaktion eine schwere Selbstbeschränkung auferlegt hat. Sie möchte vollständig rational im Kanon der sonstigen Naturwissenschaften mitsingen und nicht auch nur den kleinsten Verdacht des Liebäugelns, sagen wir Grenzwissenschaften, erregen. Nun besteht aber der Löwenanteil der kollektiven Gesitesgeschichte der Menschheit ausgerechnet aus Spekulatioen über eine Wirklichkeit hinter der Wirklichkeit. Bibliotheken sind angefüllt mit Erkenntnissen über Zustände jenseits unseres menschlichen Wahrnehmugsapparates. (Warum sollen wir auch wesentlich mehr wissen als eine Kuh?)

    Mann muss nicht Esoteriker oder religiös sein, um sich vorstellen zu können, dass die Wechselwirkung zwischen eine sehr komplexen Außenwelt und unserem höchst beschränkten Primatenhirn wesentlich komplizierter sein sollte, als es sich unserer Schulweisheit träumen lässt! In diesem Sinn empfinde ich die beiden ersten Beiträge als wesentlich zu kurz gegriffen. Was darin steht, konnte man bereits vielen anderen Artikeln Ihrer Zeitschrift entnehmen.

    Die existierende Außenwelt in Frage stellen zu wollen oder das Ich als übernatürliches Phänomen aufzufassen, hindert die Philosophie daran, im Konzert der anderen Wissenschaften zu spielen, das ist der Grundtenor in Newens Artikel. Geist, Seele und Ich werden unzulässig in einen Topf geworfen und versucht, die Begriffe auf neurophysiologischer Ebene zu erklären. Ohne die Existenz einer Außenwelt zu bestreiten, erfahren und/oder glauben bekanntlich Milliarden Menschen an eine Seele als unabhängig geartete Entität. Da unser Gehirn nur so gut wie nötig zum Überleben und nicht so gut wie möglich auf unsere Umwelt reagiert, bleibt objektiv mannigfaltiger Spielraum für Ereignisse jenseits "unserer Wirklichkeit", auch für nicht religiöse Menschen. Dass das Ich in Autisten, Alzheimerkranken oder Schlaganfallpatienten anders antwortet als bei "normalen" Menschen, kann einfach zur Ursache haben, dass sich die Seele in diesen Ichs nicht optimal ansiedeln konnte. Mit derart wirklich interessanten Fragen der Philosophie hat sich der Autor erst gar nicht auseinandergesetzt, sondern nur (s)eine persönliche Meinung wiedergegeben. Mich hat dieseer Artikel enttäuscht.
  • Philosophie als wichtig anerkannt

    16.03.2011, Herbert Höhnel, Weilheim
    Dass der Philosophie in Ihrer Zeitschrift mehr Beachtung, Raum und Anerkennung zugestanden wurde, hat mich sehr gefreut. Ich bin über 20 Jahre begeisterter Leser Ihrer Zeitschrift. Trotzdem habe ich es als Mangel empfunden, dass bisher der Philosophie kaum wissenschaftliche Wichtigkeit zuerkannt wurde. Für mich, und ich denke auch gesellschaftlich, hat die Zeitschrift einen Spitzenstellung in der Wissensvermittlung der Wissenschaften.
  • Philosophie als Grundlagenwissenschaft

    16.03.2011, Josef Klein, Berlin
    Mir scheint, Nida-Rümelin hat bei seiner dreifachen Unterscheidung der Zuständigkeit der avancierten Philosophie – in Residual-, Integrations- und Orientierungswissenschaft – einen Bereich von höchster Relevanz vergessen: Die Grundlagenwissenschaft, wie sie der Informations-, Zeichen- und Wissenschaftstheoretiker Max Bense verstanden und als (wissenschaftliche respektive) Theoretische Semiotik definiert hat, wobei diese zugleich die Logik in allen Spielarten und die Philosophie der Sprache samt Linguistik umfasst.

    Derweise beantwortet sich die Frage eigentlich schon von selbst, wenn – wie Reinhard Breuer berichtet – die Physiker (und neuerlich die Vertreter der Neurowissenschaften etc.) meinen, die Philosophie, die sie brauchen, lieber selbst machen zu sollen. Gewiss, Heisenberg und C. F. v. Weizsäcker haben, wie Nida-Rümelin entgegnet, selbst wichtige Beiträge zur Philosophie geliefert, als Fußnoten zu Platon, wie Weizsäcker mit Whitehead zu formulieren pflegte, der in der modernen Physik die Aktualität Platons überhaupt erwiesen sah – eine These, an der man mittlerweile zweifeln darf, nachdem die so genannte Weltformel oder die „Theorie von allem“ ein bisschen allzu lange auf sich warten lässt. Doch Letzteres obliegt als Forschungsvorhaben nicht der Philosophie, gereichte sie auch – im Sinn einer längst vergessenen „induktiven Metaphysik“ (als Gegensatz zur spekulativen und deduktiven Metaphysik, der an sich auch der tradierte Platonismus und Neu-Platonismus zugehören) –zum Beweis des Platonismus. Man wird dieses Projekt wohl so allmählich ad acta legen dürfen (vgl. hierzu auch R.B. Laughlin, Abschied von der Weltformel). Gleichwie, damit ist die Philosophie als Grundlagenwissenschaft noch nicht aus dem Spiel. Ganz im Gegenteil. Es geht um die positiven Grundlagen der Sache überhaupt, nicht in spekulativer Weise um die letzten Dinge (der Residual- resp. Orientierungswissenschaft „Philosophie“ oder gar der theologischen Philosophie).

    Hierfür einige Beispiele: zunächst erlaube ich mir, an ein Problem der Quantenlogik bei C. F. v. Weizsäcker zu erinnern, das Implikations-Paradox –: aus einer Beobachtungsaussage folgt eine Feststellung, wobei beide äquivalent seien mit dem ontischen Modell des Sachverhaltes als solchem. Die Frage war bislang nicht lösbar. Ich habe sie jüngst unter anderem und vornehmlich per Relevanzlogik aufgelöst (vgl. J. Klein, Semiotik des Geistes, Buch I: Das semiotische Tier Mensch und sein Geist, Logos-Verlag, Berlin 2010, 900 S.) Zweites Beispiel: Wolf Singer meint, dass es keine Willensfreiheit geben könne, weil der Zustandsraum durchdeterminiert sei. Der Ansicht stimme ich zwar auch zu, nur frage ich mich zudem nach den Verhältnissen im Phasenraum (der statt der Ist-Zustände die Bezugslagen von Ereignissen, Intentionen bzw. Kräften innerhalb der werdenden Zeitlichkeit darstellt). Nicht zu vergessen, dass die Rede vom Zustandsraum ohne Beachtung des Phasenraums eine bequeme Verkürzung der Sachfragen ist. Gleiches gilt des Weiteren für das so genannte Libet-Experiment bzw. für dessen deterministische Deutung. Ich habe in SdG I („Semioitk des Geistes“ I) darauf aufmerksam gemacht, dass das Bereitschaftspotenzial in etwa dem Begriff der Bewusstseinspassivität respektive der passiven Synthesis bei E. Husserl entspricht. Das hat aber mitnichten zur Folge, dass es keinen Spielraum für Freiheit gäbe. Endlich habe ich unter Bezug auf Karl Zilles hervorgehoben, dass die Fragen – wie das Zentralnervensystem kodiert ist, wie die Semantik und die Syntaktik organologisch sich abspielen und wie die informationellen Daten von den neuronalen Substraten in die mentalen Strukturordnungen (der Ästhesiologie des Geistes) zum einen und in die sprachlichen Strukturen (als Tiefen- und als Oberflächenstrukturen) im Sinn der Linguistik umgewandelt werden (und umgekehrt) – noch nicht einmal dem Ansatz nach thematisiert sind (meine SdG I einmal ausgenommen). Damit wäre zugleich zu begründen und zu beweisen, was an Chomskys Nativismus richtig und am Konstruktivismus falsch ist – vice versa. Ich habe diese dritte Position in SdG I grob skizziert und „Exstruktivismus“ genannt.

    Und natürlich wird auch hier die These Weizsäckers einschlägig, wonach Materie gleich Form und damit gleich Information sei, bei A. Zeilinger wird daraus die These von der Information als Baustein der Natur. Aber ich habe mich dazu in der „Semiotik des Geistes“ bereits geäußert (kritisch sowie vor allem nicht-platonistisch) und nicht die Absicht, hier mich nun zu wiederholen.
  • Falsche Möwe

    16.03.2011, Simon Stark, Ettlingen
    Beim Lesen des sehr interessanten Artikels über die Regenwurmgrunzer fiel mir ein wahrscheinlicher Übersetzungsfehler aus dem Englischen auf. Im Artikel wird die Heringsmöwe als Fressfeind der Regenwürmer in Florida genannt und in den Quellen auf das Buch "The Herring Gull's World" referenziert. Dies weckt in mir den Verdacht, dass Herring Gull hier einfach in Heringsmöwe übersetzt wurde.

    Bei der Heringsmöwe handelt sich es jedoch um Larus fuscus, die im Englischen als Lesser Black-backed Gull bezeichnet wird. Die im Englischen als Herring Gull bezeichnete Vogelart (Larus argentatus) wird im Deutschen hingegen als Silbermöwe bezeichnet.

    Zudem ist die Silbermöwe mit einer Unterart in Nordamerika als Brutvogel fest vertreten und so recht häufig. Demhingegen ist die Heringsmöwe eigentlich eine eurasische Art, die außerhalb der Brutzeit jedoch auch an der amerikanischen Ostküste vorkommt, wenn auch wesentlich seltener als die Silbermöwe.
    Antwort der Redaktion:
    Sie haben völlig recht. Wir bitten um Entschuldigung.