Lesermeinung - Spektrum der Wissenschaft

Ihre Beiträge sind uns willkommen! Schreiben Sie uns Ihre Fragen und Anregungen, Ihre Kritik oder Zustimmung. Wir veröffentlichen hier laufend Ihre aktuellen Zuschriften.
  • Wo bleiben Konstruktivismus und Psychoanalyse?

    15.03.2011, Rudi Zimmerman, Berlin
    Newen meint, mit der Reduktion auf das Ich-Gefühl eine Lösung anbieten zu können. Schon das Thema "Wer bin ich", verführt zu philosophischer Schonkost, wie Bernhard Becker den Inhalt dieses Aufsatzes korrekt charakterisiert.
    Das "Ich" eines Individuums hat bedeutende Funktionen, eine besteht darin, optische, akustische, taktile usw. Wahrnehmungen aus den im Hirn stattfindenden elektrochemischen Vorgängen zu konstruieren, die aus der Umwandlung von Außenweltreizen (elektromagnetischen Wellen, Schallwellen, körperliche Berührungen usw.) in Nervenimpulse durch unsere Sinnesorgane (Auge, Ohr, Haut usw.) entstanden sind. Diese konstruktivistische Sicht klammert Newen völlig aus. Eine andere Aufgabe des Ichs ist das Treffen von Entscheidungen, vor die das Individuum durch seine Umwelt gestellt wird. Dieser Bezugspunkt zum Thema "Willensfreiheit", das im gleichen Heft behandelt wird, wird gar nicht hergestellt. Eine eindeutig handlungsdeterminierte lebende Maschine "Mensch" benötigt diese psychische Instanz des Ichs gar nicht. Damit sind wir bei der Psychoanalyse Sigmund Freuds, der das "Ich" als eine psychische Instanz definiert, die zwischen den inneren Anforderungen genetisch determinierter Triebregungen (dem "Es") und den Anforderungen der Gesellschaft (im "Über-Ich" repräsentiert) vermitteln und entscheiden muss. Die Dimension unbewusst tätiger Ich-Anteile (die "Zensur"), die bestimmte Gedächnisinhalte von ihrer Bewusstwerdung abhält (die "Abwehr"-Funktion des Ichs), weil diese die Handlungskongruenz (die gesunde gesellschaftskonforme Verhaltensweise) des Individuums stören würde, geht bei dieser philosophischen Betrachtungsweise völlig verloren. Eine Philosophie, die an der Denkoberfläche bewusster Reflexion verleibt, den Konstruktivismus und psychoanalytische Erkenntnisse übergeht, ist über platonisches Denken nicht hinausgekommen. Ich kann mich Herrn Becker nur anschließen und ebenfalls hoffen, dass die weiteren Artikel tiefer greifen.

  • Regenwürmer als Seismografen

    14.03.2011, Raimund Luksch, Klagenfurt (Österreich)
    Ich beziehe mich auf folgende Aussage im unten genannten Artikel:
    Wurmgrunzen kennt man nicht nur vom Maulwurf und Regenwurm-suchenden Fischern, sondern auch vom Planeten Erde. So sagte einmal ein erfahrener alter Demeterbauer: "Wenn bei schönem Wetter so viele Regenwürmer herumkriechen, dann kommt ein Erdbeben."

    Dazu mein Beitrag:

    Diese Behauptung des Demeterbauern ist vollkommen richtig, wie sich bei den beiden Erdbeben in Friaul vom 5. Mai und 15. September 1976 zeigte. Belege finden Sie Buch "Verhalten von Tieren vor Erdbeben" von Robert Samonig, Verlag: Carinthia 1980 (S. 36 und S. 33).

    Dazu möchte ich erwähnen, dass ich Herrn Otto Hilpert persönlich gekannt habe, der mir seine Beobachtungen bezüglich dem Verhalten der Regenwürmer vor Erdbeben genauso
    geschildert hat, wie es im genannten Buch zu lesen ist. Er hatte sich sein Wissen darüber durch persönliche Erfahrungen während des 2. Weltkrieges in Italien erworben. Er war als Sanitätsoffizier unter anderem in Montecassino, später als Kriegsgefangener in der Nähe von Bari und als Gutsverwalter nahe von Uderzo.

    Bekanntlich bebt ja die Erde in Italien wesentlich häufiger als bei uns, deshalb konnte Herr Hilpert genaue Kenntnisse hinsichtlich der Verhaltensweise der Tiere erwerben, und seine Aussagen mit Bestimmtheit treffen.

    Meiner Meinung nach reagieren die Regenwürmer auch auf Infraschall unter 20 Hertz, das ist die untere Schallfrequenzgröße des menschlichen Gehörs. Das ist sicher der Grund, warum bei den Beben im Jahr 1976 kein menschliches Wesen das Wurmgrunzen der Erde schon Stunden vor dem Beben wahrgenommen hat, sehr wohl reagierten aber
    verschiedene Tierarten, darunter auch die Regenwürmer darauf.

  • Wie kommen die Löcher in die Eisdecke?

    11.03.2011, Dr. med. Hanswerner John
    Auf einem 42 Hektar großen stehenden und 2 bis 6 Meter tiefen Binnensee entstehen, wie ich regelmäßig beobachten kann, bei noch dick zugefrorener Eisdecke (20 Zentimeter dick) bei Rückgang des Frostes um die Null Grad Celsius in größeren Abständen natürliche kreisrunde Löcher in der Eisdecke.



    Diese Löcher haben die Form einer auf dem Boden liegenden Krake mit kreisrundem Körper und davon
radial abgehenden – anfangs dicken und an den Enden dünn auslaufenden – Armen mit ca. einem bis zu fünf Meter Länge 
(ähnlich einer gemalten Sonne). Der Lochdurchmesser beträgt 5 bis zu 50 Zentimeter und geht trichterförmig ins Eis – mit der Trichteröffnung nach oben. Bei Null Grad Celsius steht darin Wasser.



    Der See besitzt keine Quellen am Grund!


    Wer kennt die Erklärung für dieses Phänomen? Ich leider nicht.
  • Titel Ihres Leserbriefes

    09.03.2011, Pertti, Berlin
    "In nur einem Jahr hatte es 54 der 1235 bislang von ihm entdeckten Exoplanetenkandidaten als erdähnlich eingestuft – und sie alle befinden sich in einer Zone, die Leben ermöglichen könnte."

    Das ist leider falsch! Von den 1235 bislang von Kepler entdeckten Exoplanetenkandidaten wurden 54 als in der habitablen Zone befindlich eingestuft. Dagegen galten 68 als erdähnlich (bis 1,25 Erdradien) - und nirgends wird gesagt, diese 68 Kandidaten gehörten alle zu den 54 habitabelgezonten.

    Pertti
  • Falsche Rückkopplung

    08.03.2011, Dr. Ekkard Brewig, Overath
    Es ist bestenfalls eine vergnügliche Übung, Fragen der wissenschaftlichen Erkenntnis auf ihre religiösen Implikationen hin abzuklopfen.
    Zur Erinnerung: Religion, allgemeiner Weltanschauung umfasst den Wertekanon einer Gesellschaft, ihre Standortbestimmung und ihre Urteilsweise. Hingegen ist (Natur-)Wissenschaft ist eine anerkannte Methodenlehre, deren Grundlagen durch den Wertekanon geschaffen wurden.
    Es ist daher direkt widersinnig, dem Ergebnis eines Erkenntnisvorgang einen Einfluss auf den Wertekanon sprich: auf die Religion/Weltanschauung einzuräumen.

    Wenn man Kritik an der Religion üben will, dann muss dies auf der Ebene jener Forderungen geschehen, welche der Methodenlehre "Wissenschaft" zugrunde liegen z. B. "intellektuelle Redlichkeit", "Ausklammerung von Vorurteilen" und "raumzeitliche Bestimmtheit". M. a. W. es muss für die Religion völlig belanglos sein, ob dereinst außerirdisches Leben gefunden wird oder nicht. Wird solches jemals (methodisch einwandfrei) gefunden, lautet die wesentliche Frage: "Wie gehen wir damit um?" Ist es uns heilig, lassen wir es in Ruhe, sezieren wir es, nutzen wir es aus? Und dazu können uns die religiösen Verkündigungen durchaus etwas sagen!
  • Ratten haben's gut

    05.03.2011, Dr. Ulrich Starke, Zirndorf
    Schade, dass ich keine Ratte bin. Die Übertragbarkeit auf den Menschen ist nur mit einem Fall belegt, und außerdem ist ein Eingriff ins Hirn notwendig. Das Verfahren müsste mit anderen kombiniert werden (z.B. Ultraschall- oder Magnet-Stimulation).
  • Unglaubliche Blamage

    04.03.2011, Heinrich Gundlach
    Wenn ich eine Doktorarbeit mit summa cum laude bewerte mus ich diese Arbeit doch gründlich gelesen habe, um dieses herausragende Urteil zu begründen. Deshalb ist es für die Bewerter dieser Arbeit eine unglaubliche Blamage, dass eine Kontrolle von außen erfolgen muss, um die Wertmaßstäbe wieder zurecht zu rücken.

    Offensichtlich ist es möglich, mit zusammengestellten Kopien aus verschiedenen Werken, den Doktortitel zu bekommen, weil man darauf hoffen kann, dass Professoren jeden "Mist" akzeptieren.

    Wer zu Gutenberg verurteilt, muss auch diejenigen, die dies nicht bemerkt haben, zur Rechenschaft ziehen.
  • Die Guttenberg-Hatz einer Gruppe von Wissenschaftlern

    04.03.2011, Gerd Höglinger 83026 Rosenheim
    Die in den Medien jetzt groß herausgestellte aufgeplusterte Entrüstung einer Reihe von Professores, Doktores und Studiosi erscheint doch recht unverhältnismäßig, theatralisch und scheinheilig zu sein.

    Es darf doch nicht unbegründet vermutet werden, dass in der älteren und jüngeren Vergangenheit viele Doktorarbeiten mit einem mehr oder weniger großen Anteil von fremdem Geistigem Eigentum "veredelt" wurden. Die damaligen Doktoranden hatten das Glück und ihre Prüfer das Pech, dass es damals noch kein Internet und keine Suchmaschinen gab.
    Im Fall einer per Zufallsgenerator stichprobenweise durchgeführten Durchleuchtung alter Dissertationen gäbe es heute bestimmt manch Heulen und Zähneknirschen und Einkassierung alter Doktortitel.

    Im Übrigen ist die klare Definition des "schädlichen Plagiats" auch nicht gerade einfach. Es besteht da eine recht diffuse, schwammige Grenze bzw. Übergang von der teilweisen oder ganzen Verwendung fremder geistiger Inhalte jedoch mit eigener Textformulierung bis zum wörtlichen "Abschreiben".
  • Freiheit widerspricht Determinismus

    04.03.2011, Gunter Berauer, München
    Michael Pauen benutzt in seinem Beitrag den Begriff Determinismus, erläutert ihn aber nicht genauer. In Lexika wird eine deterministische Welt als eine beschrieben, in der grundsätzlich alle Ereignisse und Zustände durch vorherige und diese wieder durch vorherige u.s.w. exakt festgelegt sind. Damit hätte buchstäblich alles, was in einer solchen Welt heute ist, früher war und künftig sein wird, bereits von eh her lückenlos und exakt festgestanden – auch die Existenz und das tägliche und sekündliche Verhalten eines jeden Menschen auf der ganzen Welt und zu jeder Zeit. Wenn man einmal annimmt, unsere Welt sei tatsächlich so, wovon Herr Pauen ja wohl ausgeht (Kausallücken hält er jedenfalls expressis verbis für “sehr unwahrscheinlich“), dann muss man sich die Frage stellen, was dann all die in dem hier diskutierten Beitrag von ihm benutzten wohlklingenden Verben, wie motivieren, verhindern, fördern, jemanden zu etwas bringen oder veranlassen und ermahnen überhaupt bedeuten sollen. Wie will man etwas in einer Welt beeinflussen, in der alles von Anfang an unbeeinflussbar abläuft? Von Urheberschaft, von Selbstbestimmung, vom Freisein von inneren und äußeren Zwängen oder von der Möglichkeit des Andershandelns könnte doch gar keine Rede sein, und auch der schöne Begriff Autonomie wäre ein nutzloses Fremdwort in unserer Welt.

    Ich verstehe wirklich nicht, wie man unsere Welt für deterministisch halten und dennoch permanent Begriffe verwenden kann, die in einer solchen Welt völlig sinnlos sind. Oder wie man von der Möglichkeit von Freiheit in einer Welt sprechen kann, in der kein einziges Attribut übrig bleibt, an welchem man einen Freiheitsbegriff festmachen könnte. (Siehe dazu auch meinen und die anderen Lesebriefe im Internet zum Spektrum- Diskurs “Schuld und Freier Wille“ vom Juni 2010, die Herr Pauen aber vermutlich nicht gelesen hat).

    Heute müssen (oder dürfen) wir zum Glück davon ausgehen, dass unsere Welt ganz anders ist. Aus der bestbestätigten Theorie aller Zeiten, der Quantenmechanik, folgt, dass mikrophysikalische Vorgänge hochgradig indeterministisch sind. Den mikrophysikalischen Zufall kann man häufig direkt im Mesokosmos beobachten, darüber hinaus wird er aber auch über mannigfache andere Mechanismen in den Meso- und Makrokosmos transformiert. Neben den quantenmechanischen gibt es aber auch noch viele andere Argumente und Fakten gegen den Determinismus, die ich gerade dabei bin, in einem Buch über den “Irrtum vom Determinismus“ zusammenzutragen (siehe dazu auch mein Buch über den Begriff der Freiheit, LIT-Verlag, 2. Auflage). Wir haben es in unserer Welt nicht nur mit ein paar kleinen Kausallücken zu tun, die Herr Pauen vielleicht konzedieren würde, sondern es gibt fast nichts (genau genommen sogar gar nichts) in dieser Welt, was strikt kausal abliefe.

    Nun zum Begriff der Freiheit. Zunächst sollte man zwischen objektiver (von außen zu beurteilender) und subjektiver (empfundener) Freiheit unterscheiden. Objektive Freiheit verbietet nicht den Zufall, wie Herr Pauen sagt, sondern setzt ihn voraus. Oder besser gesagt: Zufall ist ein wesentlicher Bestandteil von objektiver Freiheit. Denn wer würde die Entscheidungen eines Menschen noch als frei bezeichnen, wenn man sie (prinzipiell) sicher hätte vorhersagen können? Nicht sichere äußere Vorhersagbarkeit ist damit ein wichtiges Attribut für objektive Freiheit. Da aber Unvorhersagbarkeit und Zufall Synonyme sind, hat Freiheit eben doch etwas mit Zufall zu tun. Zu einem vernünftigen Freiheitsbegriff kommt man nur, wenn man die Welt so nimmt, wie sie ist, und den physikalisch begründeten Zufall auch als Grundvoraussetzung für Freiheit in die Definition einbezieht (schon Immanuel Kant und später Martin Heidegger sprachen davon, dass die praktische Freiheit des Menschen in der “absoluten Spontaneität“ gründet, was aber nichts anderes ist als der Zufall). Das gelingt mit einem Begriff von Freiheit als Zusammenwirken von Zufall und Kausalität, der damit, um mit den Worten Jacques Monods zu sprechen, “Zufall und Notwendigkeit“ miteinander verbindet. In einem in der Süddeutschen Zeitung vom 10.2.2011 abgedruckten Interview mit dem Titel “Die Freiheit der Fruchtfliege“ hat sich der Zoologe Dr. Björn Brembs genau in dieser Weise über die Freiheit geäußert (siehe dazu auch mein oben bereits genanntes Buch).“
  • Philosophische Schonkost

    04.03.2011, Bernhard Becker, Duisburg
    Betrifft: „Die größten Rätsel der Philosophie“
    Seine Antwort auf die Frage nach dem „Wesen des Ich“ fasst Newen selbst so zusammen: „Ich bin ein Mensch (als biologisches Wesen), der ein Ich-Gefühl und ein begriffliches Selbstbild entwickelt. Dieses Ich-Gefühl entsteht aus der Erfahrung heraus, dass ich einen eigenen Körper habe, die Welt aus einer eigenen Perspektive sehe und der Urheber des eigenen Handelns bin. Das begriffliche Selbstbild entwickelt sich erst in Verbindung mit der Fähigkeit, die eigenen Überzeugungen, Wünsche, Hoffnungen und so weiter von denen anderer Personen neu abzugrenzen.“

    Auch ohne meine Kursivsetzung von „ich“ und „eigen“ dürfte deutlich werden, dass andere Wesen (ob nun Menschen, Tiere oder Sachen) hier eigentlich nur stören können: sie kommen nur negativ vor – im Prozess der Abgrenzung vom Nicht-Ich. Dass wir alle ein personales „Ich“, wie unter Soziologen und Psychologen wohlbekannt, erst sozial, d.h. im verstehenden Umgang mit anderen Menschen erlangen, das Bewusstsein des Einzelnen letztlich also immer „Antwort auf eine Kommunikation“ bzw. „gesellschaftliches Produkt“ ist, bleibt außen vor (und alles, was Buber jemals dazu geschrieben hat, fiele in Ihrem Blatt vermutlich unter „Esoterik“).
    Andererseits verbleibt der Autor mit seiner Unterscheidung Geist/Materie ebenso wie Pauen, der eifrig nach „Lücken“ im „naturgesetzlichen Kausalzusammenhang“ sucht, trotz aller Kritik an Descartes innerhalb der Grenzen eines (wie auch immer „kritischen“) Rationalismus. Dieser so gewonnene „Geist“ entspricht jedoch im wesentlichen einer Reduktion auf Evidenzen des inneren Erlebens als „Subjekt“: fortlaufend sich Erneuerndes faßt es als statisch auf, wähnt sich bzw. seinen „Willen“ gar als „Urheber“ von Handlungen und Kommunikationen, glaubt souverän in jeweils konstruierten Vergangenheiten und imaginären Zukünften zu verweilen und sieht sich so wenigstens in seinem Denken den Beschränkungen von Raum und Zeit enthoben. Kein Wunder also, dass der klassische Idealismus darum auch konsequent von der Existenz einer „unsterblichen Seele“ ausging – dabei jedoch immerhin noch wusste, dass eine derartig exponiere Sonderstellung sich allein eine „Teilhabe“ am göttlichen Geist verdanken könne: einem „Wunder“ also, nicht aber einer noch so fleißigen Selbstabgrenzung egoistischer Individuen.

    Was den Lesern hier als Philosophie präsentiert wird, überschreitet somit leider nirgendwo den Rahmen des, so Heidegger, „natürlichen“ (=idealistischen) Bewusstseins. Doch „wenn man den Bannkreis der idealistischen Spekulation wirklich durchbrechen will“, so Gadamer, darf man „die Seinsart des Lebens nicht vom Selbstbewußtsein aus denken.“ Sicherlich lässt sich auf diese Weise auch heute noch „analytische“ Philosophie betreiben – selbst wenn es schon etwas her ist, dass Quine die Unterscheidung analytisch/empirisch als metaphysisches bzw. „unempirisches Dogma des Empirismus“ qualifiziert hat (Quine, From a Logical Point of View, Cambridge [USA] 1953, S. 37). Die damit zugleich einhergehende Beschränkung einer auf Eigeninteresse und Machbarkeit fixierten „Vernunft“ des methodologischen Individualismus folgt zwar brav dem heute dominierenden Paradigma der Naturwissenschaft (und ist somit gerade für Leser Ihres Blattes hochkompatibel), wird jedoch, wie Breuers skeptische Interview-Fragen zu Recht zeigen, vermutlich nicht einmal dort ernstgenommen: Wer seinen Popper gelesen hat, weiß, dass Normen sich nicht aus Tatsachen „gewinnen“ lassen, sondern stets unterstellt werden und sich dann bewähren müssen.

    Denn dass es „gut“ sei, nach dem „Guten“ zu suchen und andere zu verstehen, ließe sich zwar (wie jede Tautologieentfaltung) durchaus am empirischen Ertrag messen: Eine solche Welt wäre komplexer und differenzierter. Doch man könnte es hier natürlich ebenso halten wie die Riesen bei Harry Potter: Durch Mord und Totschlag wird dann alles wieder einfacher und verständlicher. Werte und Normen – was Moore und Ayer noch wussten – lassen sich darum nicht (oder eben nur zirkulär) „begründen“.

    Folge ich z.B. etwa Pauens Argumentation, so sei Willensfreiheit Hirnforschern zufolge zwar einerseits unmöglich. Weil ohne die Bestrafung von Verbrechern aber keine Staatsordnung denkbar ist, bleibe sie andererseits „eine sowohl pragmatisch wie systematisch begründete Notwendigkeit“. So weit kam freilich schon vor 100 Jahren Vahingers „Philosophie des Als Ob“. Kants „unrealistische“ (und in der Tat für Logiker und Rationalisten eher beunruhigende) Herleitung verweist Pauen ins Reich der „fundamentalen und unlösbaren Rätsel“. In Josef Simons „Philosophie des Zeichens“ dagegen (Berlin 1989, S. 222 f.) erscheint sie durchaus nicht rätselhaft: „Dieses Sich-als-frei-Denken ist also Imagination und als solche der wirkliche Zugang Kants zur Freiheit. Man denkt sich (im ,inneren’ Reden mit sich selbst) als frei, und „eo ipso“, d.h. darin ist man es (Kant: Vorlesungen über die philosophische Religionslehre, AA XXVIII, Berlin 1968, 1068).“ Auch eine Paradoxie wie „Freiheit“ läßt sich nicht begründen – ich muß sie mir nehmen: nur, wer sich frei denkt, kann es überhaupt sein – ebenso, wie derjenige tatsächlich unfrei ist, der sich für unfrei hält.

    Sicher ließe sich dann immer noch bestreiten, ob es so etwas wie Entscheidungen überhaupt geben könne. Das postuliert jedoch nur hilfsweise den magisch-metaphysischen Determinismus naiver Neurologen: Denn die Möglichkeiten eines durch Kommunikation geformten Denkens hängen vom Aufbau der Nerven ungefähr so ab wie die Struktur einer Orgelfuge Bachs vom boyleschen Gesetz. Um nachzuweisen, wieso Freiheit trotz Strukturdeterminiertheit möglich ist, müßte man allerdings z.B. Luhmann gelesen haben – ein Autor von Weltrang, der für SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT als Wissenschaftler aber offenbar nicht existiert.

    Vielleicht würde er ja eine Leserschaft zu sehr verstören, der man zwar Monat für Monat neue hochkomplizierte physikalische Kosmologien zutraut, in gesellschaftlichen Fragen aber gut abgehangene Plausibilitäten des common sense serviert. Erst diese Haltung des Es-gar-nicht-so-genau-wissen-Wollens aber macht Philosophie zu einem „weichen“ Fach. Während meines Studiums bei Kurt Flasch in Bochum durfte ich jedenfalls ein etwas ernsthafteres Niveau kennen lernen und hoffe, dass Ihre angekündigte Serie „Die größten Rätsel der Philosophie“ demnächst etwas mehr als nur Schonkost bietet.
    Antwort der Redaktion:
    Herr Becker weist darauf hin, dass für die Diskussion des Ich auch die soziale Dimension relevant ist. Das ist richtig und die soziale Seite des Ich wird mit der Theory-of-Mind-Fähigkeit zwar thematisiert, wenngleich sie u. a. aus Platzgründen nur gestreift wird. Der Hauptgrund für das Ausblenden ist jedoch, dass bei der Kernfrage, ob das Ich ein Naturwesen oder ein geistiges Wesen ist, der Streit nur verlagert würde, falls es richtig wäre, dass das Ich ausschließlich sozial verankert sei; denn dann kann man immer noch problemlos argumentieren, dass alle sozialen Merkmale Teil der Natur sind und nicht Merkmale einer dezidiert geistigen Entität. Die Kernthese meines Artikels, dass das Ich vollständig ein Teil der Natur ist, welches mittels des Ich-Gefühls und (spätestens) ab dem vierten Lebensjahr zusätzlich aus einem begrifflichem Selbstbild aufgebaut wird, bleibt von der Rolle sozialer Merkmale unberührt (wenn man nicht voraussetzt, dass soziale Merkmale nur rein geistige Wesen haben können, wozu es eine eigene Diskussion gibt).
    Welche Rolle spielen denn nun soziale Merkmale für die Konstitution des Ich tatsächlich? Diese sachliche Frage steht in einem Spannungsfeld von Antworten: Individualistische Theorien des Ich sagen, dass die Interaktion mit dem Anderen überhaupt keine Rolle für das Herausbilden eines Ich spielt, während soziale Theorien des Ich behaupten, dass das Ich nur in der sozialen Interaktion mit anderen überhaupt entstehen kann. In diesem Kontrastbild liegt – wie so oft – die Wahrheit in der Mitte bzw. es ergibt sich ein kompliziertes Bild, wenn man genau hinschaut. Zunächst einmal muss man mit einem Missverständnis aufräumen: Ein Neugeborenes ist klarerweise auf andere Menschen angewiesen, weil es sonst nicht überleben würde. Es würde ihm an Nahrung und emotionaler Zuwendung fehlen. Aber diejenigen Merkmale, die für das reine Überleben notwendig sind, sind deswegen nicht zwangsläufig für ein Ich wesentlich (auch wenn ein Ich nur bei einem lebenden Wesen vorliegen kann). Sonst kommen wir zu den trivialen Aussagen, dass Sauerstoff wesentlich für ein Ich ist. Das aber wollen wir mit guten Gründen nicht sagen: Zwar ist Sauerstoff ganz notwendig dafür, dass ein Lebewesen ein Ich ausbilden kann, aber es ist keine wesentliche (konstitutive) Voraussetzung. (Dagegen ist Sauerstoff eine wesentliche Voraussetzung für die Knallgasreaktion, ohne dass man in solchen Fällen von einem Ich sprechen möchte.)
    Notwendige Voraussetzungen für einfaches Überleben sind nicht automatisch wesentliche Voraussetzungen für das Herausbilden eines Ich. Wenn wir die Rolle des Sozialen für die Entstehung des Ich diskutieren möchten, so lautet die zentrale Frage: Welche sozialen Merkmale, Bedingungen sind denn wesentliche Voraussetzungen für die Entstehung eines Ich? Um diese Frage zu untersuchen, unterscheidet man am besten zwischen individual-kognitiven und sozial-kognitiven Eigenschaften eines Menschen. Individual-kognitive Eigenschaften kann ein Kind allein in einer Kind-Umwelt-Interaktion erlernen, z.B. ein Gefühl der Urheberschaft beim Greifen eines Objekts, ein Grundverständnis von größeren und kleineren Mengen (Anzahlen), ein Erfassen von Objektkonstanz, eine Kategorisierung von Objekten nach Farben, Formen etc. sowie ein Grundverständnis von kausalen Zusammenhängen. Sozial-kognitive Eigenschaften dagegen kann ein Kind nur in einer Kind-Person-Interaktion erlernen, z.B. die Fähigkeit zu erfassen, dass Mutter und Kind dasselbe Objekte im Blick haben („geteilte Aufmerksamkeit“). Zu diesen sozial-kognitiven Fähigkeiten gehören auch vorsprachliche und erst recht sprachliche Kommunikation sowie eine „Theory of Mind“-Fähigkeit (wenn man anderen Personen Wünsche und Überzeugungen zuordnen kann). Es lässt sich gut dafür argumentieren, dass die individual-kognitiven Merkmale in der Anfangsphase der Entstehung eines Ich eine sehr große Rolle spielen, während die sozial-kognitiven Merkmale zwar von Anfang an da sind, aber erst Zug um Zug wichtiger werden und dann mit Beginn des zweiten Lebensjahres zunehmen dominant werden (eine ausführliche Begründung dazu finden Sie in: Newen, A., Fiebich, A. 2009). Im Detail zeigt sich dies u.a. darin, dass ein Ich-Gefühl wie ein Gefühl der Urheberschaft wesentlich individual-kognitiv entsteht, d. h. allein in der Interaktion mit Objekten in der Umwelt, während z. B., sich selbst als Teil einer Gruppe zu verstehen, für die bestimmte Gepflogenheiten gelten, erst mit ungefähr 2,5 Jahren in der Interaktion mit anderen Menschen sich herausbildet. Kurz gesagt: Von den Merkmalen des Ich entstehen einige wesentlich in einer Kind-Umwelt-Interaktion, während andere wesentlich auf eine Kind-Person-Interaktion angewiesen sind. Nur die letztgenannten Merkmale des Ich sind wesentlich auf eine soziale Dimension angewiesen. Und solche Eigenschaften sind zwar von Anfang an da, aber sie sind nicht dominant im Vergleich zu den individual-kognitiven Eigenschaften. Die zentrale Rolle von sozial-kognitiven Eigenschaften bildet sich erst nach dem zweiten Lebensjahr heraus (nachdem mit der geteilten Aufmerksamkeit ab dem 1. Lebensjahr schon eine wichtige sozial-kognitive Fähigkeit entstanden ist). Diese These wird u. a. untermauert durch eine Studie aus der Arbeitsgruppe von Prof. M. Tomasello, bei der ca. 80 Schimpansen mit 100 Kleinkindern im Alter von 2,5 Jahren vergleichend getestet wurden (Hermann et al., 2007). Dabei bekamen Schimpansen und Kleinkindern dieselben vorsprachlichen Aufgaben vorgelegt. Die Aufgaben waren in dem oben eingeführten Sinn aufgeteilt in individual-kognitive und sozial-kognitive Aufgaben. Es zeigt sich, dass die Schimpansen bei den individual-kognitiven Aufgaben genauso gut abschneiden wie 2,5 Jahre alte Kinder, aber bei den sozial-kognitiven Aufgaben liegen die Kinder eindeutig vorne. Es entsteht in dieser Altersphase bei den Kindern ein deutlicher Unterschied in der sozialen Kompetenz: Die Kinder entwickeln ein soziales Verstehen anderer Personen in immer ausgefeilterer Form und damit wird auch das Ich Schritt für Schritt stärker durch sozial-kognitive Eigenschaften geprägt. Auch ist es klar, dass z.B. in der pubertären Entwicklung die sozial-kognitiven Eigenschaften (Phänomene der Gruppenzugehörigkeit) nochmals viel wichtiger werden. Aber alle diese Prozesse finden im Rahmen von natürlichen Prozessen statt, die keineswegs ein rein geistiges Wesen voraussetzen und auch die sozialen Interaktionen sind ganz wesentlich neuronal verankert. Dazu wird es im letzten Heft der Reihe einen Artikel zum Thema „Den Anderen verstehen“ geben. Literatur: Newen, A., Fiebich, A.: A developmental theory of self-models, in: Wolfgang Mack, Gerson Reuter (eds.): Social Roots of Self-Consciousness. Psychological and Philosophical Contributions. Akademie Verlag, Berlin 2009, 161-186. 

    Albert Newen
  • Zum Ich-Gefühl/Das Ich, eine Fiktion?

    04.03.2011, Karl Hostettler, Aadorf, Schweiz
    Zum Ich-Gefühl
    Newen erwähnt entscheidende Schritte in der Entwicklung der kognitiven Eigenschaften des Kindes. Er spricht von Ich-Gefühl. Ich würde eher von „kognitivem Ich“ sprechen. Wir könnten es einem „Empfindungs-Ich“ gegenüberstellen. Denn um die Entwicklung unseres kognitiven Bereichs geht es Newen offensichtlich; um die Reifung desjenigen, welches wir im Alltag als „Bewusstsein“ bezeichnen. Natürlich fühlt sich die kognitive Beschaffenheit unseres Denkens auch an. Insofern passt der von Newen verwendete Ausdruck „Ich-Gefühl“. Doch kann er Identität der kognitiven Seite mit der empfindenden Seite unserer Gefühle vortäuschen.

    Wir müssen unsere Gefühle eben von verschiedenen Seiten betrachten. Da ist die kognitive Seite, die Seite des Wissens um uns selbst. Wir könnten, um den vieldeutigen Ausdruck „Bewusstsein“ zu vermeiden, von „Bewusstheit“ sprechen. Newen erwähnt wichtige Schritte in der kleinkindlichen kognitiven Entwicklung. Diese ist natürlich mit dem Bestehen des „False Belief-Tests“ nicht abgeschlossen. (Das behauptet auch Newen nicht.) Eine wesentliche Eigenschaft der reifen Bewusstheit bildet die Fähigkeit, uns in unserem Sein zu hinterfragen, uns Gedanken zu machen über Sinn und Zweck unseres Tuns und auch unseres Lebens.

    Aber alle diese Fähigkeiten oder Eigenschaften spielen in bestimmten Fällen überhaupt keine Rolle, obschon wir in solchen Situationen durchaus über Empfindungen verfügen, nämlich in unseren Träumen. Daher scheint es mir unvermeidbar, ein Kognitions-Ich und ein Empfindungs-Ich zu unterscheiden. Beide nehmen Anteil an unseren Gefühlen. Beide entwickeln sich im Lauf unserer Ontogenese. Das kann nicht anders sein. Aber es handelt sich ganz klar um zwei Sachen, und ihre Entwicklung muss nicht im Gleichschritt verlaufen.


    Das Ich, eine Fiktion?
    Unser Denken wird stark von Intuitionen geprägt, welche sich bei genauem Betrachten als Fiktionen erweisen. Eine solche Fiktion ist die im Alltag weit verbreitete Auffassung von einer Seele als einem Gegenstand, der unabhängig von materiellen Vorgängen bestehen soll. Albert Newen kritisiert diese Ansicht zu Recht. Aber worum handelt es sich beim Geist oder beim Ich? Ist das Ich, wie Philosoph Metzinger es meint, auch nur einfach eine Fiktion?

    Nein, weder Geist noch Ich und auch nicht Seele, richtig verstanden, sind Fiktionen. Das Problem liegt bei einer auch in der Philosophie leider noch stark verbreiteten, in unserer Intuition sehr stark verankerten naiven Sicht von Wirklichkeit. Als wirklich werden nach dieser Sicht Dinge betrachtet. Dinge gibt es, und sie haben Eigenschaften. Trägerin der Eigenschaften ist die Substanz, die an sich besteht. Sachlich ist diese Sicht nicht haltbar. Wir können es uns leicht vorstellen. Betrachten wir einen materiellen Gegenstand, etwa eine Zwiebel. Denken wir alle ihre Eigenschaften weg, auch Form, Grösse und Masse. Was bleibt? Nichts! Das heisst, es bleibt die bloße Tatsache, dass wir uns gedanklich auf eine Zwiebel beziehen. Substanzen gibt es also nicht. Wir bilden sie, indem wir unsere Gedanken auf ein bestimmtes Objekt lenken. Die Welt besteht nicht aus Dingen, wir sehen sie nur so an. Daher können wir auch die Existenz besonderer Dinge „Geist“ oder „Ich“, die sich irgendwo im Gehirn befinden und auf die Gehirnvorgänge Einfluss nehmen, nicht erwarten. Und doch sind „Ich“ und „Geist“ höchst reale Gegenstände. Die Welt besteht eben nicht aus Dingen. Sie hat eine Beschaffenheit. Sie ist real in ihrer Beschaffenheit!

    Sollen wir Computer-Software als Fiktion betrachten? Sie besteht ja bloß aus einer bestimmten Ordnung von Nullen und Einsen. Aber, wenn doch nicht wirklich, warum bezahlen wir dafür denn viel Geld?

    Zweifellos beruhen „Geist“ und „Ich“ auf Vorgängen im Gehirn. Aber um sinnvolle Gedanken zu schaffen, müssen diese Vorgänge in ganz bestimmter Weise beschaffen sein. Gehirn ist nicht nur Material. Gehirn ist auch Ordnung! Und diese Ordnung, während Hunderten von Millionen Jahren im Rahmen der Evolution entstanden, ist als Eigenschaft des Gehirns genauso real wie seine Masse, Ausdehnung und chemische Zusammensetzung. Denken wir auch daran, dass es diese Vorgänge sind, welche auch das wirklich Rätselhafte erzeugen, das, woran niemals gezweifelt werden kann, das demnach eigentlich in erster Linie die Bezeichnung „wirklich“ verdient: unser eigenes Erleben, an welchem wir nicht nur ein psychologisches, sondern objektives Interesse haben, indem es sich als freudvoll oder leidvoll erweist.

    Geist ist real, aber er ist kein Ding. Seine Rätselhaftigkeit verliert er zum Teil, wenn wir aufhören, einer Fiktion „Geist als Ding“ nachzulaufen.
    Antwort der Redaktion:
    Zwei Punkte möchte ich aus den Ausführungen aufgreifen. Der erste ist die Frage nach der Rolle von Empfindungen bei der Entwicklung des Ich. Da in meinen Theoriebildung klar zwischen einem Ich-Gefühl und einem begrifflichen Selbstbild unterschieden wird, sind damit genau die beiden Aspekte erfasst, die Herr Hostettler als Empfindungs-Ich und Kognitions-Ich unterschieden haben möchte. Hier sehe ich höchsten kleineren Dissens im Detail.

    Der zweite Punkt ist eine allgemeine Anmerkung über die Voraussetzung die in der Geschichte der Philosophie eine große Rolle spielt, nämlich die Substanz-Eigenschaft-Unterscheidung mit der Annahme, dass jede Eigenschaft einen Träger benötigt, dem diese Eigenschaft anhaftet. Sie geht auf Aristoteles zurück und bei Descartes eine wesentliche Voraussetzung für die Cogito-Überlegung. Die einfache Form der Kritik ist durch das Zwiebelbeispiel schön illustriert. Wenn alle Eigenschaften weg sind (alle Zwiebelschalen), dann ist nichts mehr übrig, auch kein vermeintlicher Träger von Eigenschaften. Aristoteles hat damals schon von der Subjekt-Prädikat-Struktur der Sprache („Peter ist 1,80 m groß“) darauf geschlossen, dass die Natur entsprechend in Träger und Eigenschaft aufgeteilt sei. Dieses falsche Verständnis wird bei meiner Theoriebildung gerade nicht vorausgesetzt. Ich nehme lediglich an, dass es Menschen als biologische Wesen gibt und dass sie die Fähigkeit haben, sich selbst zu erfassen (zu repräsentieren), zunächst auf der Gefühlsebene und dann auf der begrifflichen Ebene. Ein Mensch, der eine solche Fähigkeit der Selbstrepräsentation besitzt, der ist ein Ich. Ein Ich setzt somit nur ein biologisches System (den Menschen) und die Prozesse des Gehirns voraus. Wir müssen keine zusätzliche Sache, ein Ich als nichtbiologische Sache, annehmen. Ein Mensch mit der durch Hirnprozesse ermöglichten Fähigkeit der Selbstrepräsentation einerseits und ein Ich (bzw. eine Person) andererseits sind schlicht dasselbe.

    Trotzdem gibt es noch interessante Fälle, wenn die Selbstrepräsentationen von den biologischen Grenzen eines Menschen abweichen, z.B. wenn ich die Gummihand zu meinem Ich hinzuzähle. Dann müssen wir eine Differenz zwischen dem biologischen Ich (der Mensch) und dem Inhalt des Ich-Gefühls bzw. eines begrifflichen Selbstbildes machen. Für letzteres benötigen wir die Rede von einem Selbstmodell, die Metzinger eingeführt hat. Aber das Ich erschöpft sich nicht in von Gehirn konstruierten Inhalten. Um diesen Phänomenen Rechnung zu tragen, benötigen wir die genannte Unterscheidung von einem biologischen Ich (= der Mensch mit bestimmten Fähigkeiten der Selbstrepräsentation) sowie von Ich-Inhalten, die ein Gefühls-Ich (als Einheit meiner Ich-Gefühle) oder ein begriffliches Ich (als Einheit meiner begrifflichen Ich-Vorstellungen) ausmachen. An keiner Stelle meiner Theorie wird mehr vorausgesetzt, als dass es Lebewesen in der Welt gibt, die Empfindungen haben und Inhalte erfassen können, die sich unmittelbar auf das Lebewesen selbst beziehen.



    Albert Newen
  • Selbstbestimmung löst das Problem der Willensfreiheit nicht

    04.03.2011, Dr. Eugen Muchowski, Unterhaching
    1. Das Problem des freien Willens ist zunächst einmal das Problem der Urheberschaft. Kann eine Person Urheber Ihrer Handlungen sein, wenn diese von physikalischen Prozessen, Molekülen und Neuronen bewirkt wurde? Da führt der Hinweis auf Selbstbestimmung nicht weiter, denn Selbstbestimmung hat keine Macht über Moleküle.
    2. Ist Selbstbestimmung notwendig für die Zumessung von Verantwortung? Offensichtlich nicht. Denn es gibt Verhaltensweisen, die nicht selbstbestimmt sind, für die aber trotzdem Verantwortung getragen werden muss: Handeln im Affekt, Handeln gegen die eigene Überzeugung z.B. aus Angst vor Nachteilen etc.

    Urheberschaft und Verantwortung sind nicht dasselbe. Also sollte man die beiden Begriffe nicht in einen Topf werfen. Urheberschaft kann auch ohne Verantwortung vorkommen, bei Kindern oder bei Menschen, die nicht im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte sind, etwa durch Krankheit oder durch Rausch. Die Zumessung von Verantwortung beruht auf gesellschaftlichen Konventionen und ist von Kulturkreis zu Kulturkreis verschieden. Kinder werden sind bei uns erst ab 14 Jahren schuldfähig, in den USA aber bereits mit 10 Jahren.

    Das Problem des freien Willens lässt sich eleganter auf andere Weise lösen, als durch die schwer nachvollziehbare Begründung durch Selbstbestimmung, nämlich durch die Vorstellung von der Einheit der Person. Diese Vorstellung kann tatsächlich die Urheberschaft der Person begründen. Wenn einer behauptet, nicht er sei der Täter, sondern die Neuronen und Moleküle hätten die Tat naturgesetzlich notwendig herbeigeführt, muss er sich fragen lassen, ob denn die Neuronen und Moleküle, aus denen er besteht, nicht zu ihm gehören. Dies kann er schwerlich bestreiten, ohne sich als Person zu verleugnen. Nachzulesen sind diese Gedanken in: Die Einheit der Person, Zur Frage der Begründbarkeit von Verantwortung im Determinismus In: Widerspruch, Münchner Zeitschrift für Philosophie Nr. 47/ 2008 ., abzurufen unter www.widerspruch.com/artikel/47_08_Muchowski.pdf
  • Sie sollten etwas vorsichtiger sein!

    04.03.2011, Dr. Helmut Forberich, Bielefeld
    Sehr geehrter Herr Dr. Springer,
    auch in Spektrum 6/2006 "Ist das Gehirn ein Quantencomputer ?" schlagen Sie sich auf die Seite des Hirnforschers Ch. Koch /...volle Breitseite...), wenn es um Quantenprozesse im Gehirn geht, die ja wegen zu hoher Temperaturen und Zellmolekülen riesigen Ausmaßes schlicht nicht möglich sein können. Wie immer in der Wissenschaft werden solche Gemeinplatz-Unfehlbarkeits Päpste widerlegt!

    Wahrscheinlich ist Ihnen entgangen der Artikel in Nature Physics 6, 462-467 (2010): Quantum entanglement in photosynthetic light-harvesting complexes.
    Gerade bei Riesenmolekülen und Zimmertemperatur!

    Seit über 40 Jahren warte ich nun schon auf diesen Nachweis.
    Ich bin sicher, auch im Gehirn, wenn auch nicht unbedingt da, wo Hammeroff es vermutet, werden sich Quanteneffekte nachweisen lassen. Ich habe auch schon einen Kandidaten im Visier, die Natur wird doch einen einmal erfundenen, so leistungsfähigen Prozess nur deshalb im Gehirn nicht anwenden, weil Herr Koch oder Sie es für unmöglich halten!
    Antwort der Redaktion:
    Zweifellos laufen im Gehirn und in der Fotosynthese Quantenprozesse ab. Letztlich beruht jeder Naturvorgang auf Quantenprozessen. Nicht einmal die Stabilität der Atome und Festkörper lässt sich ohne Quantenmechanik erklären. Eine ganz andere Frage ist, ob Bewusstsein als solches ein Quantenphänomen ist. Beruht das ganzheitliche Verhalten von Neuronenkomplexen im Gehirn auf Quantenverschränkung, wie Roger Penrose und Stuart Hameroff meinen? Max Tegmark und Christoph Koch rechnen vor, dass eine makroskopisch wirksame Quantenverschränkung großer Neuronenverbände unmöglich ist – weil die Quantenmechanik selbst das ausschließt.
  • Freiheit und Moral

    04.03.2011, Stephan Sandhaeger
    Die Diskussion um die Willensfreiheit krankt meist schon an der Definition: Wenn Willensfreiheit die Fähigkeit wäre, zwischen Möglichkeiten ohne Zwang auszuwählen, dann wäre auch ein Schachcomputer willensfrei, wenn er nicht gerade unter Zugzwang steht. Das ist jedoch nichts anderes als die - völlig unumstrittene - Handlungsfreiheit: also zuweilen gemäß seiner Präferenzen zu handeln.

    Das reicht nun aber Philosophen wie Pauen nicht aus. Sie fragen sich, was sie "Willensfreiheit" nennen könnten, damit man weiterhin Schuld und Sanktion zuweisen kann.

    Pauen vollzieht zuerst einmal einen stillschweigenden Schwenk von der Sanktion zur Prävention und stellt fest, dass es nur dann sinnvoll ist, auf jemanden moralisch verstärkend oder hemmend einzuwirken, wenn dessen Gehirn auf Grund dieser Einwirkung vermutlich in einer zukünftigen vergleichbaren Situation gemäß der Präferenz des Einwirkenden entscheiden wird. Das könnte man trivial nennen, und dagegen wird selbstverständlich kein Inkompatibilist etwas einzuwenden haben.

    Wenn der Angesprochene keinen äußeren oder inneren Zwängen unterliegt, nennt Pauen das "Autonomie". Sehr wohl aber soll derjenige empfänglich sein für die moralische Determinierung in Form obiger Einwirkung. Das zeigt ein weiteres Problem mit der Willensfreiheit: Wir möchten uns bei Entscheidungen zwanglos und selbstbestimmt fühlen, aber die anderen sollen sich - jedenfalls bei wichtigen moralischen Entscheidungen - vorhersagbar und konform verhalten.

    Sind wir selbstbestimmt, wenn wir bei roter Ampel brav stehen bleiben? Oder bleiben für unsere "Freiheit" nur Entscheidungen wie die, ob wir Erdbeer- oder Aprikosenkonfitüre aufs Brot schmieren?
  • Ich-Gefühl und deterministische Freiheit

    04.03.2011, Wolfram Friedrich
    Zu "Wer bin ich?" von Albert Newen und
    "Eine Frage der Selbstbestimmung" von Michael Pauen

    Zunächst einmal bin ich ein biologisches Wesen mit einem lernfähigen Informationssystem. Dieses Informationssystem - unser Nervensystem - entwickelt durch jahrelanges Lernen ein bewusstes Sebstmodell (Metzinger) bzw. Ich-Gefühl und ein begriffliches Selbstbild (Newen). Diese sind als vom Gehirn realisierte geistige Konstrukte real. Wenn Metzinger sagt, das "ich" sei eine Illusion, dann meint er das "ich" in der Bedeutung "Seele" oder "Unbewegter Beweger" wie wir es alltäglich erleben. Was wir als unsere freien Entscheidungen erleben, sind aber ganz normale determinierte Ereignisse wie fast alle anderen in unserer makroskopischen Welt. Da wir keinen Zugang zu den gelernten Synapsengewichten der Realisierer von Gründen und Argumenten haben, können wir nicht anders, als diese Ereignisse als unsere freien Entscheidungen zu erleben. Newen macht leider keine Aussage zu der Kernfrage: Kann das von ihm postulierte Ich-Gefühl und begriffliches Selbstbild Erstursache für unser Wollen und Handeln sein?

    Pauen löst das Problem, indem er einen deterministischen Freiheitsbegriff einführt. Er sagt, wir sind frei, wenn unser Wollen und Handeln von unseren Wünschen und Überzeugungen bestimmt wird - wir also selbstbestimmt sind. Dagegen sind wir nicht frei, wenn äußere oder innere Zwänge unser Wollen und Handeln bestimmen. Aus naturwissenschaftlicher Sicht sind es, wenn man es genauer formulieren will, die neuronalen Realisierer von Wünschen und Überzeugungen, die unser Wollen und Handeln mit ihren gelernten Kausalbeziehungen bestimmen. Dieser deterministische Freiheitsbegriff hat aber mehrere gravierende Probleme.
    Zum Ersten weckt er immer Assoziationen zum alltagssprachlichen Freiheitsbegriff, was leicht zu Missverständnissen oder gar Unverständnis führt.
    Zum Zweiten ist nicht klar, ob es überhaupt Wünsche gibt, die von äußeren Umständen völlig unabhängig sind und damit selbstbestimmt bzw. frei sind.
    Zum dritten sind Wünsche und Überzeugungen Dispositionen, die ihre Kausalwirkungen nur entfalten können, wenn sie mit einem Ereignis interagieren. Wenn ein externes Ereignis eine ganze Kaskade von internen Ereignissen auslöst (wir nennen das Überlegen oder Nachdenken), dann kann man alltagssprachlich pragmatisch das Anfangsereignis vernachlässigen und von Selbstbestimmung bzw. Freiheit sprechen. In einem wissenschaftlichen explanatorischen Kontext kann man das aber nicht, weil das externe Ereignis insofern nicht irrelevant ist, als ohne es der ganze Prozess nicht abgelaufen wäre. Die Selbstbestimmung und damit die Freiheit kann demnach niemals vollständig sein.
    Zum Dritten sind unsere Wünsche und Überzeugungen nicht vom Himmel gefallen, sondern haben Ursachen gehabt. Und diese Ursachen kommen immer letztlich aus Bereichen, auf die wir keinen Einfluss hatten und für die wir nicht verantwortlich sein können. Die Selbstbestimmung schlägt deshalb in Fremdbestimmung um. Der deterministische Freiheitsbegriff aus Selbstbestimmung wird damit zu einer leeren Worthülse, die nichts anderes sagt, als was wir Naturalisten schon immer gesagt haben: Es kann keine Freiheit in unserer Welt geben. Das beste, was ein Kompatibilist haben kann, ist eine weit gehende Freiheit aus weit gehender Selbstbestimmung.

    Verantwortlichkeit kann man allerdings nicht aus einem so eingeschränkten deterministischen Freiheitsbegriff ableiten. Trotzdem ist es sinnvoll Menschen verantwortlich zu machen, also zu loben, zu tadeln und im Extremfall zu bestrafen, weil das in unseren Gehirnen ein moralisches Gewissen entstehen lässt und es damit auch moralisch gerechtfertigt ist.