Lesermeinung - Spektrum der Wissenschaft

Ihre Beiträge sind uns willkommen! Schreiben Sie uns Ihre Fragen und Anregungen, Ihre Kritik oder Zustimmung. Wir veröffentlichen hier laufend Ihre aktuellen Zuschriften.
  • Naiver Fortschrittsglaube in den USA

    17.01.2011, Werner Brinker, Darmstadt
    ich bin ein Leser der ersten Stunde von Spektrum der Wissenschaft. In meiner Sammlung finden sich alle Hefte seit 1978 und ich habe Ihr Magazin ununterbrochen seit 1979 abonniert. Meine Faszination für Ihre Artikel ist ungebrochen. Ihre Themenauswahl und die Aufbereitung sind exzellent. Dennoch gab und gibt es natürlich immer wieder Artikel oder Themenreihen, die mich nicht ganz zufrieden stellen. Als Beispiel möchte ich die "Hefte im Heft" von verschiedenen Forschungseinrichtungen aufführen, die sie in den letzten Jahren immer wieder gebracht haben. Für mich stellen sie reine Werbungsseiten dar, das inhaltliche wie sprachliche Niveau war stetes unzureichend, die Aufbereitung deutlich schlechter als gewohnt - insgesamt: nicht lesenswert. Dennoch konnte ich hierüber hinweggesehen.

    Nun haben Sie vor einiger Zeit eine neue Reihe angefangen: Erde 3.0. Während ich die Werbeseiten der Forschungsinstitute noch akzeptieren konnte, ist diese Serie so schlecht, dass ich an dieser Stelle meinen Unmut darüber äußern möchte.

    Erde 3.0 (wer maßt es sich eigentlich an, die Erde durchzunummerieren?) behandelt Umweltfragen - insbesondere auch Fragen zum Klimawandel. Ich bin an diesem Themenkomplex sehr interessiert und begrüße es, dass sich Spektrum der Wissenschaft seit einigen Jahren damit intensiv auseinandersetzt. Allerdings sind die Artikel von Erde 3.0 offensichtlich ausschließlich vom amerikanischen Mutterblatt "Scientific American" bzw. dem mittlerweile offensichtlich wieder eingestellten Tochterblatt "Earth 3.0" übernommen. Leider sind diese Artikel gegenüber dem europäischen Stand des Wissens bzw. dem öffentlichen Bewußtsein in Europa zu diesem Thema mindestens um zehn Jahre zurück oder aber sie zeigen eine fast naiv wirkende industriefixierte Sichtweise mit naiven Scheinlösungen. Ich möchte diese Aussage anhand des Artikels "Große Wäsche" im aktuellen Heft (1/2011) verdeutlichen.

    Der genannte Artikel beschäftigt sich mit den Möglichkeiten, Kohlendioxid aus der Atmosphäre zu waschen um so der globalen Erwärmung entgegenzuwirken. Dazu schlägt der Autor Klaus S. Lackner, der als Professor der Columbia University in New York vorgestellt wird, aber seinen Artikel ausschließlich aus Sicht des Unternehmens "Kilimanjaro Energy" schreibt, dessen Mitbegründer er ist, vor, mit Filtern Kohlendioxid aus der Atmosphäre zu waschen und es entweder endzulagern oder anderweitig zu verwerten. Die dazu vorgesehene Technologie baut auf jener auf, die derzeit für die Rauchgasreinigung von Kohlekraftwerken erprobt wird, dort mit dem Ziel CO2 aus dem Rauchgas abzuscheiden und unterirdisch zu lagern.

    Aus diesen Bemühungen ist nun bekannt, dass dieser Prozess einige gravierende Probleme mit sich bringt. Zum Ersten ist er sehr energieaufwändig. Nach Angaben der Firma ALSTROM Power Generation AG verringert sich der durchschnittliche Wirkungsgrad der Kohlekraftwerke, je nach eingesetzter Technik um 5 bis 15 Prozentpunkte. Im günstigsten Fall bedeutet das, dass zur Reinigung der Abgase von acht Kohlekraftwerken so viel Energie benötigt würde, dass ein zusätzliches gebaut werden müsste. Um alleine die Kohlendioxidmenge, die Deutschland jährlich freisetzt, wieder aus der Luft herauszufiltern, wären demnach mehr als 100 zusätzliche Großkraftwerke nötig - unter den günstigsten Voraussetzungen. Realistisch gesehen werden es wohl 400 oder mehr sein. Die Kosten wären gigantisch. Der Autor beziffert alleine die Kosten für den Betrieb der vorgeschlagenen Filter auf umgerechnet 150 Euro pro Tonne Kohlendioxid und hofft auf Kostenreduzierungen bis 30 Euro pro Tonne. Heute erreichen beispielsweise Windkraftanlagen schon Reduzierungskosten, die deutlich günstiger sind.

    Endgültig unrealistisch wird der Artikel aber, wenn auf die Wiederverwendung des Kohlendioxids verwiesen wird. Ein Einschub der Redaktion besagt, dass in Deutschland ein industrieller Bedarf an Kohlendioxid in Höhe von rund 800 000 Tonnen im Jahr besteht. Deutschland setzt aber jährlich über 800 000 000 Tonnen CO2 frei. Der Unterschied beträgt drei Größenordnungen! Angesichts dieser Verhältnisse ist die in dem Artikel angedeutete Möglichkeit, man könne das gewonnene Kohlendioxid mit Gewinn an die Industrie verkaufen, geradezu absurd. Sehr viel realistischer ist die Annahme, dass wegen des dramatischen Überangebots eine Entsorgungsgebühr zu entrichten sein wird.

    Der CO2-Bedarf der Industrie wird derzeit vor allem dadurch gedeckt, dass Kohlendioxid genutzt wird, das bei vielen Industrieprozessen als Abfallprodukt anfällt. Dieses Kohlendioxid soll nun durch CO2 aus der Luftwäsche ersetzt werden. Und was passiert dann mit dem "Abfall"-Kohlendioxid das bisher für industrielle Zwecke verwandt wurde? Im einfachsten Fall wird es in die Atmosphäre entlassen. Der Nettogewinn für die Umwelt ist null.

    Die Gewinnung von Synthesegas aus H2O und CO2, um daraus einen Benzinersatz zum Antrieb von Fahrzeugen herzustellen, ist nun geradezu lächerlich. Die Synthese von Treibstoffen aus Kohlendioxid und Wasser ist sehr energieaufwändig. Man kann abschätzen, dass der Gesamtwirkungsgrad der Synthese nicht wesentlich höher als 20 Prozent liegen kann. Laut Artikel soll hierzu als Energiequelle umweltfreundlich hergestellter Strom verwendet werden. Damit ergäbe sich ein Kraftstoffpreis, der umgerechnet auf einen Liter Benzin bei rund 12 Euro läge. Und auch das ist nur dann möglich, wenn das Kohlendioxid kostenlos bereitgestellt würde. Da ist es wesentlich sinnvoller, den Strom gleich beispielsweise in Elektroautos als Energiequelle zu nutzen.

    Eine Reduktion des Kohlendioxidgehaltes in der Atmosphäre ist auf diese Weise ohnehin nicht zu erreichen. Das CO2 zunächst mit hohem Energieaufwand aus der Atmosphäre herauszufiltern und es dann mit einem wiederum hohen Energieaufwand in einen Treibstoff zu verwandeln, der dann verbrannt werden soll, so dass das mühsam gefilterte Kohlendioxid wieder freigesetzt wird und auf Grund der schlechten Wirkungsgrade sogar noch wesentlich mehr - komplizierterer Unsinn ist kaum denkbar!

    Der Artikel und auch die gesamte Serie "Erde 3.0" zeigen, dass die USA klimapolitisch nicht auf dem internationalen Stand der Dinge sind. Die Artikel sind entweder von einer geradezu rührenden Naivität oder aber sie zeugen von einer bornierten Gläubigkeit daran, dass die Probleme mit großindustriellen Maßnahmen gelöst werden könnten. Sie sind peinlich für die USA.

    Und sie gehören aus meiner Sicht auf Grund ihres schlechten Niveaus nicht in "Spektrum der Wissenschaft".
  • WIMPs und kein Ende?

    17.01.2011, F. Jetschny, Kassel
    Der Hype um Schwarze Energie und Schwarze Materie kommt mir vor wie die Suche nach dem Äther vor etwas mehr als hundert Jahren. Um die Ausbreitung von Licht zu erklären, hat man nach einem Medium gesucht.

    Jetzt sucht man nach einem Medium, mit dem sich die Struktur des Universums erklären lässt. Vielleicht ist es ja wieder einmal nur eine Eigenschaft des Raumes selbst, die alles bedingt. Was ist z. B. mit Raumatomen die sich unter der Gravitation großräumig in bisher unbekannter Weise verhalten? Vielleicht ist alles viel einfacher, als mathematische Konstrukte und Computersimulationen vermuten lassen. Ich habe die Befürchtung, da die WIMPs jetzt einen Namen haben, existieren sie auch. Jedenfalls in der Fantasie.
  • Ein bis zwei Monate oder Jahre länger leben?

    17.01.2011, Lutz-Michael Weiß, Berlin
    Ist es wirklich so, dass wie im aktuellen Heft auf Seite 60 beschrieben sich "Lebenszeit durch Krebsmedikamente ... nur um *ein bis zwei Monate* erhöht"? Sind nicht *ein bis zwei Jahre* Lebensverlängerung im Schnitt gemeint?
    Antwort der Redaktion:
    Lieber Herr Weiß,


    mit meiner Formulierung, dass sich die Lebenszeit nach medikamentöser Behandlung im Schnitt nur um ein bis zwei Monate erhöht, habe ich mich auf eine wissenschaftliche Untersuchung zu Pankreas-Tumoren bezogen, die an der Charité in Berlin durchgeführt wurde. Demnach erhöht sich die mittlere Lebenserwartung nach einer Chemotherapie von 20 auf 22 Monate (JAMA 2007: Vol. 297, No. 3). Es handelt sich jedoch um Durchschnittswerte und die Wirksamkeit von Krebsmedikamenten kann in verschiedenen Tumortypen sehr unterschiedlich sein.



    Mit freundlichen Grüßen

    Hans Lehrach
  • Transitivität

    16.01.2011, Prof. Werner Hoffmann, Bielefeld
    Mir hat die eingängige Darstellung von Herrn Pöppe sehr gefallen. Wie er richtig schreibt, ist die Abgrenzung des Begriffs eines unendlichen platonischen Körpers umstritten. Man könnte – über die im Artikel genannten Bedingungen hinaus – verlangen, dass eine Fläche des Körpers in jede andere Fläche durch eine seiner Symmetrien überführt werden kann. Dabei soll es möglich sein, eine bestimmte Kante der einen Fläche in eine beliebig vorgegebene Kante der anderen Fläche sowie einen bestimmten Endpunkt der einen Kante in einen vorgegebenen Endpunkt der anderen Kante zu überführen. In diesem Fall besteht das Prinzip der Dualität weiter. Verbietet man noch Selbstdurchdringungen, so gibt es nur die unendlichen platonischen Körper mit den folgenden Schläfli-Symbolen:

    {3,6}, {4,4}, {6,3} (Pflasterungen der Ebene, Geschlecht 1),
    {4,6}, {6,4} (Geschlecht 2),
    {6,6} (Geschlecht 3).

    Das Fundamentalgebiet von {6,6} unter der Wirkung der Translationssymmetrien ist das abgestumpfte reguläre Tetraeder, bei dem je zwei parallele Schnittkanten miteinander identifiziert werden.
  • Hypothesen und Fakten

    14.01.2011, Axel Kilian, Merseburg
    Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Aussage richtig ist, die auf vielen Vorannahmen beruht, ist das Produkt der Wahrscheinlichkeiten der (unabhängigen) Einzelannahmen. Sie wird immer geringer, je mehr Hypothesen ins Spiel kommen. Obwohl das die beteiligten Wissenschaftler sehr wohl wissen, reden Sie über ihre Hypothesen, als wären es hochgradig gesicherte Fakten. Es läuft mittlererweile in der Physik wie in den Geisteswissenschaften: Evidenz entsteht durch genügend häufiges Wiederholen einer Vermutung. Fehlt sie, werden als Ersatz griffige Vokabeln eingesetzt. Zum Beispiel hört sich "Standardmodell der Kosmologie" unangreifbar an, so als wäre es weit gehend gesichert: Das Gegenteil ist der Fall! Und erzählen Sie mir nicht, wahre Wissenschaft definiert sich geradezu durch ihre Falsifizierbarkeit.

    Mir scheint, hier wird manchmal von Dingen geschrieben die weder verifizierbar noch falsifizierbar sind. Dunkle Materie und Dunkle Energie sind bislang immer noch nichts weiter als vage Hypothesen, um unverstandene Beobachtungen zu erklären. Aber wie schnell bekommen die dunklen Begriffe Struktur, plötzlich ist ein ganzer Zoo da, WIMPS heißen sie. Und was erst mal einen Namen hat, das gibt es auch! Computergenerierte Visualisierungen beseitigen alle Restzweifel. Eine Seite weiter wird schon berechnet, wie viele davon gerade durch den Körper des Lesers geflogen sind. Ich mache den Wissenschaftlern keinen Vorwurf: Sie leben ja davon. Auch die Politiker können wohl kaum zurück, nachdem so viele Milliarden geflossen sind. Aber von einer unabhängigen Fachzeitschrift würde ich mir etwas mehr kritische Distanz wünschen.
  • Schmutzige Wäsche tauschen

    14.01.2011, Prof. Dr. Joachim Breckow, Grünberg
    Dass sich Prof. Lackner so vehement für die CCS (CO2-Abscheidung) einsetzt, ist gut zu verstehen, schließlich verdient seine Firma ja daran. Eine vertretbare Alternative zur Eindämmung des Klimawandels stellt CCS jedoch gewiss nicht dar. Im Gegenteil: Da für diese Methode beträchtliche Energiemengen eingesetzt werden müssen, wird dies eher zu mehr Energieverbrauch führen und das Klima noch zusätzlich belasten (CO2 ist ja schließlich nur eine Komponente der Energieproduktion, die sich auf das Klima negativ auswirkt). Die aufgeführten "nützlichen Seiten des CO2" betreffen ausschließlich den wirtschaftlichen Bedarf. Dies ist jedoch lediglich eine kurzfristige Verwertung des CO2, das schließlich ausnahmslos doch wieder an die Atmosphäre abgegeben wird. Das Hauptproblem der CCS-Techniken sind jedoch die horrenden Mengen an CO2 (zig Gigatonnen pro Jahr), die in irgendeiner Form endgelagert werden müssen. Hierüber geht der Autor auffallend schnell hinweg. Wenn man an die ungelöste Endlagerproblematik der Kernenergie (zig Kilotonnen pro Jahr) und die gewaltige gesellschaftliche Debatte hierüber denkt, dann kann man sich eine realisierbare Entsorgung einer millionenfach größeren Menge schlicht nicht vorstellen. Das Gefährdungspotenzial von CO2 ist zwar andersartig, aber nicht unbedingt geringer als das des radioaktiven Abfalls. Der Einsatz von CO2-Abscheidetechniken zur Klimarettung ist keine "große Wäsche für das Klima", sondern nur der Tausch von schmutziger Wäsche.
  • Nichtlokalität und Relativität: Kein Widerspruch

    13.01.2011, Prof. Dr. Eduard Wirsing, Ulm
    Den Artikel ”Bedroht die Quantenverschränkung Einsteins Theorie?“ von David Z. Albert und Rivka Galchen, Spektrum der Wissenschaft 9/09 habe ich leider erst im Anschluss an den von Craig Callender (Spektrum 10/10) über die Zeit genauer gelesen und möchte sagen, dass ich ihn sehr skeptisch betrachte. Albert und Galchen widersprechen dem, was ich über Verschränkung zu wissen meine, aber das Wenige, was sie zur Begründung anführen, sind doch wohl Trugschlüsse.

    Im Kasten auf S. 32 ist das EPR-Argument mit Elektronenpaaren illustriert, die zum Gesamtspin 0 verschränkt sind. Lassen wir Alice und Bob die Spins einer Folge von solchen Paaren in wechselnden, jeweils entgegengesetzten Richtungen messen. (Sie könnten die Richtung z. B. nach einer digitalisierten Version von Nostradamus' Prophezeiungen wählen.) Nach der Quantenmechanik werden sie immer dasselbe messen: beide + oder beide –. Da die Entfernung beliebig groß sein darf, beweisen gelungene analoge Experimente: Die Welt ist und funktioniert nichtlokal. Auf S. 36 heißt es nun: ”Die quantenmechanische Nichtlokalität scheint vor allem absolute Gleichzeitigkeit zu erfordern.“ Wieso? Wohl einfach, weil Maudlin das sagt. Es entspricht ja auch der Vorstellung, Alices Messung beeinflusse ganz schnell Bobs Teilchen; zumal die Wortwahl im Kasten: ”dann wird Bob feststellen ...“, leider davon ausgeht, dass er erst nach Alice misst.

    Aber: Da Alice und Bob vor dem Naturgesetz sicherlich gleich sind, greifen seine Messungen ebenso ins Geschehen ein wie ihre. Wir sollten also sagen: Nach ihrer Messung weiß Alice sofort (in ihrem Bezugssystem), dass Bob dasselbe wie sie messen wird oder schon gemessen hat. Daraus folgt zweierlei:

    Erstens geben die zwei identischen Messreihen nicht den geringsten Hinweis, wer beim Messen der Erste war. Das Experiment erlaubt keine Unterscheidung von früher und später, also keine Beobachtung einer absoluten Zeit.

    Zweitens: Weder sie noch er können aus ihren Messwerten erkennen, ob er bzw. sie schon gemessen hat. Bei Betrachtung der gleichen Folge von Vorzeichen müssten sie ja zum gleichen Ergebnis kommen. Es ist also kein einziges Bit Information in die eine oder die andere Richtung geflossen. Keiner hat auch nur den geringsten (beobachtbaren) Einfluss in das andere Labor. Das kann auch nicht verwundern, denn nicht einmal im eigenen Labor haben die beiden Einfluss auf ihre Messwerte; und etwas Anderes wird ja nicht beobachtet.

    Das obige Experiment ist besonders einfach zu diskutieren, steht aber für alle anderen Experimente mit Paaren verschränkter Teichen. Der Kalkül der Quantenmechanik zeigt nämlich, dass das Messen der Individuen mit anschließendem Mischen die ursprüngliche Gesamtheit wieder herstellt. Und genau dies tut Alice. Zwar misst sie Bobs Teilchen implizit mit ihren mit, aber sie sortiert sie dabei in keiner Weise. Alices Messungen hinterlassen an Bobs Teilchengesamtheit keine beobachtbare Spur. Keine Zeitmarke, kein Bit, kein Einfluss.

    Am Beispiel des Äthers hat Einstein vorgeführt, dass man, was prinzipiell nicht beobachtbar ist, in der Physik ignorieren sollte. Eine nicht beobachtbare absolute Zeit mag ihren Platz im Algorithmus haben, wie schon die Wellenfunktion mit ihrer unklaren Realität, aber sie bringt jedenfalls die spezielle Relativitätstheorie nicht in Gefahr. Die zeitliche Reihenfolge von Alices und Bobs Messungen kann durchaus vom Inertialsystem des Betrachters abhängen.

    Da die Autoren darin die Wurzel aller Fehldeutungen zu sehen scheinen, möchte ich darauf hinweisen, dass die Unmöglichkeit von Überlichtgeschwindigkeit für Information und Materie in der obigen Diskussion keine Rolle spielt. Ich gebe allerdings zu, dass ich bis zum Erweis des Gegenteils daran glaube. Dass dergleichen mit der Relativitätstheorie vereinbar ist, ist egal, solange es keine Experimente gibt, die es zeigen oder nahelegen.

    Bei alledem bleibt der Effekt der Verschränkung natürlich beobachtbar und aufregend. Nur nicht sofort. Beide Messreihen für sich sind völlig unauffällig. Der Effekt liegt im Übereinstimmen der Messreihen bzw. im Zusammenpassen, welches sich in einer Korrelation messen lässt. Er wird also nur wirksam, beobachtbar, wenn die beiden Informationen zusammengeführt werden. Und das kann nach heutigem Kenntnisstand höchstens mit Lichtgeschwindigkeit geschehen.

    Und dann liest man auf S. 32 und im Kasten S. 36, warum Albert und Galchen die Relativitätstheorie in Gefahr sehen: Nichtlokalität bedeutet ihnen direkten Einfluss in der Ferne, Nasenbrechen, Bomben sofort zünden. Wenn stimmt, was ich oben erläutert habe, darf man sagen: Falscher gehts kaum. Gerade die von der Quantenmechanik geforderte und und in Experimenten bewiesene Möglichkeit des ”Fernmessens“ ohne beobachtbare Einflussnahme ist ausgeblendet und dafür die nicht geforderte und mit keinem Experiment belegte sofortige Fernwirkung zur Definition genommen!

    Noch ein paar Worte zur Kausalität, mit der der Artikel auf der Titelseite beworben wird, obwohl ich sie im Heft gar nicht finde. Wofür sollte z. B. Bob nach einer Ursache fragen, wenn er nichts irgendwie Auffälliges beobachtet? Da, wo und dann, wenn der Verschränkungseffekt eine Wirkung haben, beobachtbar werden kann, sind beide Messungen Vergangenheit und erst recht die Präparation der verschränkten Partikel. Darum sehe ich kein Problem mit dem Kausalitätsprinzip. Wahrscheinlich sollte man die Beziehung zwischen den verschränkten Teilchen gar nicht als ”Geschehen“ betrachten. Es lässt sich ja keine Zeit beobachten, zu der etwas geschieht. Es ist wohl mehr eine Art gemeinsames Sein der beiden, über Raum und Zeit hinweg, an beidem vorbei. Dass ich das nicht verstehe, spielt keine große Rolle. Wichtig ist, dass, wie ich hoffe, kein Widerspruch entsteht.

    Sicherlich haben die Autoren (mit Maudlin) Recht, dass die Frage viel subtiler sei als ”die üblichen Plattitüden“. Das kann der Fachmann immer sagen. Dass sie aber gar nicht diskutieren, ob und wie man absolute Zeit oder Fernwirkung vielleicht nachweisen könnte, dem Leser stattdessen nur den Hinweis auf die Autorität (Maudlin) und Scheinargumente bieten, das finde ich ärgerlich.
  • Weibliche Welt

    13.01.2011, Birgit Ergezinger, Göttingen
    Dieser Artikel deutet nicht ohne Grund ein Matriachat an der Wiege der Menschheit an. Eine kleine Bevölkerungsgruppe soll an der Südküste Afrikas, in einem klimatisch günstigem Gebiet, während einer langen Kälteperiode überlebt haben. Die Menschen sahen wie der Mond die Gezeiten bestimmt, damit die Erntezeiten der Meeresfrüchte festlegt und führten Mondkalender. Auf Grund dessen, bezogen die Frauen die Idee einer lunaren Zeugungenergie auf sich. Zeugungsenergie wurde als weiblich angesehen. Eine räumliche Ausdehnung der Population war nicht angesagt. Genauso, wie es heute sein sollte.

    Für eine Welt, die weiblicher werden will, ist der archäologische Befund erfreulich. Es gab also schon einmal eine Zeit, in der es vernünftiger zuging, als genug Nahrung für alle da war, aus der Erde und aus dem Meer. Ein Matriachat in Afrika, von dem wir vielleicht alle abstammen, erklärt den Ursprung von Glaubensvorstellungen des Altertums. Das Urbild der Mondgöttin, als Sinnbild der Fruchtbarkeit, geht letztendlich auf Bedingungen der Natur zurück. Das wußten wir vor diesem Artikel noch nicht so gut.
  • Grundlagen der Kupferverhüttung im Oman

    13.01.2011, Peter Fischer, CH-8127 FORCH
    Nach 1800 v. Chr. ging der Export von Kupfer zurück. Ist es denkbar, dass dies aus Mangel an Brennstoff (Reduktionsmittel) geschah? Zypern und auch Anatolien verfügen über umfangreiche Wälder. Oman besteht hauptsächlich aus Wüstengebieten.
    Oder war dannzumal die Arabische Halbinsel noch begrünt?
    Wer weiss Bescheid?
  • Titel Ihres Leserbriefes

    13.01.2011, Paul R. Woods, Neumagen-Dhron
    Im Artikel wird im Zusammenhang mit hohen Opferzahlen "Indonesien 2004" angeführt. Das Erdbeben von vom 26.12.2004 mit 9,0 hat aber nicht die Opferzahlen verursacht, sondern der dadurch verursachte Tsunami. Gerade in Banda Aceh, der Provinzhauptstadt, waren es vor allem neuere Gebäude, die beschädigt oder zerstört wurden, darunter ein Hotel und zwei Einkaufszentren. Der Tsunami zerstörte rund ein Drittel der Stadt, jedoch waren die anderen Bereiche nahezu ohne jede Schäden.

    Auch das Beben im März 2005 mit 8,7 verursachte in Aceh kaum Schäden, vor allem auch, weil kein Tsunami folgte. Nias wurde jedoch schwer getroffen. Bessere indonesische Beispiele wären die späteren Beben in Zentral-Java (Yogjakarta) oder West Sumatra (Padang) gewesen, wo durch nicht angepasste Bauweise große Opferzahlen zu beklagen waren.
  • Homo religiosus?

    12.01.2011, Dominique Boursillon
    Sehr geehrte Damen und Herren!

    Die Darstellung eines Homo religiosus ist irreführend, vor allem im Hinblick auf die Entwicklung des Menschen zu einem solchen. Es ist eher so, dass die Evolution (ganz im Sinne eines Auguste Comte) den Menschen eher weniger religiös macht. Religiosität ist angeboren und entstand aus der Erkenntnis des eigenen Todes. Religiosität ist die Unterdrückung (oder auch Sublimation) dieser Todesangst. Sie fiel daher quasi vom Himmel... Natürlich als Evolutionsprozess!

    Dennoch: Die weitere Entwicklung und Evolution des Menschen konnte erst mit der Etablierung der Religiosität stattfinden. Wir sind demnach genetisch verdammt zu glauben... Die Ausprägung ist natürlich von der Kultur vorgegeben, wie Sie es im Artikel auch darstellten. Sie sehen die Sache allerdings meiner Meinung nach falsch, wenn Sie den Erfolg der Religionen auf deren Reproduktionserfolg beziehen, weil Sie dabei etwas entscheidendes übersehen: Der freie Mensch ist religiös - aber ungläubig. Die von ihnen zitierten Gesellschaften (Amish, Orthodoxe Juden, Mormonen) sind streng religiös - aber ebenso streng unmenschlich, weil sie jede freie Meinungsäußerung verbieten.

    Auswüchse wie der Kreationismus sind nur die Spitze des Eisbergs. Das Religion in einer freien Welt überhaupt noch eine Rolle spielt, ist erstaunlich genug. Würden wir in Deutschland morgen die "Religion" abschaffen (im Sinne der Freiheit dürften sie natürlich weiter glauben, Kirchen bauen und beten) - es würde sich für die Allermeisten von uns nichts ändern. Streng genommen haben wir die Religion in unserem Leben ohnehin de facto abgeschafft; erhalten Sie nur noch mit Reden, Floskeln und Feiertagen künstlich am Leben.

    Allerdings ist der Gedanke trotzdem interessant, dass die Propagation von Religiositätsgenen deren Evolutionserfolg prägen. Das bedeutet für die Evolution: Glaube oder Freiheit! Wer wird da wohl siegen? Mein Tipp: Wenn wir es der Natur überlassen, dann wird der Glaube siegen. Freiheit ist eine Errungenschaft der Vernunft - und die Vernunft kennt keine Götter... Alles Gute für 2011 und viele Grüße.
  • Glaube und Lebensfreude

    12.01.2011, Armin Furlan
    Aus meiner Sicht hat die Religion die Aufgabe, den Menschen Ängste zu nehmen (dadurch wird die Lebensfreude und Kreativität gefördert). Beginnt die Religion Ängste durch dogmatisches Verhalten zu vermehren, gewinnt sie zwar an Macht, nimmt sich aber gleichzeitig die Grundlage ihrer Existenz: Die Gläubigen verlassen das sinkende Schiff.

    Mit dieser, meiner, Sichtweise finde ich keinen Ansatz einer Vererbungslehre, die mit Genen weitergegeben werden kann.
  • Wohlstand und Religiosität

    12.01.2011, S. Janke
    Vor etwa 100 Jahren gab es auch in Deutschland mehr Kinder, mehr Armut und mehr Religiosität. Ich denke, den Aspekt des Wohlstands sollte man bei derartigen Untersuchungen nicht ganz unter den Tisch fallen lassen. Es gibt wohl kaum wohlhabende Menschen, die sehr viel Kinder haben, oder ?
    Eventuell sollte man auch den anderen Zeitvertreib wie Fernsehen oder im Internet surfen in Betracht ziehen?
  • Wir sind alle Atheisten

    12.01.2011, Peter Sinnl
    Im Konstruktivismus erfahren wir den Unterschied zwischen der Wirklichkeit - die durch die Fähigkeit des Welterkennens von unserem Netzwerk Gehirn geprägt ist - und der Reality - Die Erkenntnis eines "objektiven Wissens", der Wahrheit, der ontologischen Realität ist daher nicht möglich. Auch wenn viele Menschen die gleiche wissenschaftliche Erkenntnis für sich erfolgreich verwenden, wird diese dadurch nicht objektiv wahr.

    Nun wissen wir aus den MRT-Untersuchungen, in welchen Bereichen des Gehirns "religiöse" Erfahrungen angesiedelt sind - dort wo auch Angst und Destruktivität ihren Ausgang nehmen. R. Dawkins: "Darum, ja, ich würde die Ansicht vertreten, dass Religion ein extrem wirksames Etikett für Feindseligkeit ist." Und damit auch ein Symbol für Dummheit.

    Der Weise aus Nazareth hat vielleicht versucht, den widerlichen Gott des AT in den Vorstellungen der Israeliten zu beseitigen; vergeblich, wie man aus der Entwicklung der christlichen Religionsgemeinschaft für die psychische Gesundheit der Menschen sieht.

    Ethisch, so schreibt Dawkins, ist Jesus zwar ein großer Fortschritt gegenüber dem "Ungeheuer aus dem Alten Testament". Aber auch im Neuen Testament gebe es "Prinzipien, die kein anständiger Mensch unterstützen sollte", allen voran die Erbsünde. "Diese Lehre ist ethisch fast ebenso anstößig wie die Geschichte von Abraham, der sich anschickt, Isaak zu grillen."

    R. Dawkins: "Ich bin gegen Religion, weil sie uns lehrt, damit zufrieden zu sein, die Welt nicht zu verstehen." Und:
    "Wir sind alle Atheisten, was die meisten Götter anbelangt, an die die Menschheit jemals geglaubt hat. Manche von uns gehen einfach einen Gott weiter." Alle Religionen machen das, was sie als Gott oder Weltursache bezeichnen, so klein, wie sie ihrer "Wirklichkeit" entsprechen - welch ein Armutszeugnis für die Beweiswürdigung!

    Die Evolutionstheorie Darwins nachzuvollziehen, birgt eine Erkenntnis, welche einerseits die Bedeutungslosigkeit des Menschen und seiner sogenannten "Ideenwelt" oder manifestiert seiner "Ideologien" klar erkenntlich zu machen, anderseits aber eine Zukunft zu erklären, in der die Vergangenheit bedeutsam und die Gegenwart wichtig ist, in der alle Ereignisse dem "ER-Leben" untergeordnet sind. In dieser Zukunft gibt es keine Bestimmung, keine Schöpfungsmacht, keinen Gott oder irgendein bedeutendes Gesetz aus der Trickkiste der Selbstbestätigung. Es gibt keine Hoffnung noch irgendein unerkanntes System des Chaos, des Zufalls außerhalb unserer Identität. Obwohl unser Entstehungs-Programm so gleichartig ist, sind wir in aller Vielzahl nicht gleich sondern jeder für sich "ein Universum im Wassertropfen".
  • Lob für neues Layout

    10.01.2011, Leo Nick, Bad Dürkheim
    ich finde die dezenten Änderungen im Layout des Hefts außerordentlich gelungen. Insbesondere der von mir in meinen fast 28 Abonnementsjahren öfter kritisierte Umgang mit Illustrationen auf der ersten Doppelseite eines Artikels hat nun aus meiner Sicht eine ideale Form gefunden: Dort wo es ansprechende Bilder mit Aussagekraft zum Artikel gibt - z. B. die simulierte großräumige Struktur des Kosmos - sind diese so groß wie möglich angebracht. Wenn es keine gibt - auch gut, dann ein kleines Bild und vor allem Text.
    Ich hoffe natürlich, dass möglichst viele bestehende und natürlich auch neue Leser dies auch so sehen. Die Seriosität und Qualität der Texte machen Spektrum aus - "Bildzeitung der Wissenschaft" sollen andere machen und lesen.
    Der Redaktion in der neuen Zusammensetzung viel Erfolg auf diesem Weg!
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