Lesermeinung - Spektrum der Wissenschaft

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  • Ratschläge von Philosophen sind keine "Backrezepte"

    14.08.2009, Martin Janicijevic, Diepenau
    Die Unverzichtbarkeit auf Zukunfts- und Technikfolgeforschung in der heutigen Zeit bleibt unbestritten. Dennoch sind Ratschläge von Philosophen keine "Backrezepte", die sich eins zu eins in praktische Politik umsetzen lassen. Das Wissen um vorhandene Sackgassen in einer Großstadt schützt nicht davor, sich in eine zwischenzeitlich neu hinzugekommene zu verirren. Das Mittel der Wahl gegen unliebsame Überraschungen bleibt auch in Zeiten von GPS immer noch ein bewusster und maßvoller Umgang mit den verfügbaren Ressourcen. Ausreichend Zeit vorzuhalten, um mit Bedacht den geeigneten Weg und das richtige Maß zu finden, ist die beste Vorsorge und erspart regelmäßig eine Menge Sorgen danach.

    Für die Zukunft unserer Spezies von maßgeblicher Bedeutung und in der momentanen Situation äußerst dringlich scheint mir die Beantwortung der Frage: Wer oder was erzeugt eigentlich diesen rast- und ziellosen Optimismus, der die Menschheit so derart auf "Teufel komm raus" in den Irrsinn ihrer Selbstzerstörung treibt? Oder anders formuliert: Woher nehmen wir die Sicherheit, die Fehler der Vergangenheit genau ab jetzt keines Falls wieder zu machen, obwohl wir gerade im selben Moment aus vermeintlich guten Gründen die dazu notwendigen Veränderungen zunächst einmal zurückstellen?

    Ist es wirklich möglich, genau zu prüfen und durch uns zu entscheiden, was wir der nachfolgenden Generation mindestens übrig lassen müssen? Der Vorschlag, die Hälfte der Gewinne – wenn sie denn tatsächlich anfallen – aus den "Goldadern" unterhalb des Nordpols in einen Fundus zu überführen, um damit anschließend den Heimatverlust der "Klimavertriebenen" zu entschädigen, wird sicherlich von der Ökonomie großzügig und mit Wohlwollen angenommen. Wesentlich schwieriger könnte es werden, einen Zehnten aus den überdimensionalen Gewinnen der internationalen Großkonzerne und den globalen Finanztransfers abzuschöpfen, um damit die Folgen der bereits heute von eben diesen Unternehmungen selbst verursachten realen Klimaschäden vor allem für die Betroffenen abzumildern.

    Kann man Uran lapidar als "Dreck" bezeichnen, wenn es doch bereits z. B. für die moderne Medizintechnik unverzichtbar ist? Naturwissenschaft und Politik durch fundierte Fragestellungen zu führen ist eine Aufgabe mit hohem Anspruch, die in der Tat wesentlich nur die Philosophie zu leisten vermag. Durch ihre Erhabenheit gewinnt sie Distanz, Übersicht und die nötige Hochachtung, um die Lebensbewältigung der Gesellschaft maßgeblich zu stützen. In sofern ist sie alles andere, als ein Luxus. Doch bei aller Weisheit, kann und darf sie keine Empfehlungen zu Gunsten ungeklärter Verfahrensweisen vorwegnehmen. Die Menge des dauergefährlichen Materials spielt bei der Suche nach geeigneten Nach- und Entsorgungsmöglichkeiten durchaus eine gewichtige Rolle.

    Könnte die Weinprobe am Vorabend des Interviews – bei aller Zurückhaltung - nicht vielleicht doch das Gespräch ein klein wenig beflügelt haben? Wie dem auch sei: Die Empfehlungen eines Philosophen sind keine "Backrezepte"; aber Anlass zum eigenen, auch zum lauten Nachdenken sind sie immer und allemal. Die Philosophie ist das Ruder am schwankendem Floss der Wissenschaften. Dennoch ist stets zu bedenken: Philosophen sind ganz gewöhnliche Menschen, genau wie Wirtschaftsmanager oder Parteipolitiker auch. Nur in sehr seltenen Fällen entdeckt man unter ihnen den einen oder anderen "Außerirdischen".
    Antwort der Redaktion:

    Sehr geehrter Herr Janicijevic,



    zum Thema Rezepte:

    Ich möchte für eine Rehabilitierung von Rezepten und Rezeptwissen eintreten. Mich wundert, dass politische und ökonomische Akteure gerne das Katheder betreten und zur allgemeinen Begeisterung verkünden, man verfüge über keine Rezepte. Ich würde es dagegen für äußerst wünschenswert halten, wenn man für Probleme auf Rezeptwissen zurückgreifen könnte. Die Alternative wäre ja, situativ und kontextgebunden, sozusagen aus dem hohlen Bauch irgendetwas zu tun gemäß dem bekannten Therapieprinzip: aliquid fiat. Bedauerlicher Weise verfügen wir bei vielen Problemen der Gegenwart über solche Rezepte nicht; wir sollten uns jedoch bemühen, solche zu (er-)finden.



    Zum Uran:

    Den diagnostischen und therapeutischen Einsatz von strahlenden Agentien will ich keinesfalls in Frage stellen. Die Bemerkung mit dem „Dreck“ sollte deutlich machen, dass Uran im Unterschied zu fossilen Energielieferanten keine zur Kohlenstoffchemie analoge Anwendung hat. Uran kann man nur energetisch nutzen (einschließlich der medizinischen Anwendung) oder ungenutzt liegen lassen.



    Zur nuklearen Entsorgung:

    Leider wird in Deutschland die Debatte auf die Endlagerung in Salzstöcken konzentriert. Angesichts der Anwendung nuklearen Materials in der Medizin, aber auch in der Materialbearbeitung wird es immer ein Entsorgungsproblem geben. Zu diskutieren ist, ob man sich nicht auf eine mehr oder weniger lange Zwischenlagerung zurückzieht, zumal nuklearer “Müll“ auch einmal eine Energiequelle sein könnte. Über grundsätzliche Alternativen wird kaum nachgedacht: Warum nicht den Müll mit Schlicht-Raketen in berstsicheren Behältern in die Sonne transportieren?



    Philosophen als gewöhnliche Menschen:

    Da haben Sie ganz Recht. Die Philosophie verfügt nicht über extraordinäre Erkenntnisquellen, über die nicht jeder bei genügend Einsatz vor Zeit und Energie verfügen könnte. In dieser Hinsicht unterscheidet sie sich von Theologen. Außerirdische sind mir von vornherein suspekt. Philosophieren ist durchaus ein irdisches Handwerk. In diesem Zusammenhang noch einmal zu den Rezepten: Die Philosophen haben Rezepte entwickelt, wie man naturalistische Fehlschlüsse vermeidet, in Debatten um die Grundlagen von Recht und Politik ein sehr hilfreiches Werkzeug.



    Mit freundlichen Grüßen

    Professor Dr. Dr. h.c. C.F. Gethmann

  • Kindererziehung ist Arbeit

    11.08.2009, Reinhardt Braun, Beihingen
    Lieber Herr Springer, ich lade sie gerne hierher in den Schwarzwald ein, um unsere Krabbelgruppe zu besuchen. Hier treffen sich 5 - 6 Mütter mit ihren Kindern zum Spielen und Reden, oder um sich anderweitig zu beschäftigen. Ich betone: Mütter mit ihren Kindern! Die Kinder werden nicht abgegeben. Ich denke, das ist in allen Krabbelgruppen so und das ist gut. Ich zitiere aus ihrem Artikel: "Hingegen lassen menschliche Mütter in Jäger- und Sammlerpopulationen ihre Babys von anderen streicheln, halten und umhertragen". Die Mütter sind dabei nicht "auf Arbeit", sondern in der Nähe.

    Noch etwas: Wer hat das Tragetuch erfunden? Doch eben diese Mütter aus Jäger- und Sammlerpopulationen, die Sie erwähnen. Warum das denn? Haben die keinen Kindergarten, oder haben diese Menschen noch das Gespür dafür, das ihre Kinder bei der Mutter am besten aufgehoben ist?

    Kindererziehung ist Arbeit. Warum sollte eine Mutter zwei Jobs haben?
  • Klimawandel und Vorsorgeprinzip

    11.08.2009, Dr. Günther Sinapius, München
    Natürlich sollte die Philosophie bei der Beantwortung der Frage helfen können, was beim Klimawandel dem Vorsorgeprinzip unterworfen werden soll und was nicht. Im Verlauf des Interviews scheint jedoch die Erkenntnis "Wir können als Philosophen nur tragfähige Vorschläge machen, wenn wir das von den Wissenschaften Erarbeitete berücksichtigen" leider etwas aus den Augen geraten zu sein.

    So plädiert Prof. Gethmann am Beispiel des Deichbaus in den Niederlanden anscheinend für das Prinzip "Nachsorge statt Vorsorge". Angesichts der Aussagen niederländischer Experten (1) kommt mir diese Empfehlung in ihrer Allgemeinheit gewagt vor. Auch die Ausführungen zur Endlagerung im Zusammenhang mit Kernenergie ("ein paar Tonnen mehr[strahlenden Mülls] "durch die Kernenergie") erscheinen angesichts der Daten der BFS (2) erstaunlich.

    Die Idee eines Ausgleichs zwischen Gewinnern und Verlierern der Klimaveränderung ist einleuchtend. Die Aussage, dass es "akzeptablere Quälerein" gebe "als eine Steuer, die jedermann zu Konsumverzicht zwingt", suggeriert jedoch, dass Konsumverzicht vermeidbar sei. Aufgrund der Größe unseres ökologischen Fußabdrucks scheinen zumindest die BürgerInnen der Industriestaaten um einen wie auch immer definierten Konsumverzicht nicht herum zu kommen. Bleibt die spannende Frage, wie traditionell wachstumsorientierte Gesellschaften lernen können, mit dieser Herausforderung umzugehen.

    Schade, dass die Interviewer bei diesen Punkten nicht weiter nachgefragt haben und so der Eindruck "si tacuisses, philosophus mansisses" enstehen konnte.

    (1) http://www.deltacommissie.com/doc/2008-09-03%20Advies%20Deltacommissie.pdf
    (2) http://www.bfs.de/de/transport/endlager/abfall_prognosen.html
    Antwort der Redaktion:

    Sehr geehrter Herr Dr. Sinapius,



    zum Thema Vorsorge oder Nachsorge:
    Unabhängig von der Frage, wie optimistisch oder pessimistisch man hinsichtlich der Deichbaukapazitäten der Niederlande sein kann, mir scheint es kein Argument zu geben, das apriori Vorsorge immer besser als Nachsorge sein soll. Vielmehr ist die Entscheidung zwischen Vorsorge, Nachsorge oder Mischstrategien eine Sache der rationalen Abwägung.



    Zur Frage des Konsumverzichts:
    Ich will nicht ausschließen, dass Konsumverzicht im kollektiven Durchschnitt unvermeidbar ist. Sollte sich das herausstellen, können die Staaten durch angemessene Anreizsysteme (beispielsweise Steuergesetzgebung) entsprechende kollektive Ergebnisse erreichen. Ich bin jedoch dagegen, Individuen zum Konsumverzicht zu zwingen (Ökodiktatur, Blockwartstrukturen) und sei es auch durch moralischen Druck.



    Mit freundlichen Grüßen

    Professor Dr. Dr. h.c. C.F. Gethmann
  • Zeitdilatation durch Zentrifuge?

    11.08.2009, Tilmann Schneider, Bonn
    Im oberen Kasten auf Seite 40 des Heftes (08/2009) wird ein Nachweis der Zeitdilatation durch die Schwerkraft erwähnt.

    Das bringt mich auf die Idee zu einem ähnlichen Experiment:
    Man platziert in einer Zentrifuge, wie sie zu Trainingszwecken normalerweise für Astronauten verwendet wird, eine Atomuhr und lässt die Anlage eine bestimmte Zeit lang kreisen und so eine künstliche Schwerkraft erzeugen. Wäre die auf Frequenzkämmen basierende Atomuhr genau genug, um eine Zeitdilatation nachzuweisen?
  • Mein Universum!

    10.08.2009, Dr. Roland Schmidt, Baunatal
    Meistens ärgern mich Artikel über Kosmologie, der dunklen Energie wegen. Nicht so dieser! Und zwar auch der dunklen Energie wegen, die hier Hypothese bleibt und noch nicht den größten Teil des Universums ausmacht.

    Was mich nicht so richtig befriedigt und die Autoren wohl auch nicht, ist, dass die Inhomogenität des Raums auf einer lokalen Besonderheit beruht. Wäre es da nicht sinnvoller, ganz auf die Forderung nach Homogenität von Raum und Zeit zu verzichten? Schließlich ist das beobachtbare Universum schon insofern inhomogen, als sich räumlich entfernt beobachtete Ereignisse auch zeitlich entfernt, also in der Vergangenheit ereigneten.

    Vorstellbar wäre etwa ein Universum, in dem die Zeit in der Vergangenheit schneller verlief als in der Gegenwart. Wenn in einem solchen Universum ein räumlich entferntes Ereignis während einer bestimmte Dauer TG beobachtet wird, dann hatte dieses Ereignis für einen Beobachter am Ort und zur Zeit des Ereignisses ein geringere Dauer TV. Wenn man nun weiterhin am kosmologischen Prinzip festhält und fordert, dass für letzteren Beobachter zu seiner Zeit ein physikalischer Prozess genauso verlief wie für einen gegenwärtigen Beobachter, dann führt das unweigerlich dazu, dass ein heutiger Beobachter eine Rotverschiebung für Licht feststellt, das aus räumlicher Entfernung zum ihm vordringt, wobei die Ursache für diese Rotverschiebung nunmehr nicht mehr auf eine Fluchtbewegung von Galaxien zurückzuführen ist, sondern vielmehr in der Inhomogenität der Zeit begründet liegt. Denn obwohl das beobachtbare Universum letztlich aufgrund seiner eingeschränkten Beobachtbarkeit inhomogen erscheint, existiert ja doch auch noch ein Universum an sich, in dem für jeden beliebigen Ort dieselbe Gegenwart wie für den Beobachter herrscht, nur ist dieses nicht beobachtbar. Allerdings ist es vorstellbar, und zwar als homogenes Universum, darin räumlich entfernte Raumpunkte zunächst einmal nicht mit einer gegenseitigen Relativbewegung belegt werden müssen.

    Andererseits ist es in einem solch inhomogenen Universum aber auch so, dass, während für den Beobachter in der Gegenwart die Eigenzeit G vergangen ist, an einem räumlich und damit auch zeitlich entfernten Ort seiner Beobachtung die größere Eigenzeit V vergangen ist, da ja die Zeit in der Vergangenheit schneller verlaufen soll als in der Gegenwart. Wenn man nun also das Alter des Universums auf welche Art auch immer mit Zeitmaßstäben der Gegenwart berechnet, dann erhält man womöglich ein endliches Ergebnis. Berücksichtigt man allerdings diese Dehnung der Eigenzeit, je weiter man in die Vergangenheit zurückdringt, dann ist je nach Beschaffenheit der zeitlichen Inhomogenität ein nicht endliches Alter möglich.

    Es liegt mir nun völlig fern, an jenem Ereignis zu zweifeln, dass Urknall genannt wird. Bei diesem Ereignis handelt es ich ja nicht etwa um irgendeinen Anfang, sondern um den Anfang des Universums, und mithin auch um den Anfang von Raum und Zeit. Und da es sich nun einmal um den Anfang der Zeit handelt, sollte doch, wann immer man auf diesen Anfang zurückgeblickt, dieser in der Vergangenheit liegen. Dann erübrigt sich die Frage, was vor dem Anfang war, und der Anfang selbst ist mit räumlichen und zeitlichen Anschauungen nicht mehr fassbar. Man könnte also sagen, dass die Existenz eines Anfangs geradezu nach einer zeitlichen Inhomogenität verlangt.

    Dem kosmologischen Prinzip folgend würde man nun fordern, dass jeder Beobachter zu jeder Zeit dieselbe Lichtgeschwindigkeit misst. Während am Ort des Beobachters die Eigenzeit G vergeht, erstreckt sich nun das Ereignis selbst über eine größere Eigenzeit V. Das Licht hat also am Ort und zur Zeit des Ereignisses eine größere Strecke zurückgelegt als am Ort des Beobachters während der Beobachtungszeit. Das heißt also, dass ein Beobachter in der Gegenwart Strecken im räumlich entfernten Universum zu kurz beurteilt.

    In einem inhomogenen Universum können Ereignisse viel weiter entfernt sein als die gegenwärtigen Maßstäbe des Beobachters vermuten lassen. Insbesondere könnte das Universum je nach Art der Inhomogenität und bei Vermessung in „Eigenstrecken“ (Strecken, die ein Beobachter am Ort und zur Zeit des Ereignisses auch tatsächlich feststellen würde), auch unendlich ausgedehnt sein.

    Die endliche Größe des beobachtbaren Universums resultiert dann letztlich daraus, dass räumlich und zeitlich entfernt wahrgenommene Ereignisse mit den Maßstäben der Gegenwart beurteilt werden und nicht mit Maßstäben, die zu ihrer Zeit Gültigkeit hatten.

    Ein wie oben gedanklich vorstellbares, aber nicht beobachtbares Universum, in dem an jedem Punkt Gegenwart herrscht, wäre dann homogen und unendlich ausgedehnt, sowohl im Raum als auch in der Zeit.
  • Gewagte Theorie

    10.08.2009, Dr. Peter Kunz, Wahlwies
    Die aufwändigen Computeralgorithmen hängen in der Luft, wenn man nicht erklären kann, was die angesprochenen "Resistenzen" in der Realität sind, wie sie sich also im Molekülbau und der Funktion des Enzyms auswirken. Jeder Biologie-Oberstufenschüler kennt das Struktur-Funktions-Prinzip, es scheint aber im Fall der HIV-eigenen Protease außer Kraft gesetzt zu werden. Man kennt Erbkrankheiten, bei denen schon die Änderung eines einzigen Nucleotids im Gen massiv schädigende Auswirkungen hat.

    Im auf Seite 65 vorgestellten Entscheidungsbaum sieht man, dass einzelne Aminosäuren gegen andere mit deutlich abweichenden chemischen Eigenschaften ausgetauscht werden. Das würde in den allermeisten Fällen bedeuten, dass das Enzym in seiner Funktion gestört oder im Extremfall völlig funktionslos wäre. Nicht so bei HIV: Die Protease bindet aufgrund einer Mutation den konkurrierenden Hemmstoff zwar nicht mehr, verarbeitet das normale Substrat aber weiterhin anstandslos. Anderenfalls würde die "Resistenz" gleich wieder aussterben, und eine Anpassung der Kombitherapie, mit oder ohne Computer-Entscheidungshilfe, wäre nicht erforderlich.
    Antwort der Redaktion:
    Bei dem Leserbrief liegen Missverständnisse vor, die häufig auftreten, wenn man sich mit der Thematik beschäftigt. Erkennung und Funktion einer Resistenz werden fälschlicherweise gedanklich verquickt. Bei den beschriebenen Verfahren geht es aber zunächst nur um die Erkennung resistenter Virusstämme und nicht um das Verständnis des Resistenzmechanismus. Trotzdem wissen wir inzwischen auch etwas über die Mechanismen.



    Nicht alle Mutationen werden toleriert, manche führen zu einem Funktionverlust und damit zu vermehrungsunfähigen Viren (letale Mutationen). Alle diese Resistenzmutationen sind mit einem Vermehrungsnachteil für das Virus verbunden, deshalb ist der Ausdruck „verarbeitet das Substrat anstandslos“ nicht korrekt. Ohne den Selektionsdruck des Medikaments können sich diese Muationen nicht durchsetzen. Ein Verschwinden kommt auch mehr oder weniger schnell vor, wenn der Selektionsdruck verschwindet. Es sind auch noch andere Virus-Dynamik-Komponenten dabei, die die einzelnen Zusammenhänge verkomplizieren. Die bedeutendste Komponente ist die Ablage von Viren in Reservoirs, aus denen sie rasch wieder replizieren können, wenn der gleiche Selektionsdruck wieder eingeführt wird. Eine Medikamentenpause führt zwar zum Auftreten sensitiver HIV im Blut, die dann auch schnell wieder durch das vorige Medikament behandelt werden könnte, aber die abgelegten resistenten Viren können sich wieder rasch vermehren.



    Unser Hauptproblem bei der HIV-Therapie ist jedoch die Kreuzresistenz gegenüber noch nicht verabreichten Medikamenten. Dieses Problem stellt das Kernstück des Artikels dar. Durch die bioinformatischen Tools können wir die Kreuzresistenzproblematik so weit bekämpfen, dass wir den Patienten viel länger helfen können als vorher. Leider hat das Virus immer wieder Überraschungen für uns bereit, die uns wieder herausfordern und für die wir unsere Strategie wieder nachbessern müssen.



    Rolf Kaiser, Coautor
  • Es kommt wie es kommt?

    07.08.2009, Dr. Tim Laussmann, Leverkusen
    In einem Punkt muss ich Herrn Prof. Gethmann Recht geben: Bei der Bewältigung von "Krisen" sollte man den Erfindungsreichtum nachfolgender Generation nicht unterschätzen. Seine philosophischen Lösungsvorschläge bezüglich des Klimawandels empfinde ich allerdings als ausgesprochen lässig: Weiter auf Kernenergie setzen, weil "ein paar Tonnen" strahlenden Mülls mehr auch keine Rolle mehr spielen? Birgt nicht jedes Gramm dieses Mülls auch das Risiko, dass es in falsche Hände gerät? Die Menschen im von Hochwasser bedrohten Bangladesch einfach auf Kosten der "Gewinner" des Klimawandels umsiedeln? Abgesehen von den damit verbundenen internationalen politischen Schwierigkeiten - was nützt das der verlorenen Tier- und Pflanzenwelt dieser Regionen? Ist Artenvielfalt kein Potential, dass sich die Menschheit erhalten sollte? Erkennbare Probleme, auch wenn sie sich später doch nicht zu einer Krise auswachsen sollten, dürfen nicht auf folgende Generationen abgeschoben werden - die Zukunft beginnt mit jedem neuen Morgen. Was hält uns noch auf?

    Antwort der Redaktion:

    Sehr geehrter Herr Dr. Laussmann,



    zum Problem des strahlenden Mülls:

    Zweifellos birgt der "strahlende Müll" die von Ihnen genannten Risiken. Er ist jedoch nun einmal vorhanden und wird auch dann zunehmen, wenn die Menschheit auf Kerntechnik verzichten sollte. Es entsteht nämlich auch strahlender Müll aus den Bereichen der medizinischen Diagnose und Therapie sowie beispielsweise durch Materialbearbeitung. Da auch viele Nationen weiterhin die Kerntechnik betreiben, ja sogar ausbauen, sind die zusätzlichen Risiken, die wir in Deutschland erzeugen, eher marginal.



    Zur Artenvielfalt in Bangladesch:

    Die Klimamodelle gehen nicht davon aus, dass die großen ostasiatischen Flussdeltas vollständig überflutet werden; vielmehr nimmt man eine Zunahme von Hochwassersituationen an. Daher dürften die Arten in Flora und Fauna nicht insgesamt gefährdet sein. Ob einige Arten gefährdet sind, die außerdem am Standort singulär sind, müssen weitere ökologische Forschungen zeigen. Hält man sich den technischen und finanziellen Aufwand der Eindeichung des Maas-Rheindeltas vor Augen, dürfte diese technische Variante für die asiatischen Großflussdeltas entfallen. Da auch unter sehr günstigen Klimaprognosen relativ dichte Hochwasserszenarien zu bewältigen sind, dürfte es zur Umsiedlungsstrategie kaum Alternativen geben.




    Mit freundlichen Grüßen

    Professor Dr. Dr. h.c. C. F. Gethmann
  • Die Suche nach der Wahrheit und die Machtfrage

    07.08.2009, Dr. Rainald Hahn, Bergheim (Erft)
    "Ist nicht die Wahrheit das lohnenswerteste Ziel, das wir je erreichen können?" Diesen Standpunkt vertritt Aristarch von Samos in diesem historischen Roman ebenso leidenschaftlich wie eloquent und intelligent. Und doch macht es dieser Roman sehr wahrscheinlich, dass die Frage nach der Wahrheit unter Menschen wohl immer mit der Machtfrage verwickelt ist, insofern selbst die ganze Community der größten Gelehrten im Museion von Alexandria auf einen Schirmherrn und Richter in Gestalt des Königs angewiesen bleibt. Und dies ist umso beunruhigender, als der Richterspruch des Königs Ptolemaios am Ende dem Schwertstreich des Alexanders gleichen muss, der den intelligent geknüpften gordischen Knoten nur durchhauen kann, anstatt ihn einsichtig zu lösen - was dieser Ptolemaios hinter verschlossenen Türen im Roman auch ganz unverblümt ausspricht.

    Ich habe beinahe den Eindruck, dass dieser Roman von Thomas Bührke tiefgründiger ausgefallen ist, als es der Autor vielleicht zunächst beabsichtigt hat. Sein Buch steht gewiss für gut erzählende Wissenschaft und ist deswegen auch für jüngere Leser gut geeignet. Aber meines Erachtens transportiert dieser Roman weit mehr als nur "beste Unterhaltung", zumal der Autor mit großer Kennerschaft und zugleich mit einer zündend einfach treffenden Sprache den historischen und ideengeschichtlichen Hintergrund seines Romans wahrhaftig spannungsreich vergegenwärtigt.

    Mit freundlichen Grüßen
  • Müsste das Licht nicht längst angekommen sein?

    05.08.2009, Klaus A. Ronneberger
    Sie berichten über einen Gammablitz aus frühester Zeit des Universums. Mich als interessierten Laien irritiert, dass dieser Blitz so lange unterwegs gewesen sein soll. Zu der Zeit, als er entstand, war das Universum ja wesentlich kleiner. Das bedeutet doch, dass das Licht die Entfernung bis zu unserer Erde (die es wohl noch nicht gab) längst zurückgelegt haben müsste. Kann es vielleicht sein, dass dieser Blitz inzwischen auf dem zweiten Umlauf durch das Universum war?
    Antwort der Redaktion:
    Die lange Reisezeit des Blitzes hängt mit der Expansion des Universums zusammen. Während das Licht zu uns unterwegs ist, dehnt sich der Raum kontinuierlich aus, nämlich um rund 70 Kilometer pro Sekunde und Megaparsec (1 Megaparsec sind rund 3,26 Millionen Lichtjahre). Das heißt: In jeder Sekunde wird eine Strecke von 3,26 Millionen Lichtjahren um 70 Kilometer länger. Ein Photon muss also nicht nur den Abstand überwinden, der einst zwischen dem Ursprung des Gammablitzes und "uns" (die es damals noch nicht gab) herrschte, sondern auf der gesamten Reise gegen einen stets expandierenden Raum anlaufen – das dauert entsprechend länger.


    Eine weitere Überlegung kann das vielleicht noch veranschaulichen. Der Radius des beobachtbaren Universums – jenes Teils des Universums also, den wir zumindest im Prinzip beobachten können – beträgt rund 46 Milliarden Lichtjahre. Knapp so groß ist auch unser Abstand zu den fernsten Objekten, die wir in den Teleskopen gerade noch sehen. (Dem widerspricht nicht, dass das Alter des Universums nur 13,7 Milliarden Jahre beträgt, jegliches Licht in dieser Zeit also maximal 13,7 Milliarden Lichtjahre zurücklegen konnte. Denn weil, siehe oben, gleichzeitig der Raum, durch den es unterwegs war, kontinuierlich gestreckt wurde, hat es schließlich einen deutlich größeren Abstand überbrückt – die Expansion des Raums hat dem Licht quasi "geholfen".) Diese Größe des Universums bringt aber auch mit sich, dass selbst Objekte, die sich einst in einem relativ kleinen Raum relativ nahe beeinander befanden, heute extrem weit voneinander entfernt sein können.


    Im Internet gibt es übrigens, so verriet mir gerade ein Kollege, auch einen praktischen Rechner, der zumindest in der allereinfachsten Nutzungsvariante keine tieferen Kenntnisse erfordert. Behält man die voreingestellten Werte bei, gibt links für z den Wert 8 ein (wie er als Rotverschiebung in dem von Ihnen angesprochenen Artikel genannt ist) und klickt auf "Flat", wählt also ein flaches Universum, ist auf der rechten Seite der Satz zu finden: "The light travel time was 13.014 Gyr". Die Laufzeit des Lichts, das uns von GRB 090423 erreichte, betrug also knapp über 13 Milliarden Jahre. Und das, obwohl das Universum damals erst 630 Millionen Jahre alt und damit noch vergleichsweise klein war, die Objekte darin folglich nur geringe Abstände zueinander besaßen.
  • Expandieren wir mit?

    05.08.2009, René Boehm, Hamburg
    Liebe Redaktion,
    wo kann man eigentlich „dumme Fragen“ beantwortet bekommen, die sich auf Ihre Artikel beziehen?

    Beim Begriff „Expansion des Weltalls“ – wieder Thema der laufenden Nummer – kam mir die Frage in den Sinn, ob mit dem Raum auch derjenige Raum expandiert, den wir selbst einnehmen, ob wir also im gleichen Verhältnis wachsen. Ebenso dumm wäre die weitere Frage, ob auch das Urmeter, wenn es denn noch Maßstab wäre, mit expandiert. Wir würden dann unsere Expansion nicht feststellen können. Eventuell würde sich damit auch die Lichtgeschwindigkeit c im Verhältnis der Expansion erhöhen.

    Ich meine mich zu erinnern, früher durch einen Artikel gelernt zu haben, dass zu unterscheiden ist, ob sich zwei Dinge nur infolge der Expansion des Raumes voneinander entfernen oder ohne diesen Effekt. Soweit die Distanzvergrößerung infolge Expansion geschieht, so habe ich das verstanden, könnte diese auch höher als mit Lichtgeschwindigkeit stattfinden.

    Fragen, Fragen, und Google oder Wolfram helfen nicht – vielleicht gibt es ja bei Ihnen noch einen netten Oberlehrer.
    Antwort der Redaktion:
    Auch der Raum, den wir selbst einnehmen, ist von der Expansion nicht ausgeschlossen. Unsere Größe verändern wir dadurch aber nicht, ebensowenig wie das Urmeter. Denn letztlich sind allein die Fundamentalkräfte dafür verantwortlich, welche Abstände beispielsweise zwischen Atomkern und Elektronenhülle oder zwischen einzelnen Atomen herrschen. Man könnte sagen, sie korrigieren die durch die Expansion des Raums größer werdenden Abstände kontinuierlich wieder auf ihr "richtiges" Maß.



    Dasselbe gilt auch für unsere Milchstraße. Während sich (fast) alle anderen Galaxien durch die Raumexpansion von uns entfernen, ist sie selbst gravitativ gebunden: Die fundamentale Schwerkraft sorgt also dafür, dass sie sich nicht aufbläht.



    Der Spektrum-Artikel, den Sie gelesen haben, war vermutlich "Der Urknall – Mythos und Wahrheit". Hier geht es auch um die Frage, ob sich Galaxien überlichtschnell voneinander entfernen können. "Im Raum" können sie es nicht, ebensowenig wie beliebige andere Objekte, denn hier gilt die Lichtgeschwindigkeit als oberstes Tempolimit.



    Wenn die zwei Galaxien allerdings ausreichend weit voneinander entfernt sind – und selbst wenn sie relativ zueinander im Raum ruhen –, kann der zwischen ihnen expandierende Raum sie so stark voneinander wegreißen, dass ihr Abstand mit Überlichtgeschwindigkeit wächst. Sie bewegen sich dann also nicht durch den Raum, sondern mit ihm mit. Und dabei gelten keine Tempolimits.
  • Wie kommt das Leben in den Komet?

    04.08.2009, Stefan Taube, Leimen
    Die Gleichung Wasser = Leben erscheint mir doch ein bißchen einfach. Sollen denn die Mikroorganismen laut Chandra Wickramasinghe in den Kometen entstanden sein oder nur als Passagiere reisen? Bei Meteoriten, die aus anderen Himmelskörpern herausgesprengt werden, kann man ja über mitreisende Mikroben spekulieren, bei Kometen bleibt aber doch nur die Möglichkeit, dass das Leben wirklich in ihnen entstanden ist, oder?
    Antwort der Redaktion:
    Sehr geehrter Herr Taube,



    die Panspermie macht über den genauen Entstehungsort der Mikrolebewesen keine Aussage und beschreibt nur deren Verbreitung. Je nach Ursprung kann man beispielsweise zwischen Radio-Panspermie (Sporen von der Erde, Arrhenius 1903/08), gerichteter Panspermie (gezielte Sendung, Barber, 1963, Crick & Orgel, 1970er), und Transspermie (zwischen Nachbarplaneten wie Erde und Mars, siehe Link "astronomie heute: Überleben im All: Per Anhalter durchs
    Sonnensystem") unterscheiden.



    Fred Hoyle hat insbesondere auf Grund seiner Steady-State-Theorie gefallen an der Panspermie gefunden: Sie liefert den Mechanismus, der bestehende Organismen eines Planetensystems vor oder durch die Supernova von dessen Sonne im All verteilt, um letztendlich ein neu entstehendes Sonnensystem quasi sofort zu bevölkern. Ein ewiger Kreislauf – der Kosmos ist immer gleich.



    Insofern wird meist davon ausgegangen, dass die Mikroben bereits vor ihrer Einlagerung in die Kometen existierten, vorübergehend inaktiv waren, dort jedoch akzeptable Lebensbedingungen vorfinden, in denen sie sich reproduzieren können.



    Mit freundlichen Grüßen

    Oliver Dreissigacker
  • Abschätzung der Realisierbarkeit - Antwort auf Herrn Baum

    03.08.2009, Karl Bednarik, Wien
    Die Idee von Herrn Baum ist sehr gut. Ich versuche hier, sie rechnerisch abzuschätzen.

    In der Mitte der Vorderseite des Mondes wird ein auf dem Äquator aufliegendes Gauss-Katapult gebaut, das gegen die Umlaufrichtung des Mondes feuern kann und von Solarzellen versorgt wird. Dadurch kann ein Staubring innerhalb der Mondbahn erzeugt, Baumaterial für eine L5-Station transportiert und sogar Material zur Erde geschickt werden.

    Berechnung der Länge des Gauss-Katapults: Für Personentransport mit 10 m/s² Beschleunigung und 238 s Beschleunigungsdauer (v=a*t), also rund 4 Minuten, beträgt die Länge 283 km (s=(a/2)*t²). Diese Beschleunigung schafft sogar der Transrapid. Mit mehr Beschleunigung verkürzt sich diese Länge.

    Die Staubkapseln müssen im Perigäum ein wenig abgebremst werden, denn sonst liegt ihr Apogäum wieder auf der Mondbahn. Ein Staubtorus würde seinen Schattten gleichmäßiger auf die Erde verteilen als ein Staubring. Dazu genügt eine geringe Geschwindigkeitskomponente parallel zur Erdachse. Ein einfaches Bild dazu: http://members.chello.at/karl.bednarik/STAUBTOR.PNG

    Berechnung des Leistungsbedarfs: 2.380 m/s Fluchtgeschwindigkeit vom Mond, 2.832.200 J/kg Fluchtenergie vom Mond (m*v²/2), 1.370 W/m² Solarkonstante, im Mittel aber nur 436 W/m² durch die Rotation des Mondes relativ zur Sonne (d/Pi), 436.084.544 W/km² geteilt durch 2.832.200 J/kg ergeben bei 100 % Wirkungsgrad 154 kg/s abgechossenes Material, bei einem realistschen Gesamtwirkungsgrad von Solarzellen und Gauss-Katapult von 10 % und bei geforderten 1.540 kg/s benötigt man daher 100 km² Solarzellen, also z. B. 10 km * 10 km.

    Berechnung einer Folienscheibe: 6.378 km äquatorialer Erdradius, 127.802.895 km² Querschnittsfläche der Erde. Für eine vollständige Abschirmung der Sonnenstrahlung benötigt man eine Schichtdicke von rund 1000 nm, eine soche Schicht hat bei 1 km² Fläche 1 m³ Volumen. Man benötigt also 127.802.895 m³ Material, das sind rund 0,128 km³.

    Einerseits benötigt man keine vollständige Abschirmung, andererseits ist der Staubring viel größer als die Querschnittsfläche der Erde. Wenn man eine Folie von 1000 nm Dicke in Staubpartikel von 1000 nm Größe zerlegt, dann kommen 36,8 % (1/e) des Lichtes durch.

    Berechnung des Zeitverbrauchs: 127.802.895 m³ Material mit einer Dichte von 1 g/cm³ wären 127.802.895.000 kg Masse, unser 100 km² Solarzellen-Gauss-Katapult schafft 1.540 kg/s. Man benötigt also 82.988.893 s = 961 Tage = 2,63 Jahre.

    Die Dichte von Silikaten liegt bei etwa 3 g/cm³, und man benötigt Kapseln aus meteoritischem Eisen mit einer Dichte von 7,9 g/cm³, was die Betriebszeit auf etwa 10 Jahre erhöhen wird. Das Rohmaterial liegt auf der Mondoberfläche, das meteoritische Eisen kann man mit Magneten leicht aus dem Mondstaub holen und im Sonnenofen schmelzen.

    Abschätzung der Lebensdauer: Wenn die Dicke einer Folie 769 nm und die Dichte dieser Folie 1 g/cm³ wäre, dann wäre der Strahlungsdruck der Sonne (bei Absorption) und die Gravitation der Sonne völlig gleich, ganz unabhängig davon, wie weit man von der Sonne entfernt ist (beides 1/r²). Das gleiche gilt natürlich auch für Staubpartikel. Der Staubring wird durch den Lichtdruck des Sonnenlichtes langsam ausgedünnt, so dass er sich selbst entsorgt, wenn man ihn nicht ständig ergänzt.

    Karl Bednarik, Wien
  • Die Krise am eigenen Leib erfahren

    02.08.2009, Thomas Witke, Dresden
    Wenn Prof. Carl Friedrich Gethmann meint, dass " ... Die aktuelle Wirtschaftskrise derzeit vor allem in den Nachrichten stattfindet, aber von den meisten kaum konkret am eigenen Leib erfahren wird", dann mag das für diejenigen zutreffen, die im öffentlichen Dienst angestellt sind. Die Inzolvenzen bei Hertie, Karstadt, Qimonda, Opel, verschiedenen Werften sowie die massive Kurzarbeit in sehr vielen Bereichen der Industrie sind hingegen sehr real und kein Hirngespinst der Medien.
    Ohne die umfassenden Eingriffe des Staates wäre diese Krise auch bereits bei Prof. Gethmann angekommen.
    Antwort der Redaktion:

    Sehr geehrter Herr Witke,



    zur Wirtschaftskrise:

    Zweifellos bringt die gegenwärtige Wirtschaftskrise unverhältnismäßig vielen Menschen erhebliche Nachteile. Umfragen und ökonomische Indikatoren (privater Konsum) zeigen jedoch, dass sich in Deutschland kein Krisenbewusstsein eingestellt hat. Von einem Krisenbewusstsein möchte ich dann sprechen, wenn ein nennenswerter Teil der Bevölkerung substantielle Grundlagen der eigenen Lebensverhältnisse gefährdet sieht. In diesem Sinne kann ich (noch) kein Krisenbewusstsein in Deutschland erkennen.



    Mit freundlichen Grüßen

    Professor Dr. Dr. h.c. C.F. Gethmann

  • Schlechter Scherz

    01.08.2009, Bertold Hajen, Boppard
    Wie ein schlechter Scherz mutet der in dem genannten Artikel (S. 92) aufgeführte Vorschlag des Herrn Zenz House von der Harvard University an, das überschüssige Co2 durch NaOH zu binden, das zu diesem Zweck elektrolytisch aus Meerwasser gewonnen wird. Dieser Gedanke ist vergleichbar mit dem Vorschlag, Kraftwerkkessel doch einfach elektrisch zu heizen, da so keinerlei Co2-Emissionen entstehen. Ein paar Zahlen aus dem Chemiebuch (ich nutze den dtv-Atlas zur Chemie) belegen, dass die Idee von Zenz House Unsinn ist. Bei der Verbrennung von Kohlenstoff wird pro Mol emittiertes Co2 ein Energiebetrag von 394 kj frei. Um dieses eine Mol Co2 zu binden, werden 2 Mol NaOH benötigt. Zu dessen Erzeugung durch elektrolytische Spaltung von NaCl in wässeriger Lösung sind 446,6 kj elektrische Energie erforderlich. Kommentar überflüssig.

    Mit keinem Wort wird in Ihrem Artikel das Problem erwähnt, was denn mit dem bei der Elektrolyse entstehenden Chlor geschehen soll. Schließlich entsteht bei dem geschilderten Elektrolyseprozess pro Mol gebundenes Co2 (=44 g) 1 Mol Chlorgas Cl2 (=71 g). Es einfach in die Umwelt zu entlassen, geht nicht, schließlich war es im ersten Weltkrieg ein gefürchtetes Kampfgas. Aber auch die naheliegende Idee, es der chemischen Industrie zuzuführen, ist nur unzureichend machbar. Zwar liegt die Weltproduktion von freiem Chlor bei beachtlichen 30 ×10 6 t/a (dtv-Atlas von 1994), doch die korrespondierende Co2-Menge 44/71 ×30 ×106  t/a = 19 ×106 ist nur ein kleiner Teil des jährlich zu entsorgenden Kohlendioxyds.

    Ich staune, dass es den Autoren von der weltberühmten Harvard University gelungen ist, mit diesem Quatsch an die Öffentlichkeit zu treten. Als langjähriger Leser des „Spektrum“ bin ich aber etwas bestürzt, dass dessen Redakteure diesen Artikel offenbar kritiklos übernommen haben.

    Antwort der Redaktion:
    Sehr geehrter Herr Hajen,

    die Wissenschaftler der weltberühmten Harvard-Universität Harvard-Universität haben keinen Unsinn verzapft. Das scheint nur deshalb so, weil die Darstellung bei uns aus Platzgründen stark verkürzt wurde (wir haben nicht mit derart aufmerksamen Lesern gerechnet). Insofern haben Sie mit Ihrem Einwand absolut recht.

    Doch tatsächlich kümmert sich Herr Zenz House sehr wohl um das entstehende Chlor – sowie um den ebenfalls frei werdenden Wasserstoff. Daraus macht er in einer Brennstoffzelle Chlorwasserstoff und gewinnt so 232 kcal von den vorher verbrauchten 446 kcal zurück. Das mag Ihnen als Gipfel der Idiotie erscheinen, weil es die Elektrolyse im ersten Schritt schlicht rückgängig macht.

    Doch nun kommt der Trick: Während die Natronlauge zum Binden des Kohlendioxids dient, wird die Salzsäure mit Silicatgestein zur Reaktion gebracht, wobei Metallchloride, Siliziumdioxid und Wasser entstehen. Insgesamt bleibt so ein Energieüberschuss von
    394 – 446 + 232 = 180 kcal pro Mol gespeichertem Kohlendioxid.

    Wirkt wie Zauberei, aber beruht darauf, dass das Natriumchlorid de facto mit Wasser in Natronlauge und Salzsäure aufgespalten und letztere zu einem Metallchlorid und Kieselsäure umgesetzt wird, wobei die Kieselsäure jedoch instabil ist und in Wasser und ihr Anhydrid, eben Siliziumdioxid, zerfällt. Man kann es auch so ausdrücken: Herr Zenz House hat ein System zur rasanten Beschleunigung der Verwitterung ersonnen.

    Mit freundlichen Grüßen

    Dr. Gerhard Trageser
    Redakteur



    Antwort von Berthold Hajen:

    Sehr geehrter Herr Trageser,

    vielen Dank für Ihre Mühe, mich mit Ihrer Antwort auf meinen Fehler aufmerksam gemacht zu haben. Wenige Tage nach Abgabe meines Leserbriefs habe ich bei nochmaliger Durchsicht meiner Aufzeichnungen selbst bemerkt, dass sich bei der Elektrolyse auch Wasserstoff bildet, mit dem sich durch Reaktion mit Chlor die Energiebilanz erheblich verbessern läßt. Dass man den entstehenden Chlorwasserstoff durch Reaktion mit Silikaten unschädlich machen kann, war mir allerdings neu.

    Ich war schon dabei, meinen ersten Brief einen zweiten folgen zu lassen, doch wurde mir dabei klar, dass sich bei genauer Analyse des Problems an meinem Urteil über das Verfahren von Herrn Zenz House nichts ändert.

    Ich bin nämlich kein Chemiker, sondern Maschinenbauingenieur, Dipl. Ing. (TU). Als solcher ist mir geläufig, dass heute übliche Wärmekraftwerke aus thermodynamischen Gründen (Zweiter Hauptsatz, Carnot – Kreisprozeß) schon von der Theorie her ein Wirkungsgrad weit unter 100 % haben. Die Erfahrungswerte modernster Kohlekraftwerke liegen bei 45 %. Ein großer Teil der bei der Kohleverbrennung erzeugten Wärmeenergie verlässt die Kraftwerke über die Kühltürme. Es ist deshalb unrealistisch, in der Formel für den Energieüberschuß die Sie freundlicherweise aufgeführt haben, den vollen Wert von 394 kj (nicht kcal!) Energiegewinn pro Mol gebildetes Co2 zu verwenden. Erst mit 45 % dieses Wertes liegt man im realistischen Bereich. Sie sehen aber, dass sich der Überschuß dann in ein Defizit verwandelt. Die Wirkungsgrade der elektrochemischen Prozesse des Vorschlags von Herrn Zenz House sind wahrscheinlich besser, aber sicherlich auch kleiner als 100 %. Hinzu kommt der Energieaufwand für Abbau und Aufbereitung des Gesteins und den Betrieb der ganzen Anlage Ich vermute auch, dass die Reaktion des Chlorwasserstoffs mit Silikatgestein endotherm ist, also der Nachhilfe (Druck?, Temperatur?) bedarf. Liefe sie „von selbst“ könnte man wohl kaum gefahrlos Salzsäure in Silikatglasflaschen aufbewahren. – Alle diese Vorgänge können das Energiedefizit nur vergrößern.

    Trotz meines anfänglichen Fehlers bin ich mir deshalb nach wie vor sicher, dass mein Zweifel am Sinn des Vorschlags berechtigt war. Nur bei Kraft / Wärmekopplung ist er, wenigstens theoretisch, diskutabel.
  • Kosmologie lebt von Hypothesen

    30.07.2009, Dr. Hans-Joachim Rimek, Bonn
    Weil eine weit entfernte Supernova nicht so hell erscheint wie erwartet, schließt man auf eine beschleunigte Expansion des Universums! ("Nicht sein kann, was nicht sein darf"). Dabei ist die vorausgesetzte gleiche absolute Strahlungsstärke aller Supernovae eine möglicherweise vernünftige, aber unbewiesene Hypothese. Von solchen Hypothesen lebt die Kosmologie - sie hat ja keine Möglichkeit, ihre Annahmen zu verifizieren. Auch die beiden Relativitätstheorien Einsteins gründen trotz ihrer Erfolge auf unbeweisbaren Hypothesen. Ist der Raum unveränderlich? Läuft die Zeit gleichmäßig ab?
    Dass sich beim klassischen Michelson-Versuch die Lichtgeschwindigkeit (in einem sehr kleinen Raumabschnitt) in allen Richtungen als gleich erwiesen hatte, veranlasste Einstein, dies auch für das ganze Universum und für alle Zeiten anzunehmen. Daraus folgte dann die Variabilität des Raums.
    Etwas über die Lichtgeschwindigkeit vor z. B. 10 Milliarden Jahren oder in einer Entfernung von 10 Milliarden Lichtjahren zu wissen, ist unmöglich.
    Einstein hat zwar die ad-hoc-Hypothese von der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit aufgestellt und verteidigt - er brauchte in seiner Theorie einen festen archimedischen Punkt -, er hat sich aber nie, anders als die Päpste, als unfehlbar angesehen.
    Vielleicht gibt es ja doch unterschiedlich helle Supernovae. Die "riesige Leere" und die "dunkle Energie"könnte man damit in den Tolkienschen Kosmos des "ersten Zeitalters" verbannen, und unsere Kosmologen könnten sich wieder entspannen.
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