Lesermeinung - Spektrum der Wissenschaft

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Ihre Beiträge sind uns willkommen! Schreiben Sie uns Ihre Fragen und Anregungen, Ihre Kritik oder Zustimmung. Wir veröffentlichen hier laufend Ihre aktuellen Zuschriften.
  • "Erkennen" richtig verstehen

    26.04.2011, Karl Hostettler, Aadorf (Schweiz)
    Der immer mögliche Zweifel an der Wahrheit von allen Aussagen über die Welt bedeutet wohl eines der größten philosophischen Rätsel. Zu Unrecht. Da gibt es gar nichts Rätselhaftes. Wir schaffen das Problem selbst, weil wir die Sache nicht richtig betrachten. Das heißt allerdings nicht, dass der Zweifel aus der Welt zu schaffen wäre. Wir lösen das Problem durch die Einsicht, woher der Zweifel stammt. Er ist bereits im Begriff „erkennen“ zwangsläufig logisch eingeschlossen ist.

    Der Sachverhalt lässt sich leicht einsehen. Einem erkennenden Wesen steht eine zu erkennende „Welt“ gegenüber. Soweit das Wesen sie erkennen muss, ist sie ihm unbekannt. Es kann nicht auf seine Eigenschaften folgernd schliessen. Wir können auch sagen: „Die zu erkennende Welt ist immer so, wie sie selbst sein will.“ Immer könnte sie anders sein. Daher lässt sich grundsätzlich nie eine Aussage über ihre Beschaffenheit als wahr beweisen. Mit anderen Worten: Beweise haben im Erkenntnisprozess nichts verloren! Aber selbstverständlich können sich manche Sachverhalte als evident erweisen. Niemand kann zum Beispiel im Ernst daran zweifeln, dass der gegenwärtige Präsident der USA Obama heißt. Es ist diese Nichtbeweisbarkeit, welche den Philosophen ihre beliebten Gedankenexperimente mit möglichen Welten erlaubt. Es ist auch diese Nichtbeweisbarkeit, auf welche Popper mit seiner Aussage über die Unmöglichkeit der Verifikation von Allaussagen Bezug nimmt.

    Beweise gehören in gedankliche Systeme, in welchen nach exakten Regeln Prozesse durchgeführt werden. In solchen Systemen lässt sich beweisen. Beweisen bedeutet, den Nachweis erbringen, dass das Resultat bei korrektem Vorgehen zwangsläufig folgt. Zu solchen Systemen gehört die Mathematik und gehören viele Spiele, zum Beispiel das Schach. 7 + 8 = 15. Wer etwas anderes sagt, hat falsch gerechnet.

    Da gibt es ein Problem, welches uns als Alltagsmenschen verwirrt und wohl die Hauptursache dafür ist, dass wir den skeptischen Zweifel als Problem betrachten. Ich nenne es das „Apfelproblem“. Wir nehmen drei Äpfel und tun sie in einen leeren Korb. Dann nochmals zwei Äpfel. Jetzt befinden sich im Korb fünf Äpfel. Niemand kann dies bestreiten. Also muss die Welt doch der Mathematik gehorchen! Sie muss es nicht. Sie tut es. Sie tut es, weil sich erfahrungsgemäss materielle Gegenstände nicht einfach so in nichts auflösen oder sich auch vermehren. Wir können uns aber leicht eine Welt vorstellen, in welcher ein allmächtiger Weltgeist beim Zusammenfügen von Äpfeln jeweils einen für sich beansprucht. Die Welt könnte anders sein, wir können nie beweisen, dass sie sich immer nach unseren Vorstellungen verhält. Aber dass sie in einem solchen Falle tatsächlich so ist, können wir nach unserer Erfahrung getrost als evident betrachten.
  • Wie schnell geht das Denken oder gibt es eine biologische Re

    26.04.2011, Dr. Dr. Horst Koch, Aue
    Wenn man einigen Autoren Glauben schenkt, besteht unser freier Wille darin, etwas bereits Vorgefasstes umzusetzen. Viele physiologische Argumente dafür und dagegen sind ausgetauscht worden, philosophische und juristischen Konsequenzen werden diskutiert (Pauen, 2011). Selbst die Erstbeschreiber des Bereitschaftspotenzials [readiness potential, 1964] (Kornhuber und Deecke, 2008) gehen davon aus, dass der Mensch über einen freien Willen verfügt, dass u. a. nicht bei jeder Handbewegung eine substanzielle Willensentscheidung getroffen werden muss. Unabhängig davon, ob zwischen 350 ms (Libet-Experiment) oder bis zu einer Sekunde (Erstbeschreibung) vor einer Handlung die Bereitschaft für eine Entscheidungen gebahnt wird, diese setzt in der Tat voraus, dass Reaktionen schneller ablaufen, als das biologische System per se, d. h. begrenzt durch die Nervenleitgeschwindigkeit und Verarbeitungszeit, zu reagieren in der Lage wäre.
    An einem praktischen Beispiel der sei dieser Sachverhalt erläutert: Ein Tennisball im Tennis erreicht um die 150 km/h (ca 42 m/s), gelegentlich auch mehr. Nun leiten die schnellsten Nerven etwa 120 m/s. Die Latenz für zwei Synapsen kann grob mit 1 ms überschlagen werden. Die simple Reaktionszeit (Wahrnehmung und Handlung) nach Präsentation eines visuellen Reizes beläuft sich auf zirka 250 ms. Legen wir etwas vereinfacht eine Strecke von einem Meter (Auge bis Schlaghand) zu Grunde, berechnet sich die Geschwindigkeit für die Reizaufnahme und Verarbeitung approximativ zu 1m/250 ms oder 4 m/s. Wie bewerkstelligt das Nerven-Muskelsystem überhaupt, auf eine extrinsische Bewegung, die zehnmal schneller als der zugrunde liegende interne Prozess abläuft, zu reagieren? Und dennoch können Menschen diese Leistung erbringen.
    Die Frage liegt auf der Hand, ob wir nicht doch Zellen besitzen, die quasi „vor der Zeit“ antworten. Das visuelle System scheint in der Tat über solche Neurone zu verfügen, die, reizt man sie mit einem sich mit konstanter Geschwindigkeit bewegenden Lichtbalken ∆x/∆t, scheinbar früher feuern („negative Latenz“), als experimentell nach der Balkengeschwindigkeit erwartet. Anders ausgedrückt, die Erregung auf dem visuellen Kortex (zwischen zwei Elektroden mit definiertem Abstand) erreicht höhere Geschwindigkeiten als die Geschwindigkeit des stimulierenden externen Balkens (Koch, 1997). Die Latenz von einigen Zellen ist geringer, als man dies erwarten würde. Scheinbar kompensiert das Gehirn intrinsische Zeitverzögerungen und ermöglicht somit eine adäquate Reaktion. Es scheint als verkürze sich die Zeit ∆t bei gleicher Neuroanatomie ∆x? Eine plausible Erklärung für dieses Phänomen gibt es derzeit nicht. Vielleicht spielen veränderte biophysikalische Effekte auf der Nanoebene (Nanotubes, Nanoballs) und die Berechnung der Bahn – sofern Zeit bleibt - eine Rolle? Oder fahren wir, bezogen auf unsere freie Willensentscheidung, quasi ständig in die Vergangenheit wie einst Admiral J. T. Kirk und seine Crew?

    Referenzen
    Koch HJ: Intrinsic neuronal time delays can be compensated in cat visual cortex and frog tectum with regard to motion analysis. Acta Physiol Hung (1997), 303-313
    Pauen M: Eine Frage der Selbstbestimmung. Spektrum d. W. 3 (2011), 68-72
    Kornhuber HH, Deecke L: Bereitschaftspotential und Willensfreiheit. Schweizer Archiv für Neurologie und Psychiatrie 159 (2008), 133

  • Singularitäten

    25.04.2011, Andreas Bergmann, Hasel
    Auf Seite 38 schreiben Sie: "So sagt die Relativitätstheorie aus, dass in der Urknall-Singularität die Materie des ganzen Universums, die Vorläufer aller heute sichtbaren Galaxien eingeschlossen, in einem einzigen Punkt konzentriert war – nicht in einem kleinen Raum von der Ausdehnung eines Stecknadelkopfes, sondern in einem echten mathematischen Punkt mit der Ausdehnung null. [...] In beiden Fällen ist die Massendichte in einem solchen Punkt, zu berechnen als Masse geteilt durch Volumen, unendlich, denn das Volumen ist null."

    Weiter schreiben Sie auf Seite 42: "Quarks und Elektronen allein sind als Grundlage für Uhren ebenfalls ungeeignet, da sie überhaupt keine Größe haben: Sie erscheinen stets punktförmig, einerlei wie dicht ihnen die Teilchenphysiker auf den Leib rücken."

    Da Elektronen eine Ruhemasse von größer null, andererseits aber ein Volumen von null haben, bedeutet das dann im Umkehrschluss, dass es sich bei den Elektronen um Singularitäten handelt, wie weiter oben beschrieben? Wenn es aber keine Singularitäten sind, sind sie dann möglicherweise nicht punktförmige Gebilde? Wenn es aber keine punktförmigen Gebilde sind, was sind sie dann?
    Antwort der Redaktion:
    Was das Elektron angeht, so zählt Ihre Frage zu den zahlreichen guten Fragen, auf die es keine Antwort geben kann, weil die Gesetze der Quantenmechanik eine solche vereiteln.


    Man kann die Ausdehnung eines Elektrons nicht wirklich messen, weil dazu die Ortsunschärfe beliebig klein sein müsste. Dann aber wäre die Impulsunschärfe entsprechend beliebig groß. Wenn die Physiker das Elektron für "punktförmig" erklären, dann weil es keine Ausdehnung gibt, die das Elektron nachweislich überschreiten würde.


    "Aber dann müsste doch die Massendichte unendlich sein?" Schon – aber es kann (s. o.) nicht gelingen, diesen Widerspruch dingfest zu machen. Es stellt sich heraus, dass man Physik mit einem punktförmigen Elektron und endlicher Masse betreiben kann, ohne je auf einen Widerspruch zu stoßen.


    Die ganze Masse des Universums in einem Punkt – das ist schon etwas anderes.


    Dr. Christoph Pöppe, Redaktion
  • Fantasie gegen Logik und Realität

    25.04.2011, Wilfried Köhler, Bad Salzuflen
    Mit Fantasie ist alles möglich, selbst das Dividieren durch null? Es verwundert mich schon, im „Spektrum“ eine Gleichung für Massedichte zu finden, die als Divisor „unendlich“ und „Null“ hat. Sollte man nicht kurz darauf hinweisen, dass eine Funktion wie 1/x nur dann korrekte Ergebnisse liefert, wenn x ungleich null ist? Mathematische Gleichungen mit „unendlich“ möchte ich nicht kommentieren.

    Ein Zitat wie „Mit dem Triumph der Urknalltheorie …“ lässt mich ungebildeten Menschen staunend zurück. Wo oder was genau ist denn dieser „Triumph“? Hier möchte ich gern auch eine Gleichung aufstellen.
    Antwort der Redaktion:
    Genau die Sache mit der Division durch null wird in dem Artikel ausführlich diskutiert.



    Im Prinzip sind unendliche Größen den Physikern durchaus vertraut. Schon der bei theoretischen Berechnungen beliebte Massenpunkt versammelt eine endliche Masse in einem mathematischen Punkt – da muss die Massendichte in diesem Punkt unendlich sein.



    Aber der Massenpunkt ist nur eine Vereinfachung, die das Rechnen erleichtert. Neu an den Singularitäten des Artikels ist, dass sie "ernster gemeint" sind. Da wäre dann tatsächlich eine endliche Masse in einem mathematischen Punkt versammelt.



    Die Physiker wissen genau, dass das genau so nicht sein kann, sondern wie beim Massenpunkt nur eine bequeme Näherung an die Realität ist. Allerdings lässt sich mit dieser Näherung trefflich rechnen (wenn man einige spezielle Rechenregeln für das Unendliche richtig anwendet). Wie die Realität hinter der Vereinfachung denn nun wirklich ist – das ist Thema des Artikels.



    Es ist in den letzten Jahrzehnten gelungen, so ziemlich alles, was es an kosmologischen Beobachtungen gibt, mit einer einheitlichen Theorie in Einklang zu bringen, der Urknalltheorie. Das nennen die Leute den Triumph dieser Theorie. Ich wüsste allerdings nicht, dass sich diese Theorie in eine oder auch nur wenige Gleichungen fassen ließe.



    Dr. Christoph Pöppe, Redaktion
  • Genial

    22.04.2011, Markus Kocheise
    Noch nie habe ich eine so einfühlsame und literarische Rezension eines biologischen Buches gelesen.
  • Pflanze, Stärke und Gift

    20.04.2011, Dr. Norbert Mundigler, Wien
    Maniok, Cassava, Yuca bezeichnet die Pflanze, Tapioka nur die daraus gewonnene Stärke. Außerdem enthält die Pflanze ein Blausäureglykosid - Linamarin - das vor dem Verzehr durch Schälen, Waschen und Kochen entfernt werden muss. Für den Rohgenuss ist sie ernährungsphysiologisch bedenklich einzustufen.
  • Mal andersrum

    20.04.2011, Harald Weiche, Garbsen
    Das an einen Rechner gehängte Gehirn ist eine gruselige Idee, aber die Argumentation gegen diese Vorstellung scheint mir falsch aufgezogen.

    Meines Erachtens macht es keinen Unterschied, ob unsere Welt so ist, wie wir sie erfahren oder ob sie nur vorgetäuscht ist. Solange die Dinge so sind, wie sie sind, sind sie so, so oder so. Erst in dem Moment, in dem Dinge möglich sind, die es eigentlich nicht sie, erst dann darf man von einer "Simulation" sprechen.

    Ich sehe keine Äpfel, ich sehe das Licht, dass von ihnen ausgeht. Dieses Licht wird von mir wahrgenommen, interpretiert und zum Apfel in mir. Wie viele Kerne er hat, bleibt mir verborgen. - Es ist nichts Ungewöhnliches, dass wir nur ein "Bild" von der Welt haben. Aber im Rahmen dieses Bildes bleibt der Apfel ein Apfel. Erst wenn ich darauf beiße, dann merke ich, dass er aus Wachs ist.

    Bevor man darüber sinnvoll spekulieren kann, ob ich nur in einer Petrischale schwimme, sollte man in Wachs gebissen haben, so lange unterscheiden sich die Äpfel nicht.

    Zwei Funktionen, die an allen Stellen gleich sind, sind identisch.

    Also liebe Skeptiker, ich behaupte, euch gibt es gar nicht. Beweist mir euere Exsistenz.
  • Unterschiede Mensch zu Tier

    20.04.2011, Sven Schmidt, Stuttgart
    Der Artikel war wieder einmal sehr interessant zu lesen und doch fehlte die Antwort, was der kleine Unterschied ist. Üblicherweise werden immer kleine Experimente von isolierten Kenntnissen oder Fähigkeiten an einer anderen Spezies probiert. Die Ergebnisse zeigen dann, dass gewisse Fähigkeiten, in unterschiedlichen Ausprägungen, auch bei anderen Spezies vorhanden sind.

    Was nicht untersucht wird, ist die Frage, welche andere Spezies außer Homo kann all dies in der Summe meines Erachtens nachgehen vor allem folgende Aspekte immer unter: Welche andere Spezies interessiert sich überhaupt für andere Spezies, außer in den Kategorien Futter, Gefahr oder neutral? Welche, außer der Gattung Homo, möchte denn wissen, was über ihren eigenen "Kultur"- oder Lebensraum noch vorhanden ist? Welche andere Spezies denkt darüber nach, inwieweit eine andere Spezies oder ein Werkzeug permanent zu einem Vorteil eingesetzt werden kann? Welche andere Spezies besitzt etwas wie ein kollektives Gedächtnis und tradiert Erfahrungen derart intensiv wie die Spezies Homo?

    Vielleicht gibt es dazu auch Antworten die einen spannenden Artikel ergeben.
  • Grober technischer Fehler im Artikel

    20.04.2011, Werner Becker
    Der folgende Satz im Artikel ist grob falsch. Sowohl die Beschreibung wie auch die Begündung treffen nicht zu.

    Zitat:
    "Das liegt an ihrer Nonius-Skala, die aus zwei Maßstäben besteht: einer normalen Millimeterskala und einer anderen, bei der ein Zentimeter in neun statt zehn Teile untergliedert ist. Da die beiden Zahlen keine gemeinsamen Teiler haben, kann jeweils nur ein Strich der Neuner- mit einem der Zehnerskala zusammentreffen."

    Korrekt wäre in etwa:

    "Das liegt an ihrer Nonius-Skala, die aus zwei Maßstäben besteht: einer normalen Millimeterskala und einer anderen, bei der die Zehnerskala um einen Millimeter verkürzt ist. Da die beiden Zehnerskalen unteschiedliche Teilungslänge haben, kann jeweils nur ein Strich der Nonius- mit einem der normalen Skala zusammentreffen."

    Ich könnte noch anmerken, dass es "Schieblehren" ohnehin nicht gibt - die korrekte Bezeichnung lautet "Meßschieber".

    Für die Verwendung der Bezeichnung "Schieblehre" gab es zu meiner Lehrzeit mindestens einen tadelnden Blick des Ausbilders.
  • Gläubiger versus Wissenschaftler

    19.04.2011, Martin Overbeck, Wolfenbüttel
    Bei dieser Rezension drängt sich mir der Verdacht auf, dass hier ein Gläubiger (Christ?) von dem eigentlichen wissenschaftlichen Inhalt des Buches und den Ergebnissen ablenken will. Wenn – wie Gerald Wolf behauptet – nichts Neues, Besseres oder Brauchbareres bei diesem Buch herausgekommen ist, warum schreibt er dann eine Rezension für "Spektrum"?

    Es gibt bis heute keine allgemein anerkannte wissenschaftliche Definition des Phänomens Religion. Dies ist aber nicht wenig erstaunlich, wie der Rezensent Wolf hinsichtlich der Glaubensvielfalt festhält, sondern höchst erstaunlich, wie der Autor des Buches feststellt. Immerhin gibt es seit Jahrhunderten theologische Lehrstühle, jede Menge gläubige Naturwissenschaftler und seit neuestem auch Religionswissenschaftler, die exakt diese Definition erbringen müssten, so sie könnten oder wollten. Als Biologe sollte Herr Wolf wissen, dass man auch trotz Millionen Arten von Lebewesen sagen kann, was Biologie ist.

    Wolf fällt ein vernichtendes Urteil über das Buch und den Autor, wenn er sagt, dass weder eine bessere noch ein brauchbarere Definition dabei herausgekommen ist. Brauchbar für wen oder was? Im Vergleich zu den bisherigen Definitionen, die mit dem nicht messbaren, nicht erklärlichen Transzendenten spielen, kommt bei Andreas Kilian sogar eine erstaunlich präzise und streng biologische Definition des Begriffs Religion heraus, mit der Naturwissenschaftler arbeiten können. Es ist weltweit die erste biologische Definition dieses Phänomens! Möge bitte die Wissenschaft selbst entscheiden, ob diese brauchbarer ist.

    Auch der suggestive Hinweis, dass mit dem Zitat von Ambrose Bierce doch schon alles gesagt sei, ist nicht die Hälfte der Wahrheit. Wolf zitiert Kilians Definition erst gar nicht, obwohl sie wesentlich weiter greift.

    Richtig bemerkt Wolf, dass Kilian verhältnismäßig wenig auf neurobiologische Ergebnisse eingeht. Dies ist aber nicht verwunderlich, da der Schwerpunkt des Buches auf verhaltensbiologischen Aspekten liegt.

    Der Rezensent lobt zwar den klug formulierten Text und die Logik des Autors, stellt ihn aber in die Ecke von Richard Dawkins und Daniel Dennett. Hier gehört Andreas Kilian nun wirklich nicht hin, denn der konsequent wissenschaftlich-biologische und nicht polemische Ansatz bildet eine eigenständige Forschungsarbeit.

    Verwunderlich ist auch, dass dem Biologen Kilian eine fehlende Antwort auf die Sinnfrage vorgeworfen wird. Herr Wolf, selber Biologe und Mediziner, sollte eigentlich wissen, dass die Evolution gerichtet, aber nicht zielgerichtet verläuft. Herr Kilian arbeitet als Biologe also vollkommen korrekt, wenn er nicht auf den Sinn von evolutiven Ereignissen oder "letzten" Sinnfragen eingeht, sondern stattdessen nach dem Zweck der Argumentationsebene Religion fragt. Und eine mögliche Antwort ist korrekterweise die Interpretationshoheit, nach der alle Vertreter der Religionen streben.

    Völlig untragbar ist der persönliche Angriff des Rezensenten auf den Autor. Suggestivfragen nach persönlichen Problemen des Autors sind unter der Gürtellinie und gehören nicht in eine Zeitschrift wie "Spektrum der Wissenschaft". Hier disqualifiziert sich der Rezensent.

    Am Ende unterstellt Herr Wolf die Überflüssigkeit des Buches, wenn er resümiert, was der Mensch damit anfangen soll, wo er doch einen rettenden Strohhalm der herzerwärmenden Lebenslügen haben will. Nun, möge dies jeder Leser selbst entscheiden, ob er wissenschaftlich und intellektuell kühl, aber hochkarätig mitdiskutieren möchte. Argumente und Ergebnisse findet er bei Kilian.

    Auch die Behauptung, dass man unter diesem Titel ebenfalls die "großen und letzten" Fragen der Quantenmechanik und Astrophysik hätte beschreiben können, weist in die Ecke Überflüssigkeit. Herr Wolf übersieht offensichtlich den Unterschied zwischen Ursache und Wirkung in dem Titel "Die Logik der Nicht-Logik" und der Alternative des Zufalls in "Logik" oder "Nicht-Logik".

    Mit seiner Behauptung, dass die Gottesfrage auch unter Einhaltung streng wissenschaftlicher Kriterien hier mitspielt, erhärtet sich noch einmal der Verdacht, dass der Rezensent wohl selber gläubig ist. Wissenschaftler arbeiten bekanntlich nicht mit dieser Hypothese. Sie sollte auch bei dem biologisch-kulturellen Phänomen Religion sowie dessen Definition außen vor bleiben können.
    Antwort der Redaktion:
    O Gott!, drängt es mich als Atheisten auszurufen.



    Herr Overbeck hat die Formulierung wie auch die Intention der Rezension missverstanden. Einen Großteil meines Textes habe ich auf die Würdigung des Buchinhaltes verwendet, wobei ich im Sinne Kilians - anders als von Herrn Overbeck dargestellt - weit mehr dem Religionsskeptiker als dem Gläubigen das Wort rede. Das Ringen um eine neue Definition mag dem Autor zwar ein wichtiges Anliegen gewesen sein, im Buch aber nimmt es verhältnismäßig wenig Raum ein. Weit mehr Respekt ist der Leistung Kilians für die Analyse des Phänomens Religion zu zollen – ich stelle ihn insoweit in eine Reihe mit Dawkins und Dennett!



    Dass nach wie vor eine allgemein akzeptierte Definition für Religion fehlt, hat Gründe, die ähnlich auch für die begriffliche Abgrenzung von Obst und Gemüse gelten. (Üblich ist "essbare Früchte" versus "essbare Nichtfrüchte". Aber das passt schon für Gurke und Tomate nicht. Ähnlich hängt von der Enge oder der Weite der Religionsdefinition ab, ob man den Schamanismus und den Buddhismus hinzurechnet.) Oder sollten die vom Autor entwickelten Begriffsbestimmungen wirklich einen solchen (von mir verkannten) Durchbruch bedeuten?



    1. Religion (Definition »allgemein«, S. 205): Angstminderndes Konzept aus Betrug und Selbstbetrug, um seine Egoismen besser ausleben zu lassen.


    2. Religion (Definition »biologisch«, S. 176 und 205): Durch ego-zentrierte neuronale Module hervorgerufene Erschaffung, individuelle Bereitstellung und tradierte Aufrechterhaltung einer nicht-logischen Argumentationsebene, um seine individuellen Egoismen mit und gegen seine Gruppenmitglieder rechtfertigen, durchsetzen und befriedigen zu können.



    Beide Definitionen sind wenig spezifisch und vernachlässigen zudem ein durchaus auch evolutionsbiologisch begründbares sozialstrategisches Prinzip: den Altruismus. Der Begriff kommt bezeichnenderweise im Sachregister des Buches gar nicht vor, im Gegensatz zu dem des Egoismus, für den hier zig Seiten angegeben werden. Bei allen Problemen und Gefahren, die den Religionen durch egoistisch Motivierte oder Verleitete innewohnen, darf nicht übersehen werden, dass es viele Menschen gibt, die in ihrer Haltung zum Glauben von Selbstlosigkeit, Edelsinn und Herzensgüte geprägt sind. Wer zum Zynismus neigt, mag freilich selbst im Uneigennutz den Eigennutz entdecken - das »egoistische« Stiften von Mit-Freude etwa oder das Überwinden von Mit-Leid durch Mildtätigkeit. Anders als die Religionsdefinition des Autors zeugt die von Ambrose Bierce zitierte (zugegeben, ein Bonmot eher) wenigstens von Witz.



    Herr Overbeck verübelt, dass ich auf den wunderschönen Titel von Kilians Werk auch für Bücher zur Quantenmechanik oder zur Astrophysik rekurriere. Jeder denkende Mensch, zumal jeder Naturwissenschaftler, muss fasziniert sein, wenn er vernimmt, dass es auf diesen Feldern mit den Prinzipien unserer gewohnten Logik ebenfalls hapert. Und wie sympathisch: Die jeweiligen Fachvertreter kokettieren damit sogar!



    Meine persönliche Haltung ist in einem Interview nachzulesen, das am 20. April in "Christ und Welt" (Beilage zu "Die Zeit") erschienen ist.



    Prof. Dr. Gerald Wolf, Magdeburg

  • Viel Spekulation und wenig Wissen

    19.04.2011, Walter Pfohl, München
    Je weniger man über eine Sache weiß, desto trefflicher lässt sich darüber offenbar spekulieren. Mehr aber auch nicht – nach der Lektüre dieses Artikels war ich auch nicht klüger als zuvor, was das Wesen der Zeit angeht und deren Zukunft. So waren die Erläuterungen zu verschiedenen Szenarien viel zu verkürzt, um die dahinterstehenden theoretischen Konzepte und Begründungen plausibel und nachvollziehbar zu vermitteln, und bei all dem Geschwafel über „Strings“, „Branes“, „Phantomenergie“ u. dgl. vermisste ich eine klare Feststellung der Tatsache, dass keinerlei empirische Evidenz für eine physikalische Realität derartiger theoretischer Konstrukte vorliegt.
  • Optionen sind keine Illusionen

    18.04.2011, Kapp, Potsdam
    Eine unsachliche Emotionalisierung gehört m.E. nicht in ein Wissenschaftsjournal.
    Wichtig ist in jedem Fall das kritische Hinterfragen von Sachverhalten, das sollte dann auch die eigenen Thesen betreffen.

    In diesem Artikel wird selektiv ein Beitrag herausgegriffen (Robert Howarth et.al.) und mit kursierenden und besonders wirksamen Reizbegrifflichkeiten in Beziehung gestellt. Und damit steht der Autor schön in einer Front gegen das Böse (Politik, Wirtschaft ... gern auch Wissenschaft?):
    Illusion, Wusch ist Vater des Gedankens, rabiate Methode und Beschränkung auf das gute alte "weiter so".

    Wenn der Autor etwas in Anführungszeichen setzt ("extrem klimaschonenden Ressource"), dann sollte er wenigstens auch angeben, wo er das gelesen hat. Denn all dies ist nicht typisch für die aktuellen Diskussionen in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft zu den Themen der weiteren Entwicklungen und dem Umbau der Energiegewinnung.

    1) Über die Möglichkeiten der Schiefergasgewinnung und Nutzung hat keiner Illusionen. Diese werden vielmehr sehr intensiv (in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft) als Option diskutiert.

    2) Natürlich spielt (und spielte) dabei die GHG-Gesamtbilanz (also die Klimarelevanz ) eine sehr wichtige Rolle, s. z.B. die aktuellen Erwiderungen auf den Beitrag von Howarth:
    Let’s Fix Dangerous, Climate-Warming Methane Leaks From All Fossil Fuels: Coal, Oil, and Natural Gas (April 13th, 2011 by David McCabe, Atmospheric Scientist im Clean Air Task Force Blog)
    oder auch die ausführlichen Untersuchungen der US EPA (Environmental Protection Agency).

    3) Die Risikoanalyse der Erschließung von Erdgaslagerstätten betrachtet den gesamten technologischen Prozess. Und nur so lassen sich auch Aussagen hinsichtlich der Machbarkeit (unter allen Maßgaben des Umweltschutzes) treffen. Die einseitige Konzentration auf das Fracking (in der öffentlichen Diskussion und auch hier in Ihrem Beitrag) ist kontraproduktiv und wird m.E. nur deswegen gepflegt, weil sich mit (vermeintlich) neuen Technologien leichter negative Emotionen und eine Abwehrhaltung erzeugen lassen.
    Das klingt etwa so: Flugzeuge sind gefährlich denn sie haben Strahltriebwerke und die können ausfallen und dann stürzt das Flugzeug ab.

    4) Der Autor führt einen prinzipiellen Unterschied bei der Erschließung von Kohlenwasserstoffen aus konventionellen und unkonventionellen Lagerstätten an (ein unterschiedliches Paar Schuhe!). Ihm scheint entgangen zu sein, dass mit dem sog. "enhanced recovery" von konventionellen Lagerstätten Techniken entwickelt wurden und zum Einsatz kommen, die auch für unkonventionelle Lagerstätten genutzt werden. In der geotechnischen Praxis ist das längst zusammengeführt.

    Es gibt in diesem Themenfeld sicher noch viele offene Fragen, die auf verschiedensten Ebenen intensiv bearbeitet werden. Es wäre schön, wenn ein Wissenschaftsjournal darüber informiert und damit auch zur Belebung der öffentlichen Diskussion beiträgt - jenseits festgefahrener und damit leicht zu bedienenden Fronten.
  • warum wird der Begriff "Zwang" in die Diskussion eingeführt?

    18.04.2011, J Bi
    Der Begriff "Zwang" hilft nicht weiter, wenn es um die reine Willensfreiheit geht: Wenn mich jemand "mit vorgehaltener Pistole" zwingt, etwas zu tun, was ich normalerweise nicht tun möchte, dann habe ich immer noch die Freiheit, mich zu entscheiden und gegebenfalls den eigenen Tod in Kauf zu nehmen.
    Und ist der Heißhunger auf die Sahnetorte, von der ich weiß, dass sie mir nicht gut tut, ein innerer Zwang? Abgesehen von der Schwierigkeit, die Stärke des Zwangs messen zu können, erscheint es mir plausibel, dass es willenstärkere Menschen gibt, die einem solchen inneren Zwang eher widerstehen können.
    Also: Zwang ist nicht absolut - auch unter einem Zwang kann ich entscheiden. Ich habe die Freiheit nicht verloren.
    (selbstverständlich: Der Zwang ist bei der Bewertung meiner Entscheidung zu berücksichten).
  • Wissenschaft im Alltag ade!

    18.04.2011, Christian Gabel, Köln
    Ich finde es sehr bedauerlich, dass die sehr unterhaltsame und Aha-Effekte liefernde Rubrik "Wissenschaft im Alltag" offenbar aus den Spektrum-Heften verbannt wurde. Die relativ neue Rubrik "Schlichting" kann für mich persönlich diesen Wegfall in keiner Weise wiedergutmachen.
  • Verlust in der Nahrungskette

    18.04.2011, Rainer Rolffs, Bonn
    Der Artikel geht davon aus, dass die Menschheit große Mengen an tierischem Protein bräuchte, und stellt fest, dass neuartige Aquakulturen umweltschonender sein können als Fischfang und Massentierhaltung an Land. Zu wenig beachtet wird dabei jedoch der grundsätzliche hohe Verlust in der Nahrungskette, sowohl an Nahrungsenergie als auch an Proteinen – jedes tierische Nahrungsmittel erfordert ein Vielfaches an pflanzlichen Nahrungsmitteln. Dies gilt natürlich umso mehr für Raubfische.

    Da bereits der größte Teil der Biomasseproduktion der Erde der menschlichen Ernährung dient, hauptsächlich über die Nutztiere, ist der prognostizierte zusätzliche Ausbau der Aquakultur keine Lösung für die Umwelt- und Nahrungsprobleme, sondern verschlimmert die Zerstörung von Naturräumen und den weltweiten Hunger. Für die Fische ist die qualvolle Enge und der frühe, gewaltsame Tod sicherlich nicht angenehm und bequem. Und der Landwirtschaft, die u. a. unter der Auslaugung der Böden leidet und daher geschlossene Stoffkreisläufe bräuchte, ist bestimmt nicht damit geholfen, Milliarden Tonnen besten Getreides ins Meer zu kippen.

    Die Lösung ist offensichtlich, wird im Artikel aber ignoriert: Direkt das pflanzliche Protein zu essen, was gesund und schmackhaft ist. Um den Hunger zu bekämpfen und aus Rücksicht auf das nichtmenschliche Leben müssen wir den Verbrauch tierischer Nahrungsmittel drastisch reduzieren.
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