Lesermeinung - Spektrum der Wissenschaft

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  • Mehr Platz in den Stundentafeln für das Schulfach Geographie

    17.11.2008, Prof. Dr. Ingrid Hemmer, 85071 Eichstätt
    Prof. Dr. Jacoby stellt in seinem Artikel eindrucksvoll die Bedeutung der Geowissenschaften für die Gesellschaft in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft dar, wobei er insbesondere auf die Vernetzung zwischen Mensch und Erde in einer begrenzten, sich verändernden Umwelt hinweist (global change). Bemängelt wird, dass Einzelheiten in den Geowissenschaften gut untersucht sind, die „große Zusammenschau“ aber fehlt. Dann fordert er systemübergreifende Lösungen (S. 104,105) und weist auf immer noch vorhandene Lücken in der interdisziplinären Zusammenarbeit hin. Bei der Auflistung der einzelnen Disziplinen der Geowissenschaften vermissen wir allerdings eine Wissenschaft, der wesentliche Beiträge zur Erkenntnis und Lösung von Problemen gerade im Mensch-Umwelt-System zu verdanken sind: die Geographie, und bezogen auf die Geowissenschaften die Physische Geographie, die in etlichen relevanten Bereichen wie beispielsweise Bodendegradation, Hydrologie und Hochwasser sowie Klimaforschung wichtige Arbeiten beigetragen hat.

    Am Ende seines Beitrages schreibt Prof. Dr. Jacoby, dass es wünschenswert sei, dass die Geowissenschaften endlich als Fach in der Schule unterrichtet werden. Wir möchten darauf hinweisen, dass das Schulfach Geographie das Zentrierungsfach der Geowissenschaften ist, in dem die „große Zusammenschau“ inklusive der menschlichen Faktoren möglich ist und praktiziert wird. Auf diesen Konsens haben sich die führenden Verbände der Geowissenschaften und der Geographie bereits in der Leipziger Erklärung (1996) und dann erneut im Jahr 2004 verständigt und ihre diesbezüglichen Initiativen in der Fachsektion Geodidaktik der GeoUnion Alfred-Wegener-Stiftung zusammengeführt. Die Mitglieder der Fachsektion arbeiten seit vier Jahren an der Umsetzung ihres Zieles, die Geographie unter besonderer Berücksichtigung der Physischen Geographie und der Geowissenschaften an den Schulen zu stärken. Und hier besteht tatsächlich noch Änderungsbedarf: Das Schulfach Geographie/Erdkunde musste in den vergangenen Jahrzehnten in den meisten Bundesländern Kürzungen in der Stundenzahl bis zum Totalausfall in einzelnen Klassenstufen hinnehmen. In einzelnen Bundesländern waren die Themen zu einem größeren Anteil humangeographisch ausgerichtet und in einzelnen Fällen wurde die Geographie in einseitig auf Gesellschaftswissenschaften ausgerichtete Verbundfächer integriert.

    Erste Ergebnisse der Arbeit der Fachsektion Geodidaktik schlugen sich jedoch bereits in den nationalen Bildungsstandards Geographie für den mittleren Schulabschluss (vgl. download-Version www.geographie.de) nieder. Hierbei ist besonders die explizit gleiche Gewichtung der Physischen Geographie und der Humangeographie sowie die Betonung der Bedeutung der Wechselwirkungen zwischen Gesellschaft und Umwelt zu nennen. An vielen Stellen, beginnend mit den Ausführungen
    zum Bildungsbeitrag, wird explizit auf die Geowissenschaften verwiesen. Bei der Konzeption des Aufgabenbeispiels Nr. 2 „Erdbeben“, in das zentrale Aspekte der von Jacoby dargelegten Theorie der Plattentektonik integriert sind, wurde der Geowissenschaftler Prof. Dr. Martin Meschede beratend zugezogen. Weitere Aufgabenbeispiele widmen sich z.B. dem Klimawandel, der Bodenverdichtung, der Abholzung des Tropischen Regenwaldes und dem Staudammbau in China. Auch bei der Entwicklung der „KMK-Standards“ für die Lehrerbildung im Fach Geographie (2008) wurden geowissenschaftliche Inhalte berücksichtigt.

    Die Umsetzung an den Schulen wird durch engagierte Lehrer als Multiplikatoren unterstützt. Der Lehreraus- und -fortbildung ist in besonderem Maße Aufmerksamkeit zu schenken, da die Lehrer aktiv an den Veränderungen beteiligt werden müssen. Um sie noch mehr für die Geowissenschaften zu interessieren, wurde u.a. das fächerübergreifende Projekt „Coole Klassen – Schulprojekte im Internationalen Polarjahr 2007/08“ initiiert, in dem sich bundesweit Lehrer der Fächer Geographie, Biologie, Physik, Chemie und Sozialwissenschaften engagieren. Lehrer und Wissenschaftler arbeiten erfolgreich zusammen, und aktuelle, wissenschaftliche Ergebnisse werden direkt in die Schulen transferiert. Die Nachhaltigkeit des Projekts wird in dem neu gegründeten Arbeitskreis „Polarlehrer“ in der Deutschen Gesellschaft für Polarforschung gewährleistet.

    Das Problem liegt derzeit also nicht darin, dass es kein Schulfach gibt, das geowissenschaftliche Inhalte vertritt, sondern dass das vorhandene Fach Geographie mit seinen für die Menschheit hochrelevanten Inhalten derzeit bildungspolitisch zu wenig Aufmerksamkeit findet. Die Forderung an die bildungspolitischen Entscheidungsträger in den Bundesländern muss daher lauten: Mehr Platz in den Stundentafeln für das Schulfach Geographie, um eine intensivere Behandlung der wichtigen geographischen/geowissenschaftlichen Inhalte, insbesondere auch der „global-change-Themen“ zu ermöglichen.


    Prof. Dr. Ingrid Hemmer
    gez. Dr. Sylke Hlawatsch

    Vorsitzende der Sektion Geodidaktik
    GeoUnion
    Alfred-Wegener-Stiftung

    gez. Dr. Rainer Lehrmann
    Projektkoordinator „Coole Klassen“


    Antwort der Redaktion:
    Erwiderung des Autors



    Mein Beitrag über die Dynamik der Erde und den Umgang mit menschengemachten Gefahren und Risiken schloss mit „...Verantwortung jedes Einzelnen für unsere Erde. Dafür wäre es wünschenswert, dass ein Fach, das sicher ebenso wichtig ist wie Physik, Chemie und Biologie, endlich auch in der Schule unterrichtet wird.“ Damit habe ich – nicht ganz unbeabsichtigt – den Kommentar provoziert, der auf die Rolle des Schulfachs Geographie/Erdkunde als „Zentrierungsfach der Geowissenschaften“ und auf aktuelle Bemühungen hinweist, mehr „Geo“ in den Geographieunterricht einzubringen. Ohne auf all die notwendigen und begrüßenswerten Bemühungen einzugehen, der physischen Geographie und der Geologie (den Geowissenschaften) mehr Gewicht im Schulunterricht zu geben, sehe ich das Grundproblem als auf diese Weise unlösbar an. Wieso?



    Um es überspitzt zu sagen: dem „durchschnittlich gebildeten“ deutschen Abiturienten sind die Geowissenschaften (oder die „Geologie“ im weitesten Sinn) als selbständige und ebenbürtige Naturwissenschaft neben Physik, Chemie und Biologie weitgehend unbewusst. Der Grund kann nur darin liegen, dass es in der Schule das Fach nicht gibt. Mitvertretung, wenn überhaupt, durch das Fach Geographie, ist eine „Behandlung“, die den Eindruck der Nebensächlichkeit erweckt. Konsequenz: die Geowissenschaften werden oft einfach vergessen, z.B. wenn Entscheidungsträger Expertengremien zusammenstellen. Einzelfälle sind oft aufschlussreicher als ganze Lehrpläne; 2008: Diktat eines Lehrers in Freiburg: „Es gibt drei Naturwissenschaften: Physik, Chemie und Biologie“; zu Rede gestellt: Aber das steht so in allen Büchern!“ (die Geographie wurde offensichtlich auch nicht dazu gezählt). 2008, Rheinland-Pfalz, Abitursklasse: „ein halbes Jahr lang haben wir in Geographie § 218 diskutiert!“



    Quintessenz: die naturwissenschaftlich arbeitenden Geo-Disziplinen („Geologie“) werden von der Schulgeographie nicht adäquat vertreten und gehen dabei unter – im Bewusstsein der Schüler und späteren Abiturienten. Das ist einfach so. Ich beobachte es täglich. Ich treffe selten Ausnahmen.



    Es geht mir daher nicht nur um Korrekturen am heute üblichen Geographieunterricht sondern um Unterricht in der vierten Naturwissenschaft „Geologie“ in ihrer Gesamtheit (klassische Geologie, Geophysik, Geochemie, Mineralogie, Paläontologie, physische Geographie mit Bodenkunde, Hydrologie und statistische Klimatologie, ferner Meteorologie, physikalische Klimatologie, Ozeanographie). Das ist keine „unmögliche“ Forderung, wenn man damit nicht meint, dass von all dem möglichst „alles“ „gelernt“ werden muss, aber diese Einschränkung gilt überall. Dass es geht, macht uns unser Nachbarland Frankreich vor, wo Geologie und physische Geographie zum Block Naturwissenschaften gehören, während die Humangeographie zu den Humanwissenschaften gehört. Schließlich wurde die Geographie früher auch bei uns mit mehr geologischen Inhalten gelehrt. – Oder wie wäre es wenigstens mit einem Fach wie etwa „Geologie/Geographie“?



    „Besitzstände“ und alte Gewohnheiten stehen dem im Wege. Man sagt mir, dass die Fachverbände mit allen Mitteln um möglichst viel Raum in der „Stundentafel“ kämpfen, und man wird mir vorwerfen, ich täte ja auch nichts Anderes. Meine Forderung ist jedoch sachlich begründet mit dem, was der Mensch in seiner Masse mit Technik und Konsum mit dem Lebensraum Erde anstellt. Das fordert schleunigst eine Bewusstseinsänderung, möglichst innerhalb einer Generation, nicht erst infolge einer plötzlichen Katastrophe. Schwarzmalerei? Gesellschaften verhalten sich ähnlich wie instabile, chaotische Systeme, und Umbrüche geschehen in der Regel in Revolutionen. Um das zu verstehen, brauchen wir auch die Fächer Geschichte, Humangeographie, Ethik (Religion). Die Schule muss Grundlagen für das Verstehen der großen Zusammenhänge legen – umfangreiches Spezialwissen zu vermitteln, ist nicht ihre Aufgabe! Trennung in „Geographie“ und „Geowissenschaften“ (und nicht nur in diese) ist künstlich. Alle „Geowissenschaften“ sind raumbezogen, haben „geographische Aspekte“, nicht nur die der Physischen Geographie, und die Vermessung der geographischen Koordinaten obliegt der Geodäsie. Alle Wissenschaft ist Menschenwerk und hat immer auch humangeographische Aspekte. Die sachlichen und traditionellen Gesichtspunkte, nach denen sich Forschung und Lehre organisieren, müssen immer wieder hinterfragt werden. Und wir müssen die Aufgabe als eine gemeinsame sehen und im Geiste der Zusammenarbeit sinnvoll aufteilen. Utopie?



    Es geht also eigentlich um viel mehr, als um Schule an sich, aber Schule – und Elternhaus – haben eine Schlüsselrolle auch für einen vernünftigen Umgang mit der Erde im Rahmen einer umfassend vernünftigen „gesellschaftlichen Umwelt“. Ein wichtiger Schritt wäre eine bessere, sachlich begründete Struktur des Schulunterrichts mit mehr Platz für die „Geobildung“. Die verantwortlichen Minister und Ministerinnen sind gefragt. Wenn hier kein „Machtwort“ gesprochen wird, werden wir alles weiterhin nur „zerreden“. Es geht hier nicht um zu vermittelndes nützliches Wissen sondern um das Grundverständnis unserer Spezies auf diesem unseren einzigen Planeten, um Verantwortung des Einzelnen und der Gesellschaft, um das persönliche Engagement für das Wohlergehen aller, das noch wichtiger ist als Aktivitäten von Institutionen, so wichtig diese auch sind.



    Meine Sicht weist über die heutige Realität hinaus, die von den Briefautoren dargelegt wird. Meine Perspektive orientiert sich an Notwendigkeiten, nicht an Gegebenheiten und will diese überwinden. Wie, ist dabei zweitrangig. Man sollte sich nicht selbst verbieten, über die „Realität“ hinauszudenken. Über neue Curricula muss man objektiv und in Ruhe sprechen, ohne Hickhack und das übliche Konkurrenzdenken. Ich bin überzeugt, dass das mit gutem Willen geht. Optimismus? In diesem Punkte; ja! Konflikte können auf diese Weise und in gegenseitigem Respekt gelöst werden. Es wäre fatal, wenn die „Realität“ nur als Machtkampf und Austricksen erlebt und verstanden werden müsste. Meine Perspektive ist kooperative Konfliktbewältigung.



    In der Hoffnung, dass sich mehr Lehrer mehr engagieren und mehr Mitbürger mehr und mehr erkennen, dass klimaschädliche Gewohnheiten geändert werden müssen, danke ich den Kollegen, Prof. Hemmer, Dr. Hlawatsch und Dr. Lehrmann für ihre Kommentare und den Anstoß zu einer überfälligen Diskussion
  • Immer am Ball

    15.11.2008, Josef Saal, 59609 Anröchte-Effeln
    Herzlichen Glückwunsch zum 30igsten und zu der eigentlich immer gelungenen Themenauswahl!

    Nicht nur für mich privat, sondern auch beruflich (ich unterrichte Physik, Chemie, Mathematik in der SEK I und bin in der Lehrerfortbildung tätig) ist "Spektrum der Wissenschaft" eine gelungene, fächerübergreifend berichtende Zeitschrift mit viel Bildmaterial und hilfreichen Links.

    Und zusätzlich profitiert inzwischen mein Sohn von den Heften (nicht nur die aktuellen Ausgaben, auch ältere werden von ihm gerne zur Hand genommen), der in Konstanz Physik im Diplomstudiengang studiert.

    Also: Ein dickes "Macht weiter so!"
  • Sehr guter Artikel!

    13.11.2008, Andreas Beyerlein, Sulzbach-Rosenberg
    Ich finde den Artikel sehr interessant! Menschliches Verhalten ist eben so komplex, dass es nicht adäquat durch (notwendigerweise einfache) Gesellschaftsmodelle vorhergesagt werden kann. Dennoch erliegen wir - also die westlichen Gesellschaften - der Illusion, dass diese Modelle eben doch zutreffen, und handeln danach. Diese Aussagen werden vom Autor mit zahlreichen Beispielen sehr gut unterlegt.

    Generell würde ich mir wünschen, dass Spektrum solche Themen häufiger aufgreift. Sonst liegt meist der Fokus auf dem (natürlich nicht zu verachtenden) Klimawandel. Brisante Themen aus dem kulturwissenschaftlichen Bereich kommen dabei m. E. häufig zu kurz.
  • OHs Cartoons

    13.11.2008, Wolfgang Tomásek, Metten
    Sehr geehrte Damen und Herren,

    im Editorial von Spektrum der Wissenschaft 11/08 stellen Sie Professor Oswald Huber vor, den langjährigen Cartoonisten Ihrer Zeitschrift.

    Das möchte ich zum Anlass nehmen, meine Bewunderung für seine Cartoons auszudrücken:

    - Insiderblick ins wissenschaftliche Milieu
    - Pointen auf höchstem Niveau
    - witzige Metaphorik, witziger Strich
    - virtuose Abstraktion
    - hinter allem aber Menschenfreundlichkeit.

    Ich bleibe auch im nächsten Jahrzehnt ein Fan der OH-Cartoons!
  • Mit Alkohol nur unschöne neue Dopingwelt

    13.11.2008, Gerd Zelck, Seevetal
    Beim Lesen des interessanten Artikels "Schöne neue Doping Welt?" von Stephan Schleim in dem Novemberheft 2008 fielen mir folgende Begebenheiten ein, die ich in meinem Berufsleben als Ingenieur hierzu erfahren habe:

    Während meiner Tätigkeit in der Programmleitung zur Entwicklung des ersten Airbusses A300B wurden uns von der Firmenzentrale vielfältige Weiterbildungen angeboten. So erinnere ich mich an ein Wochenendseminar mit dem verlockenden Titel: Kreatives Training. Weil der Tagungsort ein schönes Ambiente versprach und natürlich alles bezahlt wurde, meldete ich mich hierfür an und erfuhr etwas aus einer gänzlich anderen Arbeitswelt als der meinen, denn der Dozent kam aus der Werbebranche und die nimmt es ja bekanntlich mit der Wahrheit nicht so genau. Im Gegenteil sogar, sie lebt von schönen Versprechungen und vagen Hoffnungen - geradezu Gift für den Aufgabenbereich eines Ingenieurs! Am Ende des 2-tägigen Seminars wollte der Seminarleiter dann noch demonstrieren, wie sich die Kreativität durch kleine Mengen von Alkohol noch weiter steigern läßt und spendierte vor dem letzten Trainingsabschnitt "Brainstorming" für jeden Teilnehmer ein Gläschen Sekt. Die Wirkung war dann in der Tat "Storming", denn nach dem Genuß des ersten Gläschens fühlten sich einige Teilnehmer dazu veranlaßt, weitere Flaschen zu spendieren und das Seminar endete in einem recht fröhlichen Besäufnis, wobei von Kreativität nicht mehr viel zu spüren war.

    Später arbeitete ich in einem Bereich der Raumfahrt, der sich mit Versuchen im Weltall unter Schwerelosigkeitsbedingungen beschäftigte. Meine Kollegen - mehrheitlich mit naturwissenschaftlicher Ausbildung - und ich standen permanent unter Zeitdruck, weil die Budgets für derartige Entwicklungsaufgaben regelmäßig nicht ausreichten. Am Anfang war es damals so üblich, daß aus bestimmten Anlässen wie Geburtstag usw. zu einer kleinen Sektrunde am Nachmittag eingeladen wurde. Wenn ich dann dabei eine anspruchsvolle Untersuchung unterbrechen mußte - z.B. eine Arbeit mit mathematisch-physikalischen Inhalten - konnte ich nach der der Konsumierung bereits von einem Gläschen Sekt frühestens nach einer halben Stunde mit meiner Arbeit fortfahren. Vorher war die erforderliche Konzentration und Gedankenschärfe nicht vorhanden. Meinen Kollegen erging es ähnlich, wie sich übereinstimmend herausstellte. Die Folge war, daß die sogenannten geistigen Getränke nicht mehr auf den Tisch kamen und nur noch Fruchtsäfte und Mineralwasser angeboten wurden.

    Meine Erfahrung ist also: Alkohol - ebenfalls eine Hirndroge - verbessert keinesfalls die Arbeitsleistung von Ingenieuren und Wissenschaftlern mit ähnlichen Aufgaben.

    Gerd Zelck, Seevetal
  • Theodizeeproblem - zu Dr. Andreas Bell

    12.11.2008, Dr. Wolfgang Klein
    Sehr geehrter Herr Dr. Bell,

    mathematisch gesehen halte ich das Zitieren von Anselm von Canterbury für ziemlich naiv. Wenn Sie Gödels Gottesbeweis zitiert hätten, wären die Theologen sehr in meiner Achtung gestiegen. Gottesdefinitionen wie die von Anselm von Canterbury führen aber automatisch zu Antinomien wie beispielsweise der von Bertrand Russell (Russellsche Antinomie: "Menge aller Mengen, die sich selbst nicht als Element enthalten"). Das Problem auf das Russell hier abhebt, liegt in der Beschreibung von Mengen durch Eigenschaften (bei Anselm: von Gott durch Eigenschaften). Ich denke, die im Mittelalter praktizierte aristotelische Logik ist mittlerweile ein paar hundert Jahre überholt.

    Von Russell stammt übrigens auch ein netter Beweis, der zeigt, dass man aus einer falschen Voraussetzung jede Aussage herleiten kann. In diesem Fall "0 = 1" => "Russell = der Papst".
  • Mathematik und Physik - zu Jörg Brehe

    12.11.2008, Dr. Wolfgang Klein
    Hallo Herr Brehe,

    ich bin angenehm überrascht, dass zu diesem "trockenen" Thema doch noch eine Diskussion in Gang kommt.

    Algebraische Topologie war mein Hauptfach bei der Mathematik-Promotion und Symmetrien mein Schwerpunkt im Nebenfach Physik. In letzter Zeit habe ich mich (hobbymäßig) ein wenig mit Stringtheorie befasst. Leider kann ich Ihnen gerade beim Thema "Stringtheorie" auch nicht zustimmen, dass Mathematik hier axiomatisch fundiert eingesetzt wird, weil alle wesentlichen Grundannahmen, angefangen bei den verwendeten Symmetriegruppen bis hin zu den hochspeziellen Calabi-Yau-Mannigfaltigkeiten als Trägerräume der physikalischen Erscheinungen, über Analogieschlüsse quasi vom Himmel fallen. Es gibt dabei so viele Annahmen, dass nach dem Artikel von Prof. Nicolai im Spektrum 11/08 10 hoch 500 Stringtheorie-Flavours experimentell zu überprüfen wären, was praktisch unmöglich ist. Gerade die Eigenschaften von Calabi-Yau-Mannigfaltigkeiten - sie sind insbesondere differenzierbare Mannigfaltigkeiten - hängen massiv von der Gültigkeit des Auswahlaxioms ab, was physikalisch weder nachgewiesen noch überhaupt Gegenstand der Forschung ist. Physikalisch sind übrigens die Annahmen umstritten, die zur Verwendung von Calabi-Yau Mannigfaltigkeiten führen, d. h. wir haben es hier bis zu einer experimentellen Überprüfung mit einer hochspekulativen Ansichtssache zu tun. Nicht einmal die methodisch einfachere Theorie der Supersymmetrie ist bis jetzt auch nur durch ein einziges Experiment bestätigt.

    Interessant ist, dass zur Überprüfung von solch hochspekulativen Theorien, die im Kern nur auf intuitiven Analogieschlüssen basieren, beispielsweise für den Bau des LHC sagenhafte drei Milliarden Euro aufgebracht werden.

    Im Übrigen verweise ich auf die antiquarische Trilogie von Adalbert Duschek über Tensorrechnung aus den 40er Jahren, in deren Einleitung er sich über die teilweise unsinnige Anwendung der Tensorrechnung durch Physiker und Ingenieure äußert. Als Wissenschaftler wissen wir, dass eine Theorie nicht unbedingt korrekt sein muss, auch wenn sie einem Genie wie Edward Witten stammt, der als einziger Physiker bisher die Fieldsmedallie erhalten hat. Die Ehrfurcht vor Auszeichnungen und wissenschaftlichem Ruhm gehört weder zur Methode der Naturwissenschaften noch der Mathematik. Ein Beispiel für eine vollständige Fehleinschätzung eines berühmten Physikers sind Theorien von Landau zur Hydrodynamik, die später von der Chaosforschung korrigiert wurden.

    Niemand bestreitet, dass die Physik ein massives Einsatzgebiet der Mathematik ist oder dass es zwischen den beiden Fachgebieten immer wieder zu befruchtenden Querbeziehungen kommt. Das ist historisch hinreichend belegt. Dies ändert aber nichts daran, dass die Arbeitsweise eines theoretischen Physikers sich erkenntnistheoretisch fundamental von der Arbeitsweise eines Mathematikers unterscheidet.
  • Wachsende Bevölkerung

    11.11.2008, Prof. Dr. med. Wilhelm Mühlenberg, Hannover
    Merkwürdigerweise hat der Autor das wohl bedeutendste Problem unserer Zeit nicht erwähnt, das die Welt auch ohne globale Erwärmung in eine katastrophale Lage bringen kann: das gewaltige Wachstum der Erdbevölkerung um jährlich 80 Millionen Menschen.
  • Widerspruch

    10.11.2008, Chen, Mainz
    "Ein Beispiel ist der Abschnitt zwischen 530 und 940 nach Christus, der von schwachen Monsunregen geprägt war. Wie Tropfsteinschichten und Geschichtsbücher verraten, herrschte zu dieser Zeit eine Trockenperiode, die zum Fall der damals herrschenden Tang-Dynastie beigetragen hat."

    Dieser Satz kann nicht richtig sein. Die Tang-Dynastie begann im Jahr 618 und war eine der mächtigsten Dynastien der chinesischen Antike. Wenn die Dürre bereits im Jahr 530 entstanden ist, dann widersprechen die Daten der Schlussfolgerung.
  • Lebensfremd

    10.11.2008, Dr. DI Rupert Puntigam
    Schon seit längerem beobachte nicht nur ich, dass Sie sich mit dem "Spektrum der Wissenschaft" nur sehr speziellen Themenfeldern widmen und sich leider der wichtigsten wissenschaftlichen Fachgebiete, die die Menschheitsgeschichte vor allem in den nächsten Jahrzehnten extrem beeinflussen und beschäftigen werden, enthalten.

    Es ist nicht nur schade, sondern lebensfremd, dass Sie keine ständigen Themenblöcke für "Energien der Zukunft" und "Infrastrukturwandel zur Electron Economy" - natürlich mit Forschungs- und Entwicklungsschwerpunkt - im "Spektrum" führen. (Anm. d. Red.: "Electron Economy" bedeutet die nachhaltige Energieversorgung des Endverbrauchers mit Elektrizität statt beispielsweise mit Wasserstoff).

    Nahezu alle jetzigen Themen sind nachrangig bzw. werden eingestellt werden, wenn nicht die Energiefrage nachhaltig gelöst wird, und "Spektrum der Wissenschaft" "verschläft" diesen weltgeschichtlichen Meilenstein.
  • Wie können Gliazellen die Neuronen beeinflussen?

    10.11.2008, Stefan Pschera, Erlbach
    Gliazellen sind Hilfszellen. Sie kitten , filtern, entsorgen, isolieren usw. Und sind irgendwie an der Informationsverarbeitung beteiligt. Im Artikel "Die unterschätzte weisse Hirnmasse" aus Spektrum der Wissenschaft, Heft 10/2008 sind Details aufgeführt. Einige Stichpunkte von dort und anderen Quellen:


    - Nerven und Gliazellen stehen im regen Austausch,


    - Astrozyten geben vor und die Neuronen folgen (intelligente Glia),


    - nimmt die Glia Einfluss auf die Synapsenbildung,


    - Gliazellen unterhalten sich,


    - Erregungsleitungen durchlaufen verbundene Neurone, die Glia ist da viel zu träge


    - die Glia registriert Neuronenaktivität in ihrer Nähe,


    - die Glia arbeitet mit chemischen Signalen,


    - die Glia belauscht die Gespräche der Neuronen,


    - schaffen für Neurone das richtige Umgebungsmilieu und versorgen,


    - Gliazellen nehmen neuronale Impulse wahr,


    - Astrozyten führen Energie zu, die sie den Blutkapillaren entnehmen,


    - fischen überschüssige Transmitter und Ionen ab,


    - Gliazellen sagen Botschaften weiter,


    - Gliazellen besitzen Rezeptoren für Neurotransmitter,


    - Schwannsche Zellen erfassen einen Nervenimpuls und geben diese Information an andere Gliazellen weiter


    - feuernde Axone stimulieren ihre eigene Umhüllung


    - die Glia redet mit beim Speichern von Erfahrungen


    - ohne Astrozyten bilden die Neuronen unsinnige Synapsen, sogar mit sich selbst


    Aber immer noch bleiben Gliazellen Hilfszellen. Hier nun ein anderer, weitergehender Denkansatz: Die Neuronen leisten über Erregungsketten und die Glia bewertet diese Leistung im Detail. Um zu bewerten, bedarf es Information über das erfolgreiche Tun der Neuronen. Deshalb:


    - horchen die Astrozyten die Neuronen ab usw.,


    - unterhalten sich Gliazellen usw.,


    - die dicken Myelinhüllen (zur Isolation reicht viel weniger) leiten Signale rückwärts, berichten zurück.


    Und wie können Gliazellen die Neuronen beeinflussen? Ganz einfach nach einem uralten Prinzip. Wer korrekt leistet, erhält viel Nährstoffe. Deshalb sind Astrozyten zwischen Neuron und Blutbahn. Filtern kann schon eine Membran, da
    braucht es keine Extrazelle. Neuronen bilden auf Verdacht lose Synapsen und warten auf eine Belohnung durch die Glia. Auch Letzteres ist bekannt.






  • Folterknechte und empathielose Bosse

    10.11.2008, Dr. Joachim Elz-Fianda, Nördlingen
    Eine Innenansicht dieses Vorgangs wird in dem Buch "1984" von George Orwell beschrieben: "Wollen Sie wissen, was die Zukunft ist? Ein Stiefel, der in eine Menschenantlitz tritt, immer und immer wieder!"

    Man kann sich vorstellen, welche "Führungskräfte" daraus erwachsen, die später die Entscheidungen zu ihrem Nutzen treffen, die Milliarden Menschen in Hunger, Krieg und Elend stürzen.

    Was der Studie leider fehlt, ist eine genaue Analyse der ersten Lebensjahre dieser gestörten Individuen. Ich glaube kaum, dass ein Kind eine solche Verhaltensausprägung bei der Geburt auf die Welt mitbringt. Und wer solche Kinder ohne Fürsorge heranwachsen lässt, wer in den Kindergärten Dressur nach menschenfeindlichen religiösen Idealen zulässt, Schulen als Selektionsmechanismen betreibt und Jugendzentren schließt, muss später viele Gefängnisse bauen.

    Sadismus und Masochismus sind ERLERNTE Persönlichkeitsstörungen, es ist wichtig, dass die Forschung nicht an diesem Gesichtspunkt vorbeigeht.
  • Mathematik - Die Sprache des Lebens

    10.11.2008, Walburga Posch, 58332 Schwelm, Falkenweg 16
    Der Artikel zur Vorstellung der neuen Ausgabe von Spektrum Spezial endet mit dem Zitat: "Wir können der Natur das Geheimnis nicht entreißen, weil die Natur selbst es nicht kennt, genauer, weil es nicht existiert."
    Wie sollte wohl die Natur sich nach mathematischen Gesichtspunkten entfalten, wenn sie diese nicht "kennen" würde. Gott sei Dank stört sich die existierende Mathematik nicht daran, dass immer noch Wissenschaftler glauben, es ginge ohne sie. Sie stellt unermüdlich für ALLE ihre Information zur Verfügung. Sonst sähen wir alle ziemlich alt aus... (Zur weiteren Info siehe www.zahlengefluester.de)
    Antwort der Redaktion:
    Missverständnis!


    Das zitierte "Geheimnis" bezieht sich nicht auf die Natur im Ganzen, sondern auf die quantenmechanische Unbestimtheit. Zur Erklärung der "spukhaften Fernwirkung" bietet sich zunächst die Erklärung durch "verborgene Variable" an, also Eigenschaften der Teilchen, die zwar von Anfang an vorhanden sind, die wir aber (aus mangelnder Fähigkeit oder aus Prinzip) nicht messen können. Das wäre ein "Geheimnis der Natur". Durch Experimente ist bewiesen worden, dass es ein solches Geheimnis nicht gibt.


    Das steht der Idee, dass das Buch des Universums in der Sprache der Mathematik geschrieben ist, nicht entgegen. Im Gegenteil: Das ganze Sonderheft "Mathema" befasst sich mit dieser Idee.


    Christoph Pöppe, Redaktion
  • Hoffnungen und Erwartungen

    10.11.2008, Thomas Wäscher, Heidelberg
    Zum Zitat auf S. 13: "Vom LHC erwarten sich Physiker Antworten auf solche Fragen", Zunächst stellt sich die Frage: Erhoffen sie sich (nur) die Antworten oder erwarten sie (unbedingt) Antworten?

    Vom armen, milliardenschweren LHC etwas nur zu erhoffen, wäre vielleicht zu wenig Anspruch - aber gleich etwas zu erwarten, da würde man das Gerät vielleicht überbeanspruchen. So schreibt man denn lieber unverbindlich: "... man erwartet sich ..."

    Und zur Illustration auf S. 28/29: Sie zeigen ein phantastisch scharfes Bild einer Sternentstehungsregion - ganz verschämt klein, kaum lesbar, findet sich auf S. 29 links Mitte die Bildquelle: "NASA/ESA, STSCI, Adolf Schaller". Ist er ein Astronom, der das Bild vom Hubble-Teleskop vielleicht bearbeitet hat (Kontrast, Schärfe, Farben etc.) oder ist das Ganze eine künstlerische Imitation? Dies sollte klar gezeichnet werden, denn sonst verwischen sich immer mehr die Grenzen zwischen (manipulierbarer) Fiktion und Wirklichkeit.
    Antwort der Redaktion:
    Zum ersten Punkt: "Sich etwas erwarten" ist sicher eine eher ungewöhnliche Formulierung, wird aber vom Duden gedeckt, der als Beispiel den Satz "Ich erwarte mir viel von ihm" bringt. Im Fall des LHC kann man das "sich", wenn es denn abschwächend klingen sollte, aber auch getrost weglassen.

    Zum zweiten Punkt: Der Leser hat Recht, es handelt sich um das Bild eines Grafikers, also nicht etwa um eine Aufnahme des Weltraumteleskops.
  • Deutsche Sprache, schwere Sprache

    10.11.2008, Harald Kirsch, Düsseldorf
    Was, bitte schön, ist denn eine "Graswurzelmanier"? Mir ist schon klar, dass hier die Übersetzungssoftware zugeschlagen hat. Aber dass diese Übersetzung den redaktionellen Prozess überlebt, sollte bei SdW eigentlich nicht passieren.

    Antwort der Redaktion:
    Ich bekenne mich freimütig zur bewussten Verwendung der (in der Tat aus dem Englischen übernommenen) Metapher "Graswurzel". (Ob es die "Manier" hätte sein müssen oder ob es die "Art und Weise" auch getan hätte – na ja.)


    Erstens ist "Graswurzel" ein gebräuchliches deutsches Wort und nicht eines, zu dessen Verständnis man seine englischen Sprachkenntnisse bemühen müsste. Zweitens ist es präzise und nicht nur ungefähr die Übersetzung von "grassroot". Die Standard-Einwände gegen Anglizismen treffen hier also gerade nicht zu.


    Drittens trifft das Bild von den Graswurzeln (von denen der deutsche Leser eine gewisse Vorstellung hat) genau das, was es ausdrücken soll: Es sind viele Pflänzchen. Sie wachsen und gedeihen zunächst unabhängig voneinander. Ihre Haltbarkeit und Widerstandsfähigkeit, gelegentlich auch Nährstoffe, gewinnen sie dadurch, dass sie ihre Wurzeln zu einem dichten Filz vernetzen, sprich viele kleine Beziehungen zu ihren Nachbarn haben. Deswegen funktioniert der Rollrasen fürs Fußballfeld! (Und von Fußball verstehen die Deutschen nun wirklich etwas.) Und schließlich: Das ganze Gebilde bekommt zwar eine gewisse Stabilität und übersteht auch häufiges Mähen, wächst aber von sich aus nie zu großen Höhen heran. Das war gemeint.


    Christoph Pöppe, Redaktion
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