Lesermeinung - Spektrum der Wissenschaft

Ihre Beiträge sind uns willkommen! Schreiben Sie uns Ihre Fragen und Anregungen, Ihre Kritik oder Zustimmung. Wir veröffentlichen hier laufend Ihre aktuellen Zuschriften.
  • Kommentar zum Leserbrief von Reiner Vogels, 9.7.

    12.07.2008, Herbert Huber, Wasserburg am Inn
    Herr Vogels meinte am 2. Juli 2008: "Es ist wissenschaftlich und rational überhaupt nicht begründbar, dass das 'friedliche Zusammenleben der Menschen' ein Wert ist. Warum sollte das ein Wert sein?"
    Die Feststellung unterstützte ich. Werte lassen sich nicht (natur)wissenschaftlich begründen. Ich antwortete auf die (wohl rhetorisch gemeinte) Frage am 5. Juli: Es ist kein Wert, außer wir erklären ihn dazu. Ich ergänze: Werte per se gibt es nicht; mir wurde noch keiner gezeigt und voraussetzungslos begründet. Es kommt bei den Versuchen dazu meist zum Sein-Sollen-Fehlschluss oder dogmatischer Setzung.

    Herr Vogels meinte nun, dass dieses Verfahren (gemeinsame Diskussion, Einigung und Erklärung) keine adäquate Vorgehensweise zur Begründung von Normen und Werten sei. Dem widerspreche ich. Warum dies zudem ein "offensichtlicher Irrtum" sein sollte, entgeht mir.
    Herr Vogels versucht die Grundlegung per Übereinkunft mit einer dreifachen Reihung zu desavouieren: "Es ist Voluntarismus bzw. Dezisionismus, mit einem deutschen Wort: Es ist reine Willkür." Wenn man diese drei Begriffe wertneutral liest, stimme ich dem völlig zu.

    Fast das gesamte soziale und politische Leben beruht darauf, dass sich Menschen verbal, vernünftig und argumentativ auseinandersetzen und dann (hoffentlich) zur Übereinkunft kommen und z.B. einen privaten Vertrag abschliessen oder gemeinsam ausdiskutieren (wenn auch oft über repräsentative Institutionen) Gesetze erlassen oder Staatsverträge abschliessen. Wenn ich mich mit jemand über den Wert seines zum Verkauf stehenden Hauses einige und den Verkauf perfekt mache, so kann man seinen Preis und meine Zustimmung dazu als "reine Willkür" betrachten. Es ist aber soweit ich sehe der einzig vernünftige Weg. Jemand aus Kairo oder Teheran, der uns den Preis vorschreibt ist dabei völlig fehl am Platz.
    Einen Irrtum erkenne ich bei diesem Vorgehen nicht, zumal es in vielen Gemeinschaften (Familie, Verein, Verbände, Staaten, usw.) funktioniert. Alle so verwalteten demokratischen Staaten haben Werte vereinbart. In Deutschland haben wir das Grundgesetz mit zahlreichen Werten und entsprechende ergänzende Länderverfassungen, Vereinbarungen über Werte auf kommunaler Ebene usw. Ich wiederhole: es funktioniert. Das heißt nicht, dass es nicht verbesserungsfähig sei.

    Als zweites Argument erkenne ich: "Die menschliche Geschichte kennt eine Fülle von Beispielen, in denen Mehrheiten Dinge als gut befunden haben, die nach
    unserem heutigen Urteil nur als abscheulich bezeichnet werden können." Richtig. Und was ist daran jetzt falsch?
    Um zuerst ein eher harmloses Beispiel zu bringen: Beethoven schrieb "Wellingtons Sieg", ich finde jeden Krieg abscheulich. Soll ich deshalb a posteriori Beethovens zeitbedingte mehrheitliche (?) Wertehaltung verurteilen? Oder gar verabsolutieren?
    Früher war es ein schützenswerter Wert unverheiratete Paare nicht unbeaufsichtigt in ein Zimmer mit Sofa zu lassen. Wer es zuließ, machte sich strafbar. Vor etwa vierzig Jahren sah man das nicht mehr als so wichtig an. Es ist kein schützenswerter Wert mehr und wurde straffrei gesetzt.
    Heute sehen immer noch manche Homosexualität oder Geschlechtsverkehr mit Kondomen als Untugend an (und zwingen diese ihre Wertvorstellung Milliarden Menschen auf), morgen wird man diese Einstufung nahe dem Ende der Werteskala hoffentlich als abscheulich bezeichnen.
    Es wird immer so sein, dass Werte der einen Generation in einer späteren nicht mehr oder nicht mehr so stark gelten. Das ist die Folge eines fruchtbaren Diskurses und meins Erachtens völlig in Ordnung.

    Als Drittes führt Herr Vogels an, dass es viele Gemeinschaften gibt, wo es nicht so gemacht wird und dort funktioniert es mit den Werten auch nicht.
    Dass es Gemeinschaften gibt, die die vorgeschlagene Grundlegung missachten, spricht nicht gegen das Verfahren. Im Gegenteil. Wenn Herr Vogels zu Recht darauf hinweist, dass Gemeinschaften, deren Werte von wenigen diktiert werden oder in denen „gut organisierte Minderheiten“ der „Mehrheit erbarmungslos ihren Willen“ aufzwingen, Werte hochhalten, die wir nicht als solche ansehen, dann verstärkt das gerade meine Forderung: die Leute sollten sich besser gemeinsam auf Werte einigen.
    Dieses dritte Argument appelliert eher an die Mitglieder von Gemeinschaften, die sich von einem antiken Buch, einem Oberhaupt oder mehreren die Werte vorschreiben lassen (müssen), solange es geht dort schleunigst auszutreten und die Werte im freien Diskurs gemeinschaftlich zu ergründen und proklamieren. Man muss ja dazu nicht im leeren Raum beginnen.

    Als Viertes führt Herr Vogels an, dass "Potentaten dieser Systeme" jeglicher Argumentation abhold sind und meine Vorgehensweise mit "Spott und Hohn" beantworten würden. Fürwahr. Manche Potentaten weichen von ihrer Werteordung um kein Jota ab, egal wie viel Kriegs-, AIDS- und andere Tote es gibt. Ich behaupte, diese Potentaten lassen sich aber auch nicht anders umstimmen.


    Wenn wir Menschen – wie ich vorschlage – beispielsweise Menschenwürde als hohen Wert erklären (und da wir uns einig sind, jeder motiviert ist, dies zu beherzigen) und an den Anfang unserer Werteordnung schreiben, dann ist das kaum zu verbessern. Selbst wenn jemand mit einem anderen Verfahren oder Begründungsketten nachweisen würde, Menschenwürde sei schon ein Wert vor hundertausend Jahren und unabhängig unserer Übereinkunft gewesen, würde das kaum etwas ändern. Nachdem dies noch keinem gelang, bin ich da skeptisch.


    Vielleicht kam ein Missverständnis dadurch zustande, dass ich in der ersten Replik nicht gleich ein detailliertes Verfahren für eine Wertediskussion angab. Von einem "Willkürurteil der Mehrheit" halte ich nichts. Ich empfehle als Lektüre mal etwas zur Diskursethik von Jürgen Habermas oder John Rawls: A Theory of Justice, deutsch: Eine Theorie der Gerechtigkeit. Vielleicht nicht der Weisheit letzter Schluss, aber als Diskussionsausgang hervorragend geeignet.

    Eine Anmerkung zur "Bringschuld des atheistischen Humanismus"
    Ich meine die Begründung unserer Werte und Normen ist unser aller Sache, nicht nur der Atheisten oder der Humanisten. Herr Vogels lehnt das Diktat weniger und die Willkür der Mehrheit ab. Volle Zustimmung.
    Noch inakzeptabler ist die Berufung auf Dogmen (ich bevorzuge dieses neutralere Wort gegenüber "Diktat") von (vermeintlich) transzendenten Mächten. Auch der naturalistische Sein-Sollen-Fehlschluss ist inakzeptabel. Wie ich schon ausführte, ist es für mich nicht einsehbar, warum z.B. das Artensterben, nur weil es natürlich ist, ein erstrebenswerter Wert sein soll.

    Ein Letztes:
    Wir Diskutanten hier machen auf der Metaebene genau das, was ich für die Begründung direkt vorschlage. Wir diskutieren und versuchen das Beste zu finden bezüglich Vorgehensweise zur Begründung von Normen/Werten.
    Was bleibt? Ganz klar: man lese mein Vorheriges und dieses Posting. Die Bringschuld habe ich (wobei ich nicht die Urheberschaft beanspruche; das taten Weisere vor mir) als atheistischer Humanist für alle (!) erbracht.
  • Anpassung an veränderliche Umweltbedingungen

    11.07.2008, Dr. Franz Peter Schmitz, Lüneburg
    Gibt es nicht eine recht einfache Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Todes: Damit sich Leben an veränderliche Umweltbedingungen anpassen kann, muss neues Leben entstehen, wobei das neue Leben ungefähr gleich wie das alte ist, aber nicht ganz exakt. Und: es müssen ständig neue Lebewesen entstehen. Um aber zu verhindern, dass die vorhandenen Ressourcen völlig aufgebraucht werden, muss das alte Leben verschwinden. Kurz gesagt: Evolution benötigt Geburt und Tod.


    Zum Vergleich mit Automobilen: weichen nicht die meisten alten Autos den neuen, „besseren“, interessanteren Modellen, noch ehe sie eigentlich zum Schrottplatz müssten? Auf Kuba, wo es keine Nachproduktion gibt, „überleben“ Vehikel wesentlich länger als bei uns.


  • Strafen nach Prinzipien der Wiedergutmachung

    11.07.2008, Dr. Franz Peter Schmitz, Lüneburg
    Es ist faszinierend, welch logische und praktische Ergebnisse eine Kombination von Geistes- und Naturwissenschaften doch hervorbringt! Ich kann Herrn Kanitscheider nur zustimmen, dass diese Kombination nicht genügend oft praktiziert wird. Zwar mag es zutreffen, dass Naturwissenschaftler sich eher mit Philosophie beschäftigen als dass Geisteswissenschaftler sich naturwissenschaftliche Kenntnisse aneignen, doch geschieht dies nicht häufig aus dem Antrieb, „gelehrt“ zu erscheinen (man hat auch Plato, Kant und Hegel gelesen!)? Sich über Philosophisches wirklich ernsthaft Gedanken zu machen, bleibt dann doch oft in den Anfängen stecken.

    Elektrisiert haben mich die Schlussabsätze des Gesprächs. Ich kann Herrn Kanitscheider nur zustimmen: Moralische und theologische Vorwürfe sind gegenüber Straftätern nicht zielführend, zu sehr sind Menschen von ihrem inneren Zustand (z.B. genetische Veranlagung und hormonelle Beeinflussung) abhängig; Strafen sollten daher weniger vom Schuld-und-Sühne-Prinzip getragen werden sondern vielmehr von den Prinzipien der Wiedergutmachung und des Schutzes der Gesellschaft vor Straftätern. Ich bin als Naturwissenschaftler, der sich mit geisteswissenschaftlichen Themen beschäftigt, zu eben dieser gleichen Schlussfolgerung gelangt.
  • Kanitscheider zwischen Positivismus und Realismus

    10.07.2008, Norbert Hinterberger, Hamburg
    Bernulf Kanitscheider hat sich in diesem Interview unter anderem implizit für eine Negation der Willensfreiheit ausgesprochen, obwohl er explizit nur von einem "Scheinproblem" spricht. Ich komme gleich darauf, welche seiner Behauptungen die Negation impliziert. Auf die Frage von Michael Springer, ob damit nicht die "Zurechenbarkeit von Handlungen" dispensiert wird und damit auch die Gerichte abgeschafft werden könnten, antwortete Kanitscheider, ähnlich übrigens wie Gerhard Vollmer: "An der rechtlichen Praxis muss sich gar nichts ändern, nur an der moralischen Verurteilung. Wer in einer ungünstigen sozialen Umgebung aufgewachsen ist und vielleicht auch noch ungünstige Verhaltensgene mitbekommen hat, wurde von der Natur und von seinem Umfeld benachteiligt." (S. 79)
    Nun ist es sicherlich so, dass der Einfluss eines sozial abträglichen Milieus zu Recht in die Beurteilung einer Straftat einfließt. Allerdings ist Einfluss keine Determination. Deshalb wird diese Regelung eben nicht unter komplettem Ausschluss von Eigenverantwortung appliziert.

    Kanitscheider hat hier überdies aber auch noch von einer Determination durch "Verhaltensgene" gesprochen (das negiert die Willensfreiheit implizit). Bei aller Hochschätzung seiner sonstigen Arbeiten, scheint mir der Titel "Verhaltensgene" doch nachhaltig seltsam. Möchte Kanitscheider hier einem neuen Lamarckismus für Gene das Wort reden? Denn von hier aus würde ja Verhalten nicht nur ausgelöst, sondern auch vererbt. In einem modernen Neo-Darwinismus (der übrigens skizzenhaft auch schon bei Darwin selbst formuliert ist, Stichwort: "Darwin war kein Darwinist") kann man, um die nicht-passive Rolle der Organismen zu berücksichtigen, sicherlich von einem sinnvoll integrierten Scheinlamarckismus reden, wie Erwin Schrödinger und auch Karl Popper das getan haben, indem sie auf die gerichtete Verwendung von Organen (wie Armen oder Beinen etwa) bei Organismen verwiesen haben, die zu einer enzymatischen Begünstigung bestimmter Genanschaltungen und/oder Mutationen oder aber zu deren Inhibierung führen (solche Verwendungsroutinen können schon innerhalb von bloßen Populationen sehr unterschiedlich ausgerichtet sein, teilweise auch unter gleichem Selektionsdruck von der Umwelt her). In der modernen Biologie wird das unter dem Begriff der Teleonomie geführt, nicht zu verwechseln mit Teleologie).
    Bei komplexen Organismen sorgt überdies das Gehirn mit einer stark hierarchisch übergeordneten Umweltwechselwirkung für diese Zielführung der Organe, welche wiederum die Zellaktivitäten anregen. Gene allein sind dagegen, ohne enzymatisches Management, was wiederum auf Umweltwechselwirkung der Zellrezeptoren zurückgeht (für eine Verbandszelle sind überdies die Nachbarzellen schon Umwelt), einfach nur eine ‚tote’ Bibliothek, die von sich aus gar nichts tut. DNA kann kein situativ umweltrelevantes Verhalten steuern. Gene steuern ohne Umweltwechselwirkung des Organismus nur die Entwicklung und das Wachstum des Körpers (mehr oder weniger direkt – über stark standardisierte Enzymatik). Alles weitere Verhalten wird über die Umweltwechselwirkung des Organismus gesteuert und zwar über extrem indirekt mobilisierte Polymerasen. Der Organismus ruft, vermittelt über die Enzymatik der Zellen, Genbefehle ab, die situativ relevant für den Gesamtorganismus sind (Phän-Gen-Dialog). Gene wissen nichts über ontogenetische Situationen. Ohne die Starthilfe der Polymerasen, die wiederum von komplexen enzymatischen Signalketten von den Zell-Rezeptoren her instruiert werden, passiert gar nichts. Etwas zu tun ist aber auch nicht ihr Job, sie halten nur die rein phylogenetisch erworbene Information bereit, die erst bedarfsspezifisch abgerufen werden muss. Gene werden also letztlich durch übergeordnetes Verhalten des Gesamtorganismus ‚angeschaltet’ oder ‚ausgeschaltet’, nicht umgekehrt.

    Zu Kanitscheiders Einschätzungen gelangt man offenbar, wenn man den kausalen Determinismus der Makro-Physik ohne Berücksichtigung insbesondere der biologischen Selbstorganisation in Anschlag bringt. Man muss nicht und kann auch gar nicht auf den ‚indeterministischen Determinismus’ der Quantenmechanik rekurrieren, denn der spielt für das Problem der Willensfreiheit in der Tat keine Rolle – aus Gründen, die Kanitscheider ja auch selbst nennt. Willensfreiheit benötigt ‚grob-kausale’ Bedingungen. Biologische Selbstorganisation besitzt allerdings, gegenüber rein physikalischen Systemen (Konvektionsrollen etwa), noch eine emergente und unübersehbar selbstgerichtete Komponente (genau genommen schon bei Einzellern), bei der man von Eigenkausalität reden muss, wenn man nicht quasi-religiös von Kausalität als von einem unabänderlichen Schicksal (in diesem Fall seit dem Urknall) sprechen will. Schon Einzeller können aber das tun, was eben für den Menschen beschrieben wurde. Sicherlich weniger luxuriös und auf simplere Aktionen beschränkt, aber sie können situativ gerichtet nach Lactose im Umgebungsmedium suchen wenn ein entsprechender Mangel im Zellplasma, wiederum durch Enzyme, signalisiert wird. Sie können die Lactose über Zellmembran-Rezeptoren erkennen, aufnehmen und zur Energiegewinnung in Einfachzucker spalten. Schon das ist biologische Selbstorganisation, die nicht gerade ohne Weiteres aus dem Urknall folgt …, also einen gewissen Freiheitsgrad selbstgerichteter Aktionen erfordert. Wenn keine Lactose im Außenmedium gefunden wird, können Einfachzucker aber auch intrazellular hergestellt werden. Auch die dafür nötigen Gen-Befehle müssen aber von den Orten des Mangels über Signalketten abgerufen werden. Am Ende diese Ketten aus Faktoren und Proteinen stehen dann die Polymerasen. Die Gene können davon nichts wissen und auch nichts in dieser Richtung unternehmen, denn sie sind phylogenetische Informationen ohne eigene Bewegungsfähigkeit. Alle Organismen sind offenbar auf Eigenentscheidungen bzw. Eigenkausalität angewiesen, wie kybernetisch die auch immer strukturiert sein mag.

    Eigenverantwortlichkeit eines biologischen Systems sollte aber prinzipiell spätestens mit den neueren Ergebnissen aus der Hirnforschung keine so große Überraschung mehr sein. Wir wissen inzwischen, dass es, entgegen älterer Auffassung, auch ontogenetisch Gehirnwachstum aufgrund von Umweltwechselwirkung (Lernen) gibt. Die Gene, die für das Neuronenwachstum benötigt werden, liegen zwar in den Nervenzellen bereit, aber sie müssen bedarfsspezifisch, situativ bzw. temporär passend eben, über enzymatische Komplexe abgerufen werden.

    Obwohl sein großer Lehrer Mario Bunge Moral als Evolutionsprodukt postuliert und Kanitscheider diese Auffassung auch explizit übernimmt (eine Behauptung, die im übrigen durch neueste Untersuchungen von J. Kiley Hamlin (SPEKTRUM 2/08, S. 19, ein Artikel von Malte Jessl) und auch durch viele andere Quellen stark gestützt erscheint) gräbt er hier, ungeachtet des Ockhamschen Rasiermessers sozusagen, die überflüssigen Zöpfe des Utilitarismus/Hedonismus neu aus – was mit moralischer Differenz zunächst gar nichts zu tun hat. Die addiert er denn auch einfach: " … selbstverständlich ohne den Mitmenschen zu schaden, ohne andere unglücklich zu machen." Ohne diese lose addierte Klausel ist das aber einfach nur ein Pragmatismus des persönlichen Glücks. Letzteres mag zwar unsere Haupt- und Lieblingsbeschäftigung sein, aber wir haben eben auch andere Interessen (erkenntnistheoretische, ästhetische und ethische), die fast immer mit einer gewissen Unlust bzw. mit einem gewissen Verzicht (= Unglück) erkauft werden müssen. Nun kann uns natürlich auch die Verstärkung der psychischen Integrität, die wir daraus beziehen, glücklich machen, und das ist wohl in der Regel auch so. Aber ich denke, hedonistische Befriedigung könnten wir auch einfacher haben, so dass man diese beiden Formen der Glücksmaximierung durchaus sinnvoll unterscheiden kann.


    Mit dieser utilitaristisch/hedonistischen Wendung werden wir im Übrigen an Kanitscheiders Vergangenheit als Positivist/Pragmatist erinnert. Er ist noch nicht so lange Realist, was wohl immer wieder zu Vermischungen dieser logisch unverträglichen Positionen führt. Wie die Untersuchungen von Hamlin* zeigen, benötigen wir in dieser Frage aber keine Pragmatik. In Erkenntnisfragen ist der Pragmatismus ohnedies dubios – er führt in den Wahrheitsrelativismus, den übrigens auch sein erster großer Lehrer, Stegmüller vertreten hat. Aber da wir ihn gar nicht benötigen, nehmen wir doch einfach mal die These ernst, dass Moral-Empfindungen sich beim Menschen wie auch bei anderen Primaten evolutionär entwickelt haben, dass also unser ästhetisches Niveau und mit ihm, vielleicht als Teilmenge, unser ethisches Niveau ein Produkt der Evolution ist, wie alles andere, was wir anzubieten haben. Natürlich kann man hier nur von einer Disposition reden. Moralisches Verhalten ist uns genauso wenig angeboren wie unmoralisches, schon gar nicht als ‚genetische Determination’. Angeboren ist das Niveau, uns für oder gegen eine normativ relevante Handlung zu entscheiden. Das setzt aber voraus, das wir generell über Handlungsfreiheit im Sinne von Willensfreiheit verfügen. Man weiß deshalb auch nicht, inwiefern es bei Kanitscheider Handlungsfreiheit geben soll, wenn es keine Willensfreiheit gibt. Das "Problem der Willensfreiheit ist" ja für Kanitscheider (ein weiteres Mal ganz in positivistischer Tradition) ein "Scheinproblem". Es wäre schön, wenn er uns erklärt hätte, inwiefern dann Handlungsfreiheit, von deren Existenz er ja selbst spricht, kein Scheinproblem sein sollte. Aus meiner Sicht sind diese beiden Begriffe logisch äquivalent. Eine Handlung führt man als geistig halbwegs gesunder Mensch nicht ohne Intention bzw. ohne den Willen dazu aus.


    Drei Sätze vielleicht noch, um diesen Leserbrief nicht noch stärker zu überladen: Kanitscheider negiert die Willensfreiheit, woraus folgt, dass wir niemanden, auch nicht Hitler oder Pol Pot, nach moralischen Kriterien beurteilen können. Andererseits sieht er offenbar keine Schwierigkeiten darin in ethisch korrigierender Absicht (S. 78) "die empirisch gefundene Vorstrukturierung der menschlichen Natur einer rationalen Diskussion" auszusetzen. Wenn aber Verhalten prinzipiell (sozusagen schon vom Urknall her) determiniert ist, dann gilt das auch für unser Erkenntnisverhalten, und Erkenntnis wäre eine Illusion – somit könnten wir gar keine rationale Diskussion über was auch immer führen, insbesondere keine die irgendwelche Änderungen unserer "Vorstrukturierung" herbeiführen könnte, wir könnten uns allenfalls einbilden, das getan zu haben.


    *Die Psychologin J. Kiley Hamlin von der Yale-Universität in New Haven (Connecticut) kann auf Untersuchungen zurückblicken, die zu zeigen scheinen, dass bereits zehnmonatige (manchmal sogar schon sechsmonatige) Säuglinge nachhaltiges Interesse an moralischer Differenz zeigen (beschrieben in Nature, Bd. 450, S. 557). Sie handeln nicht alle moralisch, aber offenbar in großer Überzahl.
  • Bringschuld weiter offen - Zum Leserbrief von H. Huber

    09.07.2008, Reiner Vogels, Swisttal
    Zum Leserbrief von Herbert Huber vom 5.7. 08


    Herr Huber meint, dass ein ethischer Wert dadurch ausreichend begründet sei, dass "wir" ihn zu einem solchen erklären. Er meint weiter, mit dieser These habe er die Bringschuld des atheistischen Humanismus hinsichtlich einer rationalen Grundlegung der Ethik erbracht. Dies ist jedoch ein offensichtlicher Irrtum. Was Huber vorschlägt, ist reiner Voluntarismus bzw. Dezisionismus, mit einem deutschen Wort: Es ist reine Willkür. Auf eine solche Willkürethik lässt sich keine menschenwürdige Gesellschaft bauen.


    Es ist ja ganz offenkundig, dass das, was Menschen - möglicherweise mehrheitlich - für gut erklären, noch lange nicht gut sein muss. Die menschliche Geschichte kennt eine Fülle von Beispielen, in denen Mehrheiten Dinge als gut befunden haben, die nach unserem heutigen Urteil nur als abscheulich bezeichnet werden können.


    Es reicht aber selbst dann nicht, sich auf die Willkürmeinung der Mehrheit zu berufen, wenn sich diese Mehrheit zu nach unserer heutigen Meinung guten Werten bekennt. Im Zweifelsfall ist menschliche Geschichte immer wieder von schlagkräftigen, skrupellosen, aber gut organisierten Minderheiten gemacht worden, die dann der friedliebenden Mehrheit erbarmungslos ihren Willen aufgezwungen haben. Und das ist auch heute so. Man schaue sich nur um in der heutigen Welt: Die Staaten, in denen Demokratie, Recht und Menschenrechte herrschen, sind leider in der Minderheit, und die "Staatsordnung" von Diktatur, Unterdrückung, Kleptokratie und Unterdrückung der Schwachen bestimmt weithin das Bild. Wenn ein humanistischer Atheist einem der Potentaten dieser Systeme mit seiner kraftlosen humanistisch-atheistischen Ethik: "Demokratie und Menschenrechte sind zwar kein absoluter und objektiver Wert, aber wir - wer immer das ist - haben sie dazu erklärt und deshalb fordern wir dich auf, einzulenken", entgegentreten würde, würde er nur Spott und Hohn ernten.


    Nein, solange der humanistische Atheismus keine über bloßen Voluntarismus und Dezisionismus - im Klartext: Willkür - hinausgehende Begründung für eine menschenwürdige Ethik vorzulegen vermag, hat er seine Bringschuld noch nicht beglichen. Die Schuld ist weiter offen.


    Solange der Atheismus nicht mehr zu bieten hat als ethische Willkür, wird es ihm im Übrigen auch trotz seiner gegenwärtig zu beobachtenden und auch vom Spektrum der Wissenschaft geförderten weltweiten publizistischen Offensive nicht gelingen, mehrheitsfähig zu sein. Angst brauchen wir in den christlichen Kirchen vor diesem schwachen Gegner wahrlich nicht zu haben. Haben wir auch nicht.

  • Wird "Spektrum" zum Kampfblatt der Antikreationisten?

    07.07.2008, eike.blum@gmx.net
    Die Rezension des Buches von Paul Davies lässt klar die Abneigung des Rezensenten gegen den Autor erkennen, wogegen auch nichts einzuwenden ist. Der letzte Satz der Rezension aber tritt auch Leuten auf die Füße, die sich als zu klein einschätzen, als dass sie dem Herrgott die Schöpfungstage vor- oder nachrechnen könnten. Dieser Satz baut Mauern und Dämme statt Wege und Brücken. Er passt nicht zu dieser Zeitschrift und könnte, wenn man die Eigenschaft des Rezensenten als Chefredakteur in Betracht zieht, zu dem Schluss verleiten, die Zeitschrift entwickle sich zu einem Kampfblatt der Anti-Kreationisten.
  • Kommentar zum Leserbrief von Reiner Vogels

    05.07.2008, Herbert Huber, Wasserburg am Inn
    Die Antwort auf die Frage „Warum sollte das friedliche Zusammenleben der Menschen ein Wert sein?“ ist einfach. Es ist keiner, außer wir erklären ihn dazu. Die Falschheit der angeführten Beispiele kann man nicht beweisen; man muss es aber auch nicht. Man muss es ausdiskutieren.
    Die drei aufgeführten "Lehren" (Napoleon, Nietzsche, Kastenlehre) stehen mit vielen anderen zur Diskussion: wohl die meisten Menschen und ich halten nichts von den drei genannten. Bei der biologistischen Lehre allerdings vergisst Herr Vogels seine Prämisse. Sie kann ebensowenig damit begründet werden, dass sie „das Natürlichste von der Welt ist“. Was natürlich ist, kann von uns – und wird es oft – als Wert verworfen werden. Ich erinnere an
    - das Auffressen des Partners bei einer Spinnenart (Spezies ist mir entfallen)
    - das natürliche Artensterben.
    Warum soll all das für uns – nur weil es natürlich ist – ein Wert sein?
    Die Bringschuld der Humanisten ist längst erbracht. Seit Jahrtausenden reden die Menschen über Werte und bringen sie in Rangordnungen. Störungen treten dann auf, wenn Leute meinen, Werte seien in heiligen Büchern verbindlich vorgeschrieben (Diskussion überflüssig), darunter Werte, die erst nach dem Tod eintreten und jeden irdischen Unfug rechtfertigen.
  • Kommentar zum Leserbrief von Paul Scheipers

    05.07.2008, Herbert Huber, Wasserburg am Inn
    Prinzipiell ist der Aussage „Menschen, die davon ausgehen, dass es einen Gott gibt oder andere, die von seiner Nichtexistenz überzeugt sind, müssen dies jeweils glauben“ zuzustimmen. Doch – wie es auch Professor Bernulf Kanitscheider an vielen anderen Stellen (z. B. im Interview bei Gert Scobel, 3sat) vertrat – hat derjenige, der eine Existenzbehauptung aufstellt – noch dazu von so weittragender Bedeutung wie die eines allmächtigen, allgütigen, allwissenden Gottes – die Belegpflicht. Wie wäre es ansonsten mit dieser Aussage: „Menschen, die davon ausgehen, dass es Grashalmspitzengnome gibt, die bei Luftzug die Grashalme entsprechend den Naturgesetzen bewegen oder andere, die von deren Nichtexistenz überzeugt sind, müssen dies jeweils glauben“?
    Das ist sicherlich eine sehr viel bescheidenere Aussage wie die Existenzannahme eines Gottes. Auch diese Aussage ist kaum zu bestreiten, allerdings würden wir die Glaubenden zumindest extrem skeptisch anschauen. Die Begründung, dass man bisher noch nirgendwo Hinweise auf Grashalmspitzengnome gefunden hat und die Grashalme sich ohne göttliches Einwirken nach den Naturgesetzen bewegen, ist völlig in Ordnung und weit mehr als „ihr Glaubensrecht“.
  • Kommentar zum Leserbrief von J. Thomsen

    04.07.2008, Prof. Paul Kalbhen, Gummersbach
    Im Zusammenhang mit der Diskussion im Leserbrief-Forum von "Spektrum" zum SdW Heft 7/08: 'Ein Denker zwischen zwei Kulturen' möchte ich zum Leserbrief von J. Thomsen vom 28.06.08: 'Mehr Wissenschaft, weniger Theologie!' wie folgt antworten:


    Ich stelle den "Mutmaßungen" von J. Thomsen meinerseits "spekulativ" 10 Thesen zur Thematik "Glaube und Naturwissenschaft" gegenüber - weit gehend in Übereinstimmung mit der Theologie eines Thomas von Aquins -, die vielleicht zum Nachdenken anregen könnten!


    1. Gott will in seinem Wesen erkannt werden, sonst hätte er sich nicht offenbart: in seinem Sohn, in seinen Propheten, in der Natur - und auch in der Wissenschaft von der Natur.


    2. Das Wirken Gottes in seiner Schöpfung ist geistiger Art: Mit der Erschaffung von Energie und Naturgesetzen aus dem "Nichts" legte er den Grund für die Entwicklung des Lebens und machte mit seinem Geist den Menschen sich selbst bewusst.


    3. Die Ewigkeit Gottes ist im Sinne der Einstein‘schen Relativitätstheorie als Zeitlosigkeit denkbar. Nach Aussage der christlichen Dreifaltigkeitslehre ist "Gott-Vater" allwissend - man könnte folgern, weil er als Schöpfer der Welt außerhalb unseres Raum-Zeit-Kontinuums existiert. Damit entfällt die theologische "Zwangslage", Vorhersehung Gottes und Vorherbestimmung gleichzusetzen.


    4. Die Menschwerdung Christi ist die Materialisierung Gottes, die Auferstehung Christi ist die Dematerialisierung Gottes in der Welt. Die Inkarnation Gottes in Jesus Christus ist die Kernaussage christlichen Glaubens; in den gewandelten Gaben von Brot und Wein des Abendmahles, der Eucharistiefeier bleibt er sichtbar in der Welt.


    5. Aus der christlichen Offenbarung kann man drei absolute Eigenschaften Gottes folgern: Die Allgüte - da Gott als absolute Liebe außerhalb des Bösen existiert; die Allwissenheit - da Gott als absolutes Sein außerhalb von Raum und Zeit existiert; die Allmacht - da Gott alle Freiheit besitzt, innerhalb seiner Allgüte und Allwissenheit zu wirken.


    6. Angesichts des Leides in der Welt ist die Vorstellung eines absolut liebenden Gottes nur zu begründen, wenn man den Zufall als ein wesentliches Element in Gottes Schöpfungskonzept begreift: Denn Gott will das Leid nicht, sondern lässt es wegen der Freiheit seiner Schöpfung zu.


    7. Die Gnade, die Güte Gottes kann nur wirksam werden, wenn der freie Wille des Menschen sie bejaht; insofern ist die Gnadenwirkung, die Fügung des Menschen unter den Willen Gottes, nicht vorherbestimmt - "determiniert" -, sondern zufallsbedingt - "indeterminiert".


    8. Das christliche Weltverständnis muss unter dem Blickwinkel der Quantenphysik "komplementär" – sich gegensätzlich ergänzend – erfolgen. Der scheinbare Widerspruch zwischen Ordnung und Chaos, Notwendigkeit und Zufall, Gesetz und Freiheit löst sich auf unter einer ganzheitlichen Sicht der christlichen Offenbarung: Gott hat in seine Schöpfung sowohl Ordnungsstrukturen als auch Freiheitsgrade gelegt und diese zu statistischen - wahrscheinlichkeitsbedingten - Naturgesetzen verschmolzen.


    9. Wesentlich für das Christentum ist eine ganzheitliche Betrachtung des Menschen als Leib-Seele-Einheit, die ihre Auferstehung in der "Ewigkeit" erfährt. Das heißt, dass der Mensch nicht nur als geistiges Wesen in das "Jenseits" eingeht, sondern als genetisch geprägtes Individuum, dessen Ich-Sein in der Welt eben auch von seinen genbedingten Veranlagungen und Eigenschaften abhängig ist.


    10. Erst die Wechselwirkung von Gehirn und Geist, von Leib und Seele, von "Hardware" und "Software" des Individuums macht den sich selbst bewussten Menschen aus; die in den Genen gespeicherte Information ist geistigen Ursprungs. Für den Christen ist das Leben Teilhabe am Göttlichen Geist, dem "Heiligen Geist".




  • Zum Begriff des Zufalls als "Freiheitsgrad"

    04.07.2008, Prof. Paul Kalbhen, Gummersbach
    Zum Begriff des Zufalls als "Freiheitsgrad", hier einige Aussagen von bekannten Physikern – wobei ich vorausschicken möchte, dass das in der Antwort auf meinen Leserbrief vom 23.6. genannte Beispiel: "ein geworfener Speer folgt immer noch einer klassischen Trajektorie" (m.E. "Parabel") hinkt, da es nur für den Regelfall gilt, aber nicht mehr, wenn "Turbulenzen" auftreten (das führt geradewegs in die unregelmäßige, "instabile" Chaosphysik!).


    Thomas Görnitz schreibt zum Unterschied zwischen den Makroobjekten der klassischen Physik und den Mikroobjekten der Quantenphysik, "dass die klassische Physik die Fakten und die Quantenphysik die Möglichkeiten erfasst" (Der kreative Kosmos, Spektrum Akad. Verlag Heidelberg, 2002). Andere Physiker sehen in den Unwägbarkeiten und Ungewissheiten der Chaostheorie den Einlass für den Zufall ins Naturgeschehen, soweit man nicht bereits die Möglichkeit zufälliger Ereignisse durch die Akausalitäten und Unschärfen des quantenphysikalischen Geschehens gegeben sieht. So David Ruelle: "In chaotischen Phänomenen erzeugt also die deterministische Ordnung die Unordnung des Zufalls." (Zufall und Chaos, Springer Berlin,1993); Lew Tarassow: "Der grundlegende Charakter des Zufalls lässt durchaus nicht den Schluss zu, die uns umgebende Welt sei ungeordnet und chaotisch aufgebaut. Der Zufall bedeutet bei weitem nicht, dass kausale Beziehungen fehlen. ... In der realen Welt sind die Kausalbeziehungen wahrscheinlichkeitsbedingte Beziehungen." (Wie der Zufall will?, Spektrum Akad. Verlag Heidelberg, 1993); Paul Davies: "Das Chaos liefert uns offenbar eine Brücke zwischen den Gesetzen der Physik und denen des Zufalls. In gewisser Weise können Zufallsereignisse immer auf die Unkenntnis im Detail zurückgeführt werden." (Auf dem Weg zur Weltformel, Byblos Berlin, 1993).


    Wenn freilich einige Hirnforscher oder Philosophen Geist und Gehirn gleichsetzen, finde ich das überspannt: Sind dann auch Hard- und Software des Computers gleichzusetzen - auf Kosten des geistigen Hintergrundes, der Intelligenz des Programmierers? Die Reduzierung des Geistigen auf Gehirnvorgänge erfasst nicht die Komplexität und Spontaneität menschlichen Bewusstseins und Verhaltens! Der Neurowissenschaftler Wolf Singer, ein führender Vertreter der Hirnforschung in Deutschland, räumt immerhin ein: "Sollte hingegen zutreffen, dass es die freie, von neuronalen Vorgängen unabhängige Entscheidung gibt, die jedem neuronalen Vorgang vorausgeht und diesen dann lediglich in Gang setzt, damit die beschlossenen Aktionen ausgeführt werden, dann müssen wir etwas annehmen, was in keinem der bislang bekannten naturwissenschaftlichen Beschreibungssysteme vorkommt. Die Frage nach der Existenz und möglichen Natur dieses Etwas entzieht sich dem naturwissenschaftlichen Zugriff." (SdW Heft 4/01: Leserdiskussion um ‚Das Ende des freien Willens?‘).


  • Auf Einhaltung der Grenzen und Regeln achten

    04.07.2008, Paul Scheipers, Coesfeld
    In seinem gewiss sehr interessanten Interview geht Professor Bernulf Kanitscheider von einem Naturalismus aus, der die Existenz eines Gottes aus naturwissenschaftlichen Gründen grundsätzlich ablehnt. Da dies nicht beweisbar ist, macht er mithilfe philosophischer Anmerkungen eine atheistische Glaubensvorstellung zu einem naturwissenschaftlichen Erkenntnisstand. Leider verletzt er damit die Regeln und Grenzen der Naturwissenschaft.


    In der Naturwissenschaft gibt es besonders strenge Regeln. Im Rahmen dieser Regeln ist es nicht möglich, Beweise für Gottes Existenz oder Nichtexistenz zu finden. Menschen, die davon ausgehen, dass es einen Gott gibt oder andere, die von seiner Nichtexistenz überzeugt sind, müssen dies jeweils glauben.


    Naturwissenschaftler, die sich an ihre strengen Regeln halten, dürfen sich im Rahmen ihrer naturwissenschaftlichen Forschungsarbeit nicht mit Sinnfragen oder mit religiösen beziehungsweise atheistischen Glaubensangelegenheiten beschäftigen, weil sie dann ihre Grenzen überschreiten und eventuell der Naturwissenschaft Schaden zufügen würden. Deshalb ist es innerhalb der Naturwissenschaft wichtig, auf eine strenge Einhaltung der Grenzen und Regeln zu achten, da sonst ein Bollwerk des Vertrauens und der wissenschaftlichen Seriosität abgewertet wird. Allerdings können Naturwissenschaftler problemlos außerhalb ihrer Arbeit zum Beispiel als gläubige Christen oder Atheisten tätig sein.


    Atheistische und religiöse Gläubige dürfen ohne Grenzverletzungen in den Erkenntnissen der Naturwissenschaft nach Informationen suchen, die ihren Glauben unterstützen, ihm aber keine Beweiskraft verleihen. Ihre Interpretationen der Informationen führen auf ihrer jeweiligen Glaubensebene höchstens zu Glaubensaussagen.


    Wenn Atheisten sagen, dass sie deshalb nicht an einen Gott glauben, weil die naturwissenschaftliche Forschung bisher nirgendwo Hinweise auf einen Gott gefunden hat und das Universum sich bisher aus den Urpotenzialen der Urknallphase ohne göttliches Einwirken nach den Naturgesetzen entwickeln konnte, ist das ihr Glaubensrecht. Sie überschreiten aber ihre Glaubensgrenze, wenn sie behaupten, dass der aktuelle Wissensstand der Naturwissenschaft mit erdrückender Beweislast die Existenz eines Gottes ausschließt und deshalb religiöse Menschen im Gegensatz zu Atheisten völlig unwissenschaftlich handeln.


    Wenn religiöse Menschen sagen, sie können sich nicht vorstellen, dass etwas so Komplexes wie das Universum durch puren Zufall und ohne Wirken eines Schöpfers entstanden ist, zählt so etwas zu ihrem Glaubensrecht. Sie verletzen aber ihre Glaubensgrenze, sollten sie daraus schließen, dass die menschliche Vernunft deshalb bereits die Existenz eines Schöpfergottes wissenschaftlich eindeutig nachweisen kann.


    Sollte es gelingen, dass sich Naturwissenschaftler sowie religiöse und atheistische Gläubige an ihre Regeln und Grenzen halten würden, gäbe es viel mehr Frieden auf der Welt. So könnte eine weltweite Friedensbewegung entstehen.



  • Ergänzungen zur Meerwasserentsalzung

    04.07.2008, Ernst Schöberl, Hambach
    Der interessante Beitrag hat Lücken, die auch in einem Kurzbeitrag nicht fehlen dürfen.


    Der osmotische Druck von Seewasser müsste nicht nur erwähnt, sondern auch angegeben werden; er beträgt ca.28 bar. Im Umkehrosmosebild sind die Hochdruckpumpen, die das vorbehandelte Seewasser in die Membraneinheiten mit mindestens 60 bar Drücken,wohl dargestellt, aber nicht bezeichnet. Zur wesentlichen Energieeinsparung wird bei größeren Anlagen die Druckenergie des Salzwasserkonzentrates mit Peltonturbinen zurückgewonnen.


    Ein weit verbreiteter Irrtum ist, dass destilliertes Wasser deswegen ungesund ist, weil die Körperzellen durch den osmotischen Druck zerstört werden. Die schädliche Wirkung besteht vielmehr darin, dass vollentsalztes Wasser den Körper nach und nach entmineralisiert.


    Die schädliche Wirkung der Rückleitung des Salzkonzentrates in das Meer besteht weniger in der hohen Salzkonzentration, sondern in dem Eintrag von Phosphaten oder Sulfaten, je nachdem, ob Phosphate oder Schwefelsäure dem Seewasser zugesetzt werden, damit in der Verdampferanlage Ablagerungen und Verkrustungen durch Salze vermieden werden. Diese Phosphate oder Sulfate führen im Meer zu einer Überdüngung.

  • interessant

    03.07.2008, H. Wördemann, Detmold
    Interessanter Aspekt, Bakterien, die sich nur vegetativ vermehren, nicht in Arten einzuteilen.
    Doch wie ist es mit den Phototrophen, die in Zellen von Chemotrophen eindringen und dort für Stoffwechselpodukte sorgen, die dann von letzteren verwertet werden?
    Sind es noch zwei Arten, oder ist es eine neue?
  • Vitamin-D-Mangel weit verbreitet

    02.07.2008, Hans-Jürgen Gregersen, Kosweg 2, 24983 Handewitt
    Dieser Artikel weckte mein besonderes Interesse, da ich täglich in meiner Praxis Vitamin-D-Mangelzustände entdecke und therapiere. Primär ist mein Ansinnen als Nephrologe, der Menschen mit unterschiedlichen Graden der Niereninsuffizienz (Nierenfunktionsschwäche) behandelt, den Knochenstoffwechsel zu überprüfen, um entsprechende Metabolite zu verabreichen. Es ist wirklich erstaunlich wie selten ein normaler Vitamin-D-Spiegel, auch bei fast Gesunden, zu detektieren ist. Leider scheitert die Therapie an mangelnder Krankheitseinsicht, zumal die Vigantoletten (=1000 IE Cholecalciferol) als bloße Nahrungsergänzungsmittel nicht von der gesetzlichen und zunehmend weniger von der privaten Krankenkasse übernommen werden. Dabei kosten 90 Vigantoletten nur 7,50 Euro - ein geringer Betrag verglichen mit den Folgekosten von Vitamin-D-Mangel.

    Angeregt durch Ihren Artikel, kümmere ich mich jetzt um breitere Aufklärung mit Erstellung von praktikablen Lebensmittellisten. Die Sonneneinstrahlung ist problematisch, da die Angst vor dem schwarzem Hautkrebs, dem Melanom, weit verbreitet ist. Andererseits ist alles dosisabhängig.

    Es gibt Firmen, die spezielle Lichtspektren in Leuchtstoffröhren erzeugen und das Sonnenlicht imitieren. Aber können diese auch die Vitamin-D-Bildung ausreichend anregen? Da ich selbst den größten Teil des Tages, rund 10 - 12 Stunden, in geschlossenen Räumen verbringen muss, wäre ich sehr an einer Klärung dieser Frage interessiert. Ich möchte gerne die ganze Pleiotropie dieses Stoffes ausnutzen.

    Mit besten Grüßen als treuer Leser seit 20 Jahren (mein erster Leserbrief!)
    Antwort der Redaktion:
    Sofern Leuchtstoffröhren genug UV-B-Strahlung abgeben, wird die Vitamin-D-Bildung auch von ihnen angeregt.
  • Chance verpasst in einer wichtigen Diskussion

    02.07.2008, Uwe Dankert, 85540 Haar
    Prof. Kleinknecht stößt mit seinem Artikel eine wichtige Diskussion an, die leider immer noch eine zu geringe Bedeutung in der öffentlichen Wahrnehmung hat. Dies ist ausdrücklich zu begrüßen und sollte schnell vertieft werden und nachhaltig zu tief greifenden Entscheidungen führen. Aber hoffentlich nicht in die Richtung, die Prof. Kleinknecht als Vorsitzender des Klimaausschusses der DPG vertritt. Und das hat auch nichts mit einer schnellen Ideologisierung zu tun, die Herr Breuer in seinem einführenden Editorial fürchtet. Dennoch bin ich geneigt, diese Diskussion in der Zeit der frühen Achtziger des letzten Jahrhunderts wiederzuerkennen, als es auch bei den Physikern (ich habe mein Diplom an der Universität in Mainz gemacht, an der heute Prof. Kleinknecht lehrt) im Wesentlichen die beiden Fraktionen Pro-/Contra Kernenergie gab.

    Denn leider unterlaufen dem Autor in seiner Darstellung eine Reihe nicht unbedeutender Ungenauigkeiten und missverständlicher Interpretationen bzw. Extrapolationen. Dies haben ja auch schon einige der veröffentlichten Leserbriefe im Anschluss an den Artikel aufgezeigt. Im Einzelnen sind zu kritisieren:

    (1) Versorgungsstruktur

    Es ist richtig, dass der Umbau unserer traditionellen Energieversorgung hin zu einer nachhaltigen Versorgung politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich eine Herausforderung bedeutet, die uns alle betrifft. Jeder von uns muss da mitmachen, aber es ist offensichtlich leichter, Energiepolitik für wenige Energieversorger zu machen, als für viele Energieverbraucher, wie die ZEIT einmal in 2006 formulierte. Gerade der Wechsel von einer eher zentralistisch organisierten Energieversorgungsstruktur zu einer dezentral organisierten Struktur ist alles andere als leicht durch- und umsetzbar. Aber es gibt Beispiele in Europa, die bereits so organisiert sind. So ist beispielsweise in Dänemark die Erzeugung von Strom aus dezentralen Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen bei einem Anteil von 49 Prozent in 2002 angekommen, wogegen Deutschland bei 9,8 Prozent verharrt (Quelle: Eurostat 2006). Diese Zahlen haben sich seitdem kaum verändert, trotz des KWK-Förder-Gesetzes in Deutschland. Hier ist also Potenzial zu schöpfen. Natürlich bedeuten Offshore-Windkraftanlagen eine zentrale Struktur weitab von Verbrauchszentren in Mittel- und Süddeutschland. Dass aber der Bau von Überlandleitungen technisch und wirtschaftlich machbar ist, steht außer Frage. Kernkraftwerke stehen ja auch „weit weg vom Schuss“, weil sie trotz ihrer zumindest in Deutschland hohen Sicherheit niemand in seiner unmittelbaren Nachbarschaft haben möchte. Immerhin besteht ja noch ein Restrisiko.

    (2) Windenergie

    In 2007 wurde bereits etwa 16 Prozent unseres Stromes (gegenüber 12 Prozent in 2006), den wir benutzen, durch regenerative Energieerzeugungsanlagen bereitgestellt. Die Hälfte davon in 19.460 Windkraftanlagen mit einer Gesamtkapazität von 22.247 MW (Quelle: www.wind-energie.de/de/statistiken). Im Mittel sind das pro Anlage 1,14 MW Kapazität. In dem Artikel von Prof. Kleinknecht eine Zahl von weiteren benötigten 60.000 Anlagen zu nennen, leugnet aber die realen Hintergründe und dient eher dem plakativen Zweck des Zusammenzuckens beim nicht informierten Leser. Derzeit lassen sich etwa 3.000 der existierenden Anlagen über Repowering potenziell hochrüsten (von zwischen 50 und 400 kW zu 3 MW bis maximal etwa 4,5 MW), was die zur Verfügung stehenden Kapazitäten auf ca. 30.000 MW erhöht, ohne gleichzeitig die Zahl der Anlagen zu erhöhen! Offshoring ist natürlich ein neues Thema und noch am Beginn der technischen Lernkurve mit allen positiven wie negativen Lerneffekten. Dennoch ist es mathematisch leicht nachzuvollziehen, dass zur Bereitstellung einer Erzeugungskapazität von weiteren 40.000 MW Winderzeugungsleistung "nur" etwa 8.000 weitere Windkraftanlagen benötigt sind, wenn man als mittlere Kapazität 5 MW pro Anlage ansetzt. Vermutlich werden aber die Offshore-Anlagen tendenziell sogar noch größer werden. Folglich sind zur Vervierfachung der durch WKA erzeugten Strommenge weit weniger Anlagen notwendig, als plakativ sogar in einer Artikelunterüberschrift dargestellt wird. Es ist natürlich klar, dass auch der Zubau/Neubau von insgesamt 11.000 Anlagen nach dieser kurzen Überschlagsrechnung eine Herausforderung bleibt. Pro Jahr sind das bis 2020 etwa 1.000 Anlagen, dies muss erst mal geschafft werden. Vor allem, weil die Amerikaner derzeit fast alle hergestellten Windkraftanlagen aufkaufen. Dennoch scheint dies organisierbar und machbar.

    (3) Grundlastfähigkeit

    Eine einzelne Windkraftanlage ist natürlich nicht grundlastfähig, weil Wind zeitlich schwankt. Das leuchtet jedem ein. Photovoltaik-Anlagen zeigen das gleiche „stochastische“ Verhalten, allerdings sogar relativ komplementär zu Windkraftanlagen. Die Kombination von beiden Systemkomponenten zu einem Gesamtsystem nähert sich also einem möglichen Grundlastverhalten schon an. Außerdem können viele Windkraftanlagen zusammen durchaus einen Beitrag zur Grundlast leisten (Wind weht immer irgendwo), und eine europaweite Zusammenschaltung kann dies zu einem hohen Anteil für ganz Europa tun. Darüber hinaus werden Offshore-Anlagen durchaus auch in der Grundlast gesehen, da der Wind auf See wesentlich stetiger bläst, als an Land. Warum aber so weit gehen? Bereits in Deutschland gibt es den nachgewiesenen Prototypen eines sogenannten Kombikraftwerkes (www.kombikraftwerk.de), der Windkraftanlagen, PV-Anlagen, Biokraftanlagen und KWK-Anlagen deutschlandweit (!) koppelt und steuert, um exakt das Lastprofil einer 10.000 Einwohner-Stadt real bereitzustellen. Wenn auch 10.000 nicht gleich 80 Millionen sind, es zeigt, dass es also auch anders geht, als über Kernkraftwerke, die vor allem aus Kosten-, Effizienz- und Unflexibilitätsgründen (wie die Braunkohle-Kraftwerke) die Grundlast in Deutschland stellen.

    (4) Effizienz

    Dieses Wort taucht in dem Artikel nur etwa 4-mal auf (in verschiedenen Wortformen). Kernenergie und Kernanlagen fast 20-mal. Dies ist sehr verwunderlich, da die Effizienzsteigerung der wesentliche zweite Pfeiler des Umbaus unserer Energieversorgung ist und sein muss. Niemand ist an dem Strom aus einem Kohlekraftwerk oder Kernkraftwerk oder einer Windkraftanlage interessiert. Was für uns wichtig ist, sind Licht, Wärme, Antrieb von Maschinen, bewegte Luft, kühle Luft usw.. Das nennt sich Nutzenergie, und die Kunst besteht natürlich darin, die benötigte Nutzenergie mit möglichst wenig Endenergie und in letzter Konsequenz wenig Primärenergie bereitzustellen. Hier gibt es nicht die eine große Technik (wie vielleicht die Energiesparlampe bei Licht), die den gleichen Nutzen produziert, aber wesentlich geringeren Energieaufwand zugrunde hat. Aber die notwendigen wesentlichen Techniken und Schritte sind bereits alle bekannt, ohne ausschließen zu wollen, dass es noch mehr intelligente Techniken geben wird. Potenziell, d.h. technisch, können wir mit nur 20 Prozent der heute benötigten Primärenergie auskommen, um den gleichen Nutzen zu haben. Das Problem sind das Wissen um die Techniken und Verfahren/Prozesse und ihre Umsetzung. Das hat viel mit Stellenwert von Energiekosten in Betriebs- oder Haushaltskosten zu tun, aber auch mit Know-how und Bereitschaft, neue Wege zu gehen. Wirtschaftlich notwendige Kostenreduktionen könnten in Betrieben oft leichter mit Effizienzmaßnahmen als mit dem üblichen Personalabbau erreicht werden. Und hätten als Sekundäreffekt eine deutliche Klimaentlastung zur Folge.

    Wie groß ist hier das abschöpfbare Potenzial? Wenn wir von einem Wirtschaftswachstum von 2 Prozent jährlich bis 2020 ausgehen und gleichzeitig unsere Energieproduktivität (eingesetzte Primärenergie zu erzeugtem Bruttosozialprodukt) um 3 bis 3,5 Prozent jährlich verbessern, dann reichen in 2020 zwischen 83 Prozent und 85 Prozent unserer heutigen (!) Energie aus, um trotz Wirtschaftswachstum den benötigten Nutzen zu erzielen. Dies macht zu diesem Zeitpunkt (also 2020) bereits den Einsatz von Kernkraftwerken obsolet. Sie könnten ersatzlos abgeschaltet werden. Leider fehlt im Beitrag von Prof. Kleinknecht jegliche Diskussion dieses wichtigen Beitrags. 3 Prozent hören sich natürlich erst mal nicht viel an, aber wenn man schaut, dass es uns in Deutschland von 1997 bis 2006 nur gelang, die Energieproduktivität jährlich um ca. 1,5 Prozent zu steigern, dann wird klar, dass das nicht einfach geht. Aber es geht, wie ein vergleichbares Land wie Japan seit einigen Jahren schon zeigt!

    (5) Ungenauigkeiten

    Darüber hinaus sind weitere Ungenauigkeiten in dem Beitrag zu bemängeln.

    - Wir sollten den Anteil von Deutschland an den CO2-Emissionen innerhalb Europas nicht klein reden, aber zumindest die Tchechische Republik, Irland, Norwegen (trotz weit gehender Stromproduktion aus Wasserkraft) und Belgien hatten in 2002 eine höhere Pro-Kopf-CO2-Produktion als Deutschland. Und sind seitdem nicht durch starke Reduktionsmaßnahmen aufgefallen.

    - Der Bau neuer Kohlekraftwerke erhöht nur dann die CO2-Produktion, wenn die neuen Kraftwerke z.B. Kernkraftwerke ersetzen sollen, nicht aber, wenn sie alte, ineffiziente Kohlekraftwerke ersetzen. Dann trägt sogar der Bau von Kohlekraftwerken mit einer Stromerzeugungseffizienz von 43 Prozent zur einer CO2-Reduktion bei. Besser wäre natürlich der Bau von KWK-Erdgas-Kraftwerken, die die gleiche Strommenge produzieren können, gleichzeitig aber noch Wärme bereitstellen. Aber das setzt natürlich eine etwas andere Versorgungsstruktur voraus.

    - Im Szenario A wird der Kernkraft ein Stromerzeugungsanteil von einem Drittel (also 33 Prozent) unterstellt. Real sind es heute aber 27 Prozent. Das ist vielleicht nur ein bisschen unsauber formuliert und wird hoffentlich nicht zugrunde legen, daß in Deutschland neue Kernreaktoren gebaut werden.

    - Tja, und natürlich wird die Endlagerung von CO2 als technisch, wirtschaftlich und realistisch kaum durchsetzbar diskutiert. Das gleiche lässt sich natürlich auch über die Endlagerung radioaktiver Abfälle sagen. Auch hier gibt es nirgendwo (!) in der Welt ein sicheres, nachgewiesenes und vorzeigbares Endlager. Aber das war kein Thema des Artikels.

    Die Schlussfolgerungen des Autors, dass es ohne Verlängerung von Kernkraftwerkslaufzeiten nicht geht, um die Ziele zu erreichen, zu denen sich die deutsche Bundesregierung bekannt ist, sind also nicht so eindeutig, wie sie dargestellt sind. Es gibt eine Reihe von Untersuchungen, die ganz andere Szenarien realistisch durchrechnen und zu völlig anderen Schlussfolgerungen kommen.
    Und dass alle wichtigen Länder für die nächsten 50 (!) Jahre nicht ohne Kernenergie auskommen werden, um die Klimaprobleme in den Griff zu bekommen, ist auch eine sehr weit hergeholte Hypothese, die durch nichts untermauert wird. Im Gegenteil, Kernenergie wird unser Klima nicht retten, dazu sind die Beiträge zur weltweiten Energieversorgung zu gering. Und wer möchte schon in heute durchaus labilen Staaten eine hochkomplexe Kernenergieinfrastruktur aufbauen.
    Dennoch, ich begrüße den Diskussionsbeitrag des Autors, damit endlich eine zukunftsfähige Diskussion um eine zukunftsfähige Energieversorgung in unserem Land und in der Welt in Gang kommt. Leider teile ich nicht die dargestellten Schlussfolgerungen.
    Ich freue mich auf eine Stellungnahme des Autors.


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