Lesermeinung - Spektrum der Wissenschaft

Ihre Beiträge sind uns willkommen! Schreiben Sie uns Ihre Fragen und Anregungen, Ihre Kritik oder Zustimmung. Wir veröffentlichen hier laufend Ihre aktuellen Zuschriften.
  • Eine überraschende Reaktion

    08.07.2007, Dipl. Ing. Gerhard Schuecker, Orth an der Donau, Österreich
    Beim Lesen ihres sehr interessanten Artikels ist mir ein bemerkenswertes Erlebnis eingefallen, das ich vor etwa 20 Jahren im Innsbrucker Alpenzoo hatte. Im Rabenkäfig, in der Nähe des Gitters, stocherte ein Bewohner am Boden herum. Dazu muss ich vorausschicken. In unserer Ortschaft hatte eine Familie einen zahmen Raben, der auf den Namen Jakob hörte. Also sagte ich relativ beiläufig zu dem Zoobewohner: "Hallo Jakob." Und der von mir sich offenbar angesprochen fühlende Rabe sagte ebenso beiläufig aber ganz deutlich in österreichischem Dialekt: "Jo wos is?" Ich war ganz perplex, rief meine Familie herbei und erzählte ihnen mein Erlebnis. Ich wollte ihnen die Sprechkünste des Raben auch vorführen, aber er verweigerte jede weitere Aussage. Die Familie lachte nur und meinte ich Spaßvogel wollte sie nur zum Narren halten.

    Beim Zooshop kaufte dann mein Jüngster eine Broschüre über den Zoo und darin stand zu lesen: "Einer der Raben kann seinen Namen Jakob sagen und wenn man ihn anspricht sagt er mitunter auch "Jo wos is?"
  • Eigentlich hat der Artikel drei Themen

    06.07.2007, Dr. Martin Piehslinger, Wien
    Insider seufzen oder schmunzeln bei der Lektüre des Artikels, Außenstehende bekommen einen Einblick in die lustige oder traurige Welt der Computerei. Letztere könnten allerdings den Eindruck haben, der ganze Artikel behandle nur die Vielfalt der Programmiersprachen und die daraus resultierenden Probleme.

    In Wirklichkeit werden drei voneinander unabhängige Phänomene behandelt: die Programmiersprachen, die Anordnung der Datenbytes und die Schreibweise von Namen.

    Man kann beispielsweise dasselbe C-Programm für einen Intel- oder einen Motorola-Prozessor compilieren. In der Intel-Welt steht das niedrigstwertige Byte zuerst im Speicher, in der Motorola-Welt das höchstwertige. Der Programmierer braucht sich nicht darum zu kümmern, da in gleicher Weise geschrieben wie gelesen wird und immer das Richtige herauskommt. Es sei denn, man tauscht Daten zwischen diesen Welten aus. Zum Teil wird man auch in diesem Fall vom Compiler unterstützt, ansonsten stolpert man leicht über falsch liegende Binär-Eier. Teuflischerweise liegen meist große und kleine Eier bunt gemischt im Speicher, sodass man jedes einzelne umdrehen muss (oder auch nicht, wenn es nur ein Byte groß ist).

    Die Schreibweise (Groß- und Kleinbuchstaben, Unterstrich als Trennzeichen) von Variablen und Funktionen ist nur für Menschen von Bedeutung, für den Compiler dagegen egal und damit unabhängig von der Programmiersprache. Manche Programmiersprachen bestehen allerdings darauf, die einmal gewählte Schreibweise (Groß- und Kleinbuchstaben) für einen Namen beizubehalten (z .B. C), anderen ist auch das egal (z. B. ausgerechnet dem sonst so strengen Pascal).

    Im Artikel steht es richtig. Ich wollte aber darauf hinweisen, dass diese Aspekte unabhängig voneinander und unabhängig von der Programmiersprache sind.

  • Auch ander Vögel sind nicht ohne

    05.07.2007, Dr. Harry Knitter, Kulmbach
    Die Beobachtung, dass Raben an Schnüren aufgehängte Fleischstücke heraufholen, indem sie sich mit einem Fuß auf die bereits eingeholte Leine stellen, lässt sich auch bei anderen Vögeln machen.
    So habe ich im Winter in meinem Garten beobachtet, dass Eichelhäher (Garrulus glandarius), die auch zu den Corvidae gehören, Meisenknödel, die an Schnüren aufgehängt waren, auf die gleiche Weise erbeuten.
  • Beitrag zur Politik(er)verdrossenheit

    03.07.2007, Dr.-Ing. Peter Roosen, Aachen
    Vielen Dank für diesen Nachgehakt-Artikel! In der Tat hat mich Herr Becks seinerzeitige Äußerung sehr befremdet. Auch wenn man sich, wie Sie korrekt darstellen, über die genaue Höhe des CO2-Emissionswerts von Kernkraftwerken durchaus streiten kann, liegt er doch weit unter dem von Braunkohlekraftwerken.

    Sie versuchen eine Ehrenrettung für Herrn Beck, der ich allerdings nicht folgen kann: Als einer der prominentesten deutschen Politiker muss er zumindest grob qualitativ wissen, was er sagt. Und der Unterschied zwischen "nicht CO2-frei" und der Aussage, dass Kernkraftwerke weniger CO2 als Braunkohlekraftwerke austoßen, ist so eklatant, dass er nicht mehr als einfacher Lapsus durchgehen kann.

    Wie ist eine solche mehrfach öffentlich wiederholte Äußerung zu werten? Entweder Herr Beck glaubte, was er sagte. Dann fehlt ihm offensichtlich jeder Bezug zur Wirklichkeit, denn man kann sich bereits mit dem gesunden Menschenverstand ohne tiefergehende Analyse überlegen, dass eine Kraftwerkstechnologie, die stark C-haltige Ressourcen verfeuert, mit Abstand mehr CO2 produzieren muss als eine, die prinzipiell ohne herkömmliche Verbrennungstechnik arbeitet. Oder er hat die Aussage wider besseres Wissen (oder zumindest: kritisches Nachdenken) in die Welt gesetzt: Dann darf man bei anderen Themen ähnliche demagogische Propaganda von ihm erwarten, die vielleicht nicht auf den ersten Blick als solche zu erkennen ist.

    Egal, in welcher Richtung das Verhalten nun zu interpretieren ist - es trägt auf jeden Fall zum Vertrauensverlust in die Qualität und/oder Aufrichtigkeit unserer politischen Führungselite und damit zur allseits beklagten Politikverdrossenheit bei.
  • Regeln brechen

    03.07.2007, Dr. Ekkard Brewig, Overath
    Dass Harry Potter Bücher überhaupt eine Botschaft oder mehrere transportieren, dürfte Menschen mit streng biblischen Hintergrund stören! Mut ist nur dann eine Tugend, wenn sie aus Gottvertrauen erfolgt - und hier steckt bei Harry Potter "des Pudels Kern" (frei nach Goethes Dr. Faust). Freundschaft verdient nur der im Glauben Gleichgesinnte und "Regeln brechen" ist bei Strenggläubigen nun mal keine Tugend. Wen also überzeugt die zitierte Studie?
  • Keine Lösung des Energieproblems durch Wasserstoff

    03.07.2007, Prof. Dr. Ulfert Onken, Dortmund
    Wasserstoff als Energieträger bietet zwar interessante Anwendungsmöglichkeiten, kann aber keine Lösung für die globalen Energie- und Umweltprobleme sein. Das hat R. Shinnar, distinguished professor of chemical engineering am City College New York, in mehreren Veröffentlichungen gezeigt (z.B. Technology in Society 25 (2003) 455-476; CEP Nov. 2004 5-6, www.cepmagazine.org). Wesentliche Argumente sind die hohen Energieverluste bei der Erzeugung von Wasserstoff (z. B. ca. 50% bei der Gewinnung durch Wasserelektrolyse, natürlich auch bei Einsatz von Solarstrom), gravierende Sicherheitsprobleme und der immense Aufwand für die erforderliche Infrastruktur.

    Zum Artikel selbst: Selbverständlich entsteht, wie eingangs festgestellt, bei der Verbrennung von Wasserstoff kein Kohlendioxid, sehr wohl aber bei seiner Erzeugung aus fossilen Rohstoffen!
  • Mythensuche im Unterricht!

    03.07.2007, K. Fröhlich, Hannover
    In den Harry-Potter-Büchern soll es auch "Erscheinungen" aus alten Mythen und Sagen geben (griech., römisch, keltisch?).
    Das wäre doch auch für Pädagogen eine Herausforderung, diese mit den Schülern herauszufinden und die Ursprünge zu recherchieren. Interessanter kann Unterricht nicht werden.
  • 24h nie

    02.07.2007, Dr. Irmgard van Rensen, Alzenau
    Für eine ernsthafte Analyse des "nie" erfolgenden Vergessens des Aussehens der neu kennengelernten und getesteten anderen Ameisenkönigin ist der Zeitraum von 24 h doch wohl etwas kurz gewählt.
    Antwort der Redaktion:
    Die Leserin hat natürlich Recht. Man sehe uns die kleine rhetorische Übertreibung in der Überschrift nach.
  • Was soll der Versuch demonstrieren?

    02.07.2007, Dr. Mark Beinker, Frankfurt am Main
    Leider dient dieser Artikel eher der Verdunklung denn der Aufklärung, was umso erschreckender ist, da es offenbar wider das bessere Wissen der Autoren geschieht. Zum einen stellen die Autoren schon zu Beginn des Artikels fest, dass es sich bei dem beschriebenen Phänomen nicht um ein quantenmechanisches handelt, da es vollkommen durch die klassische Wellentheorie des Lichts beschrieben werden kann. Was also soll dieser Versuch überhaupt demonstrieren? Es geht doch offenbar gar nicht um einen Effekt der Quantentheorie des Lichts. Zum anderen ist den Autoren sehr bewusst, dass das Phänomen nichts mit einer Fernwirkung zu tun
    hat. Am Ende des Artikels wird der fachlich vollkommen korrekte Sachverhalt festgestellt, dass auch mit Hilfe quantenmechanischer Phänomene kein Signal mit Überlichtgeschwindigkeit übertragen werden
    kann, mit anderen Worten: Auch die Quantentheorie erlaubt keine Fernwirkung.



    Das tatsächlich Merkwürdige an der Quantenmechanik ist, dass sie das Prinzip der objektiven Realität verletzt: Ein Photon (oder
    jedes andere quantenmechanische Objekt) besitzt keinen genau
    festgelegten Impuls oder Ort, genauso wenig wie eine feste Polarisation. Es befindet sich in einem Quantenzustand, der sich als eine Überlagerung von vielen Zuständen darstellen lässt, aber es befindet sich dennoch nicht in all diesen Zuständen gleichzeitig, noch befindet es sich nur mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit in einem dieser Zustände. Die quantenmechanische Wahrscheinlichkeitsamplitude gibt eben keine Wahrscheinlichkeit im klassischen Sinn an. Dies ist aber keine neue Erkenntnis, wie Herr Breuer das in seinem Editorial darstellt, sondern so alt wie der Streit um die richtige Interpretation der Quantenmechanik. Am ehesten kann man sich die Quantentheorie vermutlich in der "viele-Welte"-Interpretation veranschaulichen, auch wenn dieses Bild (und mehr ist es nicht) philosophisch unbefriedigend ist.

  • Teilchen-Begriff

    01.07.2007, Prof.Dr. Günter Frohberg, Berlin
    Das sehr schön detailliert beschriebene Tischexperiment hat leider mit der Quantenmechanik nichts zu tun, weil es allein mittels der Ausbreitung elektromagnetischer Wellen (EM-W) erklärt werden kann. Zudem ist der Begriff "Photon" oder "Teilchen" hier fälschlich übergestülpt. Diese Begriffe sind ja geschichtlich gesehen erst mit der Reaktion (z.B. Absorption) der EM-Wellen mit anderen Systemen wie z.B. Atomen, Elektronen hereingekommen, die man am besten verstehen konnte, wenn man dem Wellenfeld bei bekannter Frequenz f eine bestimmte Energie h&nu zuordnete, was man wie eine Reaktion zwischen zwei "Teilchen" ansehen konnte. Allerdings bleibt die Frage m.E. auch heute noch offen, ob man nicht besser die Energieauswahl den Eigenschaften des reagierenden Systems hätte zuschreiben können. Leider ist der Begriff "Teilchen" m.E. nicht glücklich gewählt, weil damit auch andere Teilcheneigenschaften wie z.B. nahezu beliebige Lokalisierbarkeit (etwa als Punkt wie in der Punktdynamik) suggeriert werden. Genau das Gegenteil trifft aber hier zu. Ein Photon mit einer gut bekannten Energie hat aufgrund der Unschärfe-Relation und der großen Wellengeschwindigkeit eine große räumliche Ausdehnung (gerade bei einem LASER in dem Tischexperiment); es können sehr viele Meter sein. In der Ausdehnung steckt also gerade die Teilcheneigenschaft und man nannte das früher ein "Wellenpaket". Es ist also unsinnig von einem Photon links oder rechts an dem Draht vorbei zu sprechen. Die Teilcheneigenschaft steckt in der Gesamtheit des Wellenfeldes.

  • Besser noch mal genau lesen

    25.06.2007, Dietmar Kulsch, Aachen
    Einige der Kommentatoren scheinen mir doch den Artikel etwas oberflächlich gelesen zu haben, wenn sie ihn als ein Plädoyer für die Quadratwurzel verstehen. Sie sollten ihn noch einmal lesen, insbesondere die Passagen

    "aber die ganze Argumentation unterstellt ja, der Fall, dass es in ganz Deutschland ausgerechnet auf meine Stimme ankommt, sei irgendwie von Bedeutung oder wenigstens repräsentativ für eine Vielzahl von Fällen. Das ist schon harter Tobak. "

    und

    "Nun ist die Annahme, die Wähler seien nichts weiter als unabhängige, identisch verteilte Zufallsgrößen, immer noch ziemlich fern der Realität. (...bis...) Beides kann man durchrechnen und kommt zu dem Ergebnis, dass unter derartigen Umständen die optimale Verteilung der Stimmgewichte vom Quadratwurzelgesetz in Richtung auf das Prinzip "one person, one vote" abweicht."

    Tatsächlich ist die Quadratwurzel nur dann die mathematisch korrekte Antwort, wenn es ein homogenes Meinungsbild in allen europäischen Staaten gibt. Dann aber kommt es de facto auf die Stimmengewichtung gar nicht an, da sich die Mehrheitsmeinung so oder so durchsetzen wird (weil es ja keine landestypischen Meinungsdifferenzen gibt.)

    Für den Fall, daß die Wähler "mit gleicher Wahrscheinlichkeit "ja" wie "nein" sagen", ist das Stimmengewicht erst recht irrelevant, da in diesem Falle jede "Mehrheitsentscheidung" lediglich eine statistische Fluktuation darstellt und keine politische Aussage beinhaltet. (Man beachte hier das Beispiel Gore/Bush: Beide Kandidaten hatten etwa gleich viele Stimmen. Folglich hatten beide etwa die gleiche demokratische Legitimität. Hier hat letztlich das Wahlverfahren den Ausschlag gegeben, was aber allgemein keineswegs als undemokratisch empfunden wird - auch wenn der Kandidat mit der geringeren Gesamtstimmenzahl das Rennen gemacht hat.)

    Es bleiben also jene Fälle, in denen es unterschiedliche Meinungsbilder in den einzelnen Mitgliedsstaaten gibt. Und genau für diesen Fall ist die Quadratwurzel eben gerade nicht der gerechteste Lösungsansatz, sondern dieser weicht in Richtung "one person, one vote" ab - umso mehr, je unterschiedlicher die Meinungsbilder sind. Und genau diese Fälle sind es, in denen das Stimmengewicht überhaupt von praktischer Bedeutung ist.
  • Ein neuer Einstein fehlt

    25.06.2007, Bernhard Reddemann
    Ob wir die Realität je erkennen, steht auf einem anderen Blatt. Das hat aber wenig mit dem Quantenspuk zu tun. Hier fehlt wohl ein "neuer Einstein", der die Kopenhagener Mystik in den Orkus wischt.
    Ich fürchte, dass spätere Generationen über dieses spezielle Thema und seine aktuelle Lösung einmal herzhaft lachen werden.
    "Anton, mir graut vor Dir".
    MfG Reddemann
  • Wissenschaftlicher Irrweg

    24.06.2007, Dipl.-Ing. Jens Fronemann, Simmelsdorf,
    Wieder einmal zeigt mir der Artikel den großen Irrweg auf dem man sich mit der Weiterentwicklung der Wasserstofftechnik befindet. Die Natur macht es uns doch vor, einfacher, kompakter und sicherer als in Kohlenwasserstoffverbindungen lässt sich Energie nicht speichern (z.B. Zucker, Stärke, Zellstoff,...)! Warum werden Unmengen an Geld und Forschergeist damit verschwendet, Techniken zu entwickeln, um Wasserstoff als Energieträger nutzen zu können? Die Verbrennung von Wasserstoff in Motoren ist alles andere als schadstofffrei (NOx), die physikalischen Eigenschaften von H2 können auch nach 100 Jahren Entwicklung nicht geändert werden.
    Daher mein Vorschlag für den Energiekreislauf der Zukunft: CO2 und H2O wird aus der Luft gefiltert und durch Sonnen-, Wind-, Kernenergie, Erdwärme, Kernfusionsenergie etc. zu CHx und O2 synthetisiert. Diese CHx können auf den bekannt einfachen Wegen transportiert, gelagert und in Wärmeenergie umgewandelt werden. Dabei wird wieder CO2 frei, dass dann dem Kreislauf erneut zugeführt werden kann. Denn CO2 ist bekannterweise nur schädlich für unser Klima wenn die Konzentration in der Atmosphäre zu hoch wird.
    Evtl. enthält mein Ansatz einen Denkfehler oder eine zu hemdsärmelige Betrachtungsweise (typisch für uns Ingenieure), ich kann jedenfalls die Weiterentwicklung eines aufgrund der physikalischen Eigenschaften ungeeigneten Energieträgers nicht verstehen!
  • Ups!

    21.06.2007, Ralf Weis, Düsseldorf
    Da muss ich doch meine erste, instinktive Ablehnung zur "Quadratwurzel" sanft entsorgen. Merkwürdig, dass die geballte Recherche- und Publikationskraft deutscher Medien dies nicht breiter propagiert. Muss wohl andere Ursachen haben als den Wunsch nach einer gerechten Stimmverteilung in Europa.
  • Besitzstandswahrung

    19.06.2007, Christian Gapp, Bonn
    Die Entwicklung von Programmiersprachen ist ein mathematisch-formales Gebiet. IT-Experten vermarkten sich gerne als rationale Kopfmenschen, umso wichtiger ist es zu zeigen, dass gerade im IT-Zentrum persönliche Eitelkeiten und puristische Erbsenzählerei eine wichtige Rolle spielen. Dies beschreibt Brian Hayes sehr plastisch.

    Aber Eitelkeiten alleine reichen nicht aus, um die Programmiersprachen-Inflation zu erklären. Hayes diskutiert leider nur die üblichen akademischen Algorithmen, die in Vorlesungen verwendet werden, um Unterschiede zwischen Programmiersprachen zu illustrieren. Dabei bleibt unbeachtet, dass diese oder ähnliche Fragen in der Programmierpraxis nicht im Vordergund stehen. Und so übersieht er vielleicht den Hauptgrund für die seltsame Vermehrung der Programmiersprachen.

    Die überwiegende Mehrzahl der heute zu realisierenden Programme sind Anwenderprogramme, die auf weit gehend standardisierten, Windows-ähnlichen Betriebssystemen laufen sollen. Sie werden nach dem Baukastenprinzip zusammengesetzt, wobei die Fenster und sonstigen Elemente der Benutzerschnittstelle ohne weitere Programmierkenntnisse grafisch zusammengestellt werden können. Der Programmcode besteht zum überwiegenden Teil aus Aufrufen an die (Objekt-) Bibliothek des verwendeten Entwicklungssystems. Ob diese in Pascal, Fortran, C++ oder Visual Basic erfolgen, ist vollkommen belanglos.

    Ein großer Teil der Programme ist zudem weder besonders kritisch, noch werden ausgefeilte Datensicherungsmechanismen verlangt. Beschränkt man sich auf relativ einfache Programmierstile (keine mehrdimensionalen Arrays, keine Pointer-Jongliererei u. ä.), so können sogar Personen, die noch nie programmiert haben, direkt in den Entwicklungsprozess einbezogen werden. Derzeit arbeite ich in einem kleinen Pilotprojekt bei einer UN-Organisation, in der genau diese Vorgehensweise praktiziert wird. Mit Excel und Visual Basic wird ein Fragebogen realisiert, der im Rahmen einer Studie bei einer Telefonbefragung verwendet werden soll. Die verantwortliche Wissenschaftlerin verfügt über keinerlei Programmiererfahrung. Nach einer zweistündigen Schulung konnte sie anfangen, ihre Eingabemasken zu entwerfen. Inzwischen setzt sie vordefinierte Code-Elemente ein und verändert den Code entsprechend dem jeweiligen Maskentyp.

    Der verwendete Progarmmierstil ist sehr einfach. Jedem "richtigen" Programmierer käme er wohl kindisch vor. Aber: Er ist sehr gut lesbar, quasi inhärent dokumentierend und somit auch recht zuverlässig. Und das Programm erfüllt seinen Zweck. Natürlich kann diese Methode nicht immer angewendet werden. In der Praxis kommen jedoch viele solcher "Einfachstanwendungen" vor, die auf klassischem Wege, also unter Nutzung eines Software-Dienstleisters, schnell mehrere zehntausend Euro kosten können.

    Von den Anwendern selbst erstellte Programme bedrohen natürlich die Existenz von IT-Experten. Somit ist die Erfindung immer neuer Programmiersprachen vor allem auch als Akt der Besitzstandswahrung zu sehen. Programmieren muss kompliziert bleben. Dies hatten die Autoren des Spektrum-Artikels "Mehr Tempo auf der Datenautobahn" (http://www.spektrum.de/artikel/825567) schon 1999 mit Blick auf XML genau so ausgedrückt. Sie argumentierten, mit der Einführung von XML würde die Erstellung von Webseiten endlich so kompliziert, dass sie nur noch von professionellen Teams geleistet werden könnte. Damit seien die Tage der "Selfmade-Internet-Experten" gezählt.
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