Lesermeinung - Spektrum der Wissenschaft

Ihre Beiträge sind uns willkommen! Schreiben Sie uns Ihre Fragen und Anregungen, Ihre Kritik oder Zustimmung. Wir veröffentlichen hier laufend Ihre aktuellen Zuschriften.
  • Fatal komplex

    27.01.2007, Stephan Fröde
    Das Gehirn selbst ist ein Produkt des Fortschritts, das Modell liegt eine Ebene höher.
    Wenn ich das Gehirn verstehen will, dann muss ich bei einer deduktiven Vorgehensweise erst einmal die Metaebenen über dem Gehirn begreifen.

    Alles andere ist induktiv mit den bekannten Problemen.

    So gesehen führt der Artikel in die Irre, die Idee Fortschritt und Gehirn (freier Wille usw) zu verbinden ist gut, aber fatal komplex und so zur puren Spekulation verdammt.

    Zum Konstruktivismus, eine interessante Idee, aber ich mag sie nicht, weil sie das Gehirn zum deterministischen Automaten degradiert und zur Schlussfolgerung führt, dass es weder einen freien Willen, noch eine Seele, noch eine Leben nach dem Tod gibt.

    Und darüber hinaus stellt sie die freie Gesellschaft in Frage.

    Dann bevorzuge ich lieber den "kalten" hellenistischen Rationalismus plus eine ordentliche Prise Epikur.
  • Fortschritt und Weiterentwicklung

    27.01.2007, Alexandra Surdina, Düsseldorf
    Von objektivem Fortschritt zu sprechen, macht genauso wenig Sinn, wie von objektiver Geschwindigkeit zu reden. Es braucht zwei zeitlich verschiedene Bezugspunkte, die miteinander verglichen werden, um Bewegung festzustellen.

    Über Zwang zu evolutionärer Veränderung zur Überlebenssicherung sind wir hinweg. Der Mensch, der längst mit der eigenen Anpassung aufgehört und begonnen hat, das Leben in der Umwelt an sich selbst anzupassen, liegt im Überlebenschancen-Ranking weiter vorn als sein Versuchskaninchen Maus.

    Von der ohnehin langsamen Weiterentwicklung durch Evolution wird für uns wenig zu erwarten sein. Da wir die Umwelt an uns anpassen, werden Mechanismen, die uns an die Umwelt anpassen, funktionsuntüchtig. Es überleben in heutigen Zeiten mehr Kranke und Behinderte als je zuvor. Wenn technischer Fortschritt — Gentechnologie, künstliche Intelligenz — uns in die Lage bringen wird, direkten Einfluss auf den Entwicklungsgrad des Menschen zu nehmen, werden wir Fortschritt herstellen und beschleunigen können.

    Es gibt verschiedene Formen von Weiterentwicklung, die nicht miteinander zu verwechseln sind. Die drei meines Erachtens wichtigsten Gebiete, auf denen Weiterentwicklung existiert, sind Evolution, Gesellschaft sowie Technologie. Die Existenz von bspw. Computern ist kein Beweis für evolutionären Fortschritt oder für Menschenrechte.

    Weiterentwicklungen und neue Entdeckungen in Technologie und Wissenschaft öffnen neue Türen. Offene Türen sind eine Voraussetzung für Fortschritt, jedoch nicht mit ihm zu verwechseln. Die Erfindung einer Atombombe bedeutet keinen Fortschritt, die Verbesserung von Altersheimgeräten ebenfalls nicht, Letztere wohl Symptommilderung — eine andere Art Nutzung offener Türen. Fortschritt als Zunahme von Komplexität zu definieren bedeutet, dass die Erfindung neuer Waffen und ungerechter, komplexerer Herrschaftssysteme nach dieser Definition ebenso fortschrittlich ist wie neue Krebsbehandlungstechniken. Im Fortschritt schwingt immer ein moralischer Aspekt mit, ein Bezug auf bestimmte Ziele.

    Unser Hirn ist vielleicht komplexer, aber nicht unbedingt fortschrittlicher und besser als das der Maus; misst man in Glück, sind Mäuse vielleicht glücklicher als wir und misst man in Lebensdauer, empfinden die ihre vielleicht genauso wie wir unsere.

    Evolution ist richtungslos und Fortschritt im Sinne von Vorwärtsbewegung braucht Bezugspunkte und Richtungen.
  • Realitätsfern

    25.01.2007, Fritz Kronberg, Rondeshagen
    Dieser Essay zeichnet sich durch korrekte Wahrnehmungen kombiniert mit völlig irrealen Folgerungen aus. Wie der Autor selbst ganz richtig erkannt hat, existiert Fortschritt sehr wohl, aber diese Existenz mit dem Argument des in etwa konstanten Anteils der Zufriedenen in der US-Gesellschaft widerlegen zu wollen ist mehr als kühn. Damit definiert er nämlich eine Meßlatte, die es seiner eigenen Aussage nach gar nicht geben kann, weil der Fortschritt ja nur eine Illusion sein soll. Auch der Rückgriff auf widerlegte Modelle ist nicht besonders überzeugend. Die Tatsache, dass die Erde annähernd Kugelform hat, ist nicht widerlegbar, auch nicht für spätere Generationen von Wissenschaftlern. Der Autor kann sich natürlich völlig auf den solipsistischen Standpunkt stellen, dass alles nur eine Illusion des Menschen, der da denkt sei. Aber noch nicht einmal damit kann er den Satz "cogito, ergo sum" widerlegen, denn etwas, was zu Gedanken, welcher Art auch immer fähig ist, muss zwangsläufig existieren. Der Artikel ist viel zu wenig durchdacht, um im Spektrum erscheinen zu können.
  • Soziobiologie: alles fortschrittliche Illusion?

    24.01.2007, Gerhard Frensel, Oldenburg
    Der Beitrag von Eckart Voland zeigt in schöner Deutlichkeit die subjektive Begrenztheit menschlichen Denkens. Dies gilt aber nicht nur für die zitierten "naiven" Fortschrittsmodelle - die Erde sei eine Scheibe, der Baum grün, die Autos laut -, sondern auch für philosophische Theorien. Einzuschließen ist hier auch die Soziobiologie, die ebenfalls dem Erkenntnis-Dilemma verhaftet ist, etwas Unbeweisbares beweisen zu wollen.

    Wie sonst wäre die Hypothese einzuordnen, dass "die Erfüllung persönlicher Präferenzen der Zunahme reproduktiver Trümpfe" diene? Ebenso führen ewige Anleihen bei Darwin oder zeitgenössischer Statistik nicht am Problem vorbei: Wie der Fortschrittsgedanke selbst, sind auch "struggle for life", "survival of the fittest", oder auch amerikanische Umfragen zum Befinden seiner Bevölkerung nur naiv-realistische Interpretationen eines im unverstehbaren Chaos der Welt sich taktisch organisierenden Zentralnervensystems von Angehörigen der Spezies Homo sapiens.

    Und werden soziobiologische Utopien nicht durch realpolitische und -ökonomische Prozesse geradezu widerlegt? Nicht alles dient der Reproduktion: Schrumpft nicht seit Jahrzehnten die hier ansässige (Stamm-) Bevölkerung - womöglich erst recht auf Grund der stets aufs Neue erfüllbaren persönlichen Präferenzen ihrer einzelnen Mitglieder? "Immer schneller, immer weiter, immer höher" passen als Leitkategorien eher zu Quartalsberichten börsennotierter Kapitalgesellschaften, deren Mitglieder der seltsam angstbesetzten Illusion des "Zurückbleibens" erliegen, eignen sich aber nicht als durchgängige Motive für Evolutionsprozesse.

    Soziobiologie beansprucht, biologistische Modelle für die Entwicklung von Gesellschaften herleiten zu können. Tatsächlich liefert sie aber nur retrospektive Interpretationen - ein psychisches Bedürfnis ihrer Vertreter? Den Beweis für wissenschaftliche Überprüfbarkeit und antizipatorisches Potenzial sind sie schuldig geblieben. Die kognitive Erfassung und Bewertung von Unterschieden mag zwar eine Fähigkeit menschlicher Psyche - insbesondere des limbischen Systems - sein, findet aber mehr oder weniger organisiert in allen lebenden Systemen statt - eine Voraussetzung für biologische Evolution überhaupt. Allerdings kann hieraus keine eindeutig gerichtete Entwicklung abgeleitet werden.

    Ob Fortschritt als soziobiologisches Strategiekonzept - besser als Fortschrittsglaube zu bezeichnen - tatsächlich zur Bewältigung der "Tretmühle des Lebens" beiträgt, oder bei entsprechender philosophisch-ideologischer Überhöhung allein dem weiten Feld menschlicher Irrtümer zuzuweisen ist, bleibt - wie auch das "Wesen" der Evolution - weiter im Dunkeln. Jedenfalls zeigt sich auch in dieser Fragestellung unser immanenter Drang zu Reflektion und Erkenntnis, vor allem angesichts der zeitigen Endlichkeit lebendiger Existenz.

  • Gibt es Gott?

    24.01.2007, Dr. Jozef Goblinsky, Warzawa
    Die Frage "Gibt es Gott?" ist, so stelle ich fest, ist unter uns Wahrheitssuchern offensichtlich seit einiger Zeit etwas aus der Mode gekommen. Neurophysiologen meinen ja auch seit einiger Zeit, einen Sitz dieses Fragens ausfindig gemacht zu haben: Jetzt endlich kann auf den Theisten mit dem Finger gezeigt und gesagt werden: "Sieh einmal, ich zeig ihn dir deinen Gott, er sitzt zwischen deinen Hirnlappen. Jetzt staunst du, was?"
    Dass dieses alte Fragen nicht auszumerzen ist und immer wieder wieder auftaucht, indem neue Begriffe für Gott Platz einnehmen, ist ein interessantes Phämonen, gerade im Hinblick auf die rhetorische Verwendung dieser Begriffe, denn "Fortschritt ist Opium fürs Volk!"
    Die Frage, wieso - zum Teufel - die Menschen an Fortschritt glauben, mag auch interessant und ergiebig sein, doch ist sie nicht geeignet um festzustellen, ob Fortschritt eine Illusion ist oder nicht. Sie ist vielmehr etwas vollkommen anderes. "Gott sitzt im Gehirn des Menschen und kann deswegen nicht existieren" ist nicht die Antwort auf die Gottesfrage, sondern spricht nur von der Vorstellung des Menschen von Gott.
    Der Begriff Fortschritt hat auf eben diese Weise verwendet keinen objektiven Sinn. Er kann aber, indem ihm die eine oder andere Bestimmung beigelegt wird, durchaus sinnvolle Verwendung haben: So könnte es zum Beispiel einen (ob nun in meiner eingebildeten oder der wirklichen Welt) feststellbaren Fortschritt in der medizinischen Versorgung in einer bestimmten Region geben. Ein solcher Begriff wäre auch gegen die Gefahr des Mißbrauchs geschützt, da er nicht auf allgemeine Glückssteigerung oder ähnliches referierte, sondern klare Grenzen hätte.

    Auf ewige Glückseligkeit!
  • Der menschliche Geist kann mehr als Evolution!

    24.01.2007, Jonas Schnaitmann, München
    "Fortschritt ist der Evolution wesensfremd" - nun, genau das ist doch die große Errungenschaft des menschlichen Geistes, dass er es nämlich geschafft hat, sich von der Evolution loszulösen.
    Und genau hier liegt auch der Widerspruch des Artikels: Über sich selbst und die Konstrukte der eigenen Rasse nachzudenken liegt sicher auch nicht im Wesen der Evolution, doch der Autor tut genau dies und - übertrieben gesagt - beschwert sich darüber, dass der Mensch sich diese Fähigkeit zunutze macht.
    Überhaupt: Musik, Literatur, Mathematik, aber auch Sozialsysteme, Demokratie und so weiter sind ebenfalls Dinge, die der Mensch nur deswegen erschaffen konnte, weil er dem evolutionären Prozess eben nicht mehr (oder zumindest nicht mehr gänzlich) unterworfen ist.
  • Fortschritt als Wandel vom Umgang mit der Natur

    24.01.2007, Michael Völker
    Es ist immer recht einfach gegen einen Begriff zu polemisieren,
    der nicht scharf definiert ist. Dies explizit zu tun, hat der Autor
    leider versäumt. Implizit definiert Voland Fortschritt als psychologische Kategorie, die sich aus "Zielen und Wünschen" generiert. Die Ablehnung objektiver Erkenntnis kennzeichnet den Autor als radikalen Konstruktivisten, was auch der Verweis auf Michael Ruse deutlich macht. Damit kommt das Standardproblem dieser Strömung ins Spiel, wenn Voland zum Beleg seiner Theorie empirische Ergebnisse in Form von Umfragen zum Beleg seiner These anführt. Wenn die "evolutionär nützlichen Weltzugänge als konstruierte Illusionen des Zentralnervensystems" "enttarnt" werden, um das zu belegen jedoch Empirie bemüht, kann man mit Ludwig Feuerbach von "physikalischem Idealismus" sprechen.

    Abgesehen von dieser Schwäche des Ansatzes gibt es in der Erkenntnistheorie eine ganze Reihe alternativer Modelle, auf die der Autor keinen Bezug nimmt.
    Fortschritt könnte etwa mit Blick auf Martin Heideggers Philosophie der Technik als ein Wandel vom Umgang des Menschen mit der Natur betrachtet werden. Dafür ist das geschichtsphilosophische Axiom der planvollen Entwicklung der Geschichte, auf das Voland anspielt, irrelevant. Ebenso wenig ist Fortschritt hierbei an Wertungen wie "besser als vorher" oder "komplexer als vorher" gebunden. Heidegger verzichtet ganz bewusst darauf, die Philosophie der Technik mit einem Kulturoptimismus zu vermengen. Seine Erklärung der Entwicklung der Technik als Umdeutung der Natur zum reinen Bestand - und in diesem Punkt ist die Heidegger'sche Position wahrlich keine Außenseiterposition - könnte als Fortschritt definiert werden. Und das weit weg von Zielen und Wünschen.



  • Fortschrittsgläubigkeit als Glaubensersatz

    23.01.2007, Krimm Hans , 94401 Landau, P-Fach 4
    Ich stimme schon lange mit dem Artikel, also einem Fortschrittspessimismus überein, einer blinden Fortschrittsgläubigkeit als Glaubensersatz, einem Zerstörungsautomatismus des Menschen.
    Ich sage immer: "Im Namen der Humanität wurde auch das MG erfunden (und sofort eingesetzt) und alles Machbare wird gemacht ..." Im Cowboy-, Lobby- und Kartell-Pragmatismus, hinter "Fortschrittspropaganda" steht nämlich oft nur Gewinnstreben, wie z.B. bei Interessen-Verbänden "zum Wohl" der Kinder (meint z.B. eigenen Sieg vor Gericht), der Behinderten, der Familien (meint oft der Alleinerziehenden), der Zuwanderer, der Patienten (Klonen auf Frankenstein/Homunculus komm raus...), der Alten (im Heim...), der Sterbenden usw. Und mit dem nicht hinterfragten "Fortschritt", der nur als (fragiler?) verwöhnender, außen-motivationsabhängiger Wohlstand erlebt wird, sind dann viele oberflächliche, bes. junge unkritische Konsumenten/Innen "happy" mit Glimmstengeln (bis Drogen...). Es scheint keine so natürliche Freude zu sein, sondern meist eine künstliche. Gute Nacht, ausgeschaltetes bzw. ferngesteuertes Gehirn ... und fortschrittlich von Handies früh und jung "aufgeweichtes Hirn" (vgl . Contergan-Spätwirkung ): Für mich stinkt (wirtschaftlich begründeter) "Fortschritt" meist nach "Rückschritt". Die Geschichte der Kulturen und die Umweltschäden geben dem Fortschrittspessimismus Recht.
  • 1 + 1 = Fortschritt

    23.01.2007, Michael Springer Bayern
    Die These, Fortschritt sei nur eine subjektive Illusion unseres Gehirns, um weiter nach einer Differenz zu streben, dass man der Evolution folgen kann, ist sehr interessant.

    Wenn ich es richtig verstanden habe, wird sie darauf gegründet, dass die Evolution eigentlich keinen Fortschritt kennt, da alle Parameter subjektiver Art sind.
    Nun denke ich aber, dass es doch einen objektiven Parameter in der Evolution gibt.
    Es ist schlicht die Zahl eines ähnlichen Systems, z. B. die DNA des Menschen, die über die Zeit anwächst.
    Vor tausend Jahren gab es nur einen Bruchteil der heute lebenden Menschen, ich denke man kann dies als Fortschritt für die Spezies bezeichnen.
    Ob sie diesen Fortschritt durch genetische Überlegenheit oder kulturelle Entwicklung geschafft hat, ist irrelevant.
    Affen haben beinahe die gleiche DNA wie wir Menschen, die Ameisen haben eine beinahe perfekt funktionierende Staatsform, aber dennoch gab es bei ihnen keinen Fortschritt, sie haben sich über die Zeit entwickelt, verändert, aber um dies zu bewerten, müsste man wieder einen subjektiven Standpunkt einnehmen.
    Positive Entwicklungen, ob in Medizin, Wirtschaft, Politik oder einfach privater Art werden schnell wieder als selbstverständlich und als Grundlage betrachtet, ich glaube, unser Gehirn lässt uns dies denken, da wir sonst stehen bleib würden.
    Wir würden die Entwicklung mit dem Vorherigen vergleichen, anhand bestimmter subjektiver Parameter feststellen, dass es uns nun in irgendeiner Weise besser geht.
    Würden wir nun stehen bleiben, bestünde das Risiko darin, dass die Zahl unseres Systems, der Menschen, nicht mehr weiter, oder nicht mehr so stark, anwächst.
    In meinem Sinn brächte somit eine Entwicklung, die unsere Überlebens- und damit Fortpflanzungsrate steigert, Fortschritt.
    Hierbei ist keine subjektive Bewertung wie „dies ist eine gute Entwicklung“ oder „dies ist eine schlechte Entwicklung“ nötig, es zählt nur das Resultat, das Anwachsen einer Zahl.
    Unter diesem Gesichtspunkt brachte die Pille beispielsweise keinen Fortschritt, sondern bremste ihn sogar.
    Andererseits, wenn morgen ein Tyrann an die Macht käme, der die Bevölkerung zwingen würde, Kinder zu bekommen, damit er sie zu einer Armee ausbildet, empfänden das die Menschen ziemlich sicher nicht als eine positive Entwicklung, bzw. Veränderung für sich, es wäre aber objektiv gesehen, obskurerweise doch ein Fortschritt.
    Es ist daher nicht zwingend, dass Fortschritt und das was wir als Glück empfinden, miteinander verknüpft sind. Er kann jedoch wie in vielen Fällen der Medizin auch mit Glück, oder Wohlbefinden einhergehen.

    Und mal subjektiv gesehen, sein ganzes Leben lang einer Sache hinterherzulaufen, die es nie gegeben haben soll und auch nie geben wird und vom eigenen Gehirn anscheinend nur vorgegaukelt wird, kein Wunder, dass man da nicht dauerhaft glücklich werden könnte...

    Michael Sp.
  • Fortschritt = Glückszunahme?

    23.01.2007, Oliver Adrian, Münster
    Eckart Voland entlarvt die Illusion, dass Evolution als Höherentwicklung zu verstehen sei, ebenso wie er ihren Charakterzug eines „Wettrüstens“ treffend darstellt: Wer still steht, verliert und darf nicht weiter mitspielen.
    Die Evolution hat unser Gehirn nicht daraufhin geprägt, die reale Welt objektiv zu erkennen; wenn eine selbst gemachte Illusion der evolutionären Fitness förderlich ist, dann betrügen wir uns halt selbst. So weit, so gut.
    Ist Fortschritt nun aber echt oder ausgedacht? Die zitierten Studien aus den USA über das Glücksempfinden sprechen für sich. Ist Fortschritt aber gleichzusetzen mit einer höheren Zahl glücklicher Menschen? Ich denke nicht. Unter Fortschritt verstehe ich vielmehr die Entwicklung neuer Technologien, die Möglichkeiten eröffnen, die bisher nicht da waren. Oder die Zurückdrängung mancher Krankheiten, auch wenn zeitgleich manche andere, „Zivilisationskrankheiten“, zunehmen; denn Fortschritt bezieht sich immer auf Erfolge in bestimmten, eng umgrenzten Bereichen. In diesem Sinne ist Fortschritt also etwas Reales.
    In jedem Falle behält Voland mit der Aussage Recht, dass „Fortschritt“ keine biologische Kategorie und der Evolution wesensfremd ist. Ob wir jedoch nur eine Idee von Fortschritt haben oder Fortschritt real stattfindet, hängt allein davon ab, wie wir diesen Begriff definieren.
  • Fortschritt weniger im konzeptionellen als im technischen Bereich

    23.01.2007, Dr. Rolf Sievers
    Als Chemiker mit starker Ausrichtung auf Kristallstrukturen und deren Ermittlung verfolge ich seit mehr als 15 Jahren die Fortschritte auf dem Gebiete der Strukturvorhersage von kristallinen Festkörperverbindungen. Daher seien einige kurze Bemerkungen zu dem genannten Artikel erlaubt.

    Colin W. Glass stellt das von ihm praktizierte Verfahren zur Strukturermittlung und -vorhersage sehr anschaulich und optimistisch dar, doch versäumt er es, seine Arbeiten in den richtigen historischen Zusammenhang zu stellen.

    In den vergangenen zwei Jahrzehnten haben Forschergruppen aus der Physik, Chemie, Kristallographie und der angewandten Mathematik Beiträge zu dieser Fragestellung geleistet. So konnten die Gruppen um Richard Catlow in England sowie Christian Schön und Martin Jansen in Deutschland seit Anfang der neunziger Jahre mit Verfahren zur globalen Erkundung der Energielandschaft erfolgreich Festkörper-Strukturen identifizieren, aus Pulverdiffraktogrammen bestimmen, sowie neue stabile und metastabile Strukturen und Strukturtypen für Normal- und für Hochdruck vorhersagen.

    Auch diese Gruppen nutzen unter Anderem ausoptimierte Potenziale und quantenchemische Ab-Initio-Verfahren zur Bestimmung der Energie der Strukturen; Scott Woodley hat bereits seit Ende der neunziger Jahre den von Glass empfohlenen Genetischen Algorithmus erfolgreich verwendet.
    Zahlreiche Arbeitsgruppen in Europa und den USA konnten Strukturen von Molekülkristallen und sogar Zeolithen vorhersagen. Ferner gelingt es ausgereiften kommerziell erhältlichen Computerprogrammen heute oftmals, unter Verwendung globaler Energieoptimierungen selbst unscharfe Pulverdiffraktogramme zu interpretieren und Strukturen daraus abzuleiten.

    Ich finde deshalb, dass Colin W. Glass zu viele “Firsts” für sich in Anspruch nimmt. Das tatsächlich Neue an seiner Vorgehensweise ist der Einsatz eines Ab-Initio-Rechenverfahrens bereits während der globalen Suche an Stelle der sonst üblichen Kombination aus empirischen Potentialen bei der globalen Erkundung und ab initio Verfahren bei der lokalen Optimierung – was weniger einen Fortschritt im konzeptionellen als im technischen Bereich darstellt.

    Antwort der Redaktion:
    Antwort des Autors


    Die Ermittlung von Strukturen aus Pulverdiffraktogrammen (seien die nun mehr oder weniger verrauscht) gehört in den Bereich der experimentellen Strukturbestimmung und hat mit meiner Arbeit nichts zu tun.



    Es ist in der Tat so, dass sich bereits seit vielen Jahren diverse Forscher auf dem Gebiet der Ermittlung von Strukturen durch Optimierung betätigt und dabei Erfolge erzielt haben. Dies heißt aber nicht, dass damit das Problem gelöst wäre.



    Die meisten (mit wenigen Ausnahmen, auf die ich - bis auf Woodley - nicht im Detail eingehen werde) haben sich der Methode des Simulated Annealing bedient. Dabei startet man von irgendeinem Punkt, der in unserem Fall einer Struktur entspricht. Inwieweit die Suche den ganzen Suchraum erfasst oder auf das Umfeld des Startpunktes beschränkt bleibt hängt von der Parametrisierung ab. Meines Wissens nach wurden Erfolge nur dann erzielt, wenn ein Startpunkt bekannt war, der sich als hinreichend nahe am Endpunkt herausstellte – von globaler Optimierung kann dabei nicht die Rede sein – oder in Fällen, bei denen die Dimensionalität (bestimmt durch die Anzahl der Atome im Gitter) hinreichend gering war. Im übrigen steigt die Größe des Suchraums exponentiell mit der Anzahl der Dimensionen.



    Scott Woodley hat zwar ebenfalls einen Evolutionären Algorithmus implementiert. Die Umsetzung ist jedoch grundverschieden von dem Verfahren, das ich zusammen mit Artem R. Organov entwickelt habe. Die Bezeichnung „Evolutionärer Algorithmus“ gibt ja nur den konzeptionellen Rahmen vor, in dem man sich bei der Implementierung bewegt. Als Analogie böte sich etwa das Konzept der Demokratie an – wie sehr sich Demokratien in Funktionsweise und Erfolg unterscheiden hängt ebenfalls von der 'Implementierung' ab.



    Im Unterschied zu Woodley und viele anderen müssen wir bei unserer Methode weder die Form der Einheitszelle (was experimentelle Daten voraussetzt) noch einen guten Startpunkt (der oft nicht verfügbar ist) vorgeben. Trotzdem können wir selbst für vergleichsweise hochdimensionale Fälle eine fast hundertprozentige Erfolgsquote vorweisen, wovon andere Methoden weit entfernt sind. Dabei erreichen wir das Optimum in sehr wenigen Schritten, wodurch wir uns die um viele Größenordnungen teureren Ab-initio-Berechnungen leisten können. Dies wiederum ermöglicht es uns, Systeme zu untersuchen, für die es keine zuverlässigen Potentiale gibt.



    Details, die das wirklich Neue der Methode belegen, finden sich in dem Paper "Glass C.W., Oganov A.R., Hansen N. (2006). USPEX - evolutionary crystal structure prediction. Comp. Phys. Comm. 175, 713-720".
  • "Fortschritt" als Semantik

    23.01.2007, Dr.Wolfgang Vogt, Köln
    "Illusion als Fehldeutung objektiv gegebener Sinneseindrücke" setzt Objektivität unserer Sinnes-Inputs voraus.Diese Inputs sind die einzige Möglichkeit der Kontaktaufnahme mit unserer Umwelt und können keine Erkenntnis der menschenunabhängigen Wirklichkeit beanspruchen. Unser ICH ist der Zusammenfluss aller Informationen zur Selbstreflexion. Grundsätzlich werden alle Sinneseindrücke mental verarbeitet, analysiert zu Eindrücken (Metarepräsentationen) bis zu Willensbildungen, in die unbewusste Steuerungen leitend einfließen, bis zu Handlungen. Die Welt "da draußen" können wir außerhalb unseres Bewusstseins nicht erkennen. Auch Meditation ist innerpsychisches Geschehen. Die "Enttarnung" der evolutionär nützlichen Weltzugänge als "konstruierte Illusion" zu bezeichnen, kann schwerlich so stehen bleiben, da sich diese Zugänge in der "nicht illusionierten Welt" für die Weiterentwicklung offensichtlich bewährt haben. Das Eintreten in andere, ich-fremde Perspektiven ist Zeichen individueller Reifung. Wie alles Erkennen mentales Konstrukt ist, so ist auch die Vorstellung von Fortschritt ein solches, ohne dass man ihn als Illusion, d.h. Fehldeutung beschreiben sollte. In "The Great Chain of Being" lässt uns LOVEJOY erahnen, welche Weiterentwicklung unsere mentalen Aktivitäten in den Jahrhunderttausenden durch Vermehrung synaptischer Verschaltungen erlebt haben - denn physiko-chemisch unterscheiden sich unsere neuronalen Funktionen keineswegs von denen einfachster Lebewesen. Diese Entwicklung ist Fortschritt, keine Illusion. Mit KEN WILBER kann man statt von "Höherentwicklung" von hierarchischer Zunahme von Komplexität reden. Keineswegs geht die "Fortschrittsrhetorik ins Leere", wenn der selbstorganisierende Lebensprozess Komplexitätszunahme aufweist. Das Beispiel des Mäusegenoms trifft nicht, da die Zunahme sich auf die Vielfalt synaptischer Verschaltungen bezieht, die erst die Fülle mentaler Leistungen ermöglicht. "Höherentwicklung" und "Fortschritt" dürfen nicht als semantische Tricks missbraucht werden, um Inhalte der Evolution zu desavouieren. Die weiteren Ausführungen von Herrn Voland bzgl. der vergleichenden mentalen Aktivitäten folgen letztlich dem Prinzip des "Fressens und Gefressenwerdens", ein Bestreben des Lebens eher zu überleben. Die Verfeinerung der Mittel bis hin zur zart aufscheinenden aber noch nicht welterhaltend wirksamen Humanitas signalisiert eine Entwicklung zur geistigen Bewältigung unseres Lebens, mag man sie Fortschritt nennen oder sonstwie. Eine Bewusstseinserweiterung auf breiter Basis als alleinige Chance zur Erhaltung allen Lebens auf dieser Erde würde ich als Fortschritt bezeichnen und denke keineswegs, dass sie der Evolution fremd wäre.
  • Logischer Fehler bei Ariane Entwicklungskosten

    23.01.2007, Peter H. Groepper
    In dem interessanten Aufsatz ist dem Autor ein logischer Fehler unterlaufen, wenn er anlässlich des Absturzes der ersten Ariane 5 - Rakete schreibt: "Mit ihr verpufften gut 6 Milliarden Euro an Entwicklungskosten". Das liest sich so, als seien diese 6 Milliarden Euro komplett verloren. Tatsächlich verloren, was die Entwicklung der Rakete betrifft, waren dagegen "nur" die weiteren Flugphasen und damit die - ohne diesen Fehler - vielleicht erfolgreiche Qualifikation der an diesen Phasen beteiligten Komponenten (zu diesem frühen Versagenszeitpunkt allerdings die überwiegende Mehrzahl aller Komponenten). Verloren war darüberhinaus auch die wertvolle wissenschaftliche Nutzlast "Cluster".
  • Fort-Schreiten in eine andere Zukunft

    23.01.2007, Andreas Schwald, München
    Der Begriff „Fortschritt“ ist ambivalent – Fort-Schreiten von einem als unangenehm oder verbesserungswürdig empfundenen Zustand in eine (hoffentlich bessere, ungewisse) Zukunft, verbunden mit Abschied und Aufbruch.
    Die Bibel beginnt mit der Darstellung des Paradieses und endet mit der Beschreibung des himmlischen Jerusalems. Die derzeitige Befindlichkeit des Landes Irak (wo der Garten Eden vermutet wird) oder der Stadt Jerusalem ist weder paradiesisch noch himmlisch.
    Die „gute alte Zeit“ ist keine Illusion, sondern eine Selektion, die unangenehme Dinge ausblendet. Die „neue Gesellschaft“ ist ein Wunsch oder ein Plan, der sich als Illusion erweisen kann. Die Bemühungen zu ihrer Verwirklichung haben meistens einige der beabsichtigten und viele ungeplante Auswirkungen.
    Fortschritt ist keine Illusion. Die Neuerungen in der Technik und die Änderungen im sozialen Leben sind sehr real; sie werden verschieden bewertet. Karl Popper hat das Streben nach Wahrheit als die Beseitigung von Irrtümern umschrieben. Ein Arzt kann Leiden mildern und Leben verlängern, nicht den Tod besiegen. Das Zusammenleben von immer mehr Menschen in einer zunehmend komplexeren Welt führt jeden Tag zu neuen Aufgaben und Problemen, für die tragbare Lösungen zu finden sind.
    Fortschritt als Verbesserung der Lebensumstände ist immer gefordert, die Möglichkeit des katastrophalen Scheiterns stets präsent. Die Diktaturen des 20. Jahrhunderts mit ihren Fortschrittsideologien zeigen dies in erschreckender Deutlichkeit.
  • Voraussage als Erkenntnismaßstab

    23.01.2007, MMag. Manfred Gotthalmseder
    Es ist wohl eher die krankhafte Situation universitären Wissensgewinns, mit dem Übergewicht an Zitaten, die den Eindruck machen kann, die Basis aller Erkenntnis wäre bloß Common Sense.
    Im Ursprung dient unser Gehirn nur einer einzigen Sache, nämlich der Voraussicht. Jede geplante Handlung basiert auf einer vorgestellten Zukunft. Und tatsächlich sind wir in Hinsicht auf unsere Fähigkeit, Zukunft abzuschätzen und planend zu handeln, heute wesentlich weiter als einst. Man denke nur, welche komplexen Pläne heute technisch umgesetzt werden können. Auch die nötige Organisation ist eine Erkenntnisleistung.

    Da die noch nicht reale aber bereits vorgestellte Zukunft unser Verhalten bestimmt, und dieses wiederum auf die Zukunft wirkt, kann man auch sagen, dass unsere Freiheit mit unserer Vorstellungsfähigkeit wächst. Wir können uns zahlreichere Möglichkeiten erdenken mit Anforderungen umzugehen als je zuvor. Wenn wir heute schon wissen, dass uns in den kommenden Jahrzehnten ein Klimawandel droht, dann ist das nur dem Fortschritt, also unserer ständig wachsenden Voraussicht zu verdanken.