Lesermeinung - Spektrum der Wissenschaft

Ihre Beiträge sind uns willkommen! Schreiben Sie uns Ihre Fragen und Anregungen, Ihre Kritik oder Zustimmung. Wir veröffentlichen hier laufend Ihre aktuellen Zuschriften.
  • Anitdepressivum erhöht Rate von Suizidversuchen

    26.08.2005, Dr. med. Klaus Limpert
    Im Prinzip ist das ein "alter Hut".

    Die Stoffgruppe der Serotonin- Antagonisten hat die Eigenschaft, zunächst die Antriebshemmung zu beseitigen und dann, deutlich später, die Stimmung aufzuhellen. Ein schwer depressiver Mensch sieht sich selber schon lange im Abgrund, fühlt sich aber zu sehr gelähmt, um daraus die (tödliche) Konsequenz zu ziehen. Es erstaunt, daß Standardwissen Gegenstand einer Untersuchung wird. Eine ketzerische Frage: Wieviele der untersuchten Probanden waren denn mit ihren Selbstmord- Versuchen erfolgreich? Man braucht schon ein sehr strapazierfähiges Gemüt, um so mit seinen Mitmenschen umzugehen.
  • Urinbetriebene Batterie

    17.08.2005, Dr. Werner Kohl
    Der Titel urin"betriebene" Batterie klingt gut als Aufmacher. Er ist aber physikalisch-chemisch gesehen falsch: Urin wirkt hier nur als Elektrolyt und nicht als Energiequelle. Letzere ist der in der Batterie enthaltene Magnesiumstreifen. In der englischsprachigen Originalveröffentlichung heißt es deshalb auch richtigerweise urine-"activated" battery.
  • Fehler durch Sonneneinstrahlung - nachts?

    15.08.2005, Sven Ederer
    Es erscheint mir bereits recht merkwürdig, dass der systematische Fehler durch eine 20 jährige Weiterentwicklung von Meßgeräten eine lineare Tendenz exakt verdecken kann. Der Meldung nach ist der Fehler bedingt durch fehlerhafte Berücksichtigung der Sonneneinstrahlung. Dann sollte ja eine Differenz der Tendenzen zwischen Tag und Nacht-Messungen zu beobachten sein. ist das in 20 Jahren niemanden aufgefallen?
  • ... oder doch eher ein PR-Desaster?

    15.08.2005, Erik Geibel
    Die Thorie vom inszenierten Abschied ist nicht unplausibel. Schließlich würden durch eine Einstellung des Shuttle-Programms viele Mittel für die Entwicklung eines neuen bemannten Transportsystems frei. Die ISS würde dann zwar niemals ein leistungsfähiges Orbitallaboratorium werden, aber als (dann schon alternde) Ausgangsbasis für die Rückkehr zum Mond taugte sie vielleicht gerade noch. Den hochfliegenden Plänen der US-Regierung ("zurück zum Mond und weiter zum Mars"), bei denen wissenschaftliche Effizienz eh nicht an erster Stelle steht, täte dieses Szenario also keinen Abbruch.



    Dennoch war der Discovery-Flug auch eine mediale Peinlichkeit: Nicht einmal das Basisproblem, der von Aussentank abfallende Schaumstoff, wurde in den zweieinhalb Jahren seit dem Columbia-Unglück gelöst. Die umfassende Videoüberwachung des Startes und des Fluges hat zwar viele spektakuläre Bilder geliefert, aber der interessierten Öffentlichkeit auch demonstriert, mit wie vielen "Kinderkrankheiten" die betagten Shuttles noch immer zu kämpfen haben. Auch konnte man den Eindruck gewinnen, die verantwortlichen Ingenieure trauten dem Hitzeschild der Fähre nicht mehr weit über den Weg - schließlich beruht das Ergebnis der Untersuchung zum Columbia-Unfall, dieser sei von einem Stück abgelösten und vereisten Schaumstoff ausgelöst worden, lediglich auf Indizien. Bedenklich doppelbödig zeigte sich die NASA aber bei der Entscheidung, einen riskanten Aussenbordeinsatz zu wagen, um zwei überstehende Schnipsel zu entfernen, die es wohl bei den meisten Shuttleflügen gab und die wahrscheinlich keinerlei Bedrohung darstellen. Es kann nicht weit her sein mit "safety first", wenn für diese schon fast glossenhafte Inszenierung die Sicherheit eines Astronauten gefährdet wird. Meine Empfehlung: Mit den Russen zur ISS fliegen und mit dem gesparten Geld ein Dutzend leistungsfähiger interplanetarer Sonden oder Weltraumteleskope bauen. Ein Shuttle sollte nur noch einmal fliegen: Zur Reparatur von Hubble, dass sich wesentlich besser bezahlt gemacht hat als Shuttle und ISS.
  • bitte nicht schon wieder...

    13.08.2005, Peter Mayer
    "... gut zehnmal größer als..." Das ist hier eine Wissenschaftszeitung und kein Käseblatt. Korrekte deutsche Grammatik solte da eigentlich selbstverständlich sein. Also bitte "... gut zehnmal so groß wie..."
    Antwort der Redaktion:
    Sehr geehrter Herr Mayer,



    vielen Dank für Ihren Hinweis. Sie machen ganz richtig darauf aufmerksam, dass "zehnmal größer als ..." und "zehnmal so groß wie ..." sachlich unterschiedliche Aussagen sind. (Grammatikalisch korrekt sind übrigens beide).



    Im konkreten Fall ergäben sich streng genommen aus der zunächst angenommenen Größe der Galaxie von 10 000 Lichtjahren unterschiedliche exakte Erkenntnisse: Die "zehnmal größere" Galaxie wäre 110 000 Lichtjahre, die "zehnmal so große" 100 000 Lichtjahre groß.



    Tatsächlich wollten die Forscher allerdings im konkreten Artikel keine ganz exakten Daten sondern nur ungefähre Schätzungen präsentieren. Sie spekulieren im Orginalartikel wenig praxisrelevant sogar darüber, ob die Grenzbereiche von Galaxien nicht ohnehin ad infinitum auslaufen, also überlappen. Eine ganz konkrete - auch sprachliche - Festlegung erscheint für die vorliegende, eher vage Schätzung also wohl nicht unbedingt angebracht.



    Fälle, bei denen englische Ausdrücke wie "two times as big" etwa mit "zweimal größer" falsch übersetzt werden, sollten natürlich vermieden werden - wir bemühen uns weiterhin darum.



    Mit freundlichen Grüßen

    Ihre spektrumdirekt-Redaktion
  • War der Gärtner tatsächlich der Mörder?

    07.08.2005, Peter Osterwald
    Hätte die Redakteurin ihre Recherchen ordentlich gemacht, würde sie auf den Fall Peter Hankin (03/2003) im Mordfall Annalisa Vincentini (2002) gestoßen sein. Ein Fall bei dem bis heute nicht klar ist, warum die DNA-Probe überstimmt, der vermeintliche Täter zum Tatzeitpunkt aber definitiv nicht am Tatort sein konnte. Folglich ziehe ich die Aussage des Artikel, dass man der DNA-Probe trauen könnte, doch arg in Zweifel. Zumal eben diese auch nur auf Wahrscheinlichkeiten beruht, wie der Fingerabdruck.
    MfG
    P. Osterwald
    Antwort der Redaktion:
    Sehr geehrter Herr Osterwald,




    es war keinesfalls meine Absicht zu behaupten, eine DNA-Anlyse sei absolut sicher. Sie unterscheidet sich vom Fingerabdruck und anderen Methoden jedoch dadurch, dass die Irrtumswahrscheinlichkeit relativ genau bekannt ist und auf einen sehr kleinen Wert reduziert werden kann - doch auch der lässt natürlich Raum für Fehler. So bedeutet eine Genauigkeit von 99,9999 Prozent nicht mehr, als dass unter 1 000 000 getesteten Personen mit einer Übereinstimmung ihres genetischen Fingerabdrucks mit der Vergleichsprobe zu rechnen ist. Eine nach wissenschaftlichen Standards durchgeführte Analyse wird nie ergeben, ein DNA-Test habe mit absoluter Sicherheit eine Übereinstimmung zweier Proben ergeben.




    Der Vorteil der DNA-Analyse gegenüber beispielsweise dem Fingerabdruck liegt jedoch darin, dass die Fehlerwahrscheinlichkeit bekannt ist. Es könnte sogar sein, dass der Fingerabdruck tatsächlich einzigartiger ist als ein DNA-Test. Solange jedoch behauptet wird, eine Methode sei zu 100 Prozent sicher und die tatsächliche Fehlerquote auf Grund fehlender Untersuchungen nicht berechnet werden kann, ist jede Methode unglaubwürdig.




    Gerade um in Fällen wie dem von Peter Hamkin ein gerechtes Urteil fällen zu können, müssen dem Gericht so viele glaubwürdige Indizien wie möglich vorliegen - und genau deswegen sollten alle verfügbaren Beweismittel wie beispielsweise Fingerabdrücke und Haare nach Standards untersucht werden, um ihnen Glaubwürdigkeit auf einer wissenschaftlichen Grundlage und nicht auf Grund von nicht überprüfbaren Behauptungen zu verleihen.




    Mit freundlichen Grüßen




    Carola Häring
  • Wissenschaft ratlos wie die Politik

    03.08.2005, Stefan Pschera
    Ist der Artikel nun Wissenschaft oder ein Bildzeitung oder Freenet.de-Bericht ? Wir leben in der Spassgesellschaft. Und Quoten sind wichtig.

    Meiner Meinung ist es oberflächlich, was da "erforscht" wurde. Das mathematische Modell enthält Fehler und damit auch das Ergebnis!

    Das Leben besteht aus Details und diese sind täglich anders. Und der Mensch, auch die Frau, hat die Fähigkeiten, dies dank Sinnesorgane und Gehirn zu erkennen. Also kann es sein, das ein handgepflückter Blumenstrauss heute wirkt, morgen nicht.

    Als allgemeine Aussage ist die Quintessenz des Artikels höchstens kulturzeitlich nützlich. Wir leben in einer, dank materiellen Wohlstand, flachen Welt. Höchste Zeit zur Änderung. Die Zeichen sind gut in Deutschland.



  • Das Messwertproblem

    03.08.2005, Dr. Gilbert Brands
    Widersprüchliche Ergebnisse im medizinischen Bereich kann man zu allen möglichen Themen beobachten. Das Problem dabei ist, dass es sich hierbei vorgeblich um Langzeitstudien handelt, die aber gar nicht angefertigt wurden. Durch die Digitalisierung von Krankenakten steht immer mehr statistisches Material zur Verfügung, dass zwar mathematisch-korrekt ausgewertet wird, die Relevanz der Datenbasis in Bezug auf die gesuchte Aussage aber meist völlig unklar ist (z.B. kann Krankenhausmaterial ausschließlich von einem bestimmten Patientenkreis stammen und damit überhaupt nicht repräsentativ für die normale Bevölkerung sein). Meist lässt sich das nicht einmal ermitteln, aber für die Wissenschaftler ist eine Veröffentlichung eben eine Veröffentlichung und die Medien berichten überwiegend das Ergebnis, ohne nach dem woher zu fragen (auch wenn sie dabei dem eigenen Artikel der letzten woche widersprechen).
  • Bitte mit Salz

    03.08.2005, Manfred Görner
    Ich glaube, dass die Hausärzte, die ihre Patienten betreuen, immer noch am besten wissen, ob und wieviel Kochsalz für den jeweiligen Körper jeweils verträglich oder sogar nötig sind.
    Deshalb sollte man auch bei diesem Thema, so meine ich, mit Verallgemeinerungen "vorsichtig" sein.
    Im Übrigen ein ganz großes DANKESCHÖN an alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern dieses so ausgezeichneten Online-Dienstes, dessen eMails morgens als Erstes geöffnet werden. Wissenschaft-online gehört zum Frühstück wie das Ei "aber bei mir "bitte mit Salz".
  • Eizellen aus transplantierten Knochenmarkstammzellen?

    30.07.2005, Dr. Helmut Hudler
    Wenn das alles so stimmt, dass müßte bei einer kleinen Zahl von Frauen, die vor einer Geburt eines Kindes eine Bluttransfusion erhalten haben, ein Kind aus einer Spenderzelle, die zur Eizelle wurde, nachzuweisen sein, was mit diversen Methoden des Vaterschafts- ("Mutterschafts-") Nachweises abklärbar wäre.
  • Ist Ihr Artikel auf dem aktuellsten Stand?!?

    27.07.2005, Damian Vollmert
    Spektrum Direkt steht für mich seit ich Mitglied bin für aktuellste Wissenschaftliche Nachrichten. Bei diesem Artikel jedoch muss ich staunen. Ihr Eingangssatz, "Zuviel Salz im Essen gilt als eine der Hauptursachen von Bluthochdruck und damit auch von Herz- Kreislauf- und Nierenerkrankungen." scheint mir nicht auf der Höhe der wissenschaftlichen Zeit und Erkenntnis angekommen.

    Da ich mich nicht nur online über wissenschaftliche Themen informiere, sondern auch gerne (zugegebener Maßen teils populär-)wissenschaftliche Sendungen im TV verfolge, kann ich nicht umhin anzumerken, dass sich kürzlich im WDR die Sendung "Quarks & Co" mit dem Thema Salz beschäftigte. Dort wurde vehement der These entgegengetreten, dass Kochsalz den Blutdruck erhöhe. Laut aktueller (und auch älterer) Studien ist es laut "Quarks & Co" nicht erwiesen, dass Kochsalz den Blutdruck erhöht. Es wurde darauf hingewiesen, dass es aufgrund der Lebensnotwendigkeit von Natriumchlorid für den Körper unverantwortlich sei, dies unter Ärzten immer noch zu propagieren.

    Was ist denn nun korrekt? Ein Statement hierzu würde mich doch brennend interessieren.

    Beste Grüße
    Antwort der Redaktion:
    Sehr geehrter Herr Vollmert,



    die Antwort lautet: Man weiß es nicht genau. Es gibt Studienergebnisse, denen zufolge Kochsalz den Blutdruck erhöht, und solche, die keinen Effekt erkennen lassen.



    Klar ist jedoch inzwischen, dass es Menschen gibt, die erheblich empfindlicher auf Salz reagieren als viele andere - für diese kann Salz wirklich zum Problem werden. Dementsprechend empfehlen immer noch viele Ernährungswissenschaftler und Organisationen, vorsichtshalber maßvoll mit Salz umzugehen. Sie warnen aber gleichzeitig davor, dass gerade ältere Menschen beispielsweise unter Salzmangel leiden können. Im Zweifelsfall sollte daher jeder für sich mit seinem Arzt die angepassten Ernährungsgewohnheiten abstimmen.



    Beste Grüße,



    Antje Findeklee, Redaktion
  • Nicht dafür ist nicht dagegen

    25.07.2005, Heemann
    Wie?
    "Doch bewerteten die, die angegeben hatten, für einen Kandidaten zu sein, ihn nun deutlich negativer als die Gegner des anderen."
    Sind nicht - trotz aller feinen Unterschiede, auf die hier abgehoben werden soll - die Befürworter des einen nicht auch die Gegner des anderen? Das ist doch letztlich sogar die Quintessenz dieses Artikels.
    Was mit obigem Satz gemeint ist, kann man m.E. nur erahnen, nicht verstehen.
    Ist eine Korrektur unter gleichem Link möglich, um alles wirklich besser zu verstehen?
    Antwort der Redaktion:
    Sehr geehrter Herr Heemann,




    Sie haben natürlich völlig Recht damit, dass die Befürworter des einen Kandidaten zugleich Gegner des anderen sind. Allein der zugegeben subtile Unterschied in der Frage nach der Präferenz ("Sind Sie für A?" statt alternativ "Sind Sie gegen B?") entschied darüber, wie sehr später zusätzliche Informationen eine Meinung beeinflussen konnten - andere Unterschiede gab es nicht.



    Die Quintessenz ist somit, dass sich der Kontext (also in diesem Fall die leicht unterschiedliche Art der Fragestellung) völlig unabhängig von Informationen (denn die waren für alle gleich) auf die Konsistenz einer Meinung auswirken kann. Anders gesagt: Für die Meinungsinhaber ist es eben doch ein feiner (wenn auch unbewusster) Unterschied, ob sie für einen Kandidaten oder gegen dessen Gegner waren.



    Mit freundlichen Grüßen,



    Carola Häring
  • Der Wirbel um den Wirbel

    18.07.2005, Matthias Below
    Dieser Artikel ruft in mir Erinnerungen an ein Buch "Der Wirbel um das Nichts" von Daniel Lathan wach. Herr Lathan hat auch eine Diplomarbeit zu seinem auf Ringwirbeln basierendem Atommodell geschrieben.
    Das erstmals 2004 erschienene Buch bildet die Grundlage einer Interacting Thorus Theory (ITT).

    Das in der Diplomarbeit vorgestellte Modell der interagierenden Ringwirbel und der grundliegenden unipolaren Ringwirbelstruktur des Vakuums geht von einem Modell der Materie aus, welches auf der Grundlage des Wirbelschlupfes basiert unter der Annahme, dass der Ringwirbel an sich als Feldstruktur je nach Art der Rotation verschiedene Eigenschaften (Positron, Elektron, Photon, Neutrino oder virtuelles Teilchen) annehmen kann.

    Auf Grundlage der Diplomarbeit ist eine Versuchsanordnung geplant, die über fraktal verknüpfte Vortexringkollissionen vollkommen neue Energiequellen erschließen soll.

    Ich kann nur empfehlen diese Thematik weiter zu verfolgen.
  • Wohin mit dem Holz?

    16.07.2005, Karl Bednarik
    Hallo an alle,
    wenn man Wälder anpflanzt, um das Kohlendioxid zu binden, dann stellt sich die Frage: Wohin mit dem Holz?
    Natürlich darf man das so gewonnene Holz niemals verbrennen, und ebenso darf man dieses Holz auch niemals verrotten, verfaulen, oder sonstwie verstoffwechseln lassen. Bei der Herstellung von Bauteilen und Chemieprodukten aus diesem Holz riskiert man, dass nach einiger Zeit obgenanntes dann doch noch passiert. Am besten wäre es, das Holz möglichst tief zu vergraben, eventuell erst nach einer Umwandlung zu Holzkohle, die man dann zu Briketts preßt, um ihr Volumen zu verringern. Irgendwie erinnert mich das an die alten Kohlelagerstätten. Vielleicht könnte man die Braunkohle-Tagbaugruben damit auffüllen. Spätere Generationen könnten dann mit diesen neuen Kohlelagerstätten unseren Fehler wiederholen.
    Mit freundlichen Grüssen,
    Karl Bednarik.
  • Schnellschüsse und alte Parolen

    15.07.2005, Dr. Gilbert Brands
    Sehr geehrte Frau Findeklee,

    leider nur Schnellschüsse und alte Parolen, so möchte ich den Beitrag übertiteln. Zunächst können Sie einen Jahrgang mit dem Ergebnis unterrichten, dass 75 Prozent der Zensuren besser als 3,0 sind, während im nächsten Jahr mit dem gleichen Stoff 70 Prozent durchfallen. Die Schwankungsbreite der verschiedenen Jahrgänge ist so hoch, dass Sie aus einer Testwiederholung nach 3 Jahren überhaupt nichts ablesen können - wobei große Unterschiede bei Schülern, die 6-7 Jahre das kaputte System und 2-3 Jahre unsystematischer Hektik hinter sich haben, ohnehin mehr als zweifelhaft sind.

    Der "Praxisbezug" in der Mathematik ist ein alter Hut und mitverantwortlich für die Misere. Viele praktische Anwendungen, beispielsweise die im Takt der Musik schwingenden Balken eines Verstärkers, lassen sich ohne 2 Semester abstrakte Mathematik nicht erklären oder verstehen. Durch die jahrelange poilitische Indoktrination des unmittelbaren Praxisbezuges haben wir heute eine ausgeprägte Verweigerungshaltung bei den Schülern festzustellen, eine mathematische Aufgabe auf dem Papier überhaupt als Aufgabe zu akzeptieren. Die Standardantwort auf die Aufgabe "Fällen Sie mit Zirkel und Lineal das Lot von einem Punkt auf eine Gerade" lautet "Wozu brauche ich das?". Es wäre begrüßenswert, wenn gerade die Journalistik sich endlich mal von den Praxisparolen trennt.

    Statt Förderung der Schwachen sollten Sie besser Differenzierung fordern. Nicht jeder eignet sich zum Fußballstar oder Konzertvirtuosen, aber Naturwissenschaften kann ja jeder gleich gut. Folge dieses Einheitsbreigedankens: Die Schwachen sind überfordert, weil das nicht ihr Ding ist, und die Besseren werden systematisch um ihre Ausbildung betrogen, langweilen sich zu Tode und versagen, wenn sie gefordert werden, weil sie das nicht gewohnt sind. Aber das ist ja viel billiger: Schwache zu Lasten der Besseren fördern kann auch der Lehrer in der überbesetzten Klasse, für eine Differenzierung braucht man aber einen zweiten Lehrer. Geld ausgeben ist aber wohl das Letzte, was der Staat will, so lange noch unnötige Prestigeobjekte wie Fußball-WMs nach Milliarden schreien. Das betrifft auch die derzeit geförderten Ganztagsschulen: wenn Sie mal genau hinsehen, steckt da keine Förderung und Betreeung hinter, sondern schlichtes Verwahren, wenn zig Jahrgänge in großen Gruppen einem Lehrer aufgehalst werden, der dann noch nicht mal theoretisch die Chance zur Nachbereitungsbetreuung hat. Das läuft bei den Finnen genau anders herum, und deren Erfolg sollte doch eigentlich mal dazu führen, dass hier nicht immer wieder die alten (falschen) Parolen aufgerührt werden.

    Außerdem muss sich der Staat auch einmal überlegen, welche Ziele er der Jugend setzt. Ein Ausbildungsplatz, bei dem von vornherein klar ist, dass danach keine Berufstätigkeit kommt, sondern eine weitere Ausbildung, kann es ja wohl nicht sein. Und für das Ziel "Dauerarbeitsloser" braucht mal sich ja wohl nicht zu bemühen. Ob es so ist, will ich damit gar nicht sagen, aber es kommt bei den Jugendlichen genauso rüber.

    Mit freundlichen Grüßen
    Gilbert Brands
    Antwort der Redaktion:
    Sehr geehrter Herr Dr. Brands,



    dass sich an der Schulpolitik die Geister scheiden, ist wohl so alt wie die Schule selbst, und eine einzige Wahrheit gibt es schlicht nicht - schließlich ist jedes Kind ein Individuum mit ganz eigenen Lernfähigkeiten und jeder Lehrer ein Individuum mit ihm eigenen Vermittlungsqualitäten. Natürlich ist Pisa nur eine Momentaufnahme, und sicherlich werden manche Ergebnisse je nach politischer Couleur zu sehr hochgekocht. Und dass Bildung bei uns an Geldmangel leidet, darin sind wir uns wohl einig.



    Aber es gibt schon zu denken: Finnland hat ein Gesamtschulsystem mit gemeinsamem Unterricht bis zur 9. Klasse. Japan - Platz 2 - hat eine gemeinsame Grundschule bis zur 6. Klasse. Und auch in Bayern machen viele Kinder noch die 5. und 6. Klasse gemeinsam in einer Teilhauptschule (noch! sie wird zunehmend abgeschafft), bevor sie auf Realschule oder Gymnasium wechseln. Gleichmacherei? Oder einfach nur sinnvolles Fördern individueller Fähigkeiten durch buntes Miteinander und engagierte Lehrkräfte? Denn Kinder aller Leistungsstufen in einer Klasse zu unterrichten, muss schließlich nicht bedeuten, dass das Niveau in den Keller geht - es fordert nur andere Unterrichtsmethoden als sich vorne hinzustellen und 45 Minuten lang einen Monolog zu halten. Und hier hat sich glücklicherweise auch bei uns schon sehr, sehr viel getan, ein Lob an viele Unterrichtende! Denn was bitte ist falsch daran, Lotfällen mit praktischen Beispielen zu illustrieren, statt strikt Gehorsam einzufordern? Welcher Weg fördert besser das Mitdenken angesichts gestellter Aufgaben statt stures Nachmachen? Wie sonst sollen Kinder Transferdenken lernen? Fähigkeiten, die sie weit über die Schule hinaus brauchen?!



    Förderung der Schwachen und Differenzierung sind keine Gegensätze - sofern sich Differenzierung nicht dahingehend ausprägt, dass Kinder viel zu früh auf festgefahrene und kaum noch zu wechselnde Schulbahnen gelenkt werden, wie es unser dreigliedriges Schulsystem vorgibt. Nein, Förderung der Schwachen geht sogar nur durch Differenzierung - denn die Schwachen müssen differenziert nach ihren Fähigkeiten gefördert werden. Es bedeutet nicht, dass Unmusikalische zu Pianisten getrimmt werden und naturwissenschaftlich Unbegabte (klar gibt es die) nobelpreisverdächtige Physikleistungen abliefern sollen.



    Und was die Motivation betrifft: Hier sind nicht nur die Lehrer gefragt, die sowieso schon etliches ausbügeln müssen, sondern wir alle - Eltern, Verwandte, Freunde, das gesamte Umfeld angesichts heutiger Zustände für mich nachvollziehbar frustrierter Jugendlicher. Die Verweigerungshaltung ist nicht angeboren - denken Sie nur an den Forscher- und Entdeckergeist von Kleinkindern! Es ist Sache der Erwachsenen, Jugendlichen zu vermitteln, dass sich Neugier immer lohnt und die Lage zwar verflixt ernst, aber noch lange nicht hoffnungslos ist.



    Mit besten Grüßen,



    Antje Findeklee, Redaktion spektrumdirekt
Top