Lesermeinung - Spektrum der Wissenschaft

Ihre Beiträge sind uns willkommen! Schreiben Sie uns Ihre Fragen und Anregungen, Ihre Kritik oder Zustimmung. Wir veröffentlichen hier laufend Ihre aktuellen Zuschriften.
  • Anfänge der Naturwissenschaft

    15.01.2006, Prof. i. R. F. Burgey
    Es ist erfreulich, dass sich ein Naturwissenschaftler mit der Regensburger Vorlesung Benedikts XVI. auseinandersetzt. Allerdings erweckt der Artikel den Eindruck, als seien die Naturwissenschaft und ihre Methoden senkrecht vom Himmel gefallen. Die Anwendung naturwissenschaftlicher Prinzipien hat vielmehr eine lange Entwicklungsgeschichte, in der die Religion eine wichtige Rolle spielte. Die naturwissenschaftliche Denkweise im europäischen Kulturkreis nahm ihren Anfang in der Theologie und Philosophie der Hochscholastik mit der Aristotelesrezeption durch die Theologen Albert den Großen und vor allem Thomas von Aquin (+1274). Aristoteles (+322 v. Chr.) ist der naturwissenschaftlich denkende Philosoph der Antike. Mit der Aristotelesrezeption beginnt in der abendländischen Wissenschaft die innerweltliche Kausalität und Naturgesetzlichkeit eine Rolle zu spielen. In der Summa Theologica z.B. verteidigt Thomas die innerweltliche Ursächlichkeit gegen die arabische Theologie, die alle Kausalität allein von Gott gewirkt sieht. (Sum. Theol. I, qu.115, a 1). Die genannte Stelle zitiert den arabischen Philosophen Avincebron, der sagt, dass nicht das Feuer die Gegenstände seiner Umgebung erwärme, sondern geistige, überweltliche Kräfte. Darin muss überhaupt der entscheidende Durchbruch zu naturwissenschaftlicher Denkweise gesehen werden, dass die Philosophen der Hochscholastik der Welt eine gewisse Eigenständigkeit attestieren. Daher das Diktum C. F. v. Weizsäckers: "Der Begriff des Naturgesetzes ist ein Geschenk des Mittelalters". Von Thomas stammt auch der Satz: "Soweit vermag unser natürliches Erkennen sich zu erstrecken, als es an der Hand geführt werden kann durch die sinnfälligen Dinge". Empirie beginnt eine Rolle zu spielen. Roger Bacon (+1292) verlangt die Hereinnahme des Experiments und der Mathematik in die naturwissenschaftlichen Studien. Er träumt von Autos, Flugzeugen und Unterseebooten, technischem Fortschritt also, der dem Menschen das Leben erleichtern und die Moral stärken soll.
    Aber das sind Anfänge, aus denen sich erst nach Jahrhunderten der Mühsal unsere Wissenschaft entwickelt, zugegeben ab dem 17. Jh. gegen den Widerstand einer blinden Kirche. Aber religiöses Denken spielte für die NW immer eine Rolle, auch in der Gegenwart: Einstein ist zwar strikt gegen kirchliche Religiosität, aber "ich behaupte, dass die kosmische Religiosität die stärkste und edelste Triebfeder wissenschaftlicher Forschung ist" ( A.E. Mein Weltbild Ulm 1979).
    Hinsichtlich des Verhältnisses von Naturwissenschaft und Theologie scheint mir in der Regensburger Vorlesung doch eine Art Konkurrenzmodell vorzuliegen. Aber das Verhältnis ist wohl so zu bestimmten, wie es mein Philosophielehrer E. Deku einmal äußerte: "Hier an der Uni widmen sich alle Fakultäten den Einzelheiten der Welt. Sehr wichtig zweifellos. Hier in der Philosophie dagegen versuchen wir, nicht das Einzelne, sondern den Menschen im Ganzen zu sehen. Den Menschen als Ganzen und den Menschen im Ganzen des Kosmos." Das wäre nun auch die Aufgabe der Theologie. Aber um das zu leisten, müsste sie eben auch die Einzelheiten, die Ergebnisse der Wissenschaften, wahrnehmen. Dass der Glaube immer eine Verpflichtung gegenüber der Vernunft hat, ist im Christentum von Anfang an klar. Sie beweist sich aber nicht durch Zitate aus Bibel und Theologiegeschichte, sondern in der Anwendung auf tägliche Probleme, und da fehlt es leider weit.
  • CO2 - Freisetzung?

    28.12.2005, Helmut Hudler
    ich dachte immer, es sei vor allem Methan, das aus Permafrostböden freigesetzt wird, und das einen noch viel größeren Treibhauseffekt auslöst ???
    Antwort der Redaktion:
    Sehr geehrter Herr Hudler,



    beides - Kohlendioxid wie Methan - werden freigesetzt, wenn Permafrostböden tauen und das organische Material zersetzt wird. Findet die Zersetzung unter Luftabschluss - beispielsweise unter Wasser - statt, entweicht vor allem Methan. Kommt Sauerstoff an die pflanzlichen Reste heran, entsteht Kohlendioxid. Das Ganze wird aber dadurch noch komplizierter, dass neu entstehende Vegetation ihrerseits wieder Kohlendioxid bindet. Eines aber ist klar: Methan ist das weitaus stärkere Treibhausgas.



    Mit besten Grüßen,

    Antje Findeklee, Redaktion
  • Vollstreckung auch in den USA einfach möglich!

    27.12.2005, Dr. Heinz W. Neuling
    Sehr geehrter Herr Zinken,

    ich kann Ihre Zeilen zu Wikipedia & Co. nur unterschreiben.

    Ich selbst habe, wie viele andere auch, erfahren, wie es einem geht, wenn man Verletzung von Urheber- und Markenrechten in der Wikipedia verletzt sieht. Man bekommt, wenn überhaupt, nur freche Kommentare von Wikipedia Admins oder dem Admin-C der Domain Wikipedia.de mitgeteilt, eigene Beiträge werden sofort gelöscht, der "Mob" wird mobilisiert usw.

    Wir werden darauf jetzt professionell reagieren, indem wir, da die Rechtverletzungen durch die "Wikipedianer" im Internet - also auch in DE - begangen werden, hier vor einem deutschen ordentlichen Gericht einen Titel gegen die Wikimedia Foundation Inc. erwirken, und von einem Gericht in den USA eine dort vollstreckbare Ausfertigung des deutschen Urteils bekommen.

    Es ist keineswegs so, dass sich die Wikipedia weiterhin in den USA "verstecken" kann.

    Weitere Neuigkeiten zum Thema Wikipedia finden sie regelmäßig in unserem JURABLOG (http://www.jurablo.gs).

    mfg

    Dr. Heinz W. Neuling
    Infochannel Group
  • wessen Studie?

    24.12.2005, Laszlo Simon
    Wenn man sich ansieht, dass diese Studie von Amerikanern geführt wurde, kann man sich auch denken, dass sie von Amerikanern in Auftrag gegeben wurde. Da diese sich weder an Kyoto noch an anderen Klimaschutzinitiativen beteiligen, ist es nicht verwunderlich, dass die Studie ein Ergebnis hat, dass bisherige Klimaschutzmaßnahmen als schädlich enttarnt.
    Was soll man denn sonst machen?...Ölraffenerien bauen, oder wehrlose Länder überfallen?
  • Terror und dessen Vermeidung

    24.12.2005, Paul R. Woods
    Sehr geehrte Frau Krämer,

    einen ähnlichen Entstehungsgeschichte konnte man in Deutschland beobachten:

    während der Demos in der zweiten Hälfte der 60er Jahre kamen viele Studenten und deren Sympathisanten mit sozialen Randgruppen in Berührung. Dies wurde durch das Buch von Franz Fanon "Die Verdammten dieser Erde" über das 'Lumpenproletariat noch unterstützt.

    So hatte Ulrike Meinhof ihre Mädchengruppe "Bambule", lief Andreas Bader bei den Frankfurter Lehrlingskollektiven (eher am Rande) mit, und wurde das Heidelberger Patientenkollektiv in der linken Szene bundesweit bekannt. Die Randgruppenkonferenzen 1968 und 1969 führten zu einer landesweiten Vernetzung dieser Gruppen (Bonn-Glashaus, München-Trikont, Köln-SSK und viele andere mehr).

    Die Arroganz und Gewalt (siehe das Gutachten von Professor Erhard Denninger, Uni Frankfurt
    "Verfassungswidrigkeiten bei der Durchführung der Öffentlichen Erziehung") der mit der Versorgung der Randgruppen (Obdachlose, Patienten in Landeskliniken, Zöglinge in Heimen usw.) betrauten Institutionen, gekoppelt mit dem Vorgehen der Polizei bei 'Rückführungen' führte zur Radikalisierung und Bewaffnung.

    Diese Spirale der Eskalation führte von Baader-Meinhof-Bande (die es in der Konstellation nie gab) zur RAF mit all ihren Morden und Anschlägen.

    Mühsam haben wir in Köln den SSK aus diesem Sog heraushalten können und trotz des ständigen Druckes durch das Sozialdezernat der Stadt Köln und des Landesjugendamtes Rheinland eine langjährige Alternative zur Straße und Kriminalisierung anbieten können.

    Jedoch hat der "bewaffnete Kampf" oder genauer die Mordanschläge bei den angegriffenen Institutionen zu einer Unwilligkeit geführt, etwas bei den Ursachen des Hasses und der Agression zu ändern.

    Dies kann ich bei meiner beruflichen Tätigkeit nun auf internationaler Ebene erneut beobachten.

    Nach 12,5 Jahren Heimaufenthalt habe ich selbst Abitur und Studium nachgeholt und arbeite seit 24 Jahren in Entwicklungsländern (derzeit in Liberia).

    Dabei scheint mir, dass die Mächtigen der Welt (oder des jeweiligen Landes) mutwillig ihre Augen verschliessen vor Missständen, die eigentlich leicht abzuschaffen wären.

    Aber wie sagte schon Martin Luther vor 500 Jahren: "Das machen die Herren selbst, dass ihnen der kleine Mann Feind ist."

    Mit freundlichen Grüssen

    Paul R. Woods
  • Wikimania

    22.12.2005, Ulrich Heemann
    Dass in Wikipedia die Autoren zukünftig nicht mehr anonym bleiben, ist sicher ein großer Fortschritt. Was aber stört daran, wenn jemand das Wissen aus Wikipedia nimmt und damit Geld verdient? Ich habe sogar auf Staatskosten Lesen, Schreiben und Rechnen gelernt und verdiene nun auch Geld damit - sogar wieder auf Staatskosten, da ich mittlerweile Beamter bin. Wenn ich als Wissenschaftler eine Veröffentlichung mache, störe ich mich auch nicht daran, dass evtl. andere dies gewinnbringend verwenden, ohne dass ich daran mitverdiene. Es ist aber auch gerade der Sinn meiner Forschungen, dass andere dieses kostenlos verwenden. Es ist ein kennzeichnendes Merkmal unserer Kultur, dass möglichst alle an den Fortschritten Einzelner partizipieren. Zumindest bisher noch. Leider nehmen die Versuche, auch "öffentliches" Wissen finanziell zu verwerten, zu. Ich werde mich immer dagegen wehren. Dem steht aber nicht entgegen, dass z.B. jemand ein Buch schreibt, es in Teilen mit Wikipedia-Wissen verbessert und etwas Geld für seine Bemühungen haben möchte. Selbst das Zusammensuchen wichtiger Fakten aus Wikipedia stellt schließlich eine Mühe dar, die er damit anderen abnimmt.
  • Molekulare Uhr

    21.12.2005, H. Schiller / Hannover
    "Ausgehend davon, dass die Mutationshäufigkeit bei allen Arten in etwa gleich ist" muss vermutlich genauer dargestellt werden als

    "Ausgehend von der Annahme, dass die Mutationshäufigkeit bei allen Arten und zu allen Zeiten in etwa gleich ist",

    Haben die Forscher die Gültigkeit dieser Annahme kritisch diskutiert?

    Außerdem: Woher kommt bei den Untersuchungen das "Zeitnormal"? Als ein solches können ja im vorliegenden Zusammenhang ja nur zwei Tierarten dienen, deren Abspaltungszeitpunkt sowohl gemäß der molekularen Uhr als auch mit anderen Mitteln datierbar ist. Wenn nicht, besteht der Verdacht einer selbstreferentiellen Aussage!
  • Reibung?

    21.12.2005, Arno Trautmann
    Guten Tag!

    Sie schrieben in Ihrem Artikel

    "Bei Wasser wäre der Umfang der Kontaktfläche praktisch hundert Prozent - und das wäre ein Nachteil: Gilt doch, je kleiner die Kontaktfläche ist, umso weniger Reibung und entsprechend Geschwindigkeitsverlust tritt auf."

    Ist aber die Reibung nicht unabhängig von der Auflagefläche? Denn bei größerer Fläche verteilt sich das Gewicht, so dass die Kraft pro Flächeneinheit geringer wird und insgesamt die Reibung gleich bleibt.

    mit freundlichen Grüßen
    Arno Trautmann
    Antwort der Redaktion:
    Sehr geehrter Herr Trautmann,



    Ihre Aussage stimmt für ungeschmierte Systeme. Dort gelten die so genannten Amonton'schen Gesetze. Sobald Schmierung im Spiel ist, wird es komplizierter. Die Reibung auf Eis ist viel mehr abhängig von der wahren Kontaktfläche als vom Gewicht.



    Mit freundlichen Grüßen,

    Lukas Bäurle

    Eidgenössisches Institut für Schnee- und Lawinenforschung
  • Kennzeichnen

    20.12.2005,
    Sehr geehrter Herr Zinken,

    ehrlich gesagt ist es mir nicht klar, was sie mit diesem Artikel erreichen wollen. Oder wollen Sie bloß den Hype der Wikipedia für sich ausnutzen.

    Als Redakteur einer Wissenschaftszeitschrift sollten sie zudem besser recherchieren und die Grundsätze der Wissenschaft beachten, in dem sie Ihre Behauptungen entweder beweisen oder mit stichhaltigen Argumenten unterlegen. Zudem möchte ich von einem Journalisten erwarten, wenn er behauptet, er hätte Überspitzungen vorgenommen, dies dann auch entsprechend als Kommentar oder Glosse etc. kennzeichnet.
    Antwort der Redaktion:
    Sehr geehrter Anonymus,



    eigentlich gingen wir davon aus, dass ein Artikel mit einem Foto des Verfassers und der Dachzeile "Angemerkt!" hinreichend als Kommentar erkennbar ist. Ich bedaure, dass dies anscheinend nicht der Fall ist.



    Mit herzlichen Grüßen



    Richard Zinken
  • Entziffern / Entschlüsseln

    20.12.2005, H. Schiller / Hannover
    Sehr geehrter Herr Jahn,
    genau dieses, nämlich "Genom des Hundes entschlüsselt" las ich jetzt übrigens in der Zeit. Die von Ihnen beschriebene sprachliche Grenzziehung zwischen entschlüsseln und entziffern mag im streng wissenschaftlichen Sinne "korrekt" sein. Da die Worte umgangssprachlich aber mehr oder weniger synonym verwendet werden, birgt sie die Gefahr der entstellenden bzw. unzulässig erweiternden Weitergabe à la "Stille Post".

    Ob man angesichts dieser Verwechslungs- und Missverständnisgefahren diese "reißerischen" Begriffe überhaupt verwenden sollte, halte ich für einen Teil der journalistischen Verantwortung.
  • Nachwachsende Haarzellen im Innenohr

    19.12.2005, Bernd Stamm
    Ich selbst leide seit 13 Jahren unter
    Tinnitus im rechten Ohr.Seit einigen Monaten
    benutze ich ein kleines Im Ohr-Hörgerät,
    so daß ich die hohen Töne wieder gut wahr-
    nehmen kann und der Tinnitus nur gering-
    fügig hörbar ist.Das ist für mich schon
    eine erhebliche Lebensverbesserung.
    Wenn es eines Tages auch beim Menschen möglich wäre,durch eine Gentherapie ( die
    vermutlich nur für Selbstzahler in Frage
    kommen würde) die feinen Haarzellen im
    Innenohr wieder zu regenerieren,wäre das
    ein riesiger wissenschaftlicher Fortschritt.
    Für mich stellt sich abschließend nun die
    Frage , ob bei einem dekompensierten
    Tinnitus , der sich im Grunde bereits über Jahre in der Hirnrinde regelrecht "eingebrannt" hat,überhaupt
    eine Besserung eintreten kann.Wenn ich
    ehrlich bin,mir fehlt der Glaube daran.
    Bernd Stamm
  • Kritik am Artikel

    19.12.2005, Tim Bartel
    Sehr geehrter Herr Zinken,

    den Artikel "Wikimania" fand ich im Gegensatz zu bisherigen Artikeln in spektrumdirekt ärgerlich.

    Während Belege zu den getätigten Aussagen fehlen, ist schon der Untertitel "Über die Diktatur der anonymen Zeitreichen" zwar reißerisch formuliert, trifft aber gerade nicht zu, da die angesprochenen "Zeitreichen" - im Gegensatz zu den Anonymen - in der Regel umfangreiche Informationen über sich auf Ihren Benutzerseiten anbieten und daran interessiert sind, dass ihre Arbeit gewürdigt wird - was in der Anonymität nicht möglich wäre.

    "Zeitdiktatur"
    Grundsätzlich halte ich es für gefährlich, das Wort "Diktatur" zu verwenden, wenn man die Verwendung nicht sehr gut rechtfertigen kann.

    Diese Rechtfertigung sehe ich hier nicht. Sicherlich ist es so, dass sich einige Editoren besonders um die oft von ihnen maßgeblich verfassten Artikel kümmern - das finde ich auch durchaus legitim und wird an anderer Stelle von Kritikern gerne zur Verbesserung der Qualität der Wikipedia gefordert (Stichwort "Artikel-Patenschaften").

    Eine Diktatur würde eine Möglichkeit der Veränderung des Textes durch andere verhindern. In der Wikipedia ist es aber ein leichtes. eine Öffentlichkeit zu erzeugen, die unvoreingenommen einen Sachverhalt betrachtet, so man sich ungerecht behandelt fühlt. Es besteht - wenn man sich mit dem "Gegner" nicht einigen kann - u.a. die Möglichkeit auf Diskussionsseiten, im IRC (Chat) oder auf einer der Mailinglisten auf das Problem hinzuweisen und um andere Ansichten zu bitten.

    "Rechtslage"/"Schauen Sie gefälligst selbst nach..."
    Sie kritisieren, wie auch Herr Seigenthaler, dass die Wikipedia nicht für Rechtsverstösse durch Dritte haftet. Dies ist keine Kritik an der Wikipedia, sondern an geltendem Recht.

    Der Gesetzgeber hat das TDG bewußt so gestaltet, dass nicht der Diensteanbieter haftet. Daran ändert auch der zitierte Sonderfall des Heise-Forums nicht, in dessen Verhandlung mehrfach vom Richter darauf hingewiesen wurde, dass diese Entscheidung eben NICHT verallgemeinert werden darf.

    Sie erwecken im Artikel den Eindruck, dass Sie - im Gegensatz zu dem ominösen Gebilde "Wikipedia" - voll-verantwortlich für die Beiträge in Ihrem Forum wären und wenn Sie nicht aufpassen würden, ggf. für Äußerungen Dritter bestraft werden könnten. Dies ist nicht der Fall. Sie sind allerdings verpflichtet, entsprechende Beiträge zu entfernen, falls Sie darauf hingewiesen werden.

    Auch wenn der rechtliche Status der Wikipedia durch den Sitz in Florida noch einmal ein anderer ist, werden in der Wikipedia unstreitbar widerrechtliche Einträge umgehend nach Kenntnisnahme entfernt - aber die Wikipedia-Gemeinschaft geht hier wesentlich weiter, als vom deutschen Gesetzgeber verlangt. Sie sucht ständig pro-aktiv nach Urheberrechtsverletzungen und anderen Enzyklopädie-unrelevanten Inhalten, um diese zu entfernen. Mir ist kein anderes Online-Angebot bekannt, welches dermassen umfassend die eigenen Einträge gegenprüft.

    "Kommerzielle Verwertung"
    Die zahlreichen Altruisten nehmen nicht nur in Kauf, dass ein anderer mit ihrer Arbeit Geld verdient - die Ermöglichung auch der kommerziellen Verwertung ist sogar gewollt. Dies entspricht unserem Verständnis von Freiheit. Wir stellen drei Grundforderungen an freie Inhalte:
    * Die Wiederveröffentlichung und Verbreitung von Inhalten muss erlaubt sein.
    * Die Veröffentlichung abgeleiteter/veränderter Inhalte muss erlaubt sein.
    * Die kommerzielle Nutzung muss erlaubt sein.

    Dies stellt sicher, dass auch Dritte, wie beispielsweise die Zeitschrift der Spiegel - oder aber auch spektrumdirekt - unsere Inhalte frei verwenden können. Welche Probleme man sich einhandelt, wenn man sich auf nicht-kommerzielle Nutzung festlegt, stellt ein Aufsatz von Erik Möller dar: http://www.intelligentdesigns.net/Licenses/NC/de

    "Anonymität"
    Auf das Für und Wider der Anonymität von Editoren gehe ich an dieser Stelle nicht ein, um nicht die Grenzen eines Leserbriefes zu sprengen...
    Dieser Kritikpunkt ist derjenige, den ich am besten nachvollziehen kann.

    Mit freundlichen Grüßen
    Tim Bartel
  • Ein Streifschuss mit der Schrotflinte

    19.12.2005, Ulrich Fuchs
    Lieber Herr Zinken,

    Ihre Kritik an der Wikipedia bohrt stellenweise tief in offenen Wunden der Wikipedia, ist leider an anderen Stellen dafür ebenso oberflächlich. Der Eindruck drängt sich auf, dass da diverse in der Presselandschaft und in Internetforen köchelnde Punkte unhinterfragt weiterkolportiert wurden. Das ist schade, weil Ihre Treffer so entwertet werden.

    Sauer stößt mir in der Tat ihre Begrifflichkeit von der "Diktatur" der Zeitreichen auf. Auch wenn Wikipedia als Enzyklopädie kaum brauchbar ist, so ist zumindest bei den sog. "Diktatoren" der Wille erkennbar, sie zu einer solchen zu machen. Das bedingt, dass Pseudowissenschaftler und Weltverbesserer in der Wikipedia mit Bandagen angefasst werden, die für meine Begriffe noch immer zu weich erscheinen, für die Betroffenen jedoch so deutlich sind, dass sie in diversen Internetforen über angebliche Diktatoren, Demokratiefeinde etc. schwafeln. Dieses Nachgetrete sollte man bitte nicht für bare Münze nehmen - auch in Ihrer Zeitschrift kann nicht jeder alles veröffentlichen, nur weil es eine Zeitschrift ist, in der andere Menschen auch etwas veröffentlichen konnten.

    Zweitens verwenden Sie im Zusammenhang mit der - berechtigten - Kritik an der anonymen Drückebergerei in der Wikipedia einen unzulässigen Vergleich mit dem jüngst gegen den Heise-Verlag ergangenen Urteil. In der Tat ist es für alle Beteiligten in der Wikipedia sehr bequem, bei allen Problemen auf Amerika verweisen zu können. Doch unbeschadet davon, wo der Diensteanbieter sitzt, haftet auch nach deutschem Recht ein Diensteanbieter *nicht* für Beiträge, die über seinen Dienst verbreitet werden. Heise war ein von Ihnen falsch referierter Sonderfall, bei dem der Verlag sich wiederholt nicht um ein problematisches Forum gekümmert hatte, obwohl vom Geschädigten auf das Problem hingewiesen worden war. In der Wikipedia dagegen - auch und gerade in der deutschsprachigen - werden Urheberrechtsverletzung äußerst ernst genommen, und gerade auf dem "kleinen Dienstweg" wesentlich schneller reagiert, als über den offiziellen Kanal (Wikimedia Foundation, Florida) möglich wäre. Sprich: Die diktatorischen Zeitreichen kümmern sich, obwohl sie dazu noch nicht einmal verpflichtet wären. Sie kümmern sich sogar proaktiv, scannen das WWW ab, ob Beiträge von unbekannten Nutzern nicht irgendwoher kopiert waren. Dass unabhängig davon auf die rechtliche Situation (Betreiber ist nunmal die Foundation) hingewiesen wird, sollte man dem Projekt nicht ankreiden.

    Recht geben muss ich ihnen aber in Bezug auf das Problem der Anonymität: Sie dient zu vielen Teilnehmern zu sehr als Versteck, und sie diskreditiert letztlich die Inhalte. Recht geben muss ich ihnen auch an ihrer Kritik an der Hochjubelei des Projektes. Wie unter anderem die hier schon abgelegten Leserbriefe zeigen, akzeptiert die Wikipedia-Community nämlich keinerlei Kritik, sondern möchte am liebsten von aller Welt nur als weltrettende Idee und die schönste Erfindung seit Schokoladeneis mit Sahne gesehen werden. Die immensen Qualitätsprobleme, die das Projekt in fast allen Bereichen hat (Nature untersuchte wohlweislich nur naturwissenschaftliche Beiträge, bei geisteswissenschaftlichen wäre der Vergleich mit der Britannica wohl anders ausgefallen), werden von allen Meinungsführern konsequent verdrängt. Es besteht noch immer der naive Glaube, dass das System sich wieder selbst regeln könnte, was aber - und da ist die Anonymität ein Teilfaktor - schon lange nicht mehr passiert. Die Selbstregelung erfolgt bestenfalls auf einem kleinsten gemeinsamen Nenner einer Community technikaffiner Nerds im Alter von fünfzehn bis fünfundzwanzig: Wikipedia kann so bestenfalls Wissenschaftsjournalismus auf Privatfernsehen-Niveau betreiben, aber keine Enzyklopädie werden.

    Als Administrator (einer von den zeitreichen Diktatoren) in der Wikipedia habe ich lange Zeit gegen diese Entwicklungen angekämpft, bin im wesentlichen aber nur auf taube Ohren gestoßen. Weit weniger noch als Kritik von außen akzeptiert das Projekt nämlich mittlerweile Kritik von innen.

    Im April diesen Jahres habe ich daher mit einigen Gleichgesinnten Wikiweise eröffnet. Auch wir versuchen, eine freie Enzyklopädie zu erstellen, auch wir nutzen ein Wiki. Doch wollen wir nicht die Fehler der Wikipedia wiederholen, die einen phantastischen Start hingelegt hatte, sioch jedoch schon weit vor der Zielgeraden vollkommen verläuft. Daher erwarten wir von unseren Teilnehmern eine Anmeldung und die Angabe des Klarnamens, auch sind unsere Ziele und unsere Werte (inbs. das Bekenntnis zu wissenschaftl. Arbeitsweise) weitaus besser definiert als die der Wikipedia. Die Erfahrung zeigt, dass so ein wesentlich stressfreieres, produktiveres und qualitätsvolleres Vorwärtskommen möglich ist.

    mit freundlichen Grüßen
    Ulrich Fuchs
    Wikiweise - besser zu Wissen!

  • Wikipedia wird (wurde?) von wenigen kontrolliert

    19.12.2005, Günther Bremer
    auch wenn ein Achim Raschke das Gegenteil behauptet.

    Achim Raschke lebt von Wikipedia - er ist laut eigenen Angaben auch der erste, der sich damit einen Vollzeitjob geschaffen hat. Demzufolge - Sein Urteil in dieser Sache und sein Kommentar kann nicht anders ausfallen.

    Aber dagegen spricht ja nichts.

    Nur sollte halt auch diese Wahrheit gesagt werden. Es sind nicht wenige, welche im letzten Jahr das Handtuch geworfen haben, weil sie es leid sind, sich von ein paar wenigen Neurotikern erklären zu lassen, was richtig und falsch zu sein hat.

    Nichtsdestoweniger stellt für mich Wikipedia - mit Vorsicht genossen - ein gutes Nachschlagewerk dar, welches ich zusätzlich zu anderen gerne verwende. Das ist aber definitiv nicht auf den oben genannten Personenkreis zurückzuführen. Dieser ist damit beschäftigt (gewesen?), sich die Zeit mit Zurechtweisungen anderer und Löschungen zu vertreiben. Inhaltlich kam hier kaum noch etwas daher.
    Ich habe es schon vor längerer Zeit aufgegeben, meine Zeit dafür auzuwenden. Als Gegenstück - welches leider zu selten in die Medien gerät - bildet für mich heute Wikiweise. Da wird deutlich ernsthafter gearbeitet.
  • Besser Diktatur der Geldreichen?

    19.12.2005, Erik Geibel
    Sehr geehrter Herr Zinken!

    Ich schätze wissenschaft-online seit Jahren als aktuelle und zuverlässige Informationsquelle. Ich sehe auch ein, dass gute redaktionelle Arbeit nicht immer umsonst zu haben ist, weswegen ich für Ihr Basisangebot gerne bezahle. Ich habe Ihre Redaktion in früheren Leserbriefen auch durchaus ermuntert, Entwicklungen aus ihrem Themenfeld kritisch zu kommentieren.

    Eine Feme über ein Projekt, das offensichtlich manchen professionellen Redakteuren existenzielles Unbehagen bereitet, hatte ich dabei allerdings nicht im Sinn. Ein Plädoyer für gute journalistische Arbeit, die auch etwas kosten darf, hätte ich zwar immer noch als Werbung in eigener Sache angesehen, aber dennoch legitim gefunden. Ihr kurzer Brandbrief voller unbelegter Spekulationen schadet dann doch eher dem Ruf von wissenschaft-online.

    Aus Ihrer Verunglimpfung der Wikipedianer als Diktatoren ohne sinnvolle Beschäftigung kann ich nur den Schluss ziehen, dass Sie Zugang zu umfassendem Wissen nur denjenigen zubilligen wollen, die über die nötigen Mittel verfügen, sich den Brockhaus ins Regal zu stellen oder sämtliche Online-Lexika ihres Hauses zu abonnieren.

    In der Antwort auf einige Leserbriefe schreiben Sie, dass sie Wikipedia nicht grundsätzlich ablehnen und sogar gut finden. Schade nur, dass Ihr Artikel dann so einseitig ausgefallen ist. Vielleicht genügt ein Drei-Minuten-Artikel auch nicht, um das Phänomen Wikipedia angemessen zu kommentieren!?

    Ich kann mir auch nicht wirklich vorstellen, dass mehr als 300.000 allein deutschsprachige Artikel nur von einer "Handvoll" Autoren geschrieben sind. Die Qualität vieler Wiki-Einträge lässt zudem darauf schließen, dass es sich nicht nur um Hobby-Schreiber handelt, sondern auch viele Menschen mit Sachverstand an dem Projekt mitarbeiten. Vielleicht sind unter den „Kleintierzüchtern“ ja sogar viele arbeitslose Akademiker, die auf diese Weise ihre Kompetenz einer Gesellschaft zur Verfügung stellen, die sich ihre Dienste offenbar nicht auf andere Weise leisten kann oder will?

    Ich kann Ihnen, Herr Zinken, nur in einem Punkt zustimmen und begrüße auch die Absicht, dass nur noch angemeldete Nutzer Beiträge verfassen oder ändern können. Zu einem guten Stil ist es unerlässlich, sich als Autor für Kritik und Rückfragen zur Verfügung zu stellen. Ansonsten rate ich zu mehr Gelassenheit - ich bezweifle, dass Wikipedia, Webforen und Blogs der Tod des professionellen Journalismus sein werden!