Die NASA hat Europa als Partner in der bemannten Raumfahrt entdeckt. Die gelungene vollautomatische Kopplung des multifunktionalen Weltraumfrachters »Jules Verne« an die Internationale Raumstation ISS mit einer Technik, über die nicht einmal die US-Raumfahrtbehörde verfügt, hat offenbar einen sehr nachhaltigen Eindruck hinterlassen. In einer bemerkenswerten Rede vor französischen Parlamentariern Ende Juni 2008 machte der NASA-Chef Michael Griffin den Europäern eindeutige Avancen und setzte neue Akzente in der bemannten Raumfahrt. Amerika will sich doch nicht von der ISS zurückziehen, sondern im Gegenteil seine permanente Präsenz in der Erdumlaufbahn ausbauen. Der US-Kongress hat dem amerikanischen Teil der ISS den Status eines »nationalen Laboratoriums« verliehen. Hinsichtlich der zeitlichen Dimension wolle die NASA dieses Laboratorium sogar über das Jahr 2020 hinaus nutzen, so Griffin. Als Hauptwunschpartner bei dieser langfristigen Zusammenarbeit bevorzuge er das Europa der ESA. Russland wurde in seiner ganzen Rede zur Zukunft der bemannten Raumfahrt nur einmal am Rande erwähnt. Beobachter werten das als Indiz für eine langfristige Umorientierung der NASA von Russland in Richtung Westeuropa. Dies setzt aber die Weiterentwicklung des ATV in ein bemanntes System voraus. Vorerst ist die NASA – insbesondere nach der Außerdienststellung der US-Raumfähren im Jahre 2010 – auf Russland als Partner angewiesen. Doch zu spüren war schon, dass Griffin lieber heute als morgen die Sojus- Raumkapseln gegen die geräumigeren ATV-Raumschiffe austauschen würde, zumal sie nicht nur in der Erdumlaufbahn, sondern auch für bemannte Missionen zum Mond einsetzbar wären.